Cojocaru, Mara-Daria, Anstelle einer Unterwerfung. Gedichte, Frankfurt am Main 2016 (Schöffling & Co)
WIR GEKRÖNTEN
Nervöse Winterbäume, Stämme, Dendriten
Im genausograuen Hirn verästelt
Rühren im Wind, in der krustigen Rinde
Ich bin das Gletscherkind, brech mir den Kopf
In den Schnee, Schmelz, Frucht
Unterwassergerausche, ich lausche. Das
Gequietsche Möwen wühlt sich in die
Luft. Ich kann hügelnd ihnen auf den Rücken
Gucken. Wer macht sowas schon
Mara-Daria Cojocaru

DIESE EINSCHÜSSE VON ARG
(AM RANDE DER THERESIENWIESE)
Jede Kuh
Trägt ihre eigenen
Kontinentalplatten auf dem Feil
Und
So ist
Ein jeder Mensch
Eine bedingt
Nur nutzbare und fremde Welt
Mara-Daria Cojocaru
NYCTICORAX NYCTICORAX
Natura. Du sagtest: Lass mal, ich hab da grad keinen Bock
Drauf – in meinem Kopf stach: Drehen wir zurück
Acht Minuten
Mitten im Säulengang: Da liegt der Nachtreiher, wie
Einer, den keiner
Erwartet er den Tod
Oder nicht. Das ist im Licht der weissgoldenen Sonne
Schwer zu erkennen, schwer zu ertragen
Die Fragen, banal
Du sagst: This animal is suffering. What shall we do? Die
Säulen verwehren dir Echo. Dein Ding. Ich stehe
Neben mir und dir, eine Frau redet gut
Zu. I don’t think he is suffering at this point. Ich denk
Nicht. Mein Kopf pocht, er atmet
Noch. Du hörst nicht zu. Was machen
Das Blut da, rotbraun und unklar
Sein Opfer, das ihm das oder er ihm. Schmiere, nicht
Identifizierbar: Er ruht in blaugrauen Federn. Sein Auge ist
Rot. Auch so. Ich zucke
Nicht mit den Schultern und sieh: Er liegt so erhaben, so
Tot? Was für eine Perspektive
Pietätlos, nein, doch, heb ihn nicht auf. Du hebst ihn und
Trägst ihn hilflos hinüber. Vielleicht in den Schatten, wenngleich
In der Sonne, da lag er so schön. Kommentare – ich
Spar’s mir und lasse dich machen und dann willst du
Fort nur
Stunden, vergehen
Ich war noch mal da und er schien mir zu atmen
Undenkbar, die Frage, hast du
Noch nach ihm gesehen
Du hasstest: Wohlfühlgequatsche, ich dachte, es machte Sinn
Natürlich, was wissen wir schon, wie es
In so einem Vogel aussieht, zumal
Wenn er stirbt
Mara-Daria Cojocaru

UNSER LEBEN, WIE IM FLUG
Wir sind Nichtbrüter und versuchen Urlaub
In Berlin, fusslose Flugrufe, wir kippen um
Die Längsachse in ein bisschen Freizeit, dabei
Sind wir doch zwei Leistungsträgertiere
Seite, Seite, vorwärts, nicht zurück
So aus der Luft gehoben, Flügel zügeln
Will ich, aber nur dann, wenn du auch
Und das bringt uns aus dem Takt
Muss man wohl Liebe nennen, diese Proteinballen
Dieses atemlose Eilen, Krallen. Flüchtig fang ich
Ein Gespräch: Oh hier der Mauersegler wohl
Ein politisches Symbol gewesen ist. Was wirke ich
Bemüht. Manchmal denk ich
Ich bin wirklich eher eine Schwalbe, flatterhafter
Uns verbindet nichts
Als eine konvergente Anpassungsgeschichte
In Bitterstoff geschlagen teilen wir ein Leben
So wie andre einen Seeigel zerschneiden
Wir sehen uns, halb Herz, halb köpfig, fliegend
Mara-Daria Cojocaru
NOCH WOCHEN NACH SEINEM TOD
Nach den schwarzen Schwänen
Kamen die
Trauernden
An den Zaun
Zwischen welken Federn
Weissen Nelken
Blickt mich die Mutter an
Als müssten Menschen
Wissen, was passiert
Wenn man nichts mehr machen kann
Mit dem Abgelebten
Doch was weiss ich schon1
Apropos Homöostase
Unser beider Herzen rasen
Von nun an bis ans Ende unsere
Tage einfach so dahin
1 Auf der anderen Seite
Ein Flüstern
Unverständlich
Wie sie sich verhält
Mara-Daria Cojocaru
DER FORM NACH GALAPAGOS
Meerechse streckt sich ins windgefaltete Blau
Grün, Unterwasserkäuer, kammgrantiger Schrubb
Du, Mitbewohner der Wale
Kleingesicht neben Grosshirn. Unter der Stirn
Auf der Zunge des Blauwals tanzen
Die Elefantenkinder auf grosser Fahrt
Wir sollten besser auch Luft holen
In seiner Aorta schwimmen und wie die Ritzntümmler
Ihn mit der Unterseite unserer Zungen kitzeln
An Land haben hier die Bienen die Hosen voll
Mit Honig. Da, wo ich herkomme, rutscht nur
Der Schnee von den Dächern wie müde linke Füsse
Wenn die Wolken getürmt sind und wir warten
Dass der Sommer sich warm regnet ,
Mara-Daria Cojocaru

FETITA IN DER WUNDERKAMMER
Nimm des Vaters zierliche Ziege und reit, die Seele rein
Die Katz ans Herz gelegt, zur Welt – wer, um alles
Hat sie nur so voll gestellt? Schon entspinnt sich
Die ganze celestische Klappmechanik
Schema des göttlichen Verstands. Ein fein beschnitzter
Pflaumenkern. Erkäntnüss des apfelrunden Kreises, iss
Und steek die Edlen, Gepaarten von tief unterm Meer
Unters Fischnetz aus: zu Perlschnur gereihten
Liebhabereien in Butterbrotpapier, von: als die Welt noch
Fett war, zu Himmel und Hölle gefaltet. Werd Seele, unsterblich
Verliebt in dich selbst. Hol die Phiolen voll flüssigen Drachenfürzen
Injizier dir und der Ziege davon, entflieg dem Gerechtesten, dessen
Präpariertes Pferdchen den Pegasus versucht, gehackt vom Greif. Wie
Gut, dass der Tod doch eine menschliche Sache, und du auf deiner Ziege
Am schnellsten bist
Mara-Daria Cojocaru
MORGENS, ALS ERSTES: DIE PFERDE TRÄNKEN
Von den meisten Dingen wissen wir
Nicht, warum wir sie – vielleicht
Bei den philosophischen Stuten
Auf der Weide im Schnee
Wie sich die Dinge
Die Tiere, der Boden
Die Luft, die eigene Spur
In den Nüstern
Verloren, Umriss, Idee
Wenn wir die werdenden Mütter
Besuchen und früh am Tag, schemenhaft
Die Pferde tränken gehen
Mara-Daria Cojocaru
NACHTRAG
Du sagst, wir sind auch nur Tiere, gross und traurig
Du wählst die Leute, die dich überleben, als
Wäre das ein Privileg. Wir werden
Weiter durch die Landschaft grasen. Wo
Wir weilen, weinen, wir verwundet zweifeln
Nährt das Salz aus unseren Augen die Wüste
Die wir hinterlassen. Populiert doch schon
Der Himmel erwölkt sich schwerlich alle Tage
In jeder Richtung ein Szenario in anderer Farbe
Dort modert der Algenteppich. Hier sperrt
Das durchtrenste Maul vom Bukephalos1
Am Horizont. Der Name reiBt sich los und das
Tier spürt den Schmerz. Vier Reiter simulieren
Schmetterlinge. Gemüt: stabile Strophenlage
Hinter uns: Anästhesie. Wir lernen atmen
Wo niemand atmet. 2 Somnambule Stenographie
Ein Anschlag pro Sekunde. Kampfgedanken
Biopsie. Unsere Bäuche schleifen zu Boden
Die Haut ist rau. Wir lecken den Wolken den
Wattigen Busen, neiden den Tieren die wollige
Kugel und immer wieder: diese Leidensfähigkeit
1 Du erinnerst dich: Den mochtest du so gern
2 Das ist im windgeborenen Schnee
Mara-Daria Cojocaru

WIR GEKRÖNTEN
Nervöse Winterbäume, Stämme, Dendriten
Im genausograuen Hirn verästelt
Rühren im Wind, in der krustigen Rinde
Ich bin das Gletscherkind, brech mir den Kopf
In den Schnee, Schmelz, Frucht
Unterwassergerausche, ich lausche. Das
Gequietsche Möwen wühlt sich in die
Luft. Ich kann hügelnd ihnen auf den Rücken
Gucken. Wer macht sowas schon
Mara-Daria Cojocaru

NATUR DER DINGE
Ich beginne, höre Stimmen. Wir
Müssten leiser werden. Wie die
Eisvögel Feuer fangen, geht
Die Welt ja niemals unter, doch
Was uns wertvoll ist, geht ein
Kopf dickes Schloss
Epinephrine, komm, wir schreiten
Unbekleidet in den Regen
Erklimmen einen Adlerhorst
Hypnagoge Klangwandler, wir
Wählen uns ein neues Zeichen
Tock tock, Gelichter wir
Ich wippe meine Stimme in den
Wind, der flicht den Tag ins Haar
Kitzelt raus, was in uns haust
Doch, von Glück gewickelt, vom
Elefantenkind berüsselt, bleibt
Unsäglich, wer wir wirklich sind
Mara-Daria Cojocaru
SELBSTBESTIMMUNG
Die letzten Neuntöter wetzen ihre Stimmen
Bodenlos muss ich immer weiter steigen
Die Stände in den englischen Futterhäusern
Sinken. Wind spielt mit Papier. Ich migriere
Zwischendrin. In den Ecken, an den blinden
Flecken meines Denkens, sitzen
Schimpfen ausgewachsene Makaken
Affen, Katzenkinder, Biberratten
Mein polyphones Schnattern ist das
Ein Blick und urwaldhafte Ruhe wird es
Diamantköpfig inhibiere ich
Den Trieb. Flachwurzlerin, die ich ja bin
Mara-Daria Cojocaru

BLUTPROBE: NÜCHTERN AM MORGEN
Der Tag hat eine Wand aus dies
Und das in den Weg geschoben
Nebel der Alltäglichkeit
Mein Therapiewaran nimmt die Spur auf
Kaltes Blut, erstarrte
Herzensangelegenheit
Während die Kohorte Nachwuchs
Bromheeren in den Strauchspitzen frostet
Bin ich gesund
Ich werd ja sehen, was ich fühle
Und fühlen, was ich seh
In der Blutprohe
Oh es kocht, oh es lockt
Oh es flockt, oh es stockt
Oh es frieren kann
Mara-Daria Cojocaru
GEGEN DIE ANGST. INS ZIEL
Hier kommen meine Show
Dämonen, hoch gezüchtet
Endlich
Meine eigenen Kampfrichter
Geben
Das Herz geschlagen
Wie es dünn wird
Wie es an ihm raspelt
Wie die Ratten, agoutifarben
Im Schlehendorn, ganz oben
Wo eigentlich
Die Stare wohnen
Natürlich habe ich nichts
Gegen die Ratten
Natürlich habe ich nichts
Gegen die Angst
Mara-Daria Cojocaru

lCH BIN
Das letzte Reh im Zoo von Gaza, ich
Steh, zerschossen Fell und Sand
Am Rand: ikonische Verzweiflung. Ich
Seh meine Freunde an der Wand. Wer
Hat mich übersehen? Warum bleib ich
Bleiern, unerschossen; unentschlossen
Geh ich hin. Ich wittere, was surreal ist, die
Wand marschiert mir in die Nase, ich biete
Mich dem Truthahn an. Als Friedenszeichen
Schalomsalam, ich
Bin das letzte Reh, im Zoo von Gaza
Du mein Absalom-Perückenbock
Zerschossene Testikel, tapfer und wie schön
Du bist, ich weiss, und Gott erspeit die Lauen
Ich bin, Jesusmaria, voll der Gnade
Und was für ein brutales
Bild vom Krieg
Mara-Daria Cojocaru
LETZTES
Dein Sturm hat alles aufgehackt, Wieseleien
Im Wurzelfell, ein Rot vom eingeklemmten
Flamingofuss oder von deinem Fleisch
Und Blut. Krebseinlagerungen in meiner Feder
Moosbrokat spangt zwischen blond gekämmten
Wiesen. Hoch zwitschert es. Kein Vogel in der Luft
Zu sehen, kein Busch. Wiesenbrüter, klug, geduckt
Demgegenüber: War ich der Vogel, der gegens
Zeitfenster, in dem er singen lernen sollte, flog
Dass das bisschen Hitze flimmert vor den
Windgeschlagenen Schindeln. Cimitir
Wo du nicht liegst. Manchmal denk ich
Wir als Gattung, Mensch, wir müssen noch
Den Mars besiedeln.2 Dabei ist mir Autofahren
Schon zu viel. Bei uns ging immer alles
Unter. So gern ich’s hatte, so gern ich sang, so gern
Ich sang das immer gleiche Lied, ich dachte
Wenn wir eines Tages nicht mehr – über
Eichhörnchen sprechen, oder Waschbären,
die es Bei uns nicht gibt, über all die Tiere, die wir sowieso
Nicht sind. Doch dafür ist es nun zu spät
2 Du erinnerst dich: Dafür hattest du dich interessiert
Mara-Daria Cojocaru
Mara-Daria Cojocaru, Anstelle einer Unterwerfung. Gedichte, Frankfurt am Main 2016 (Schöffling & Co)
http://maradariacojocaru.weebly.com
