Brockes, Barthold Hinrich, Irdisches Vergnügen in Gott. Gedichte. Auswahl und Nachwort von Adalbert Elsenbroich, Stuttgart 1963, (Reclam)
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
GARTENGEDANKEN
An vier Säulen
Glänzt Garten, Flut und Feld in solchem Schmuck und Schein,
Wie herrlich muß ihr Quell, wie schön der Schöpfer sein!
*
Es zeiget jede Blum, es zeiget jedes Kraut
Den wunderbaren Gott dem, der sie recht beschaut.
*
Dies schöne Weltbuchsblatt, so hier vor Augen lieget,
Liest der zu Gottes Ruhm, der sich daran vergnüget.
*
Im wunderschönen Weltgebäude
Sucht Gott sein Lob, o Lieb! allein in unsrer Freude.

DIE
AUF EIN STARKES UNGEWITTER
ERFOLGTE STILLE
Hiob 37, 5. 11. Gott donnert mit seinem Donner greulich und tut große Dinge … Die dicken Wolken scheiden sich, daß helle werde, und durch den Nebel bricht sein Licht
Nachdem die Sonne jüngst seit zweimal fünfzehn Tagen
Die neubeblümte Welt beständig angelacht,
Schwamm alles, was man sah, in Wollust und Behagen.
Die Glut, die alles hell, die alles lebhaft macht,
Befloß so Stadt als Land, bedeckte See und Flüsse.
Sie senkte sich so tief in Tellus’ Schoß hinein,
Daß Feld und Felsen glüht’; es glänzte Sand und Stein;
Man kennete fast nicht die feuchten Wolkengüsse,
Bis endlich sich einmal bei schwülen Mittagsstunden
Ein kleines Wölkchen zeigt’ und in dem Augenblick
Sich auszuspannen schien: die Luft ward plötzlich dick;
Das Licht ward allgemach vom Schatten überwunden;
Es stieg ein grauer Duft und Nebel in die Höh;
Des Tages Gold erbleicht’; es schwand das heitre Blau;
Die dicke, dunkle Luft beschattete die See;
Die Bäche schienen schwarz, die Flüsse braun und falbe;
Der ganze Luftkreis ward von Duft und Regen schwer;
Kein Vogel war zu sehn, die auch schon scheue Schwalbe
Schoß nur allein, jedoch ganz niedrig hin und her.
Es ließ’, als wollte sie in Erd und Flut vor Schrecken
Vor dem, was in der Luft ihr drohte, sich verstecken.
Solch eine Stille füllt’ und drückte recht die Welt,
Daß man, wie sich kein Blatt, kein Kraut vor Schrecken rührte,
Vor Furcht selbst unbewegt, mit starren Augen spürte.
Es schien selbst die Natur erstaunet und entstellt
Vor Warten und vor Furcht der Dinge,
Die sie bedroheten, bis plötzlich ein Orkan
Die bange Stille brach, indem der Lüfte Bahn
Wie eine wilde Flut schnell an zu rauschen finge.
Von allen Winden ward der Erdkreis überfallen;
Ein Wirbel füllete die Luft mit Sand und Staub;
Es schien der Wald ein Meer, drin grüne Wellen wallen;
Die Zweige heulten recht; es brausete das Laub;
Es ward schnell hin und her geschüttelt, hier geschwenkt,
Dort ineinander wild vermischet und verschränkt.
Bald wurden der gepeitschten Blätter Wogen
Mit sausendem Geräusch emporgeführt,
Bald plötzlich unter sich gezogen,
Daß oft der Wipfel selbst die lose Wurzel rührt’
Hier borst und brach ein dickbelaubter Ast,
Dort kracht’ und stürzt’, vom Wirbel aufgefaßt,
Ein tiefbewurzelter, bejahrter Eichbaum nieder.
Der Blätter Heer, von Zweigen abgestreift,
Flog durch die graue Luft recht gräßlich hin und wider.
Es schien, daß Boreas noch stets die Kräfte häuft’;
Viel Erlen wurden umgekehrt,
Drei Tannen in die Luft gerissen
Und lange, welches unerhört,
Entsetzlich hin und her geschmissen.
Die Wolken, so das Firmament umzogen
Und oft die Sonne deckten, flogen,
Wie schwer sie gleich, als Pfeile fort
Und schwärzeten bald den, bald jenen Ort.
Aus der gepreßten Flut geschwärzten Flächen
Sah man der Wellen Schaum wie weiße Flammen brechen,
Die, um den starren Strand mit Nachdruck zu bestürmen,
Sich himmelhoch wie steile Felsen türmen.
Ein fürchterliches Braun färbt die erzürnte Flut,
Die Luft ein gräßlich Grau. Man sieht das Wasser schäumen,
Die Wellen heben an, erschrecklich sich zu bäumen;
Es wütet, wallt und wankt die ganze Wasserwelt:
Sie brauset nicht, sie brüllt, da sie bald steigt, bald fällt.
Wann zwischen regen Höhn und nimmer stillen Bergen
Manch flüchtges Tal sich voller Wirbel zeiget
Und, eh man sichs versieht, beschäumt selbst aufwärts steiget,
Erschrickt ein schwindelnd Aug ob solcher nahen Not.
Von jeder Welle scheint ein feuchter Tod,
Der unvermeidlich ist, uns gräßlich anzublecken
Und seinen schwarzen Arm schon nach uns auszustrecken.
Dem, der dies hört, vergeht Empfinden, Hören, Sehn;
Man fühlet, ganz erstarrt, das Haar zu Berge stehn.
Nichts kann, wie so gar nichts der Mensch, uns überführen,
Als wenn wir die Gewalt der Elemente spüren.
Der Ostwind rast’ indes mit unsichtbarer Macht;
Dem stürmte voller Wut der strenge West entgegen.
Es stieß der Südwind sich, gehüllt in dicken Regen,
Mit dem erzürnten Geist der frostgen Mitternacht.
Brach dieser jenes Wut, so hielt der dieses Lauf
Mit heulendem Gezisch, Gepfeif und Brüllen auf.
Ein jeder strebt’ ergrimmt, des andern Wut zu schwächen:
Darüber mußten nun die stärksten Mauren brechen.
Was hoch war, sprang wie Glas, wie schwer es gleich, wie groß,
Indem sie Türme selbst aus ihren Klammern huben
Und unter Schutt und Stein und Graus das Feld begruben.
Drauf brach das Wetter selbst noch erst mit Schrecken los:
Oft hörte man erstarrt, mit abgebrochnem Knallen,
Die Schläge staffelweis von oben abwärts fallen
Und mit Erschütterung der stark gedrückten Erden
Noch immer schrecklicher, noch immer schwerer werden.
Der Donner rollt’ und kracht’, Blitz, Ströme, Strahlen, Schloßen
Vermischten ihre Wut, die roten Flammen flossen
Und wallten überall, als wie ein feurig Meer,
In der geborstnen Luft entsetzlich hin und her,
Worin zu gleicher Zeit mit ungestümen Wogen
Verdickte Regenström und ganze Flüsse flogen,
Die öfters Boreas so durcheinander trieb,
Daß die Gestalt nicht einst! vom Wasser überblieb,
Indem es wie gepeitscht des Tages Licht verhüllte
Und mit ganz weißem Schaum die schwarzen Lüfte füllte.
Ein steter Wolkenbruch stürzt’ eine dicke Flut
Mit brausendem Geräusch von oben durch die Glut,
Daß beides rauscht und zisch”, beströmt’ das trockne Field,
Verschluckte das Getreid’; ein allerschütternd Krachen
Brach allenthalben aus; es zitterte die Welt;
Die Berge wankten recht; es riß die schwarze Luft
Die düstern Pforten auf; sie schien ein weiter Rachen
Voll Flammen, Dampf und Glut, ja eine Höllengruft,
In deren lichtem Pfuhl und ungeheuren Tiefe
Ein schütternd Strahlenheer, des Licht erschrecklich hell,
Bald rund, bald schlangenweis, und unbeschreiblich schnell
Mit zackigter Bewegung liefe.
Gleich schloß sich diese Kluft so plötzlich wieder
Und schlug der Sterblichen erschrockne Augenlider
Mit dicker Dunkelheit und so pechschwarzer Nacht,
Daß es noch ungewiss,
Ob Licht, ob Finsternis
Dem Herzen größre Furcht gemacht.
Da blitzt es kurz, hier auch, wanns dorten zehnfach wittert,
Und hier im langen Blitz der ganze Luftkreis zittert.
Noch strahlte Blitz auf Blitz mit fürchterlichem Schein,
Der Donner rollte noch mit gräßlichem Gebrülle;
Allein im Augenblick nahm eine sanfte Stille
Die fast betäubte Welt gemach von neuem ein:
Die Wolken teilten sich, so Duft’ als Nebel schwand,
Das holde Sonnenlicht, des weißen Tages Quelle,
Goß eine See von Glanz auf das benetzte Land
Und macht’ im Augenblick so Welt als Himmel helle.
Die Wiesen funkelten; es glänzte Feld und Wald;
Ja selbst die Sonne wies in tausend feuchten Spiegeln
Auf dem genetzten Laub die flammende Gestalt.
Die Blumen haucheten an den bewachsnen Hügeln
In doppelt schönem Schmuck den lieblich süßen Duft,
Wie edlen Balsam aus, und fülleten die Luft.
Das Landvolk kommt gemach aus den bemoosten Hütten,
Zu Anfang bleibet es an Zäun- und Hecken stehn,
Schaut allenthalben hin, und wenn sie endlich sehn,
Daß Weizen, Obst und Dach noch nicht so viel gelitten,
AIs sie in Angst geglaubt, und daß sie Wind und Flut
Nicht viel beschädiget, ist alles wohlgemut
Und lebt von neuem auf, wie man im Lenzen tut.
Dort wendet man das Heu; hie mäht, da bindet man,
Ja das Gefilde lebt, soweit man sehen kann.
Es hebt die gelbe Saat die Halmen in die Höh,
Was eingeknickt, fängt an, aufs neu gesteift, zu schwellen
Und wallt, wie eine See, mit sanft bewegten Wellen.
Des milden Himmels Saft liegt glänzend auf dem Klee,
Als wie ein feuchtes Glas, indem das glatte Vieh,
Wenn es mit schlankem Hals oft bis an Bauch und Knie
In Klee und Blumen geht, von den gespaltnen Füßen
Die dunkklen Zeichen läßt. Die hellen Bäche fließen
Und wallen sanft dahin, sie bilden Bäum und Büsche
Im holden Gegenschein so deutlich, daß man kaum
Das schwimmende Gebüsch, den feuchten Schattenbaum
Von dem gewachsnen kennt!. Die schuppenvollen Fische,
Wann sie dem Ansehn nach auf hohen Wipfeln schweben,
Sieht man den Vögeln gleich in blauen Lüften leben.
Des Schilfs unbeweglich Laub, wie schwanke Degenklingen,
Die, wo die Flut sich endet, stehn
Und sich mit lispelndem Getön
Zum Schmuck und Lust des Landes schwingen,
Belustigt das Gesicht; zumal wann, wie ein Glas,
Das jüngst gefallne Himmelsnaß
Auf dem gesteiften Laub, wo sichs gemählich bieget,
Wie diamante Kugeln lieget,
In welchen sich, samt den beblümten Hügeln,
Die Wiesen, Büsch und Bäume spiegeln;
Daß alles glänzt und lacht.
Die Lüfte sind belebt
Von seltsam spielenden, geschwinden jungen Fliegen,
Die Hitz und Nässe zeugt. Bald steigt, bald fällt, bald schwebt
Die Meng, indem sie sich bald teilen und bald fügen.
Es läßt, ob’ kämpfe stets dies neubelebte Völkchen;
Bald öffnet es sich schnell; bald schließet es sich dicht.
Aufs Dunkle scheinet es wie Goldstaub und im Licht
Ein falbes, sumsendes, lebendigs Wölkchen.
Die schnellen Vögel schwingen
Die feuchten Fittiche von Zweig auf Zweig und singen
Aus einem neuen Ton, so lieblich, hell und schön,
Daß solche Stimmen uns fast? an die Seele gehn.
Mit wenigem?, es scheint Luft, Wiese, Wald und Feld
Ein altes Eden noch, und eine neue Welt.
Elpin, den itzt die Lust, wie vor’ der Schrecken, triebe,
Besang mit frohem Mut des Schöpfers Eigenschaft.
Es ist die helle Sonn ein Bild von Gottes Liebe,
So wie des Donners Grimm die Probe Seiner Kraft.
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747

MORGENLIED AUF DEM GARTEN
Im Ton: Nun ruhen alle Wälder
Psalm 113, 3. Vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Niedergange sei gelobet der Name des Herrn
Ermuntre dich, mein Herze!
Die schreckenreiche Schwärze
Der kalten Schatten weicht.
Die Licht- und Lebensquelle
Macht alles wieder helle,
Die Sonne scheint, die Nacht verstreicht.
Es schmückt der Berge Gipfel,
Es färbt der Bäume Wipfel
Ihr güldner Rosenstrahl.
Das Wasser scheint ein Spiegel,
Es funkeln Feld und Hügel,
Es glänzt das frisch betaute Tal.
Durch Sterne dieser Erden,
Durch bunte Blumen, werden
Mit dopplem Glanz bestrahlt
Der Gärten Lustgefilde,
Worin sich als im Bilde
Ein neu verlornes Eden malt.
Da alles, was man siehet,
In Licht und Wärme glühet,
Da Welt und Himmel lacht,
So treibt auch ihr, ihr Sinnen,
Von Andacht heiß, von hinnen
Des kalten Undanks schwarze Nacht.
Besinget und erhebet
Den Gott, durch den ihr lebet,
Der solche Wunder tut;
Durch dessen starke Triebe
Der väterlichen Liebe
Ihr diese Nacht so wohl geruht.
Da ihr, im Traum vertiefet,
Unachtsam lagt und schliefet,
Den wahren Toten gleich,
Ja, da die düstern Schatten
Euch schon begraben hatten:
Wer sorgt’ und wachte da für euch?
Wer war doch eurer Güter
Und eurer Häuser Hüter,
Daß euch itzt nichts gebricht?
Gott selbst, aus lauter Gnaden,
Behütet’ euch vor Schaden;
Der Hüter schläft und schlummert nicht.
Drum auf, vergnügte Seele,
Betrachte, preis’, erzähle
Des Schöpfers Lieb und Huld!
Besinge seine Werke,
Allgegenwart und Stärke,
Rühm seine Weisheit und Geduld!
Herr! laß mich durch die Sinnen
Dein Loblied stets beginnen:
Gib, daß ich diesen Tag
Im Garten, Dir zu Ehre,
Geruch, Geschmack, Gehöre,
Gesicht und Hände brauchen mag!
Wenn an des Frühlings Schätzen
Die Sinne sich ergetzen,
So lenke meinen Sinn
Die wunderschöne Blüte
Nach Dir, Du ewge Güte,
Du Brunnquell aller Schönheit, hin.
Mich reiz’, in tausend Freuden
Auch meinen Geist zu kleiden,
Der bunten Gärten Kleid!
Der Frühlingsblumen Prangen
Vermehre mein Verlangen
Nach jener selgen Herrlichkeit.
Herr! laß mich Dir im Grünen
In grüner Hoffnung dienen!
Der Rosen rote Glut
Entzünde meine Liebe!
Gib, daf ich Demut übe,
So wie das niedre Veilchen tut!
Hilf, daß mein Geist sich kleide
In weißer Unschuldsseide,
Wie reinlicher Jasmin!
Ach, laß die Glockenblume
Mich doch, zu Deinem Ruhme,
Als eine Betglock öfters ziehn!
Gib, daß wir wie Ranunkeln
In Liebesflammen funkeln,
In heißer Andacht stehn!
Laß uns nach Dir alleine,
Wie nach dem Sonnenscheine
Sich Sonnenblumen wenden, sehn!
Das Silber weißer Lilien,
Der riechenden Jonquillen
Und der Violen Gold
Tilg’ aus, durch ihre Zierde,
Die lechzende Begierde,
Womit der Geiz dem Reichtum hold.
Die hohen Kaiserkronen
Sind mit den Anemonen
Von gleicher Daur und Wert.
Zwar die sind eh zu sehen,
Doch werden ihre Höhen
Von rauhen Winden mehr beschwert.
Wie der gefärbten Nelken
Geschmückte Blätter welken,
So welkt die Lust der Welt.
Gib, daß ich es beachte
Und zu erlangen trachte
Nicht das, was mir, was Dir gefällt!
Wann wir Convolveln sehen
Nur einen Tag bestehen,
Gib, daß ich unsre Zeit
In ihrem Bild erwäge!
Der Glocken stille Schläge
Sind ihr, auch unser Grabgeläut.
Der Bäume zarte Blüte
Bewege mein Gemüte,
Zu Deinem Ruhm zu blühn!
Laß mich, wenn auf den Zweigen
Sich süße Früchte zeigen,
Auch Frucht zu bringen, mich bemühn!
Wenn uns in Hülsenfrüchten
Mit mancherlei Gerichten
Der fette Garten nährt,
So gib, daß wir erwägen,
O Gott, wie bloß Dein Segen
Uns Nahrung, Nutz und Lust beschert.
Die schattigten Alleen,
Die so gerade stehen,
Gepflanzt durch Menschenhand,
Samt andern Zierlichkeiten
Laß uns zu Dir nur leiten!
Nur Du gibst Ordnung und Verstand.
Denn auch der Menschen Werke
Sind Zeugen Deiner Stärke;
Der Schöpfer wirkt durch sie.
Aus Gott allein entspringet
Auch was die Kunst vollbringet
Und alle Pracht der Symmetrie.
So laßt uns denn gestehen,
Wenn wir was Schönes sehen
Durch Menschen aufgeführt,
Daß fast an jedem Ende
Gott auch durch Menschenhände
Die Welt zu seinem Ruhme ziert.
Was ist, was lebt und webet,
Das ist, das webt und lebet
In Gott, dem Born des Lichts.
Ja, ohne sein Erhalten
Würd alles gleich veralten,
Fiel’ alles in sein vorigs Nichts.
Wer so, wenn alles grünet,
Der Gärten sich bedienet
Und preiset Gott allein
In seinem Lustgebäude,
Dem wird die Gartenfreude
Des ewgen Gartens Vorschmack sein.
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
DIE AMEISE
In dieser holden Frühlingszeit,
Da alles voller Glanz und neuer Herrlichkeit,
Trat ich, gerührt durch solchen Schein,
In Frommholds schönen Garten’ ein,
Woselbst in reinem Schmuck die saftgen Bäume blühten,
Woselbst in bunter Glut der Floren Kinder glühten.
Ein jeder Vorwurf war recht unvergleichlich schön,
Recht angenehm, recht herrlich anzusehn.
Ein balsamreicher Duft
Erfüllete die laue Luft.
Das Wasser schien bemüht, mit tausend bunten Bildern
Die glatte Fläche zu beschildern.
Man sah mit Lust die schattigten Alleen
Im gelblichgrünen Schmuck der jungen Blätter stehen.
Auf manchem Pomeranzenbaum
Fand ich mit ungemeinem Prangen
Bei silberweißer Blüt fast güldne Apfel hangen,
Und kurz, mein Auge konnte kaum
Sich satt an aller Schönheit sehen.
In diesem holden Ort und schönen Lustrevier
Erblickt ich einen Ameishaufen.
Ich sah verwundrungsvoll dies kleine Tier
Mit unverdroßnem Fleiß und eifriger Begier
Sich stets bewegen, rennen, laufen.
Es eilte sonder Ruh und hatte keine Zeit,
Die ungemeine Pracht, die holde Zierlichkeit,
Verändrung, Farben, Glanz, Schmuck, Ordnung, Seltenheit
Des Gartens anzusehn. Ach! rief ich überlaut:
Du scheinst, wie sehr mir auch vor der Vergleichung graut,
Uns zum belehrenden Exempel vorgestellt:
Die Ameis ist der Mensch, der Garten ist die Welt.
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747

DIE KAISERKRONE
Es sieht die holde Kaiserkrone
Von ihrem hocherhabnen Throne
Beständig auf die Erd herab,
Die ihre Wieg und auch ihr Grab.
„Ach möchten doch von ihren Höhen
Die Fürsten so heruntersehen!”
Die Augen, welche wie Kristallen
In diesen Blumen offenstehen,
Die lassen öftermal
Fast honigsüße Thränen fallen.
„Ach möchten sich doch auch die Großen fassen
Und nach dem Beispiel dieser Blume,
Vergnügt durch ihrer Hoheit Strahl,
Dem Gott, der sie so groß gemacht, zum Ruhme
Auch Freudenthränen fallen lassen!”
Der bittersüßliche Geruch,
So aus den Kaiserkronen quillt,
Ist ein mit Lehr’ erfülltes Bild:
„Daß auch der allerhöchste Stand
Mit Bitterkeit oft angefüllt.”
Auf dieser Blumen Kronenspitzen
Sieht man ein Büschel Gras nicht ohn Bedeutung sitzen.
„Ach dächten doch die Großen dieser Erde
Bei dieser Blum an ihre Flüchtigkeit,
Und daß auch Gras nach kurzer Zeit
Gekrönte Häupter decken werde!”
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
DER GARTEN
Eccl. 2, 5. Ich machte mir Gärten und Lustgärten und pflanzete allerlei fruchtbare Bäume darein
Ihr durch die Leidenschaft verführte Seelen höret!
Wer Gott, durch Sein Geschöpf gerührt, mit Freuden ehret
Und seine Lust mit Ernst in Gottes Werken sucht,
Dem träget jede Blum, die er betrachtend schaut,
Dem träget jeder Baum, dem träget jedes Kraut,
Dem träget jedes Blatt der Freuden süße Frucht.
Aria
Eröffnet, ach öffnet die Augen und seht,
Wie alles im Frühling verherrlichet steht,
Wie lieblich die glänzenden Gärten beblümet!
Eröffnet die Lippen, kommt, preiset und rühmet
Die Wunder des Schöpfers, durch welchen allein
Feld, Wälder und Gärten verherrlichet sein!
Sonst ist an euch des Schöpfers Huld verloren;
Ihr unterlaßt den Zweck, zu welchem ihr geboren.
Die Wolken tröpfelten nicht mehr;
Der Himmel höret’ auf zu weinen;
Der Kreaturen Kron und Ehr,
Die Sonne, fing von neuem an zu scheinen,
Bestrahlte die beblümten Hügel,
Bemalte Wiesen, Wald und Feld;
Es wurden, in der annoch nassen Welt,
Auf jedem Blatt, aus jedem Tropfen Spiegel.
Ein heller Glanz, ein mehr als güldner Schein
Nahm Luft und Land bezaubernd ein
Und reizte mich, da Wald und Feld so schön,
Der Gärten Pracht und Anmut anzusehn,
In welchen die Natur sich mit der Kunst verbindet,
Wo Fleiß, wo Nutz und Lust sich stets verschwistert findet,
Woselbst wir in der Menschen Werken
Zugleich die wirkende Natur
Und in derselbigen die helle Spur
Von unsers Schöpfers Macht und Gegenwart bemerken.
Aria
Mich deucht, wenn ich voll Freude
Hier Herz und Augen weide
Und bei den Blumen steh,
Daß ich zu Dir mich schwinge
Und Dich, Quell aller Dinge,
Allgegenwärtger Schöpfer seh.
Gerührt durch dieses Denken,
Wünscht sich mein Herz zu lenken
Allein nach Deinem Sinn.
Leib, Seele, Geist und Leben
Will ich nur Dir ergeben.
Nimm, gegenwärtger Gott, sie hin!
Nie haben persische Tapeten so geschienen;
Es glänzt kein güldnes Tuch, wenn Perlen und Rubinen
Auch gleich darauf gestickt, so herrlich und so schön.
Ja, was wohl auf der Welt am lieblichsten zu sehn
Und mit geheimer Lust der Menschen Aug erfüllt,
Ein aufgeputzte Meng von schönem Frauenzimmer,
In tausendfarbigen Damast und Samt gehüllt,
Mit Perlen, Silber, Gold besetzet und gestickt,
Mit Federbüschen, Band, Brokat und Mohr’ geschmückt,
Scheint, funkelt, glänzt und prangt nicht in so holdem Schimmer,
Als die durchs Frühlings Hand erneute Welt,
Als ein vom Sonnenglanz bestrahlt beblümtes Feld.
Der wunderschön beaugte Pfauenschwanz,
Der Iris’ farbenreicher Kranz,
Des hellen Abendsterns so lieblich reiner Glanz
Erquicken kaum so sehr das menschliche Gesicht,
Als das auf hunderttausend Arten
Gefärbet’ und gebrochne Licht
Von einem bunten Blumengarten.
Jedwede Blume schien
Mein Auge mit Gewalt auf sich zu ziehn.
Das helle, silberweiße Licht,
Das aus den Tuberosen bricht,
Die lieblich schimmernden Jasminen,
So, weißen Sternen gleich an Größ und Menge,
Auf vielen nach der Kunst geschornen Hecken,
Die sich, so weit man sieht, erstrecken,
Ein Milchweg von unabzusehnder Länge
An einem grünen Himmel schienen;
Die wirkten zu des Schöpfers Ehre
In meinem Herzen diese Lehre:
Aria
Laß der Lilien und Jasminen
Unbefleckten Silberschein,
Seele, dir zur Folge dienen!
Suche dich, von Lastern rein,
In der Unschuld weiße Seiden
Voller Sanftmut einzukleiden.
Die dunkelrote Glut der Amaranten’
Der bunte Mohn, worauf wie Diamanten
Der Tropfen Menge lag,
Samt der Päonien blutrotem Funkeln,
Convolvulen, Violen und Ranunkeln,
Die teils wie Himmelblau und Silber, teils vergüldet,
Und teils in roten Flammen glühn;
Der frischen Kräuter holdes Grün,
Das tausendfach gefärbt, das tausendfach gebildet,
Bemüheten sich gleichsam in die Wette,
Als ob ein jedes Sinne hätte,
Durch ihrer Blätter Pracht und Schein
Zu ihres Schöpfers Ruhm ein Gegenwurf zu sein.
Man kann in blauen Blumen hier,
In einer sternenförmgen Zier,
Wie weiße Sterne dort am blauen,
Viel blaue Stern am grünen Himmel schauen.
Aria
Der ungezählten Kräuter Menge,
Der Blätter Farben und Natur,
Der Säfte Kräfte, der Figur
Von tausendfacher Breit und Länge
Bewundrungswerter Unterscheid
Zeigt dem, der auf dies Wunder achtet
Und ihres Schöpfers Macht betrachtet,
Sein’ Allmacht und Unendlichkeit.
Der Perlenschmuck der weißen Blüte glimmet
Zuerst auf jedem Baum; die schwanken Zweige krümmet
Der Blumen süße Last. Der Äpfel holde Blüt,
Die recht wie Blut und Milch in weißer Röte glüht,
Von Schimmer, Glanz und Schönheit reich,
Sieht Rosenknospen gleich.
Auf allen Ästen scheint ein Wunderschnee zu liegen,
Der warm und trocken ist. Die silberweiße Blüte
Ergetzt nicht nur das Aug, sie labt auch das Gemüte
Durch den Geruch zugleich. Viel tausend Bienen fliegen
Und sammlen süßen Honig ein,
Mit schwärmendem Getös und angenehmem Summen.
Es tönt, als wann Bassons gedämpfet, sanfte brummen.
Beim zwitschernden Diskant von manchem Vögelein,
Beim rauschenden Tenor der wallenden Kristallen,
Die über glatte Kiesel fallen,
Und bei dem hohen Alt, dem lispelnden Gezische
Der Bäum und Büsche,
Scheint dieses murmelnde Geräusch der Baß zu sein.
Aut, auf! mein Herz, laß Gott zu Ehren
Bei dieser Harmonie auch deine Lieder hören!
Aria
Singe, Seele, Gott zum Preise,
Der auf solche weise Weise
Alle Welt so herrlich schmückt!
Der uns durchs Gehör erquickt,
Der uns durchs Gesicht entzückt,
Wenn er Bäum und Feld beblümet,
Sei gepreiset, sei gerühmet!
Seele, laß ein helles Singen
Deinem Gott zum Ruhm erklingen,
Wenn dir, was du willt, geschicht;
Und wofern dir was gebricht,
Murmle sanft, doch murre nicht!
Tiefe Seufzer laß erschallen;
Diese sinds, die Gott gefallen.
Betrachtet man die Obstbäum, Äpfel, Pfirschen,
Birn, Aprikosen, Mandeln, Kirschen,
Gleicht ihrer Blumen lieblichs Prangen
Nicht Gärten, die in Lüften hangen?
Ist nicht der kleinste Zweig ein großer Blumenstrauß?
Haucht ihre Menge nicht den stärksten Bisam’ aus?
Sie würzen durch so angenehme Düfte,
Die voller Amber und Zibet,
Die ausgespannten lauen Lüfte,
Daß ihre Balsamkraft uns recht ans Herze geht.
Aria
Seele, laß der Bäume Pracht
Dich zu ihrer Folge leiten!
Suche dich auf allen Seiten
In Gedanken auszubreiten
Und auf den Betrachtungs-Zweigen
Blätter deiner Lust zu zeugen!
Laß durch dieses holde Grün
Deiner Andacht Blumen blühn
Und des Lobes Früchte bringen!
Auf! mit heller Stimm und Saiten
Unsern Schöpfer zu besingen,
Der die Erde fröhlich macht! (Da Capo)
Wenn Zephirs flüchtiges Gesinde,
Die holden Frühlingswinde,
Die lauen Fittiche bewegen,
Fällt von der Blüt ein silberweiler Regen,
Der uns bedecket, doch nicht netzet,
Uns das Gesicht, Gefühl und den Geruch ergetzet.
Damit wir ihres Schmucks uns desto mehr erfreuen,
Will uns der Bäume Schar mit Blumen überstreuen.
Es scheint der Blüte flüchtigs Schweben,
Indem sie fällt, die Lüfte zu beleben.
Die klare, grünlich dunkle Flut,
Die in des Teiches Ufers Schoß,
Bekränzt mit Moos,
An schlanker Bäume Wurzeln ruht,
Auf deren ebner Fläch ein kühler Schatten schwimmet,
Wird unvermutet hell und glimmet
In einer weißen Glut.
Oft läßt est recht, als ob, uns doppelt zu ergetzen,
Die Blätter sich aufs neu zusammensetzen,
Wodurch sie denn noch mehr das dunkle Wasser zieren
Und neue Blumen drauf formieren.
Es scheinen Wasser, Büsch und Hecken,
Es scheinen Kräuter, Beete, Gänge,
Als wenn sie riechender schneeweißer Flocken Menge
Und weiße Rosenblätter decken.
Aria
Süßer Blumen Ambraflocken,
Euer Silber soll mich locken
Dem zum Ruhm, der euch gemacht.
Da ihr fallt, will ich mich, schwingen
Himmelwärts und den besingen,
Der die Welt hervorgebracht.
Man darf kein Vogelhaus von dünnem Stahl
In diesem holden Orte bauen,
Um schöne Vögel ohne Zahl
Um sich zu schauen.
Die Luft ist selbst ein weites Vogelhaus,
Der Garten ihr freiwillger Kerker,
Ein offenes Gebäu, wo dichtgeflochtne Erker
Der Äst und Blätter Menge schränkt,
Woraus kein einziger zu fliehn gedenkt.
Aria
Wenn ihr in den bekränzten Steigen
Der anmutreichen Gärten geht
Und zwischen den belaubten Zweigen
Die kleinen bunten Sänger seht
Und ihre süßen Stimmen höret:
So lobt mit ihnen, preist und ehret
Den Gott, der über alles schätzt,
Wenn man sich ihm zur Ehr ergetzt.
Des niedern Buchsbaums festes Laub,
Wodurch der Menschen Witz und Fleiß
Den leeren dunkelbraunen Staub
So künstlich einzuschränken weiß,
Daß schönre Züge, Laubwerk, Bilder
Kein Mathematikus, kein Schildrer
Fast mit dem Pinsel malen kann,
Treibt mich, wie folgt, zu denken an:
Ein Gärtner malet hier,
Ohn Ol und Staffeleien,
Ohn Pinsel, ohn Palett, lebendge Schildereien.
Sein Spaten dienet ihm zum Reißblei, sein Papier
Ist schwarz- und dunkelbraun, er schreibt gezogne Namen,
Zieht Laubwerk selbst von Laub, und faßt in grüne Rahmen
Sein schön figürlich Werk von mehr als hundert Arten;
Ja, ohne Buchsbaum ist der Garten kaum ein Garten.
Arioso
Wie groß, o Gott, ist Deiner Liebe Kraft,
Da Du so manche Wissenschaft
In Deine Kreatur gesenket!
Denn bilde dir doch, citler Mensch, nicht ein,
Daß Künst und Wissenschaften dein;
Sie sind dir nur durch Seine Huld geschenket.
Es schmückt die bildende Natur
Das form- und bilderleere Land
Durch unsre Hand;
Wir sind, trotz unserm Stolz, ihr Werkzeug nur.
Sprich, ob wir des Verstandes Gaben,
Wie alles, nicht empfangen haben?
Aria
Wer wird nicht sagen müssen,
Daß Menschenkunst und -wissen,
Wie alles, Gaben nur?
Was sind Vollkommenheiten?
Nichts, ohne Fähigkeiten,
Und diese kommen von Natur.
Wer, durch des Schöpfers Gunst
Vom Weisheitsfeur entzündet,
Die Kunst erwägt, der findet
Natur auch in der größten Kunst.
Hierauf ward ich mit höchster Lust gewahr,
Wie ein Orangendach zur rechten Hand
Auf säulengleichen Stämmen stand,
Die ein gespitztes Laub, das wie Smaragden glänzet,
Mit hocherhabnen Kronen kränzet,
Wo zwischen silberweißer Blüt
Man güldne Früchte schimmern sieht.
Es nahm mir dieser holde Schein
Mein Aug und Herz, mein ganzes Wesen ein.
Aria
Verblendte Sterbliche, ihr grabet
Das Gold und Geld aus finsterm Schacht,
Das einen kaum von allen Sinnen labet;
Seht, was ihr hier für andre Pracht
Auf Pomeranzenbäumen habet,
Wofür ihr billig Gottes Güte
In froher Ehrfurcht preisen sollt:
Bebisamt Silber ist die Blüte,
Die Frucht ein eß- und trinkbar Gold.
Es sind die nach der Schnur gezognen Gänge
Mit einer wunderbaren Menge
Von Blumen, Pflanzen, Blüt’ verwunderlich geschmückt.
Es werden durch viel tausend Früchte
Die Zunge, der Geruch und das Gesichte
Zugleich erquickt.
Man mag, wohin man will, sich kehren, wenden, drehn:
So wird auf einer jeden Stelle
Man immer eine neue Quelle
Von Anmut und Vergnügen sehn;
Man tut fast keinen Schritt, daß man den Fuß
Nicht auf was Schönes setzen muß.
Aria
Kommt, schmecket und sehet,
Wie freundlich der Herr!
Es wird der glorwürdigen, herrlichen Werke
Unzählige Menge, Macht, Weisheit und Stärke
Durch unser Vergnügen am besten erhöhet. (Da Capo)
Erkennet und fühlet,
Wie freundlich der Herr!
Als welcher, damit in den Wundern der Erde
Sein herrlicher Name verherrlichet werde,
Auf unser Vergnügen am meisten gezielet. (Da Capo)
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747

BETRACHTUNG VERSCHIEDENER ZU UNSEREM
VERGNÜGEN BELEBTEN INSEKTEN
Man siehet jetzt fast überall mit Haufen
Viel bunte Käferchen, gefärbte kleine Fliegen
Zu unsrer Augenlust ein Leben kriegen
Und in dem Gras, auf Kraut, auf Laub und Blumen laufen.
Mein Gott! wenn ich die bunte Meng erwäge
Und ihrer Farben und Figur
Bewundernswerte Zierlichkeit,
Bewundernswerten Unterscheid
In stiller Muß erwäg und überlege,
Wie schnell sie hüpfen, fliegen, rennen,
Wie fertig sie sich regen können,
Ergetzet mich die spielende Natur.
Ich freue mich, denn ich kann deutlich sehn,
Da sie so mancherlei, so zierlich und so schön,
Daß die Natur sie dazu bilden wollen,
Daß wir des Schöpfers Wundermacht
Auch in derselben Farbenpracht
In unsrer Lust betrachten sollen.
Wer wird der Farben Meng und ihre Schönheit nennen,
Erzählen und beschreiben können,
Mit welcher die Natur die kleinen Tierchen schmückt?
Wie mancherlei hab ich mit innigem Vergnügen
Nur bloß an Fliegen einst erblickt!
Woran die Farben sich recht wunderbarlich fügen,
Braun, gelblich, rötlich, schwarz und grau,
Grün, rot, gelb, hell- und dunkelblau,
Bald gold mit grün, bald gold mit rot gemenget;
Bald ist der Flügel künstlichs Paar
Wie ein Kristall so weiß, so klar;
Bald sind auch die gefärbt und bunt gesprenget.
Bald scheinet sich in ihrer Flügel Glanz
Der bunten Iris’ halber Kranz
In schön gemischten Schmuck zu bilden.
Bei diesem ist der Leib, bei dem die Flügel gülden.
Durchsichtig sind sie bald, bald widerscheinend bunt;
Bald haben rote blau-, bald grüne rote Köpfe;
Bald sind die Köpfchen platt, bald sind sie lang, bald rund.
Es zieren selbige bald kleine schwarze Zöpfe,
Bald Hörnerchen, die eingekerbt und bunt.
Wie lieblich sieht es aus, wann schlanke Grasemetzenª,
Die blauer noch als ein Türkis gemalet,
Auf Blättern, die Smaragd an grünem Glanze gleich,
Auf Blättern, welche hier beschattet, dort bestrahlet,
Bald sanfte schweben, bald sich setzen!
Kein schöner Schmelz ist in der Welt
Als den der blaue Glanz, vom schwarzen noch erhoben,
An diesem Tierchen uns vor Augen stellt.
Hier glühen auf dem holden Grünen
Die Sonnenkinderchen wie lebende Rubinen.
Dort blitzt auf weißer Blumen Zier
Ein gleichfalls lebender Saphir,
Ein Würmchen, dessen Blau fast wie der Himmel scheinet.
Wie manche Art von Wespen und von Bienen
Erblicket man in dem beblümten Grünen!
Die Hummel fliegt mit Brummen hin und her;
Ihr Körper scheinet in sich schwer,
Als wenn er in der Luft ein kleiner Bär
Mit Flügeln wär.
Noch mehr: Man siehet oft an einer Rosen hangen
Fast aller Edelsteine Prangen,
Im Maienkäferchen vereint.
Sprecht, ob die spielenden Opalen’
Veränderlicher strahlen?
Wer muß sich nicht recht inniglich ergetzen
Und in der Lust sich nicht zugleich entsetzen?,
Wann er das Heer der bunten Schmetterlinge
Besieht und ihren Putz erwäget?
Es sind wahrhaftig Wunderdinge
Den bunten Flügeln eingepräget.
Man wird mit großem Rechte können
Sie fliegende lebendge Blumen nennen.
Man teilet sie, nicht unrecht, insgemein
In Nacht- und Tageeulchen ein,
Die alle wunderlich formieret,
Die alle wunderlich gezieret:
Damit sogar des Nachts die Luft nicht leer
Von göttlichen Geschöpfen wär.
Man kann der Farben Unterscheid,
Man kann der Bildung Nettigkeit,
Aus welcher sie bestehn,
So wenig als die Zäser zählen.
Dies Wunder der Natur hab ich erstaunt gesehn
In Vincentz Kabinett in Holland, wo die Pracht,
Die Gott sogar im Ungeziefer macht,
Aus Ost und West zu Hauf gebracht,
Uns einen Schatz, der nicht zu schätzen, zeiget.
Imgleichen zeigt das Schatzhaus der Natur
In Hamburg, (ich versteh, du großer Bürgermeister,
Berühmter Anderson, dein Haus) uns eine Spur,
Auf welche Weise weise Geister,
Wenn sie auf Gottes Werk und Allmacht Achtung geben,
Geschickt sind, gleichsam sich zum Herrn der Kreatur
Auf bunten Flügeln zu erheben,
Indem sie, da sie sich durchs Werk zum Schöpfer schwingen,
Den, der unendlich groß, auch in den kleinsten Dingen,
Wenn sie dieselbigen mit Lust besehn, besingen
Und ihm in ihrer Lust ein Liebesopfer bringen.
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
DER WUNSCH
Hier geh ich, Herr! Du weißt, wie lange,
Und auch, wie kurz nur ich hier geh.
Wie lang und kurz es nun gescheh,
So gib, daß in Vergnüglichkeit,
In dieser ungewissen Zeit,
Ich das, was schön, vernünftig seh!
Nicht minder, daß ich Dir zur Ehre,
Was hier so schön zu hören, höre!
Auch wenn ich rieche, fühl und schmecke,
Daß ich in allem Dich entdecke!
BLUMENLEHRE
O. Gott, der Du in Deinen Werken
Dich jedem gibest zu bemerken,
Hier sitz ich, und bemerke Dich.
Es gibet jedes Blatt Dein Wesen
Mit reinen Ziffern uns zu lesen,
Dein Dasein zeigt sich sichtbarlich.
Mich deucht, daß ich die wahre Lehre
Von einer jeden Blume höre,
Die sie im sanften Hauch uns gibt:
Empfind’ ein Wesen, das dich liebt!
Ich zeig Ihn deinem Geist; bedenke,
Daß meines Balsams Süßigkeit,
Der oft dein Innerstes erfreut,
Sich ja von selbst nicht in mich senke.
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
DIE ROSE
Ich sahe jüngst mit fast’ erstaunten Blicken
Die Sonn im Garten nach dem Regen
Der Blumen Heer mit heitern Strahlen schmücken
Und ihren reinen Glanz in nasse Blätter prägen.
Indem mein Auge nun, durch ihre Zahl verwirrt,
Durch ihren Schmuck entzückt, von der zu jener irrt,
Der spielenden Natur gefärbtes Kleid betrachtet,
Bald die, bald jene höher achtet,
Sich bald an dieser hier und bald an der ergetzet,
Bald beide gleiche schön, bald die noch schöner schätzet,
Reißt endlich Augen, Herz und Sinn
Ein Rosenbusch auf sich nur einzig hin.
Ich sch ihn kaum aufmerksam in der Nähe,
So deucht mich, als ob ich in seiner Zier
Nichts Irdisches, nein gar aus Edens Lustrevier
Annoch ein Überbleibsel sähe.
Aria
Paradieses Kind und Bild,
Rose, deiner Blätter Prangen
Hat mit sehnlichem Verlangen
Durch das Aug mein Herz erfüllt,
Die verlornen Edens Auen
Selig wiederum zu schauen.
Im Geiste stelle man sich ein Gebüsche vor,
Des Blätter aus Smaragd geschnitten,
Die Stengel aus Türkis, woran aus Hyazinth!,
Geschärften Dornen gleich, formierte Spitzen sind.
Auf solchem Wunderstrauch, der mannigfaltig grün,
Stünd ein hellschimmernd Heer von Blumen aus Rubin,
So funkelnd glänzt und strahlt, in deren Mitten
Ein kleines güldnes Licht in hellem Schimmer schien;
Ja, daß des Künstlers Hand
Verschiedne Kügelchen vom reinsten Diamant
Auf ihrer Blätter Pracht zu größrer Zier gestreut.
Dann denke man, wie diese Herrlichkeit
Noch lange nicht dem Schmuck gewachsner Rosen gleichet,
Ja ihnen kaum das Wasser reichet.
Aria
Flammende Rose, Zierde der Erden,
Glänzender Gärten bezaubernde Pracht!
Augen, die deine Vortrefflichkeit sehen,
Müssen, vor Anmut erstaunet, gestehen,
Daß dich ein göttlicher Finger gemacht,
Daß dich ein göttliches Wollen hieß werden. (Da Capo)
Sie kam mir für wie eine Königin,
Mit Purpur angetan;
Die gelbe Saat schien eine güldne Krone,
Der schöne Busch glich einem hohen Throne,
Der Dornen Heer geharnischten Trabanten,
Der Tropfen Ründ und Glanz geschliffnen Diamanten.
Die nimmer stille Schar der Bienen,
So öfters murmelnd zu ihr kam
Und mit geschwindem Flug bald wieder Abschied nahm,
Schien ihrer Majestät zu dienen
Und gleichsam ihr Verlangen zu erfragen,
Um ihren gnädigen Geheiss
Mit fröhlichem Gesums und unverdroßnem Fleiß
Den lieblich riechenden Vasallen vorzutragen.
Aria
Rose, Königin der Blumen,
Wenn du Bienen, die du tränkst,
Honig aus Rubinen schenkst,
Sollten billig unser’ Augen,
Da man deinen Glanz betracht’t,
Auch aus deines Purpurs Pracht,
Dem zum Ruhm, der dich gemacht,
Süßen Andachtshonig saugen.
Wenn sie sich öffnet, sieht in ihr die frohe Seele
Ein’ angenehme kleine Höhle,
In welche, nebst dem Blick, den Geist
Ein lieblich-roter Wirbel reißt,
Den tausend Blätterchen, die wir daselbst verspüren,
Wie sie sich inwärts drehn, formieren.
Erwägt die Kraft, so man in diesem Wirbel sieht,
Da er, nebst Blick und Geist, die Nas auch in sich zieht.
Die Bildung ist der bildenden Natur
Vollkommenste Figur.
Ihr Leib ist zirkelrund und ihrer Mutter gleich;
Bald sieht man weißlich-rot, bald rötlich-bleich
Auf ihrer Blätter Samt sich ohne Grenzen
Vereinigen und süß in weißer Röte glänzen.
Es sind die Blätter dicht
Und doch so dünn und zart,
Daß selbst das Licht
Durch ihr so angenehm gefärbt Gewebe bricht,
Sich mit den rötlichen gelinden Farben paart
Und, selber rot gefärbt, die innern Blätter färbet.
So dünn ist jedes Blatt, zumalen wenn es naß,
Daß es durchsichtig wie ein Glas.
Man kann in ihnen oft das zärtlichste Gespinste
Der dünnen Adern sehn,
Woran durch der Natur uns unbekannte Künste
Viel kleine klare Bläschen stehn.
Sie sind, da sie mit rotem Saft erfüllt,
Der Adern recht natürlich Bild.
Ein roter Schatten ohne Schwärze
Bedeckt das kleine güldne Herze,
Das in dem Mittelpunkt der holden Tiefe sitzt
Und in der balsamreichen Höhle
In purpurfarbner Dämmrung blitzt.
Der roten Farben süßer Schein
Scheint leiblich nicht, nein geistig fast zu sein,
Da er, nachdem als man die Rose drehet,
Bald von, bald nach dem Licht, entstehet und vergehet,
So daß ihr Rot und Weiß, als wie das Blau und Grün
An einem Taubenhals, sich oft zu ändern schien.
Dies ist der innre Schmuck, die kühle rote Glut,
Die in dem runden Schoß der edlen Rose ruht,
Da gegenteils, was auf den äußern Blättern glühet,
In einer bläulich-weiß und rötlich-klaren Pracht
Fast einer Fleischfarb ähnlich siehet,
Zumal wenn unterwärts ein glattes Dunkelrot,
Das einem roten Atlas gleich,
Der andern Blätter rötlichs Bleich
Noch lieblicher, noch sanfter macht.
Ein Auge, das den Schmuck betrachtet, fühlet
Solch einen süßen Reiz, das Herz so süße Glut,
Als wenn ein schönes Blut
Durch eine zarte Haut
Der rosenfarbnen Jugend spielet,
Und man auf Armen, Brust, um Mund und Wangen
Ein frisches rötlichs Weiß in hellem Schimmer prangen
Und voller Liebreiz glänzen schaut.
Aria
Wenn man schöne Wangen siehet
Und von Lieb entzündet, glühet,
Spricht man: Wie die Rose blühet,
Also blühet dies Gesicht.
Gibt man also zu verstehen,
Daß auf Erden nichts so schön:
Und dennoch sie anzusehen,
Um den Schöpfer zu erhöhen,
Würdigt man die Rose nicht.
Teils öffnen ihre Schoß, teils sind noch halb geschlossen
Und zeigen viel, versprechen doch noch mehr.
Der kleinen Knospen zarte Sprossen,
Die recht wie Kinder um sie her
Im schönsten Schmuck und großer Menge sitzen,
Sehn grünen Sternchen gleich,
Durch deren fünfgeteilte Spitzen
(Die wie Smaragd an grünem Schimmer reich)
Rubinenrote Strahlen blitzen,
Aus denen ein gewürzter Myrrhenrauch,
Worin sich Süß und Bitter lieblich mischet,
Unsichrbar aufwärtsteigt und Hirn und Haupt erfrischet.
Die grünen Blätter stützt ein grüner Kelch, der bald
Zu einer roten Frucht, eiförmig von Gestalt,
Zur Hagebutte wird.
Die grünen Zäser deckt, sowie die Stengel auch,
Ein kleines, rötliches unschuldigs Dornenheer,
Woran die umgekehrten Spitzen,
Um nicht zu schaden, einwärts sitzen,
Da unten an dem Stiel viel wahre Dornen stehn,
Die sie für manchen’ Anfall schützen,
An welchen sich, falls man sie nicht gesehn,
Of unvorsichtge Finger ritzen.
Hieraus nun nehm ich diese Lehre:
Aria
Der Rosenbusch zeigt dir, mein Herz,
Daß, wie bei ihm, so auch auf Erden
Nicht leicht Vergnügung sonder Schmerz,
Lust sonder Last gefunden werden;
Indem fast immer Freud und Pein
Genau verknüpft, ja oft zugleich geboren sein.
Nach diesem nahm mein forschend Aug in acht
Den grünen Busch und seiner Blätter Pracht,
Der denn, da er so schön formiert, so lieblich grünet,
Auch unser Lob mehr als zu wohl verdienet.
Der Blätter Menge
Und mannigfaltge Zierlichkeit,
Der Farben Schmuck, der Knospen Unterscheid
Zeigt uns ein schimmerndes, erhabenes Gepränge,
So der verworrenen, bedornten Stengel Hecken
Mit einem grünen Schatten decken.
Sein zungenförmigs Blatt, dem, ringsum eingekerbt,
Ein fast smaragden Grün die glatte Seite färbt,
Erhöht der Rosen Glanz durch holde Dunkelheit.
Ein bläulich-zarter Duft, der auf der Fläche lieget,
Der, wenn man ihn berührt, verschwindet,
Vermehrt der Farben Lieblichkeit,
Zumal wenn sich darauf der Tau so lieblich ründet,
Der recht wie lebend Silber blitzt,
Wie runde Perlen rollt, wie Diamanten spielet
Und seinen Glanz mit allen Farben mischt,
Daß sich der Blick, den Lust und Luft erhitzt,
Durch solche reine Flut erfrischt
In ihren feuchten Kreisen kühlet.
Aria
Tropfen, die aufs Weiße fallen,
Gleichen glänzenden Kristallen,
Die aufs Rötliche, Rubin’,
Und Smaragden, die auf Grün.
Sieht man also mit Vergnügen
Fast den Glanz von Edelsteinen
Mit der Rose sich vereinen
Und auf ihren Blättern liegen,
Ja sich gleichsam recht bemühen,
Durch die dir so liebe Pracht
Dem zum Ruhm, der sie gemacht,
Deinen Geist auf sich zu ziehen.
Aufs letzte schien mir gar der Rosenblätter Schein
Ein blätterreiches Buch zu sein,
Das von des großen Schöpfers Lieben
Mit balsamierter Tint und roten Lettern
Die Hand der wirkenden Natur geschrieben.
Mich deucht, ich könn auf allen Blättern
Geheimnisse von Gottes Wunderwesen,
Von seiner Macht und heißen Liebe lesen.
Ach, nehmt es doch in acht!
Dies steht auf jedem Blatt recht deutlich, hell und klar:
Wie ist doch der, der uns gemacht,
So liebreich, groß und wunderbar!
Arioso
Der Inhalt dieser Schrift ist deutlich zwar,
Die Sprache der Natur ist allgemein,
So Züg als Bildungen sind offenbar;
Doch kennen die sie nur allein,
Die, ihre Niedrigkeit erkennend, Gott erheben
Und ihm die Ehr allein von allem Guten geben,
Der durch so manch Geschöpf uns, sein Geschöpf, ergetzt
Und seinen Ruhm allein in unsre Freude setzt.
Zumalen rühret mir das Innerste der Seelen
Der schmeichelnde Geruch, der aus den Purpurhöhlen
Der holden Rosen fleußt; er labt mich inniglich;
Das Auge schließt, das Herz eröffnet sich,
Von einer Balsamkraft gerühret,
Sobald es den Geruch der frischen Rosen spüret,
Und schwimmt in einer See von Lust.
Es scheint, ob könn es vor Vergnügen
Nicht mehr so eng verschränket liegen.
Drum dehnt sich die gewölbte Brust,
So weit ihr möglich, aus, um diese süße Lust
Nicht anderwärtig hinzulassen,
Nein sie, womöglich, ganz zu fassen.
Aria
Ambrablume, Balsamquelle,
Rose voller Süßigkeit!
Wenn ich mir zur Frühlingszeit
Ins Geruchs Beschaffenheit
Gottes Weisheit, Herrlichkeit,
Lieb und Macht vor Augen stelle,
Wird so Seel als Leib erfreut. (Da Capo)
Zwar läßt die blinde Welt so zuckersüßen Duft
Im Atem achtlos von sich schießen
Und wieder in die Luft,
Woraus er stammet, fließen;
Ich aber schwinge mich auf Flügeln reiner Triebe
Zu Gott und Opfer ihm den süßen Hauch,
Von Brunst und Dank entflammt, als einen Opferrauch
In heißen Seufzern auf; erwäge seine Liebe,
Die im Geruch mein Herz empfunden;
Bewundre seine Wundermacht,
Die Bildung und Geruch, zusamt der Farben Pracht
So unverbesserlich verbunden;
Und endlich, halb entzückt, bricht meine Lippe los:
Was muß der Gott, der in der Erden Schoss
Solch eine Balsamkraft und Schmuck vermag zu legen,
Doch wohl für Herrlichkeit in seinen Himmeln hegen!
Aria
Unendlicher Mittelpunkt aller Vollkommenheit,
Entzückender Schönheit Quell, Leben und Licht,
Du Fülle der ewig zufriedenen Seligkeit,
Da solche vergnügende herrliche Werke
Der mächtigen Gnade, der liebenden Stärke
Schon sterbliche Sinnen auf Erden empfinden;
Wer kann denn die himmlischen Freuden ergründen,
Die göttliche Liebe dereinsten verspricht!
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747

DER WEISSE SCHMETTERLING
Im Garten saß ich jüngst zur schwülen Mittagszeit
In einem dicht verwachsnen Bogen
Voll angenehm begrünter Dunkelheit
Und sah, wie voller Munterkeit
Viel weiße Schmetterlinge flogen,
Die durch die grüne Nacht mit zarten Schwingen eilten
Und die beschatteten, gekühlten Lüfte teilten;
Da sie denn in dem dunklen Grünen
Wie weiße Rosenblätter schienen.
Bald sah ich sie, vom Schwärmen gleichsam matt,
Als wie ein von der Luft getragnes welkes Blatt,
Schnell, doch gerade nicht zur Erde sinken,
Bis ich sie allgemach bald hie, bald da
Schnell flatternd wieder steigen sah,
Da sic, vom Sonnenstrahl gerührt, wie Funken blinken.
Trift einer denn sein längst gesuchtes Weibchen an,
Sieht man sie voller Brunst und voll Vergnügen
Bald auf-, bald niederwärts in regen Kreisen fliegen.
Es scheint, ob suchten sie durch ihrer Flügel Spielen,
Als mit zwei Fächtelchen, der Liebe Brand zu kühlen
Und Luft sich zuzuwehn, der andre, Wind zu machen
Und immer mehr und mehr die Flammen anzufachen
Von ihrer süßen Brunst, durch welche die Natur
Zur Fruchtbarkeit sie reizt.
Hierüber fiel mir ein,
Daß noch vor kurzer Zeit dies kleine Vögelein
Ein langsam kriechender, verworfner Wurm gewesen.
Ists möglich, dacht ich alsobald,
Dies Tierchen ändert ganz Natur, Farb und Gestalt,
Und Menschen glauben wohl, daß Menschen bloß erlesen,
Ohn Änderung nur Wust und Kot zu sein?
Ein Sommervögelchen, wenn es die morschen Schalen
Des Dattelkerns zertrennt,
Bricht aus der Finsternis, genießt der Sonne Strahlen,
Verläßt den Schlamm, erwählt ein neues Element,
Fliegt in die warme Luft — und du solltst in der Erdên
Zu Staub, zu Moder, Schlamm, zu Wust, zu nichtes werden?
Stimmt dieses wohl mit unsers Schöpfers Liebe,
Die einzig ihn, die Welt so schön zu machen, triebe,
Mit seiner Majestät und Weisheit überein?
Wie leicht ists dem, der so mit Raupen handelt,
Daß er auch unsern Staub, (da ohnedem bekannt,
Daß nichts zu nichtes wird), zu seinem Ruhm verwandelt,
Verherrlicht und verklärt?
Wär nun dein Herz so sehr verkehrt
Und streute dir vielleicht hierüber Zweifel ein:
So laß den Schmetterling dein lehrend Vorbild sein.
Sprich nicht: Es stirbt jedoch der Schmetterling zuletzt,
So wird er nicht mit Recht uns zum Beweis gesetzt,
Und kann er würklich nicht von einem ewgen Leben
Ein richtiges Exempel geben.
Denn, Lieber, denke doch hiebei,
Wie sehr die Redlichkeit in deinem Einwurf fehle,
Und was doch für ein Abstand sei
Von eines Schmetterlings zu eines Menschen Seele.
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
DIE SONNE
Eccl. 11, 7′. Es ist das Licht süß, und den Augen lieblich, die Sonne zu sehen
Sir. 43, 2. Sie ist ein Wunderwerk des Höchsten
Lebensquelle, Brunn der Strahlen,
Sonne, göttlichs Schattenbild,
Die zu tausend, tausend Malen
Unsre Welt mit Glanz erfüllt!
Wie die allerstärksten Augen
Nicht dein Licht zu dulden taugen,
So verblendet auch dein Blitz
Und dein Wesen unsern Witz.
Helles Weltmeer aller Freuden!
Fürst des Lichts, Monarch der Zeit!
Glanz, vor dem die Schatten scheiden!
Gülden Uhr der Ewigkeit!
Mittelpunkt der Himmelskreise!
Nahrung, Leben, Kraft und Speise
Aller Körper, die die Welt
In dem weiten Schoß erhält!
Wenn wir alle Ding ergründen,
Wenn wir alle Welt besehn,
Ist von allem nichts zu finden,
Das so herrlich und so schön.
Alle Schönheit dieser Erden
Muß dir zugeschrieben werden;
Was da schmeichelt dem Gesicht,
Zeugt und zeigt dein güldnes Licht.
Alles wird von dir gezieret,
Und dich ziert dein eigner Schein;
Was das Auge Lieblichs spüret,
Stammet bloß von dir allein.
Soviel Körper, die da glänzen
Hier und in den fernen Grenzen,
Leihn und borgen allzumal
Ihren Strahl von deinem Strahl.
Meine Sinne, die ich hefte,
Lichtmonarch, auf deine Pracht,
Fühlen immer neue Kräfte
In Betrachtung deiner Macht;
Und mich treibt ein Trieb der Seelen,
Auszubreiten, zu erzählen,
Und in dir des Schöpfers Ehr
Stets zu preisen mehr und mehr.
Wenn dein noch entferntes Glänzen
Durch den finstern Abgrund dringt
Und der Strahlen äußre Grenzen
(Draus die Dämmerung entspringt)
Sich mit Luft und Dunkel gatten,
Dann versilberst du die Schatten,
Dann erheitert deine Pracht
Das stockfinstre Schwarz der Nacht.
Drauf erzeugt dein Glanz und bildet
Farben, Morgenröt und Tau,
Malt, bepurpurt und vergüldet
Das gemischte Silbergrau,
Und der Himmel scheint ein Schleier,
Der aus Rosen, Gold und Feuer
(Von der Luft Saphir bezirkt)
Wunderbarlich schön gewirkt.
Wenn du drauf dich selber zeigest
Und den diamantnen Thron
Der durchsichtgen Luft besteigest,
Bist du selbst dein eigne Kron,
Wovor Aug und Herz sich beugen;
Ja, dein majestätisch Schweigen
Prägt uns, bei so heiterm Schein,
Anmut, Lust und Ehrfurcht ein.
Unsers Himmels schönste Stelle!
Großer Mittelpunkt des Lichts!
Farbenvater! Freudenquelle!
Geist und Seele des Gesichts!
Billig sollte keiner leben,
Der in dir nicht Gott erheben
Und des Schöpfers Macht und Ehr
Stets zu rühmen schuldig wär.
Der erhabnen Berge Spitzen
Ziert dein früher Morgenstrahl,
Und dein unaufhörlichs Blitzen
Füllt des Mittags Gruft und Tal.
Du beseligest die Felder,
Du umarmest unsre Wälder,
Deiner warmen Strahlen Glut
Übergüldet Meer und Flut.
Wenn dein Glanz die Flut vergüldet
Und ins glatte Wasser strahlt,
Dein vergöttert Wesen bildet
Und mit güldnen Pinseln malt,
Scheint es, ob die Flut der Erden
Selbst zum Himmel wolle werden,
Und das sanft bewegte Meer
Schimmert wie der Sterne Heer.
Ursprung der Belebungskräfte!
Ausfluß aller Geistigkeit!
Brunnquell aller Zeugungssäfte!
Feind von aller Dunkelheit!
Deine Macht weiß uns zu geben
Wesen, Wärme, Licht und Leben,
Kraft, die, was sie zeugt, erhält!
Himmelsauge, Herz der Welt!
Wenn du uns den Tag verlängerst,
Spürt man, wie du Berg und Tal
Durch dein männlichs Feuer schwängerst;
Ja, man sieht durch deinen Strahl
Den gewölbten Bauch der Erden
Voll Verwundrung trächtig werden,
Der, wenn sich das Jahr verjüngt,
Lauter Wunderkinder bringt.
Unser Herze schwimmt in Lüsten,
Wenn sich Floren Schatz uns zeigt,
Die aus hunderttausend Brüsten
Die gefärbten Kinder säugt.
Wenn die Felder blumig werden,
Deucht mich, daß ich auf der Erden
Und in dem smaragdnen Klee
Den gestirnten Himmel seh.
Wie bezaubert das Gemüte,
Wie ergetzet das Gesicht
Die so wunderschöne Blüte,
Die aus rauhen Rinden bricht!
Was die schlanken Bäume zieret
Und die Lüfte balsamieret,
Opfert seinen Wunderkranz,
Güldne Sonne, deinem Glanz.
Jedes Gräschen unsrer Felder,
Alle Stauden und Gesträuch’
Alle Blätter unsrer Wälder,
Alle Büsche, jeder Zweig,
Samen, Blüt und Frucht der Ähren,
Womit Mensch und Vieh sich nähren,
Gold und Silber, Holz und Stein
Stammen bloß von dir allein.
Wer kann fassen und begreifen,
Was für Wunder deine Glut
Durch der Früchte nützlichs Reifen
In dem Sommer an uns tut?
Du schaffst auf besondre Weise
Allen Kreaturen Speise,
Es verzuckert deine Kraft
Aller Pflanzen herben Saft.
Daß sich Tier und Menschen nähren,
Zeugst du ihnen Kraut und Gras,
Korn, die Frucht der gelben Ähren,
Wein, der süßen Reben Nass;
Ja, viel tausend, tausend Früchte
Ziehn aus deinem warmen Lichte
Ihres Saftes Süßigkeit,
Die uns nähret und erfreut.
Welche dann, wenn du die Tage,
Da der Sommer von uns weicht,
Wiegest auf der güldnen Waage,
Uns der Herbst mit Haufen reicht,
Da die schwangren Bäum und Reben
Uns die süßen Früchte geben,
Deren Kraft uns tränkt und nährt,
Wenn der Frost die Welt verheert.
Ja, weil die Verändrung Freude
Und der Wechsel Lust gebiert,
Wird im ganzen Weltgebäude
Täglich diese Lust verspürt.
Wenn des Jahrs verschiedne Zeiten
Uns verschiedne Pracht bereiten,
Scheinet jedes Tages Schein
Auch ein kleines Jahr zu sein.
Wie die Kraft des lauen Lenzen
Die erfrorne Welt verjüngt,,
Wenn sie dein entferntes Glänzen
Voller Anmut wiederbringt,
So zerteilt der heitre Morgen
Alle Dünste schwarzer Sorgen,
Wenn nach dunkler, kalter Nacht
Die halbtote Welt erwacht.
Schmücket die bereiften Felder
Des beblümten Frühlings Hand,
Färbet die geschwärzten Wälder
Deiner Flammen güldner Brand,
So sieht man den Morgen malen
Mit dem Pinsel deiner Strahlen
(Wenn sein Licht die Schatten trennt)
Erde, Flut und Firmament.
Scheidet drauf die Pracht des Lenzen
Und der frühe Morgen weicht,
Merkt man, daß des Mittags Glänzen
Sich dem schwülen Sommer gleicht.
Wie man diesen wohl wird können
Unsers Jahres Mittag nennen,
Mag mit Recht des Mittags Schein
Unsers Tages Sommer sein.
Bringt der Sommer Korn und Früchte,
Womit sich die Welt ernährt,
Werden allerlei Gerichte
Von dem Mittag uns beschert.
Beide zeugen, wie dein Blitzen
Könne den Geschöpfen nützen;
Beide zeigen deine Macht
In vollkommnem Schmuck und Pracht.
Kann man dort den Herbst erkennen,
Wenn man kältre Lüfte fühlt,
So wird auch des Mittags Brennen
Durch den Abend abgekühlt.
Wenn dein Strahl sich von uns lenket
Und dein Glanz sich abwärts senket,
Wird des Jahres Herbst geschickt
Und der Abend hier erblickt.
Kommt der Herbst mit seinen Schätzen,
Hat der Landmann Speis und Rast.
Kommt der Abend: welch Ergetzen!
Nach der schweren Tageslast
Legt der Mensch die müden Glieder
Freudenvoll zur Ruhe nieder,
Wenn er, womit er sich nährt,
Hat zur Abendkost verzehrt.
Wenn dein Strahl nun ganz entwichen,
Weicht zugleich der Erden Pracht,
Und es kommt herangeschlichen
Dort der Winter, hier die Nacht.
Jener schwärzt durch Dunst und Düfte!
Die vom Frost verdickten Lüfte,
Diese kleidet Luft und Land
In ein schwarzes Traurgewand.
Hüllt der Frost den Kreis der Erden
In ein Kleid, das silberweiss,
Wenn recht als begraben werden
Feld und Land in Schnee und Eis,
Sucht der Mond mit blassen Strahlen
Auch die Schatten weiß zu malen,
Und sein kühler Silberschein
Scheint dem Winter gleich zu sein.
Alles wird mit Lust erfüllet,
Wenn sich zeigt dein güldner Schein;
Aber wenn du weichst, so hüllet
Sich die Welt in Trauer ein.
Allem dräuet das Verderben,
Alles scheint alsdann zu sterben,
Alles schließet Aug und Mund;
Es erstarrt der Erden Rund.
Dann, wann sich dein Strahl entfernet,
Stirbet die gefrorne Welt,
Draus man augenscheinlich lernet,
Daß nur er die Welt erhält.
Wann Luft, Erd und Flut gefrieren,
Müssen wir mit Zittern spüren,
Es sei unsers Lebens Saft
Deiner Strahlen Wunderkraft.
Selbst des Winters frostigs Stürmen,
Schneegestöber, Reif und Eis,
Welche Berg’ auf Berge türmen,
Die erhöhen deinen Preis.
Soviel Flocken, soviel Zungen,
Wodurch gleichsam wird gesungen:
Alles auf der Welt erbleicht,
Wenn die güldne Sonne weicht.
Allen Körpern, die wir kennen,
Flößt dein Licht das Leben ein;
Die sind nicht von dir zu trennen.
Wenn sich nun dein Wunderschein
Von den Kreaturen scheidet,
Sieht man, wie der Körper leidet,
Weil aus deinem Wunderlicht
Wärme, Glanz und Lindrung bricht.
Daß nicht nur in den Gedanken
Solche Wunderwerk’ entstehn,
Können wir bei allen Kranken
Und in allen Schmerzen sehn.
In den Wunden kann mans spüren,
Wenn wir deinen Strahl verlieren,
Daß bei deinem fernen Schein
Alle Schmerzen größer sein.
Ob nun gleich so Mensch- als Tieren
Die Natur ein Mittel reicht
Und, den Mut nicht zu verlieren,
Durch den Schlaf ein Pflaster streicht,
Wodurch dieses Leidens Plagen
Etwa leichter zu ertragen,
Wird doch deine Größ und Stand
In des Mittels Größ erkannt.
Welch ein Abgrund voller Schrecken,
Welche düstre Kerkerkluft
Würde sich bei uns entdecken,
Welche grause Todesgruft?
Würde nicht dies Rund der Erden
Augenblicks zur Hölle werden,
Wenn der holden Sonnen Schein
Stets uns sollt entrissen sein?
Schwärzer als des Abgrunds Rachen
Wär die Welt ohn deinen Strahl,
Ein entsetzlichs Nest der Drachen,
Ein verwildert Mördertal,
Nichts als ewge Wüsteneien,
Wo nur Eulen würden schreien,
Wo Gespenster Bürger sind,
Blinder Larven Labyrinth.
Aber daß mit tausend Schätzen
Die so wunderschöne Welt
Alle Sinne kann ergetzen
Und unendlich wohlgefällt,
Daß sie aller Augen Wonne,
Macht dein Götterglanz, o Sonne;
Deine Schönheit prägt allein
Aller Welt die Schönheit ein.
Alle Kräft’ in unsrer Seelen
Ziehn sich in sich selbst zurück,
Um das Aug zum Sitz zu wählen
Und durch dessen klaren Blick
Sich an deinem Strahl zu nähren.
Ja, es fließen Freudenzähren,
Wobei doch die Seele lacht,
In Betrachtung deiner Pracht.
Welch ein majestätisch Prangen,
Welch ein heitrer Wunderglanz
Hält dein strahlend Rund umfangen!
Welch ein güldner Siegeskranz
Hat dir, unser Licht und Leben,
Dein durchläuchtigs Haupt umgeben!
Dein vom Schimmer reicher Schein
Prägt uns Lieb und Ehrfurcht ein.
Wann zumal dein herrlichs Prangen
Nach verschwundnem Regen strahlt
Und, da Duft und Sturm vergangen,
Die noch nasse Welt bemalt:
Was Bezaubernders auf Erden
Kann nicht ausgesonnen werden;
Dann vergleicht sich Wald und Feld
Jener neu-versprochnen Welt.
Denn durch solch entzückend Wetter
Scheint der Erden grüne Pracht,
Gras und Pflanzen, Kraut und Blätter,
Recht wie Silber und Smaragd,
Drauf die Tropfen, die vergüldet,
Nicht wie Perlen nur gebildet,
Sondern gar an Farb und Schein
Kleinen Sternchen ähnlich sein.
Deren Blitz und funkelnd Glänzen
Durch das Aug ins Herze dringt,
Wodurch denn aus seinen Grenzen
Sich der Geist zum Schöpfer schwingt.
Dann rührt ein erstaunt Gemüte
Gottes Wunder, Gottes Güte,
Und, erquickt durch solche Pracht,
Rühmt es den, der sie gemacht.
Wenn mein forschend Herz bedenket,
Wie die Sonne diese Welt
Nicht allein erleuchtet, lenket,
Schmückt, erwärmet und erhält,
Sondern noch viel andre zieret,
Dreht, belebt, bestrahlt, regieret,
Prägt ihr wundervoller Schein
Folgend Bild den Sinnen ein:
Erstlich sinken die Gedanken
In den hohlen Raum der Luft,
Drin sie schwindeln, stutzen, wanken
In Betrachtung dieser Gruft.
Denn wie tief ein Geist gedrungen,
Fühlt er sich dennoch verschlungen
Durch die tiefe Dunkelheit
Dieser Unermeßlichkeit..
Sichet man des Meeres Breite,
Muß man nicht erstaunt gestehn,
Daß die ungeheure Weite
Fast entsetzlich anzusehn?
Dennoch schwimmt, samt dem Gefäße,
Dieses Weltmeers Tief und Größe
In der Sonnen Meer von Glut,
Wie ein Tropf im Weltmeer ruht.
Ozean so vieler Erden,
Himmlisch Lichts- und Lebensmeer,
Reich, darin vereinigt werden
Dieser großen Körper Heer,
Zeiget nicht dein weit Gefilde
Die Unendlichkeit im Bilde,
Wenn ich ein unendlichs Blau
In des Himmels Höhen schau?
Dies durchsichtge Blau der Lüfte
Färbt sich durch dein Wunderlicht,
Welches selbst der tiefsten Grüfte
Unergründlichs Dunkle bricht.
Wenn sich deine Strahlen gatten
Mit dem grenzenlosen Schatten,
Sieht man die Unendlichkeit
Gleichsam durch ein blaues Kleid.
Dieser ungeheuren Gründe
(Die doch in sich selber leer)
Grund- und grenzenlose Schlünde
Schlagen, wie ein wallend Meer,
Über aller Geister Flammen,
Als ein’m Fünkchen, schnell zusammen,
Daß der Witz, als wie ersäuft,
Von dem Raum fast nichts begreift.
Dieser von den festen Sternen
Bloß allein umschränkte Kreis,
Den die Menschheit nicht zu lernen
Und nicht auszusinnen weiß,
Die von solcher Läng und Breite
Unermeßlich hohe Weite,
Der fast keine Größe gleich,
Ist der Sonnen Königreich.
Dies beherrschet und erfüllet
Ihr durchläuchtger Wunderstrahl,
Der beständig aus ihr quillet
Ohne Maß und ohne Zahl.
Auf, mein Herz, zu überlegen,
Auf, bewundernd zu erwägen,
Welch ein unumgrenzt Revier
Dieser Strahlenfürst regier!
Der Begriff von seiner Kronen
Schränkt, mit ewig hellem Schein,
Hunderttausend Millionen
Millionen Meilen ein,
Die er wärmt, erfüllt, durchstrahlet,
Sie belebt, beweget, malet.
Welche Tiefe, welch ein Reich,
Welche Größ ist dieser gleich?
Kommt, ihr irdischen Monarchen,
Die man fast wie Götter ehrt,
Die man nur von Größe schnarchen’
Und von Hoheit prahlen hört:
Welch von euren Königreichen
Kann sich diesem Reiche gleichen?
Wahrlich! Eurer aller Land
Ist hier kaum ein Körnchen Sand.
Selbst der ganze Kreis der Erden
Kann fast als ein bloßes Nichts,
Ja, wie nichts gerechnet werden
Bei dem Reiche dieses Lichts.
Der Planeten Heer verschwindet,
Weil sich keine Gleichheit findet;
In dem ungeheuren Raum
Spürt und rechnet man sie kaum.
Und in diesem weiten Kreise,
Der fast keine Grenzen kennt,
Herrscht sie nicht nur strahlenweise,
Sondern füllt ihn ungetrennt.
Unzerteilet, fest und dichte
Ist das Rund von diesem Lichte.
Nun erwägt einst’ diesen Schein,
Wie sein Licht so groß muß sein!
Wenn sie ihre Strahlen schösse
Bloß allein auf unsre Welt,
So erwägt die Läng und Größe!
Da sie nun auch seitwärts fällt
Und der Schein, der aus ihr quillet,
Alle Himmelsteile füllet,
So erstaunet Geist und Kiel,
Weil hier weder Maß noch Ziel.
Wenn man, was wir hievon lesen,
Und, was glaublich ist, erwägt,
Welch ein majestätisch Wesen
Gott der Sonne beigelegt,
Was für Macht er drin gesenket,
Ruft mein Herz, das dies bedenket:
Welch ein König! Welcher Thron!
Welch ein Reich und welche Kron!
Welch ein prächtiges Gefilde
Stellt sie den Gedanken für,
Wenn man auch nur als im Bilde
Der Planeten Glanz und Zier
Mit Aufmerksamkeit betrachtet,
Auf der Körper Größe achtet
Und dann auf das Wesen denkt,
Das sie schmückt, regiert und lenkt.
Sollt’ ein Mensch, im Geist erhoben,
Von der Erd entfernet stehn
Und der Sonnen Reich dort oben
Mit verklärten Augen sehn,
Welche Pracht aus allen Dingen
Würd ihm in die Seele dringen,
Säh er der Planeten Heer
Schwimmen wie im großen Meer!
Ihre Größe, ihre Menge,
Deren man schon sechzehn kennt,
Ihre Schönheit, ihre Gängel,
Wovon sich nicht einer trennt,
Sondern ordentlich bald steigen,
Bald sich wieder abwärts neigen:
Welch ein Schauspiel, welch ein Schein
Würde dies der Seele sein!
Welch ein unbeschreiblichs Prangen,
Welch ein unbegreiflichs Licht
Würd Herz, Aug und Geist befangen!
Welche Seel erstaunte nicht,
Dieser großen Kreaturen
Glanz, Bewegung und Figuren,
Die sich wunderwürdig drehn
Und verändern, anzusehn!
Würd Saturnus in der Nähe
Samt dem lichten Kreis erblickt,
Wenn man Jupiter so sähe
Mit vier Monden ausgeschmückt,
Wenn man die Gestalt, die Größe
Dieser Himmelskörper mäße:
Welch Erstaunen, welche Lust
Wirkten sie in unsrer Brust!
Wer den Himmel übersiehet
Und, soweit sein Auge reicht,
Diesen Raum in Zirkel ziehet,
Hat was, das der Größe gleicht,
Die wir am Saturnus fünden,
Wenn wir nahe bei ihm stünden.
Schätzt hieraus der Sonnen Staat,
Da sie solche Bürger hat!
Die (wird ihre Größ betrachtet)
Alle Sinnen übergehn,
Doch sind sie demungeachtet
In der Herrschaft kaum zu sehn.
Wenn ich bei der Sonnen Reiche
Ihrer aller Heer vergleiche,
Wird die weite Größe klein
Und scheint kaum ein Punkt zu sein.
Edle Quelle güldner Klarheit,
Deine Größe, Kraft und Pracht
Zeigen uns die große Wahrheit,
Daß der Gott, der dich gemacht,
Unbeschreiblich schöner, größer,
Unaussprechlich heitrer, besser,
Unbegreiflich herrlicher,
Höher und gewaltiger.
Hegt der Schatten soviel Strahlen,
Hats Geschöpf so großen Schein,
So muß ja zu tausend Malen
Leib und Schöpfer besser sein.
Aber dieses zu ergründen,
Fühl ich den Verstand verschwinden;
In Betrachtung dieses Lichts
Wird die Seele selbst zu nichts.
Gott, ruft die entzückte Seele,
Gott, Brunn aller Herrlichkeit,
Meines Wesens Andachtsöle
Brennet vor Zufriedenheit.
Ich verspür, wie meine Sinnen
Vor Vergnügen fast zerrinnen;
Meines Geistes rege Kraft
Schmilzt vor Lust und Leidenschaft.
Da wir nun die Wunderwerke
Einer Sonne nur betracht’t,
Auf denn, Seele, schau und merke
Bei recht hell gestirnter Nacht
An des Himmels tiefer Ferne
Soviel Sonnen als wie Sterne,
Wovon wir noch gern gestehn,
Daß wir nur die mindsten sehn.
Wären wir so hoch erhoben,
Als die höchsten Sterne stehn,
Würden wir aufs neue droben
Ebensolche Himmel sehn,
Ebensolche tiefe Ferne,
Ebensoviel andre Sterne:
Ja, dasselbe träfe man,
Wär man auch bei denen, an.
Ohne Grenzen, Grund und Schranken
Ist der Raum durch Gottes Hand
Uber aller Welt Gedanken
Unbegreiflich ausgespannt.
Dieser unumschränkten Weiten,
Ewiger Unendlichkeiten
Wundervolles Abgrundstal
Füllen Sterne sonder Zahl.
Nicht nur droben sind die Grüfte
Dieses Raumes grenzenlos,
Seitwärts streckt sich auch der Lüfte
Unergründlich hohler Schoß.
Selbst die Gegenfüßler sehen
Ebensoviel Sterne stehen;
Also wo man hin sich lenkt,
Ist der Himmel unumschränkt.
Wenn ein Geist die irdschen Glieder
Einst verließe, schnell entwich’
Und auf feurigem Gefieder
Durch des Himmels Abgrund strich’,
Dort die herrlichen Figuren
Der gestirnten Kreaturen
Und auf einmal in der Näh
Millionen Sonnen säh:
Wie würd ihm bei solcher Weite,
Wie würd ihm bei solchem Schein,
Solcher Lichter Größ und Breite,
Glut und Glanz zumute sein?
Würd er nicht in Lieb entbrennen?
Würd er sonst was denken können,
Als: O Gott, es rühme Dich
Alles, alles ewiglich!
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747

DIE WELT IST ALLEZEIT SCHON
Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.
Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.
Im Herbste sieht man als Opalen
Der Bäume bunte Blätter strahlen.
Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Flut und Land.
Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön.
DAS BLÜMCHEN JELÄNGER JELIEBER
Jüngst fragt ich den Gärtner: Wie heißt ihr die Blume?
Sie heißt, war die Antwort: Jelängerjelieber.
Ich lachte darüber;
Doch nahm ich den Namen zu Herzen: es ließ,
Als wann, dem allmächtigen Schöpfer zum Ruhme,
Dies Blümchen auf folgende Lehren uns wies’:
Ihr müsset von göttlicher Weisheit und Stärke
Die Proben nicht länger unachtsam verachten.
Ihr müsset des Schöpfers vortreffliche Werke
Je länger, je lieber betrachten.
KLAGE DER BÄUME ÜBER DIE LUFT
Die Bäume
Warum veränderst du dein sanft- und mildes Wesen,
Geliebte Luft, warum verkehrst du dich?
Warum verändert sich
Dein Säuseln in ein heftig Sausen,
Dein Lispeln in ein wildes Brausen?
Warum wird dein saphirnes Blau
Itzt falb und dunkelgrau?
Wie kömmt es, daß du uns entlaubest?
Du raubst dir deinen Schmuck, indem du uns beraubest,
Da wir ja fast für dich allein
So schön geziert gewesen sein.
Dein Reich war durch die grüne Pracht,
Die wir hervorgebracht,
Ja lustig, angenehm und schön
Und schöner fast, als wir selbst, anzusehn.
Besinne dich, nimm uns nicht unser Kleid,
Das dich zugleich geziert, mit solcher Heftigkeit.
Die Luft
Ihr übereilet euch, ihr werten Bäume, nur,
Ihr glaubt, ich schadete zugleich
So mir als euch.
Ach nein! Ich folge bloß der Ordnung der Natur;
Ihr wollt der Regel widerstehn,
Die unser Urquell uns gesetzt.
Der Kreislauf, der so weis’ als schön,
Würd unterbrochen und verletzt.
Die Lust, euch fröhlich anzusehn,
(So doch des Schöpfers Absicht war)
Würd allen Sterblichen vergehn,
Wenn eurer alten Blätter Schar
Beständig und unwandelbar
In einer gleichen Grünen bliebe
Und euch der Winter nicht vertriebe;
Damit bei einem frohen Lenzen
Ihr, ganz vergnüget, schöner glänzen,
Erneute Freud erregen möchtet
Und größre Lust im Wechsel brächtet,
Dem, dem auch mitten im Vergnügen,
Wofern kein Wechsel da, nichts lieblich scheint,
Und der nicht mächtig gnug, den mächtgen Feind,
Die alles dämpfende Gewohnheit, zu besiegen.
Drum, liebe Blätterchen, erbleichet,
Welkt allgemach, vergeht und weichet
Den künftgen Blättern aus dem Wege,
Damit durch ihre frische Pracht
Der Mensch, aus der Gewohnheit Nacht
Im Lenzen recht aufs neu erwacht,
Den, der die Welt so schön gemacht,
Mit neuer Andacht preisen möge!
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
ANFANG DES WINTERS
mit dem herannahenden Alter verglichen
Im Winter, wenn ich mit Vergnügen
Den noch nicht dick gefallnen Schnee
Nur dünn auf flachen Äckern liegen,
Sie decken und nicht decken seh,
Indem der Furchen Tiefen nur
Vom Schaum der Luft die weiße Spur
Uns in geraden Strichen zeigen,
Und daß wir die erhabnen Höhn,
Als ob sie aus den Tiefen steigen,
In einem braunen Schmuck noch sehn;
So kommt der ganze Acker mir
In einer sprenklig-grauen Zier,
Als wie bei uns ein sprenkligt Haar
Bei noch nicht vollem Alter für.
Man wird nur einzeln hier und dar
Ein glänzend Silberhaar gewahr,
Das noch die braunen unterdrücken.
Ob sie nun gleich die Scheitel schmücken,
Ist doch in der noch seltnen Pracht
(Wie hier des Winters kalte Nacht)
Das nahe Alter zu erblicken.
Doch schrecket beides mein Gesicht,
Da ich auf meines Scheitels Höhe
Auch schon dergleichen Schimmer sehe,
Mich, durch die Furcht vors Künftge, nicht.
Ich seh, gottlob!, auch hier die Spur
Der weisen Ordnung der Natur
Und denke, wenn die Felder weiß
Und unser Haupt-Schmuck völlig greis,
Daß wir dem Lenzen näher kommen,
Hier einem, der veränderlich,
Dort aber einem, welcher sich
Nicht ändert, der uns nie entnommen.
Ich seh indes, solang ich kann,
Des frühen Winters sanftes Prangen,
Das sich nur eben angefangen,
Als einen holden Vorwurf an:
Vergnüge mich nicht nur allein
An seinem silbergleichen Schein,
Ich denk auch, daß sein gleiches Bild,
So mir bereits mein Haupt erfüllt,
Mir, wenn ich nur vernünftig lebe,
Mehr Anmut noch als Schrecken gebe.
Da ich dort Gottes Ordnung sehe
Im frohen Wechsel unsrer Zeit;
So seh ich hier der Ewigkeit
Beglückten Frühling in der Nähe,
Den unsers Schöpfers Liebe fest
Nach meiner kurzen Tage Rest
Voll Zuversicht mich hoffen läßt.
Mich kränkt dabei kein Zweifel mehr,.
Da Gottes Ordnung feste stehet:
Denn hier sowohl als dorten gehet
Der Winter vor dem Frühling her.
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
BETRACHTUNG EINER SONDERBAR SCHONEN
WINTERLANDSCHAFT
Wie jüngst ein tiefer Schnee gefallen
Und gleich ein Regen drauf, bald aber wiederüm
Ein schneller Frost entstand, erstarrt’ vor dessen Grimm
Der Schnee, der eben schmolz. Da schien nun wie kristallen
Der Bäume glatte Schar,
Die fast im Augenblick als wie beharnischt war.
Es wurden wunderschnell so groß als kleine Sprossen
Von einem halb bereits erstarrten Naß beflossen
Und ringsum eingefaßt und eingeschlossen.
Sie waren ganz mit klarem Eis bedecket;
Das allerkleinste Zweiglein stecket
In einer eiskristallnen Stangen,
Die siebenmal so dick als wie es selbst. Daher
Die Äste denn, dieweil das Eis so schwer,
Gebogen all herunterhangen,
Wodurch der Bäume Heer
Den Palmen an Figur, an Glanz den Leuchterkronen
Von reinem Bergkristall, die hell poliert sind, glich.
Die ganze Landschaft sah daher verwunderlich,
Hell, prächtig, herrlich aus, zumal
Wie bei dem Untergang der niedre Sonnenstrahl
In, durch und an die klare Glätte fiel.
Es ist fast auf der Welt kein schöner Augenziel.
Der Glanz, den König’ oder Kaiser
An Kostbarkeiten zeigen können,
Sind nichts bei diesem Glanz zu rechnen, nicht zu nennen.
Ein Wald von Bergkristall voll diamantner Reiser
Sind überall zur Schau gestellt.
Ein dresdnisch grün Gewölb war jetzt die ganze Welt,
Weil nichts als spielende Brillanten,
Als schütternde, geschliffne Diamanten,
Soweit man sah, zu sehn.
Ich mußte hier jedoch der Menschen Meinung lachen,
Die so viel Prahlerei von Edelsteinen machen.
Wie leicht kann, dacht ich, die Natur
Juwelen überall bereiten!
Die Härte fehlet ja dem Eise nur,
So hat es alle Kostbarkeiten,
Pracht, Schimmer, Wasser, Feur und Schein
Und alle rare Seltenheiten,
Die im so hochgeschätzten Demant sein.
Man stell sich einen Saal, voll Leuchter an der Wand
Von oben ganz herab, von allerhand
Bald rund-, bald eckigten Korallen,
Von klaren Bergkristallen,
(In deren rein geschliffnen Spitzen
Viel tausend helle Kerzen blitzen)
Einst in Gedanken vor, so wird der bunte Schein
Doch schwach bei diesem Glänzen sein,
Das auf der Erd jetzt allgemein,
Da alle Bäume, alle Hügel
Wie Leuchterkronen, helle Spiegel,
Die selbst der Sonnen Wunderstrahl
An allen Orten trifft, bemalt, durchdringet, schmücket,
Im ungemeßnen Erdensaal
In einem hellen Glanz und Schein
Erstaunlich anzusehen sein.
Es wird mein Auge fast entzücket,
Da ich zur selben Zeit im Garten die Allee
Auf gleiche Weise
Durch den so schnell geschmolznen Schnee
In einem hell bestrahlten Eise
Nicht schimmern, feurig funkeln seh.
Sie war nicht anders anzuschauen
Als wie ein Weg, den man im Bergwerk aus Juwelen
Und Diamanten ausgehauen.
Wenn man durch fließenden geschmolzenen Kristall
Die Bäume ganz gezogen hätte,
So könnten sie in einer hellern Glätte,
Als wie sie damals überall,
Unmöglich funkeln, blitzen, glänzen.
Mein Leser, glaube nicht, daß mein Erzählen
Zu weit sei ausgedehnt. Es ist wahrhaftig wahr.
Und bin ich nicht geschickt,
Daß es durch meinen Kiel hoch, prächtig, ähnlich, klar
Und schön genug wird ausgedrückt,
Doch hab ich auch den Frost so gar ausnehmend schön
Nur bloß ein einzigs Mal gesehn.
Jedoch muß ich dabei gestehn:
Daß alle Schönheit doch ein Etwas, welches wild
Und rauh und fürchterlich, zugleich uns zeigte.
Denn da ein jeder Baum sich ganz herabwärts beugte,
War Weg und Steg versperrt. Hierüber fiel mir ein:
Wie muß doch dem zumute sein,
Der jetzt durch Wälder reisen muß?
Ich stellte mir
Davon viel Gräßliches und sehr Gefährlichs für.
Doch hast du bald darauf, gelehrter Clodius,
Den eben über mein Verhoffen
Dies Ungemach getroffen,
Es mir weit schrecklicher, als ich mir vorgestellt.
Kurz: wirklich war zu dieser Zeit die Welt
Mit Schönheit und Gefahr, mit Lust und Last erfüllt.
Sie war ein lieblich Schreckenbild.
Entsetzlich angenehm, erschrecklich schön
(Man sage, was man will) war alles anzusehn.
Des Eises schöner Glanz, das durch die schwere Last
So manchen Ast
So sehr beschwert’ und abwärts beugte,
Ja viele gar zerbrach, zerknickte,
Und manchen ganzen Baum so gar zur Erden drückte,
War mir nicht nur ein Beispiel mancher Schönen,
Die oft durch eigner Schönheit Pracht
Zu Unglück kömmt, und wird zu Fall gebracht;
Es ließ zugleich dies lieblich rauhe Wesen
Vom Zustand unsrer Welt mir eine Lehre lesen:
Wie in so schönem Frost sich Pein und Schein vereinet
Und unser Aug erschrecket und erfrischt,
So ist mit Gutem auch das Böse stets vermischt.
Daher, was jener sagt, die Wahrheit, wie es scheinet:
„Im Himmel”, spricht er, ,ist vollkommne Seligkeit,
Und in der Hölle nichts als Qual,
Auf Erden bindet sich hingegen Lust und Leid
Fast allemal”
Vergeht nun gleich des Winters schöner Schimmer
Viel eh noch als die Unbequemlichkeit,
So währt doch auch der scharfe Frost nicht immer.
Es jagt ihn samt dem kalten Nord
Zu rechter Zeit der frohe Frühling fort.
Darum verzweifle nicht, wenn rauhe Winde wehn,
Doch sei auch nicht zu stolz, wenn alles still und schön!
Vielmehr gedenk, sowohl im Sturm, als in der Stille:
Es muß so sein, es ist des Schöpfers Wille.
Laß dich den Glanz zum Trost, den Frost zur Demut bringen,
Und denke: wunderbar ist Gott in allen Dingen.
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747

DIE ZEIT
Bei dem Anfange des 1718. Jahres
Nachdem mit unvermerktem Schritt
Das alte Jahr nunmehr verschwunden
Und sich ein neues eingefunden
Mit gleichfalls unvermerktem Tritt,
Reizt mich der Jahre Flüchtigkeit,
Genauer, als bisher geschehn,
Der Jahr’ und Stunden Quell, die Zeit,
Ohn alles Vorurteil, womöglich, anzusehn.
Wann unser irdischer Planet
Im Schatten bald und bald im Sonnenstrahl
Dreihundertfünfundsechzigmal
Sich um sich selbst herumgedreht
Und so zugleich den großen Kreis vollendet,
In welchem ihn der Sonnen Lebensbrand
Durch Gottes mächtge Wunderhand
Beständig um sich dreht und wendet,
So haben wir hiedurch in Jahre, Tag’ und Stunden
Uns, was nicht teilbar ist, zu teilen unterwunden
Und gleichsam einem Teil der dunkeln Ewigkeit,
Die unzertrennlich währt, worin wir alle schweben,
Den Namen Zeit,
Die zu vergehen scheint, da wir vergehn, gegeben.
Doch wenn mans recht erwägt, so scheinet, durch den Schein,
Der Stolz ein falsches Bild uns hievon einzudrücken:
Wir wollen dauerhaft, die Zeit soll flüchtig sein.
Drum malen wir sie bald mit Flügeln auf dem Rücken,
Bald klagt man: Ach, wie fleucht, ach, wie vergeht die Zeit!
Da jeder doch, wenn er der Zeit Beschaffenheit
Gebührend untersucht, gewiß gestehet,
Daß bloß die Kreatur und keine Zeit vergehet.
Wie wann ein schnelles Schiff der Wellen Fläche teilet
Und neben einem Strand mit vollen Segeln eilet,
Der unbewegte Strand sich zu bewegen scheint,
Und wie man lange Zeit, vom Schein getäuscht, gemeint,
Die Sonne drehe sich, da wir doch mit der Erden
Um ihr erquickend Feur gedrehet werden,
Nicht anders geht es uns nach unserm alten Brauch
Mit Zeit und Leben auch.
Man sieht den Tag vergehn, man hört den Zeiger schlagen,
Man wundert sich, wie schnell sich Zeit und Stunden jagen,
Die doch, wie Sonn und Strand, beim flüchtgen Ansehn stehn,
Da wir, wie Erd und Schiff, dem Schein nach fest, vergehn.
Der Irrtum nun ist schlimmer, als man meint:
Weil von der Zeit der Mensch nichts anders glaubet,
Als daß sie alles stürzt, verderbt und raubet,
Hält er die Zeit für seinen Feind,
Und scheints, ob toll er auch nicht ungerochen sterben.
Drum suchet er, sie wieder zu verderben,
Bis er, wiewohl gar oft zu spät, verspürt,
Daß er nur sich und nicht die Zeit verliert.
Die Erde drehet sich, und dies ihr stetes Drehen
Gebiert uns Tag und Nacht,
Da wir die Sterne bald und bald der Sonnen Pracht
In unverändertem beständgen Wechsel sehen.
Das Drehn der Welt gebiert Herbst, Frühling, Hitz und Kält;
Es wechselt durch dies Drehn das Wetter in der Welt,
Und dieser Wechsel ists, der uns die Augen blendet:
Man glaubt, die Zeit vergeh, wie Nacht und Tag sich. endet;
Man meint, sie ändre sich als wie die Kält und Hitze;
Man denkt, sie wechsle so wie Regen, Sturm und Blitze,
Da doch die Ewigkeit kein Schatten und kein Licht,
Kein Herbst noch Frühling teilt, kein Wetter unterbricht,
Als die in Gott allein unendlich, ungetrennet,
Unteilbar, unbegrenzt und unveränderlich
In ewger Ruhe ruht, in tiefer Stille sich
Unwandelbar gebiert, doch keinen Anfang kennet
Und alles, ohne Schluß, allgegenwärtig füllt.
Wie unbegreiflich nun dies ewig stete Wesen,
So deucht mich doch, ich seh ein ihm nicht ungleich Bild
Und könn am Himmel es fast mit den Augen lesen:
Wann nämlich, durchs Gesicht, mein Geist sich aufwärts lenkt,
Sich in den tiefen Raum des Firmamentes senkt
Und durch den Zwischenstand der stet- und regen Sterne
An einen Ort gedenkt,
Der von dem Erdenkreis so ferne,
Daß ihn ihr Schatten nicht im Drehen treffen kann,
So deucht mich, treff ich da was Ewig-Ruhigs an.
Dort ist kein Sturm, kein Wind, kein Morgen, keine Nacht,
Kein Wetter, keine Luft, nichts, das Bewegung macht,
Kein Nebel, kein Geräusch, kein Jahr und keine Zeit.
Scheint also dies ein Raum, der von der Ewigkeit
Uns fast was Sichtbares und Wesentliches zeiget.
Der bloß aus Tief’ und Licht erzeugte blaue Schein
Scheint der Unendlichkeit wahrhaftes Bild zu sein.
Indem mein Geist von hier nun noch weit höher steiget
Zum Schöpfer dieses Raums, aus welchem alles quillet,
Der aller Ewigkeit Unendlichkeiten füllet,
Erwäg ich seine Größ und meine Niedrigkeit,
Sein Alles und mein Nichts, und voller Andachtstriebe
Besing ich seine Macht und Liebe
In ehrerbietigster Gelassenheit:
Daß er das Teil von unserm Leben,
Das vorge Jahr, gekrönt mit seinem Gut
Und uns Glück, Heil und Lust in seiner sichern Hut
So überschwenglich hat gegeben,
Und flehe seine Huld, die alles kann,
In heißer Andacht ferner an:
Gott, in welchem alles ruht,
Was entsteht und was vergehet,
Vor dem unsrer Zeiten Flut
Ewig gegenwärtig stehet,
Gott, vor welchem tausend Jahr
Wie der Tag, der gestern war,
Laß, solange wir auf Erden
Dauren werden,
Unsers Lebens Zweck allein
Deines Namens Ehre sein!
Laß uns doch in Deinen Werken
Deine Lieb und Macht bemerken,
Bis Du wirst nach diesem Leben
Uns noch mehr Erkenntnis geben!
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
SCHLUSS
Des großen Schöpfers Wundermacht
Hab ich so manches Mal besungen.
Von Seiner Kreaturen Pracht
Hat oft mein Saitenspiel geklungen.
Ich habe von der schönen Welt
Verschiednes andern vorgestellt.
Ich hab auch dann und wann gespüret,
Daß manchen mein Gesang gerühret,
Und daß, was man von mir gelesen,
Nicht immer ohne Nutz gewesen.
Allein,
Wenn ich nun alles überlege,
Und alles, was ich schrieb, erwäge:
Was ist doch wohl von allem mein?
Nicht die von mir besungne Pracht,
Nicht das, was ich davon gedacht,
Nicht das, was ich davon geschrieben,
Nicht, was mich dazu angetrieben,
Nicht der Verstand, nicht das Vermögen,
Die Sinnen nicht, nicht das Erwägen,
Nicht Zeit, nicht Umständ, Ort und Ruh,
Ja kaum der Wille hört mir zu.
Indem wir alle gute Gaben
Vom Schöpfer bloß empfangen haben.
So opfre ich denn meine Lieder
Dem, der sie mir geschenket, wieder,
Und schreibe denen, die sie lesen,
Da die Natur in meinem Klang
Sich selber, und nicht ich, besang,
Daß ich das Werkzeug bloß gewesen.
Barthold Hinrich Brockes 1680-1747
Brockes, Barthold Hinrich, Irdisches Vergnügen in Gott. Gedichte. Auswahl und Nachwort von Adalbert Elsenbroich, Stuttgart 1963, (Reclam)
