Het hermeneutisch proces

Georg Steiner, Nach Babel. Aspekte der Sprache und des Übersetzens. Schriften 5. Deutsch von Monika Plessner unter Mitwirkung von Henriette Beese, Berlin 2014 (Suhrkamp), pag.311- 320

5. Der hermeneutische Prozeß

Der hermeneutische Prozeß zwischensprachlichen Übersetzens, das Aufspüren, Aneignen und Übertragen von Bedeutung, durchmisst vier Phasen. Die einleitende ist Vertrauen, eine Vorleistung von Glauben an die Bedeutungshaltigkeit des Textes, den der Übersetzer vor sich oder, strenggenommen, »gegen sich« hat. Zwar kann er sich dabei auf früher gemachte Erfahrungen stützen, aber sein Vertrauen darauf, daß der Text »seriös« und »der Mühe wert« sei, ist erkenntnistheoretisch ungedeckt und psychologisch nicht ungefährlich. Dennoch wagt er den Sprung: Er billigt dem Text von vornherein zu, daß »da etwas ist«, das sich verstehen läßt, daß die Transaktion nicht umsonst sein wird. Alles Verstehen und so auch jene demonstrative Behauptung von Verstehen, die das Übersetzen ausmacht, beginnen mit einem normalerweise spontanen, ungeprüften Glauben, dessen Grundlagen allerdings höchst komplex sind. Als praktische Übereinkunft beruht er auf einer Reihe phänomenologischer Annahmen über die Kohärenz der Welt, über das Vorhandensein von Bedeutung in ganz verschiedenen, vielleicht formal entgegengesetzten semantischen Systemen, über die Stichhaltigkeit von Analogie und Parallele. Die fundamentale Großmut des Übersetzers (»Ich gebe ohne weiteres zu, dass da etwas sein muß«), sein hochgemutes Vertrauen auf den »anderen«, auf seine einstweilen noch nicht erprobte und fixierte Alternität der Aussage, ist ein massiver, philosophisch höchst ernst zu nehmender Hinweis auf den menschlichen Hang, die Welt symbolisch aufzufassen, als ein Gebilde aus Beziehungen, in denen »dieses« für »jenes« stehen kann, ja muß, wenn es überhaupt Strukturen und Bedeutungen geben soll.

Aber das Vertrauen darf niemals unwiderruflich sein. In harmloser Form wird es durch Unsinn getrogen, durch die Entdeckung, daß »da nichts ist«, was sich herausfinden und übersetzen ließe. Nonsense-Poesie, »poésie concrète«, Glossolalie sind unübersetzbar, weil sie lexikalisch nicht auswechselbar sind oder absichtlich nichts bezeichnen. Mehr oder weniger ernstlich auf die Probe gestellt wird das vorgefaßte Vertrauen jedoch schon beim ganz alltäglichen Lernen und Übersetzen (beides ist eng miteinander verknüpft) einer Fremdsprache. Das Schulkind vor seinem Lateinbuch, der Anfänger in der Berlitz School behaupten verzweifelt: »das ergibt keinen Sinn«. Man kann dabei fast körperlich das Gefühl haben, ins Leere zu greifen, als hätte man eine glatte, abschüssige Fläche vor sich, die keinerlei Halt bietet. Der soziale Ansporn, der Beweis durch bekannte Präzedenzfälle – »andere haben es doch auch geschafft« – sorgen dafür, daß man nicht aufgibt. Aber die Vertrauensleistung bleibt ontologisch spontan und antizipiert schon, oft über lange, mühselige Zeitabstände hinweg, den Nachweis ihrer Berechtigung. (Es gibt Texte, sagt Walter Benjamin, die erst »nach uns« übersetzt sein werden.) Wenn der Übersetzer sich ans Werk macht, muß er wie ein Spieler auf die Kohärenz, auf die Symbolfülle der Welt setzen. Infolgedessen setzt er sich selbst – allerdings nur in extremen und theoretisch zugespitzten Fällen – zwei dialektisch verbundenen, einander bedingenden metaphysischen Risiken aus: wenn er nämlich entdeckt, dass »etwas« oder »fast alles« »schlechthin alles« bedeuten kann. Wie die mittelalterlichen Exegeten erfährt er einen Wirbel selbsttätig rotierender Metaphern oder analogischer Verkettungen. Oder er entdeckt, daf »da nichts ist«, das sich von seiner formalen Autonomie ablösen ließe, daß jede Bedeutung, die ausdruckswürdig wäre, monadisch ist und sich in keine alternative Form gießen läßt. In der Kabbalistik gibt es Spekulationen, auf die ich noch einmal zu sprechen komme, über einen Tag, an dem die Wörter »die Bürde, etwas bedeuten zu müssen«, abwerfen und nur sie selbst sein werden, leer und kompakt wie Steine.

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Dem Vertrauen folgt die Aggression. Die zweite Phase des Übersetzens ist eine Invasion, ein Beutefeldzug. Auf sie bezieht sich der Heideggersche Gedanke, daß Verstehen die aktive und gewaltsame Aneignung von Da-Sein durch Erkenntnis ist. Da-Sein, das-da, das, was ist, weil es da ist, gelangt zum Sein nur, wenn es erfaßt, das heißt, übersetzt wird.’ Das Postulat, daß alle Erkenntnis aggressiv ist, daß jede Behauptung ein Einfall in die Welt ist, geht natürlich auf Hegel zurück. Heidegger hat das Verdienst, gezeigt zu haben, daß Verstehen, Erkennen, Interpretieren eine verdichtete, unvermeidliche Art von Überfall sind. Wir wollen sein Beharren darauf, daß Verstehen nicht Sache der Methode, sondern des Seins selbst ist, daß Sein im Verstehen anderen Seins besteht, auf das harmlosere, begrenztere Axiom einschränken, daß jeder Akt des Erfassens die Aneignung einer anderen Entität ist (wir übersetzen in eine andere Sprache). Begreifen, Erfassen sind, wie die Etymologie zeigt, nicht nur kognitive Vorgänge, sondern solche der physischen Aneignung. Die zwischensprachliche Übersetzung ist ausdrücklich ein aggressives, »erschöpfendes« Einkreisungsmanöver, nach dessen Gelingen der Übersetzer als siegreicher Eroberer die fremde Bedeutung als Gefangenen nach Hause bringt – ganz wie im Gleichnis des heiligen Hieronymus. Wir »brechen« – oder »knacken« sogar – einen Code: Entzifferung ist Aufspaltung, die Schale zerbricht, die lebendigen Schichten sind entblößt. Jedes Schulkind, aber auch der große Übersetzer, spürt etwas von der Substanzveränderung, welche die Folge einer langwierigen oder schwierigen Übersetzung ist: Der Text in der anderen Sprache ist materiell »dünner« geworden, das Licht scheint unbehindert durch das poröse Gewebe. Für ein Weilchen hat sich das Dickicht feindseliger oder verlockender »Anders-heit« gelichtet. Ortega y Gasset hat von der Trauer des Übersetzers nach dem Mißlingen gesprochen. Es gibt auch eine Trauer nach dem Gelingen: die »tristitia« des heiligen Augustinus, die auf die verwandten Akte erotischer und geistiger Besitzergreifung folgt.

Der Übersetzer dringt ein, raubt und heimst ein. Das Gleichnis läßt an einen aufgebrochenen, ausgeplünderten Stollen denken, der als häßliche Narbe in der Landschaft zurückbleibt. Aber das ist, wie wir sehen werden, entweder ein falscher Eindruck oder das Anzeichen für eine schlechte Übersetzung. Allerdings gibt es wie für das Vertrauen so auch hier echte Grenzfälle: Texte oder ganze literarische Gattungen, die tatsächlich durch Übersetzung ausgeschöpft oder entleert sind. Viel interessanter sind jedoch jene anderen, die zwar im Original verblassen, aber durch die übersetzerische Transfiguration und Durchdringung über es hinauswuchsen, weil der neue Text ästhetisch von höherem Rang ist (die Sonette der Louise Labé nach der Umdichtung von Rilke). Auf dieses Paradoxon des Verrats durch Verklärung werde ich noch zurückkommen.

Die dritte Phase ist – ganz wörtlich zu nehmen – die Einverleibung. Form und Bedeutung des Beuteguts werden keinem Vakuum inkorporiert. Das heimische semantische Feld des Übersetzers ist reich bevölkert. Die unzähligen Schattierungen der Assimilierung und Lokalisierung des Neuerwerbs reichen von der totalen Domestizierung, dem totalen Aufgehobensein im Kern des neuen Sprachzusammenhanges, wie die Kulturgeschichte sie etwa der Luther-Bibel oder North’ Plutarch zuschreibt, bis zu permanenter Fremdheit, der Randexistenz eines kunstvollen Produktes wie dem »Eugen Onegin« in »englischer Sprache« von Nabokov. Bis zu welchem Grade die »Naturalisierung« aber auch reichen mag, allein der Vorgang des Imports kann die ganze einheimische Struktur aus dem Geleise bringen oder verschieben. Aus dem Gedanken Heideggers, daß wir sind, was wir verstehen, folgt, daß unser Sein durch jedes Ereignis verstehender Aneignung modifiziert wird. Keine Sprache, kein überliefertes Symbolsystem oder kulturelles Ensemble importiert ohne das Risiko, transformiert zu werden. Zwei vermutlich verwandte Familien von Metaphern bieten sich hier an: die der sakramentalen Speisung oder Inkarnation und die der Infektion. Bei der Kommunion geht es um einen sittlich-seelischen Wertgewinn für den Empfänger. Obwohl alle Dechiffrierung aggressiv und in gewissem Sinne destruktiv ist, gibt es Unterschiede hinsichtlich des Motivs und Kontextes der Einverleibung. Wo die einheimische Matrix aus den Fugen geraten oder noch nicht ausgereift ist, bereichert das eingeführte Gut weder, noch findet sich ein passender Ort für es. Statt eines Widerhalls entsteht nur geschwätzige Mimikri (der französische Neoklassizismus in seiner nordeuropäischen, deutschen und russischen Version). Antike oder fremdsprachliche Zufuhr kann sich wie eine Infektionskrankheit ausbreiten. Nach einer gewissen Zeit reagiert der muttersprachliche Organismus und wird den Fremdkörper unschädlich machen oder abstossen. Die europäische Romantik war zu einem großen Teil eine Abwehrreaktion auf eine solche Infektion, der Versuch, eine Einfuhrsperre über den Massenandrang fremder – hauptsächlich französischer – Güter aus dem 18. Jahrhundert zu verhängen. Jedes Pidgin ist Zeichen einer Anstrengung, eine Zone für die angestammte Sprache freizuhalten, und beweist zugleich, daß dieser Versuch unter dem Ansturm einer Sprach-Invasion mißlingen muß, die sich politischer und wirtschaftlicher Sanktionen bedient. Die Dialektik der »Einverleibung« macht es möglich, daß man selbst gefressen wird.

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Auch der Übersetzer als Person steht unter dem Gesetz dieser Dialektik. Seine Tätigkeit bereichert seine Mittel, ermöglicht ihm die Inkarnation alternativer Energien und Quellen der Empfindung; aber sie kann ihn auch übermannen und lähmen. Es gibt Übersetzer, deren Kraft zu eigenem Schaffen versiegt. MacKenna meint, Plotin habe seine eigene Persönlichkeit buchstäblich überschwemmt. Manche Schriftsteller haben, manchmal zu spät, vom Übersetzen abgelassen, weil die eingeatmete Stimme des fremden Textes ihre eigene zu ersticken drohte. Ganze Gesellschaften mit uralten, aber schon brüchigen Erkenntnismitteln in Symbol und Ritual geraten aus dem Gleichgewicht und verlieren den Glauben an ihre eigene Identität, wenn sie dem gefräßigen Ansturm eines verfrühten oder unverdaulichen Assimilationsvorgangs ausgesetzt werden. Ein unheimliches und vielschichtiges Bild der Gefahren des Übersetzens sind die Kargo-Kulte auf Neuguinea, wo die Eingeborenen alles, was die Flugzeuge abladen, mit religiöser Inbrunst verehren.

Darin kommt schon zum Ausdruck, wie unvollständig, wie gefährlich, weil unvollständig, der hermeneutische Prozeß ohne die vierte Phase ist, den Kolbenhub gleichsam, der den Zyklus erst komplett macht. Der Kraftaufwand des a priori verschenkten Vertrauens bringt den Übersetzer aus der Balance. Er muß sich an den fremden Text, sein Gegenüber, »anlehnen«, sich auf ihn »stützen« (eine gleichsam physische Erfahrung, die wahrscheinlich jeder Übersetzer kennt). Dann kommt die geistige Umzingelung und anschließend die Invasion. Mit schwerer Beute befrachtet, also wieder aus dem Gleichgewicht gebracht, wird er schließlich heimisch, nur um festzustellen, daß er, da er dem »anderen« etwas genommen und es dem eigenen – mit noch zweifelhaftem Erfolg -hinzugefügt hat, im ganzen System eine Ungleichgewichtigkeit verursacht hat. Der hermeneutische Akt muß Ausgleich schaffen. Wenn er gerät, vermittelt er nun Austausch und eine neue Parität.

Die eigentliche Crux des Übersetzers, seines Berufs und seiner Berufsehre, ist, daß er, um ein von ihm gestörtes Gleichgewicht wiederherstellen zu können, Reziprozität behaupten und darstellen muß. Abstrakt läßt sich das nur schwer fassen. Nach der »hingerissenen« – Wurzel und Bedeutung des Wortes verweisen natürlich auf einen gewalttätigen Vorgang –  Aneignung durch den Übersetzer bleibt dem Original ein dialektisch-enigmatischer Rest. Zweifelsohne hat es einen Verlust, einen »Bruch« erlitten – daher, wie wir gesehen haben, die Furcht vor Übersetzung, die Tabus auf der Ausfuhr von Offenbarungsinhalten, die die sakralen Schriften, rituellen Namen und Formeln in vielen Kulturen schützen. Aber der Rest ist auch – und das ganz entschieden – positiv. Das übersetzte Werk hat zugenommen, und zwar auf einer Reihe offen erkennbarer Ebenen. Als methodische Durchdringung und analytisch spezifizierender Prozeß muß die Übersetzung wie alles konzentrierte Verstehen jede Einzelheit ihres Gegenstandes berücksichtigen und ihn als ganzen beleuchten und darstellen. Die Überdeterminierung des interpretatorischen Aktes ist in sich inflationär: er »entdeckt mehr, als man mit bloßem Auge erkennen kann«, er findet »die Übereinstimmung von Inhalt und Form inniger und vertrackter, als man bisher bemerkt hat«. Einen Text für übersetzenswert zu halten bedeutet unmittelbar, ihm eine erhöhte Würde zuzusprechen und ihn in einen Dynamismus der Vergrößerung hineinzuziehen (was man natürlich später überdenken und vielleicht sogar rückgängig machen kann). Übertragung und Umschreibung vergrößern die Statur des Originals. Historisch gesehen, in Begriffen des kulturellen Kontextes und des erreichbaren Publikums, gewinnt es mehr Prestige. Aber dieses Wachstum ist auch noch aus einer wichtigeren, existentiellen Perspektive zu sehen. Die Beziehungen zwischen einem Original und seinen Übersetzungen, Nachahmungen, thematischen Abwandlungen, ja selbst Parodien, sind so vielfältig, daß man sie nicht in ein einheitliches theoretisches Definitionsschema pressen kann. Sie liefern die Kategorien für das ganze Problem des Bedeutens von Bedeutung im Ablauf der Zeit, des Fortbestandes und Weiterwirkens von Sprachfakten, losgelöst von ihrer ursprünglichen Formulierung. Kein Zweifel: Echo bereichert, ist mehr als Schatten und lebloses Abbild. Wie ein Spiegel reflektiert die Übersetzung nicht nur, sie leuchtet auch selbst. Der Originaltext gewinnt durch verschiedene Verhältnisse und Abstände zwischen ihm und seinen Übersetzungen. Die Reziprozität ist dialektisch: Abstand und Nähe verändern das »Format« der Signifikanz. Manche Übersetzungen lassen uns von der Leinwand zurücktreten, andere stellen uns dicht vor sie hin.

Das trifft sogar oder vielleicht gerade auf Übersetzungen zu, die nur teilweise adäquat sind. Die Fehler des Übersetzers (ich werde noch Beispiele geben) fixieren das zähe Leben, die dunklen Stellen des Originals und projizieren sie auf den Bildschirm. Ein Postulat Hegels und Heideggers ist, daß Sein anderes Sein braucht, um sich selbst zu definieren. Für die Sprache trifft das nur eingeschränkt zu, weil sie sich auf der phonetischen und grammatischen Ebene in den Grenzen eigener diakritischer Differenzierung bewegt. Aber pragmatisch stimmt es immer – außer bei den elementarsten Akten von Form und Ausdruck. Dasein in der Geschichte, der Anspruch auf erkennbare Identität (Stil) gründen in den Beziehungen zu anderen artikulierten Gebilden. Übersetzung ist die anschaulichste unter solchen Beziehungen.

Dennoch herrscht Ungleichgewichtigkeit. Der Übersetzer hat dem Original zu viel oder zu wenig entnommen: Er hat ausgestopft, ausgeschmückt, in es »hinein gelesen« oder weggelassen, beschnitten, Unebenheiten geglättet. Die Quelle hat Energie abgegeben, das Becken hat Energie aufgenommen. Dadurch sind beide verändert und mit ihnen die Harmonie des ganzen Systems. Charles Péguy hat die. Unvermeidlichkeit der Beschädigung des Originals in seiner Kritik der Sophokles-Übersetzungen von Leconte de Lisle unübertrefflich formuliert: »ce que la réalité nous enseigne impitoyablement et sans aucune exception, c’est que toute opération de cet ordre, toute opération de déplacement, sans aucune exception, entraîne impitoyablement et irrévocablement une déperdition, une altération, et que cette déperdition, cette altération est toujours considérable«. Jede gute Übersetzung ist deshalb um Ausgleich bemüht, auch wenn die vermittelnden Schritte über lange Umwege führen. Wo die authentische Übersetzung hinter dem Original zurückbleibt, werden dessen unverwechselbare Vorzüge um so deutlicher (Voss ist oft an ausgesprochenen Höhepunkten seines Homer schwach, aber gerade die luzide Redlichkeit seiner gelegentlichen Mängel unterstreicht die Kraft des Griechischen). Wo sie das Original übertrifft, legt sie den Schluss nahe, daß ihm elementare Kräfte innewohnen, die es selbst noch nicht zum Erscheinen gebracht hat. Das meint Schleiermacher, wenn er an eine Hermeneutik denkt, »die es besser weiß als der Autor« (Paul Celan als Ubersetzer der »Salome« von Apollinaire). Das nie erreichte Ideal ist das vollkommene Gegenstück, die Wiederholung, eine erneute Beschwörung, die aber keine Tautologie ist. Ein solches vollkommenes »Double« gibt es nicht. Aber am Ideal wird das Bedürfnis nach Ausgleich im hermeneutischen Prozeß erst ganz deutlich.

Nur auf diese Weise können wir, meine ich, dem Schlüsselbegriff der übersetzerischen »Treue« substantielle Bedeutung geben. Treue ist nicht Wörtlichkeit und schon gar keine technische Anweisung dazu, wie man »Geist« überträgt. Die ganze Ausdrucksweise, die in Diskussionen über das Übersetzen bis zum Überdruß vorkommt, ist hoffnungslos vage. Der Übersetzer, der Exeget, der Leser ist seinem Text nur dann treu, gibt ihm verantwortlich Antwort, wenn er um das Gleichgewicht der Kräfte, die Wiederherstellung der intakten Präsenz bemüht ist, die er durch das aneignende Verstehen gestört hat. Treue ist zwar sicherlich ein moralischer, aber unbedingt auch ein ökonomischer Wert. Dank eines haushälterischen Taktes – und Moral ist gesteigerter Takt – kann der Übersetzer-Interpret die Bedingungen für den Austausch von Bedeutungen schaffen. Die Bedeutungsmesser, die Zähler der kulturellen, psychologischen Wohltaten bewegen sich in beiden Richtungen. Im Idealfall kommt dabei Tausch ohne Verlust zustande. So gesehen, ist Übersetzung eine Widerlegung der Entropie; Ordnung wird an beiden Enden des Zyklus gewahrt, an der Quelle und beim Empfänger. Das allgemeine Modell dafür liefert die »Anthropologie structurale« von Lévi-Strauss, nach der gesellschaftliche Strukturen Versuche sind, durch Tausch von Worten, Weibern und Waren ein dynamisches Gleichgewicht herzustellen. Jede Beute muß nachträglich kompensiert werden; Äußerung verlangt Antwort, Endogamie und Exogamie sind Ausgleichsmechanismen. Im semantischen Gütertausch ist wieder einmal die Übersetzung der Umschlagplatz mit den ausgeglichensten Bilanzen. Der Übersetzer muß Rechenschaft ablegen über die diachronen und synchronen Bedeutungsenergien, ihre Mobilität und Konservierung. Eine Übersetzung ist nicht nur im übertragenen Sinne eine doppelte Buchführung; formal und moralisch müssen die Bücher übereinstimmen. Diese Definition der Übersetzung als Hermeneutik des Vertrauens (»élancement«), des Eindringens, der Eingemeindung und der Restitution wird uns helfen, das sterile triadische Modell zu überwinden, das die Geschichte und Theorie des Themas beherrscht hat. Die zählebige Unterscheidung zwischen Wörtlichkeit, Paraphrase und freier Nachahmung stellt sich als ganz zufällig und beliebig heraus. Sie ist ungenau und entbehrt jeder philosophischen Grundlage. Sie geht an der fundamentalen Tatsache vorbei, daß eine vierfache »hermeneia« – das Wort des Aristoteles für die menschliche Rede, die bedeutet, weil sie deutet – theoretisch und praktisch noch zur schlichtesten Übersetzung gehört. […]

Das Fehlen des Artikels im Russischen kann bekanntlich Zwei- und Vieldeutigkeiten zur Folge haben, die sich im Englischen gar nicht oder nur durch weitschweifige Umschreibung erreichen lassen. Ahnlich drastische Schwierigkeiten können aber auch im Französischen auftauchen. Ein berühmtes Beispiel ist Genesis 1,3: »Fiat lux. Et facta est lux. « – eine ebenso lapidare wie einprägsame Wortfolge, die phonetisch und grammatisch ein unerhörtes und zugleich selbstverständliches Phänomen bekundet. (Haydn erreicht dieselbe Wirkung mit der Vertonung der Stelle in der »Schöpfung«.) Die italienische Übersetzung: »Sia luce. E fu luce. «- besteht zwar aus fünf statt aus sechs Wörtern und wäre insofern noch lapidarer, wenn nicht das weiche c und die Betonung des Genus in »luce« (das lateinische »lux« war – wenn auch nicht immer, wie die Stelle beweist – männlich) die herrscherliche Hoheit der Vulgata verweiblichen und musikalisieren würden. »Es werde Licht. Und es ward Licht« entspricht genau dem Lateinischen – bis auf ein Detail: Das semantisch unbestimmte »Es« ist unentbehrlich. (…)

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