Realiteit

Wat is realiteit – wat is droom? Als we wakker zijn houden we dat meestal voor realiteit, maar ligt het wel zo eenvoudig? De Duitse schrijver Durs Grünbein schrijft daar het volgende over – wat ik graag hier citeer:

Durs Grünbein: Realität

Ganz insgesamt wird das, was man die Realität nennt, überschätzt. Ist sie doch als Tageserscheinung, Gesamtheit des im Wachzustand wahrgenommenen Realen, nur ein Teil des psychischen Geschehens, und nicht einmal der überwiegende, schon gar nicht der überwältigende, weil wir uns allzu schnell an die sogenannte Wirklichkeit gewöhnen und ihrer kaum achten, wenn wir erst einmal in ihr wie die Fische im Wasser schwimmen. Realität also ist nicht, wie man nach ihrer Stellung im Menschenleben annehmen sollte, die Hälfte des Erlebten – und doch steht allein sie für das Maß aller Dinge.

Ist es aber nicht gerade umgekehrt? Ist nicht der Traum der Bildner, der uns das im Wachzustand Erlebte erst aufschließt und anschaulich macht? Der Traum mag oft tauschen – die Realität aber enttäuscht zuverlässig. Und doch setzt man die Wahrheit für gewöhnlich aufseiten der Realität an, während der Traum den schlechten Ruf hat, er sei das Unwahre, die Domäne des Ungewissen. In den Gedankenspielen der skeptizistischen Philosophen ist es der Traum, der den Zweifel an den Erkenntnisgewissheiten nährt: Wir können nicht ausschließen, da& wir »nur« träumen, was unsere Sinne uns vorspiegeln, während wir glauben, hellwach zu sein. Das Schlimmste, was Descartes über den bösen Dämon (genius malignus) als Störenfried zwischen den Sinnesorganen und dem Bewusstsein sagen konnte, war, da6 er Traum- und Wachzustand ununterscheidbar macht. Demnach wäre der Traum das Base, während die Realität (res extensa) zumindest darin das Gute verkörpert, dass ihr die Rolle des Wachtpostens zukommt.

Dabei weiß der Schlaflose doch, welcher Horror, welch auszehrendes Grauen es Ist, die Zuflucht des Traumes entbehren zu müssen. Nicht schlafen zu können ist schlimm genug, aber vom Traum ausgeschlossen zu sein ist, als müsste man eine Welt, die im gleißenden Sonnenlicht liegt, mit abgeschnittenen Augenlidern erleiden.

Ohne den Traum wäre die Realität kaum zu ertragen. Nicht der Traum – die Realität ist die gefährlichste, schließlich todbringende Sache. Je naher sie einem zu Leibe rückt (sie, die selber körperhaft ist, aus dem härtesten Stoff gemacht), um so glühender die Berührung. Man müsste augenblicklich an ihr verbrennen, hatte man nicht den Traum, der das Bewusstsein von der Außenwelt isoliert wie ein Schutzanzug.

In den Künsten schien die Sache von Anfang an klar. Hier galt Realität als der Ausschnitt, den der Betrachter zwischen zwei Augenaufschlagen belichtet, ein Resultat seiner freien Gestaltungen. Es sind die Künste, die alles, was die Sinne uns eingeben, in etwas Erkennbares verwandeln. Sie erst versetzen uns in einen Schwingungszustand zwischen res extensa und res cogitans. Ganz gleich, in welcher Form und Gestalt, ob als steinzeitliche Felsmalerei mit Wisenten in einer Hohle, als Fries auf dem Sarkophag, Vers einer sapphischen Strophe, Tafelbild aller Zeiten und selbst noch als Photographie van Bohrtürmen und Industrieanlagen – durch minimale Verschiebungen erschafft Kunst jene imaginären Realitäten, in denen die Objekte als geträumte erfahrbar werden. So sehr kann Kunst sich der Umwelt nicht unterwerfen, dass nicht noch immer ein Spalt offenbliebe, durch den hindurchschlupfend das, was ist, zu dem wird, was wir Träumer uns daraus machen.

Grünbein, Durs, Aus der Traum (Kartei). Aufsätze und Notate, Berlin 2019 (Suhrkamp), p. 63-64

landscapes july 2016 33×27