Paul Valéry: Windstriche (4)

LITERATUR

Das Werk verändert den Autor. 

Bei jeder Bewegung, die es aus ihm herausholt, erfährt er eine Veränderung. Ist es vollendet, wirkt es nochmals auf ihn. Er wird dann etwa derjenige, der fähig war, es zu erzeugen. Hinterher wird er irgendwie zum Erbauer des verwirklichten Ganzen – das ein Mythos ist. 

Ebenso bringt es ein Kind schließlich fertig, seinem Vater die Idee und gleichsam die Form und Gestalt der Vaterschaft zu geben.

Der Gegenstand der Literatur ist so unbestimmt wie der des Lebens.

Ach, sagt der große Künstler, dieses Werk, das ich geschaffen habe. dieses für bewundernswert erachtete Werk, das die Gemüter erregt, von dem man spricht, das man in den Himmel hebt, dessen Schönheiten man untersucht, ich bin der einzige, der es nicht genießt! 

Ich habe den Plan dazu entworfen, ich habe es in allen Teilen durchdacht und ausgeführt. Aber der unmittelbare Eindruck des Ganzen, der Schock, die Entdeckung, und am Ende die Geburt des Ganzen, die vielfaltige Stimmung … all das ist mir verwehrt, all das ist für die, die dieses Werk nicht kannten, die nicht mit ihm gelebt haben, die nichts wissen von den Stockungen, von den Tastbewegungen, vom Überdruss, der einen heimsucht, von den Zufallen…, sondern die das Gebilde sehen als einen herrlichen Entwurf, der mit einem Schlage Wirklichkeit wurde. Auf einem Berg habe ich Stein um Stein eine Masse aufgehäuft, die ich dann, zu einem einzigen Block geformt, auf sie hinunterfallen lasse. Es auf dem Gipfel aufzutürmen hat mich fünf Jahre, zehn Jahre gekostet, und sie trifft der Schock auf einmal, in einem Augenblick.

Pag. 63


Die Kunst und die Langeweile.

Ein leerer Ort und leere Zeit sind unerträglich. 

Die Ausschmückung dieser Leere entsteht aus der Langeweile – wie das Bild des Essbaren von der Leere des Magens herrührt – Wie die Handlung aus der Untätigkeit kommt und das Pferd stampft und die Erinnerung entsteht im Intervall zwischen den Handlungen, und der Traum. 

Die Müdigkeit der Sinne ist schöpferisch. – Die Leere ist schöpferisch. Die Finsternis … Die Stille … Der Zwischenfall … Alles ist schöpferisch, außer dem, der das Werk signiert und auf sich nimmt. 

Das Kunstwerk, kostbares Exkrement, wie es so viele Exkremente und Abfälle sind: Weihrauch, Myrrhe, grauer Amber…

Zur Kenntnisnahme.

Wir sind alle dazu bestimmt, langweilig zu werden.

Nicht alles ist falsch an dem, was aufgegeben wurde. Nicht alles ist wahr an dem, was sich offenbart.

Pag.64


Die Vernunft will, dass der Dichter den Reim der Vernunft vorziehe. 

Poesie. 

Ich suche ein Wort (sagt der Dichter), ein Wort, das feminin sein muss, 

zweisilbig, 

mit P oder F, 

stummer Endsilbe 

und ein Synonym von Bruch, Auflösung

und nicht gelehrt, nicht ausgefallen. 

Sechs Voraussetzungen – mindestens! 

Merke: Schriebe jemand wirklich für sich selber, so bräuchte er lediglich dieses Wort erfinden, das durch sechs Voraussetzungen bestimmt wird. Das Ausbleiben erfundener Wörter beweist, dass niemand für sich selber schreibt, sich mit sich selbst darin einig ist, seine eigene Sprache zu sprechen. 

Ein episches Gedicht ist ein Gedicht, das man nacherzählen kann. Erzählt man es nach, so erhält man einen zweisprachigen Text. 

Das Sonett ist für die Gleichzeitigkeit gedichtet. Vierzehn gleichzeitige Verse, deutlich als solche bezeichnet durch die Verflechtung und Beibehaltung der Reime; Typus und Bauform eines statischen Gedichts. 

In Versen philosophieren hiess und heisst immer noch, nach den Regeln des Damespiels Schach spielen zu wollen. 

Ein Plagiator ist, wer die Substanz der andern schlecht verdaut hat: er erbricht die wiedererkennbaren Stücke. 

Originalität ist eine Sache des Magens. 

Es gibt keine originellen Schriftsteller, denn diejenigen, die diesen Titel verdienen würden, sind unbekannt; und sogar unerkennbar. 

Aber es gibt solche, die so tun, als–wären sie es. 

Werke. 

Die Form ist das Skelett eines Werkes; es gibt Werke, die keines haben.

Alle Werke vergehen; aber die ein Skelet behaupten sich dank diesem Rest viel länger als die übrigen, die nur aus Weichteilen bestanden.

Die Werke hören auf anzuregen, zu ergötzen. — Vielleicht leben sie ein zweites Mal, wenn man sie um der Belehrung willen befragt – und ein drittes Mal, wenn es  wegen der Tatsachen geschieht.

Erst sind sie zur Freude da, dann zur Unterweisung, zuletzt als Dokument. 

Der Gegenstand eines Werks ist das, worauf ein Werk, wenn es schlecht ist, zusammenschrumpft. 

Man muss Steine in die Geister werf en, dass sie wachsende Kreise in ihnen erzeugen; und sie auf den zentralsten Punkt werfen, und in harmonischen Intervallen. 

Nicht verwenden, was leicht nachzuahmen ist und dessen Nachahmung leicht verleugnet werden kann. 

Nur diejenigen Schriftsteller schätze ich und kann ich schätzen, denen auszudrücken gelingt, was ich selber nur schwer hätte ausdrücken können, falls diese Aufgabe sich mir gestellt oder aufgedrängt hätte. 

Nur in diesem einzigen Fall kann ich einen Wert mit absoluten Einheiten messen – das heisst: mit meinen eigenen

In andern Fällen kann ich bewundern; aber bloss auf Grund eines Eindrucks. 

Ich möchte hinzufügen, dass ich die Leistung eines Schriftstellers nur insofern schätze, als sie mir ihrem Wesen und ihrer Kraft nach ein Fortschritt im Bereich der Sprache zu sein scheint. 

Ein modernes Ohr ein modernes Auge ist so beschaffen, das ihm eine zufällig gefundene Klang- oder Farbverbindung weit eher gefallen wird als einem unmodernen Ohr.

Beim modernen Menschen scheinen die Fähigkeit an jeder beliebigen Sache Gefallen zu finden, und die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein, Hand in Hand zu gehen. 

Dieser Befund hängt aufs engste mit der Entwicklung der Wissenschaften zusammen, die zu einer unüberwindlichen Häufung von Fakten entartet. 

Kunst. 

Das Schöne erfordert möglicherweise sklavische Nachahmung dessen, was an den Dingen unbestimmbar ist. 

Wenn ein Werk sehr kurz ist, gewinnt das geringste Detail die Grössenordnung des Ganzen. 

Der Anteil, den Rücksicht und Schönheit an einem Sonett haben, muss sehr gross sein.  

Pag. 65-66

Dramatis personae.

Der Autor, der Leser, die Sprache, der Gegenstand des Werks, die Zeichnung, das Ideal, das Unvorhergesehene. Die Gesamtheit der »großen Philosophen« oder der verschiedenen Schriftsteller, die mir als wichtig in Erinnerung blieben, erscheint mir manchmal wie ein Register von Klangfarben

Keinen von ihnen kann ich mir einzeln vorstellen; und dabei hat sich doch jeder verzehrt, damit keiner neben ihm bestehe. – Sie haben sich aus Momenten ihres Lebens aufgebaut, die jede andere Art zu denken, zu sehen oder zu schreiben ausgeschlossen hätten.

Der Gedanke bewohnt die Prosa; aber fördert, überwacht, lenkt die Dichtung.

Pag. 67



MORALIA

Der Mensch, der sich weh getan hat. 

Man stösst an: Schmerz und Wut. Auf den Anprall folgen Schmerz und Raserei, eines ans andere gebunden, das eine Welle, das andere Schaum; das eine die Kraft des anderen. Man stürzt sich auf das schuldlose Ding, um es zu zerstören. Es hat durch seine Trägheit geschadet, man leiht ihm Gedächtnis, Willen, Empfindungsvermögen (ein zutiefst realer Irrtum). 

Ein ganzes Drama spielt sich ab, das die Wirklichkeit ersetzt, aber aus ihr hervorgeht. Es beruhigt sich, indem es sich immer schwächer wiederholt. Allmählich zeigt sich die ganze Dummheit dieses heftigen Anfalls, zeigt sich die schlechte Laune. Manchmal auch das Lachen. Man kann nicht daran zurückdenken, ohne den ganzen Verlauf der Krise in abgekürzter Form von neuem zu erleben. Zuletzt hat man gelitten, hat etwas zerbrochen, Zeit und Kraft verloren, man ist sich in seiner Dummheit begegnet und vernichtet nun gründlich, was sich ereignet hat und was sich bei Gelegenheit wieder ereignen wird. 

Eine Grundwelle hat sich erhoben, hat verheerend gewirkt und den stillen Uferbewohner überrascht. Jede grosse Entfesselung begleitet ein Traum, denn es ist ein Traum, das Ganze und den Zufall in Übereinstimmung bringen zu wollen: um so eher ein Traum, je grösser die Entfesselung ist; er folgt den Schwankungen, findet sich wieder und löst sich auf. Er nährt sich mit allem: Einfalt. Das gereizte Gehirn tut, was es zu tun weiss: es personifiziert, sieht sich selbst als Fremden, erkennt sich nicht wieder. 

Zyklus. Die Seele macht einen Rundgang im Nervensystem: Schmerz, Wahrnehmung, Rückblick auf den Zustand vor dem Anprall, ohnmächtige Wut, begangene Dummheit, Dummheit in Tätigkeit. Dummheit im Zustand grausamer Wahrnehmung, Dummheit dieser Wut und dieser Reue, neue Raserei: die aufeinanderfolge de Glieder nehmen trotz ihrer Periodizität an Einsicht in die Dummheit zu: a dümmer als a2,  dürmmer als a3 usw. 


Pag. 68-69

Alles, was von uns gesagt wird, ist falsch; aber nicht falscher, als was wir darüber denken. Jedoch auf eine andere Weise falsch.

Die meisten Verdrießlichkeiten, die wir kennen, sind unsere ureigenen Schöpfungen.

Der Augenblick, da sich das Kind der Macht seiner Tränen bewusst wird, fällt zusammen mit jenem andern, da es sie als Druckmittel verwendet und durch sie zu herrschen sucht. 

Schmeicheleien ist man in dem Maß zugänglich, wie man

sich selber schmeichelt. 

Mit der Zeit bewerten wir unsere Freunde nach der Feinheit

ihres Taktgefühls.

Ich gab dir mit der Handflache einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, aber gerade dort verbarg sich eine Wunde, unter dem Stoff.


Pag. 69

Natürliches Licht

Im Lichte des Neides, im Lichte des Abscheus, im Lichte des Hochmuts: welche Klarheit! 

Aber jede starke Leidenschaft hat ihr eigenes Licht, mit dem sie erhellt und hervortreten lässt, was aus der Gesamtheit der gegenwärtigen Dinge sie beunruhigen oder steigern kann. 

Die Leidenschaft ist ein Wesen, das von seinen Bedürfnissen lebt. Sie lässt in höchstem Glanz erstrahlen was in den gewöhnlichsten Handlungen der anderen ihre Beute ist. Fehler,  Beleidigungen, Unaufmerksamkeiten funkeln. Rücksicht aus Konvention wird zu hohem Lob. Die Begierde erhellt seltsam verborgene Wege. Der Hass bewohnt den Gegner, erforscht seine Tiefen und zergliedert die feinsten Wurzeln der Absichten, die er in seinem Herzen hegt. Wir erkennen ihn besser als uns selbst und besser, als er sich selber erkennt. Er vergisst sich, wir vergessen ihn nicht. Denn wir nehmen ihn durch eine Wunde wahr, und keiner unserer Sinne ist so stark, keiner vergrössert so sehr und bestimmt so genau, wovon er getroffen wird, wie ein verletzter Teil unseres Wesens. Eine solche Wunde kann nie lange schlummern. Sie weckt uns am Morgen durch eine erste, noch unbestimmte Qual, durch ein Leiden, das noch kein Gesicht hat, aber sogleich ein allzu vertrautes annehmen muss, dessen Gegenwart blendet . . . Grell deutliches, graues Licht des Abscheus, metallisches Licht des Neides, rotes Licht des  Hochmuts. Und alle die Schatten, die sie werfen … 


Pag. 69-70

Manchmal ist der Hochmut gezwungen, nachzugeben und sich zusammenzuziehen – doch nur wie es eine Feder tut. Von seiner Kraft kann er nicht verlieren. Und schon bald wird er seine alte Form wiedergewinnen, im Treppenhaus oder unten auf der Strasse. 

Liebe ist Traum und Bewegung. 

Man nennt den andern einen Sophisten, wenn man fühlt, dass man dümmer ist als er. Wer das Denken nicht angreifen kann, greift den Denkenden an. Dieses Gesetz gleicht jenem, nach welchem man sich ganz vernichtet, um ein bestimmtes Übel auszumerzen, das mit dem Guten verwachsen ist: Gesetz des Notbehelfs

Der Philosoph weiss in Wirklichkeit nicht mehr als seine Köchin, ausser in Sachen des Kochens, auf die sie sich in Wirklichkeit (meist) besser versteht. 

Aber die Köchin stellt sich (meist) keine allgemeinen Fragen. Also machen die Fragen den Philosophen. Was freilich die Antworten betrifft…Leider steckt in jedem Philosophen ein böser Geist, der antwortet – der auf alles antwortet.

Der staat is ein riesengrossen, furchtbares und schwaches Wesen. Ein Zyklop von berüchtigter Kraft und Ungeschicklichkeit, das missgestaltete Kind der Gewalt und des Rechts, die es aus ihren Widersprüchen gezeugt haben. Er lebt nur dank der unzähligen Menschlein, die linkisch seine trägen Hände und Füsse bewegen, und sein grosses Glasauge sieht nur Pfennige und Milliarden. 

Der Staat ist jedermanns Freund und jedes Einzelnen Feind. 

Die grossen Schmeicheleien sind stumm.  


Pag. 70-71

Tief sein, auf den Grund gehen, heisst nicht viel. Jedermann kann tauchen. Aber die einen hält ihr Abgrund, wo sie sich im Gras verfangen haben, leblos zurück, während er die anderen, die von ihrer eigenen inneren Tiefe gleichsam zu leicht befunden wurden, verwirft. 

Im Menschen wie im Meer steigt der hilfreiche Taucher, der Bewunderung verdient, zu seinem Gegenstand nieder, um eine Weile fern von seinem natürlichen Leben zu arbeiten, in das er aber, wenn es nötig wird, augenblicklich zurückkehren kann.

Tiefe; tiefer Gedanke. 

»Tief« ist ein Gedanke, der scheinbar nur ausserhalb der natürlichen Zeit entstehen und gefasst werden konnte. Er zwingt uns etwas auf, das die von einem einfachen Austausch herrührenden Gedanken nicht kennen. 

»Tiefe«? – im vagen Sinn dieses Wortes scheinen mir die Begriffe zweier Grössen zusammenzukommen: des Ausmasses einer bestimmten Transformation, die der Gegenstand unseres Denkens erfährt, und der Grösse der Anstrengung, die wir für notwendig halten, um diese Transformation durchzuführen – oder sie zu ermöglichen. 

Die Transformation, von der ich spreche, wirkt zweifellos auf die Tragweite eines Wortes, einer Aussage, eines Bildes ein, die uns blosse Zeichen waren, Elemente des Übergangs, gut oder auch nur genügend für den Austausch (jene natürliche Zeit, von der die Rede war), und die plötzlich irgendwie eine Kraft und einen Wert er halten, von denen

wir annehmen müssen dass sie ganz nah an dem unaussprechlichen

Existenzpunkt geschöpft wurden, wo das Denken trifft und die grösstmögliche Anzahl der Kräfte eines Lebens fesseln kann. 

Aber dieser Wert ist nur innerlich. Nichts versichert uns, dass das Denken das in dieser »Tiefe« transformiert wurde, sich besser als ein anderes der Erfahrung anpasst, und dass es, weil es bis ans äusserste Ende der Dauer einer Bewusstseinseinheit aufrechterhalten wurde, deshalb ein notwendiges Gewicht erlangt im Bereich dessen, was nicht Gedanke ist. 

Noch der unbedeutendste Gegenstand kann Vorwand und Anlass sein zu überaus mühsamen Gedankengängen. 

Der Gegenstand, dem grösste Bedeutung zugeschrieben wird, erlaubt oft nur die »oberflächlichsten« Erörterungen. Der Tod zum Beispiel kann nur in der Illusion bedacht werden, wenn man ihn nämlich dem Leben gegenüberstellt, aus dessen Bedingungen er sich ergibt. Wenn ich deshalb lese oder daran denke, dass ein Schriftsteller sich beim Tod aufhält und sich darein vertieft, habe ich bald den Eindruck, dass wir nicht dasselbe meinen … 

Pag. 72-73


Noch der unbedeutendste Gegenstand kann Vorwand und Anlass sein zu überaus mühsamen Gedankengängen. 

Der Gegenstand, dem größte Bedeutung zugeschrieben wird, erlaubt oft nur die »oberflächlichsten« Erörterungen. Der Tod zum Beispiel kann nur in der Illusion bedacht werden, wenn man ihn nämlich dem Leben gegenüberstellt, aus dessen Bedingungen er sich ergibt. Wenn ich deshalb lese oder daran denke, dass ein Schriftsteller sich beim Tod aufhält und sich darein vertieft, habe ich bald den Eindruck, dass wir nicht dasselbe meinen …


Pag. 73

Es gibt Menschen, die wahrheitsliebend sind, weil sie keinen Grund haben, zu lügen.

Man ist mit sich selbst nie zufrieden genug, um sich ganz zu eröffnen.

Ihr Redner und Pamphletisten, ihr Heftigen und Rasenden, sagt spurt ihr nie, dass jeder Schreiende im Begriff ist, nur noch so zu tun, als schrie er?

Die Haltung gewohnheitsmäßigen Empörung ist das Zeichen einer großen Armut des Geistes. Die »Politik« zwingt ihre Anhänger dazu. Man sieht ihren Geist von Tag zu Tag armer werden, von einem gerechten Zornanfall zum anderen. Jede Partei hat ihr Empörungsprogramm, ihre überlieferten Reflexe.

Jede Partei prophezeit. Die ganze Politik würde sich ändern, fanden alle nur schon die Tatsache, dass man verspricht und voraussagt, unerträglich und unanständig.


Pag. 74

Die Freude, die uns das Verstehen schwieriger Gedanken bereitet, macht uns geneigt, ihren Schlußfolgerungen Glauben zu schenken.

Die richtigen Gedanken sind immer unerwartet. Jeder unerwartete Gedanke ist einige Augenblicke lang richtig.

Wer das Relative nicht beachtet, dem geschieht wie einem, der seine Gäste zählt und vergisst, sich selbst mitzuzählen; der sich nicht für einen Menschen hält, da ein Mensch etwas ist, das er sieht, und sich selbst sieht er nicht. 

Das Recht ist das Intermezzo der Kräfte.

Pag. 77


bron: Valery, Paul, Windstriche. Aufzeichnungen und Aphorismen. Aus dem Französischen von Bernhard Bösenstein, Hans Staub und Peter Szondi, Frankfurt am Main 20187, (Suhrkamp)