Hohelied

Das Hohelied…

2. DAS WORT GOTTES p. 222

Wir hatten die Offenbarung als das unter der Liebe Gottes geschehende Mündigwerden des stummen Selbst zur redenden Seele erkannt. Wenn Sprache mehr ist als nur ein Vergleich, wenn sie wahrhaft Gleichnis – und also mehr als Gleichnis – ist, so muß das, was wir in unserem Ich als lebendiges Wort vernehmen und was uns aus unserm Du lebendig entgegentönt, auch in dem großen historischen Zeugnis der Offenbarung, dessen Notwendigkeit wir gerade aus der Gegenwärtigkeit unseres Erlebnisses erkannten, „geschrieben stehn“. Wiederum suchen wir das Wort des Menschen im Wort Gottes.

 

DAS HOHE LIED p. 221

Das Gleichnis der Liebe geht als Gleichnis durch die ganze Offenbarung hindurch. Es ist das immer wiederkehrende Gleichnis bei den Propheten. Aber es soll eben mehr sein als Gleichnis. Und das ist es erst, wenn es ohne ein „das bedeutet“, ohne Hinweis also auf das, dessen Gleichnis es sein soll, auftritt. Es genügt also nicht, daß Gottes Verhältnis zum Menschen unter dem Gleichnis des Liebenden zur Geliebten dargestellt wird; es muß unmittelbar das Verhältnis des Liebenden zur Geliebten, das Bedeutende also ohne alle Hindeutung auf das Bedeutete, im Wort Gottes stehn. Und so finden wir es im Hohen Lied. Hier ist es nicht mehr möglich, in jenem Gleichnis „nur ein Gleichnis“ zu sehen. Hier ist der Leser, so scheint es, vor die Wahl gestellt, entweder den „rein menschlichen“, rein sinnlichen Sinn anzunehmen und sich dann freilich zu fragen, welcher sonderbare Irrtum diese Blätter in das Wort Gottes hineingeraten ließ, oder anzuerkennen, daß hier grade in dem rein sinnlichen Sinn, unmittelbar und nicht „bloß“ gleichnisweise, die tiefere Bedeutung steckt.

Bis an die Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts ist man einhellig den zweiten Weg gegangen. Man erkannte das Hohe Lied als Liebeslied und gerade darin unmittelbar zugleich als „mystisches“ Gedicht. Man wußte eben, daß das Ich und Du der innermenschlichen Sprache ohne weiteres auch das Ich und Du zwischen
Gott und Mensch ist. Man wußte, daß in der Sprache der Unterschied von „Immanenz“ und „Transzendenz“ erlischt. Nicht obwohl, sondern weil das Hohe Lied ein„echtes“, will sagen: ein „weltliches“ Liebeslied war, gerade darum war es ein echtes „geistliches“ Lied der Liebe Gottes zum Menschen. Der Mensch liebt, weil
und wie Gott liebt. Seine menschliche Seele ist die von Gott erweckte und geliebte Seele.

Es war der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert vorbehalten, diese gefühlsmäßig klare, weil in der Offenbarung wurzelnde, Ansicht vom Verhältnis des Menschlichen zum Göttlichen, des Weltlichen zum Geistlichen, der Seele zur Offenbarung, zu verwirren und zu trüben. Wenn Herder und Goethe das Hohe Lied als eine Sammlung „weltlicher“ Liebeslieder in Anspruch nahmen, so war in dieser Bezeichnung „weltlich“ nicht mehr und nicht weniger ausgesprochen, als daß Gott – nicht liebt. Und wirklich war ja dies die Meinung. Mochte der Mensch Gott als das Symbol des Vollkommenen „lieben“ – nimmermehr aber durfte er verlangen, daß Gott ihn „wieder“-liebe.
Die spinozistische Leugnung der göttlichen Liebe zur einzelnen Seele war den deutschen Spinozisten willkommen; Gott durfte, wenn er denn lieben sollte, höchstens der „allliebende Vater“ sein; das echte Liebesverhältnis Gottes zur einzelnen Seele wurde verneint und damit nun das Hohe Lied zum „rein menschlichen“ Liebeslied gemacht. Denn echte Liebe, die eben nicht Allliebe ist, gab es nun nur zwischen Menschen. Gott hatte aufgehört, die Sprache des Menschen zu sprechen; er verzog sich wieder in seine neuheidnisch-spinozistische Verborgenheit jenseits des vom Gewölk der „modi“ überzogenen Himmelsgewölbes der „Attribute“.
Was diese Erklärung der Sprache der Seele für „rein menschlich“ bedeutete, wurde erst im weiteren Verlauf klar. Herder und Goethe hatten unwillkürlich immer noch so viel von der überlieferten Auffassung bewahrt, daß sie das Hohe Lied nur als eine Sammlung von Liebesliedern betrachteten, ihm also seinen subjektiven, lyrischen, seelenoffenbarenden Charakter ließen. Aber nach ihnen ging man weiter auf der Bahn. War das Hohe Lied einmal „rein menschlich“ zu verstehen, dann konnte man vom „rein Menschlichen“ auch den Schritt zum „rein Weltlichen“ tun. Es wurde also nach Kräften entlyrisiert.

Von allen Seiten versuchte man, dramatische Handlung und epischen Inhalt hineinzudeuten; die eigentümliche Unklarheit, mit der sichtlich neben dem Hirten noch ein zweiter Liebhaber, der „König“, hineinspielte, schien ja zu solchen Deutungen herauszufordern und gab ihnen freies Feld. So ist das neunzehnte Jahrhundert voll von ihnen, wobei allerdings keine Deutung der andern gleicht; an keinem Buch der Bibel hat die Kritik solche umfangreichen Umordnungen, vielmehr Umstürze des überlieferten Textes vorgenommen wie an diesem. Das Ziel war immer, das Lyrische, das Ich und Du des Gedichts, in ein episch-anschauliches Er und Sie zu verwandeln. Die Sprache der Offenbarung der Seele hatte eben für diesen alles nach seinem Bilde zum Objektiven, zum Weltlichen umschaffenden Geist des Jahrhunderts etwas Unheimliches. Die Verleugnung des Worts Gottes, anfänglich noch geschehen in überschwänglicher Freude am nun „rein“ gewordenen Wort des Menschen, rächte sich alsbald am Wort des Menschen, das, losgelöst von seinem unmittelbaren, lebendig vertrauensvollen Einssein mit jenem, zur toten Objektivität der dritten Person erstarrte.
Da kam aus der Wissenschaft selber der Gegenschlag. Die hoffnungslose Willkürlichkeit und textkritische Abenteuerlichkeit aller Deutungen ins Objektive des „Singspiels“ machte die gelehrten Gemüter aufnahmefähig für eine neue Ansicht.

Die eigentliche crux dieser Interpreten war ja das rätselhafte Verhältnis des Hirten zum König und der Sulamith zu beiden gewesen. War sie treu? oder untreu? einem? oder beiden? und so fort ins Unendliche der Kombinationen, in denen gelehrt-erotischer Spürsinn von je groß zu sein pflegt. Die einfache Lösung der früheren „mystischen“ Auffassung, wonach der Hirt und der König ein und dieselbe Person waren, nämlich Gott, war natürlich längst überholt. Da entdeckte man mit einem Male, daß bei den Bauern Syriens noch heutigentags die Hochzeit unter dem Gleichnis einer Königshochzeit, der Bräutigam also als der König, die Braut als die vom König erwählte Braut, gefeiert wird. Und nun war plötzlich das schillernde Nebeneinander der zwei Personen geklärt: es ist eben wirklich nur eine: der Hirt, der in der Woche seiner Hochzeit sich als König Salomo in aller seiner Herrlichkeit fühlen darf. Damit ist nun alle Veranlassung zu einer dramatischen Ausdeutung gefallen.
Es ist nun alles wieder in der lyrischen Zweieinsamkeit des Liebenden und der Geliebten beschlossen. Und vor allem ist nun das Gleichnis schon in den „ursprünglichsten“
Sinn der Lieder zurückverlegt; schon da überhöht einen sinnlichen Sinn eine übersinnliche Bedeutung: den Hirten, welcher der Bräutigam ist, der König, als den er sich fühlt. Das aber ist der Punkt, auf den wir hinauswollen. Die Liebe kann gar nicht „rein menschlich“ sein. Indem sie spricht – und sie muß sprechen, denn es gibt gar kein andres aus sich selber Heraussprechen als die Sprache der Liebe – indem sie also spricht, wird sie schon ein Übermenschliches; denn die Sinnlichkeit des Worts ist randvoll von seinem göttlichen Übersinn; die Liebe ist, wie die Sprache selbst, sinnlich-übersinnlich. Anders gesagt: das Gleichnis ist ihr nicht schmückender Zubehör, sondern Wesen. Alles Vergängliche mag nur ein Gleichnis sein; aber die Liebe ist nicht „nur“, sondern ganz und gar und wesentlich Gleichnis; denn sie ist nur scheinbar vergänglich, in Wahrheit aber ewig. Jener Schein ist so notwendig wie diese Wahrheit; Liebe könnte als Liebe nicht ewig sein, wenn sie nicht vergänglich schiene; aber im Spiegel dieses Scheins spiegelt sich unmittelbar die Wahrheit.

GRAMMATISCHE ANALYSE DES HOHEN LIED p. 225
Das Vergängliche ist in seiner zeitlichen Gestalt, nämlich als Gegenwart, als -pfeilschnell verflogener“ Augenblick, im Stammwort Ich gradezu der sichtbare oder unsichtbare Träger aller Sätze des Hohen Lieds. Es gibt kein Buch in der Bibel, in dem verhältnismäßig das Wort Ich so häufig vorkäme wie hier. Und zwar nicht bloß das unbetonte, sondern durchaus auch das betonte, das ja das eigentliche Stammwort, das lautgewordene Nein, ist. Nur noch der Prediger, stark angefressen wie er ist, von dem Geist der stets verneint, zeigt annäherend ein gleich häufiges Vorkommen des Wortes für das betonte Ich. Die Kraft jener grundlegenden Verneinung äußert sich auch darin, daß das Hohe Lied als einziges unter allen biblischen Büchern anhebt mit einem Komparativ, – „besser denn Wein“; die Eigenschaft ist hier verglichene, also perspektivisch von einem alle andern Punkte verneinenden „Standpunkt“ aus gesehene, nicht rein in ihrer Gegenständlichkeit daseiende und da, wo sie ist, seiende. Jenes „besser“ knüpft den Faden unmittelbar da an, wo ihn das vollendende „sehr gut“ der Schöpfung fallen gelassen hatte.

Das Wort „Ich“ also ist nun der Grundton, der bald in der einen, bald, durch das Du übergehend, in der anderen Stimme unter dem ganzen melodisch-harmonischen Gewebe der Mittel- und Oberstimmen orgelpunktartig hinzieht. Es gibt in dem ganzen Buch nur eine einzige kurze Stelle, wo er schweigt; sie fällt gerade durch dieses augenblickliche Aussetzen des Grundbasses, den man sonst infolge seiner Unaufhörlichkeit schon beinahe überhört, ungeheuer auf; so wie man sich des Tickens der Wanduhr erst bewußt wird, wenn sie plötzlich stillsteht. Es sind die Worte von der Liebe, die stark ist wie der Tod. Nicht willkürlich haben wir mit ihnen zuvor den Übergang aus der Schöpfung in die Offenbarung gekennzeichnet. Sie sind in diesem Kernbuch der Offenbarung, als welches wir das Hohe Lied erkannt haben, die einzige nicht gesprochene, sondern bloß gesagte Stelle, der einzige objektive Augenblick, die einzige Begründung. In ihnen ragt die Schöpfung sichtbar in die Offenbarung hinein und wird sichtbar von ihr überhöht. Der Tod ist das Letzte und Voll-endende der Schöpfung – und die Liebe ist stark wie er. Dies ist das einzige, was über die Liebe gesagt, aus-gesagt, er-zählt werden kann; alles andre kann nicht „über“ sie gesagt „werden“, sondern nur von ihr selber gesprochen. Denn sie ist ganz aktive, ganz persönliche, ganz lebendige, ganz – sprechende Sprache; alle wahren Sätze über sie müssen Worte aus ihrem eigenen Munde, ichgetragene, sein.
Nur dieser eine Satz, daß sie stark ist wie der Tod, macht eine Ausnahme. In ihm spricht sie nicht selber, sondern die ganze Welt der Schöpfung wird ihr überwunden zu Füßen gelegt; der Allesüberwinder Tod und der eifersüchtig alles Gestorbene festhaltende Orkus sinken vor ihrer Stärke und der Härte ihres Eifers zusammen; die Todeskälte des gegenständlich starren Vergangenen wird von ihren Feuergluten, Gottesflammen erwärmt. In diesem Sieg der lebendigen, gottgeliebten Seele über das Sterbliche ist alles gesagt, was noch objektiv über sie gesagt werden kann, nämlich nichts über sie selbst, sondern nur über ihr Verhältnis zur Schöpfungswelt; über sie selbst, ab-gesehen von der Welt des Geschaffenen, kann nur sie selber sprechen.

Der Grund liegt unter ihr, nicht versunken, aber überwunden. Sie schwebt darüber.
Sie schwebt dahin in den flüchtigen Klängen des Ich. Kaum ist ein Ton aufgehallt, so ist er auch schon wieder im nächsten verklungen, und rätselhaft und grundlos unerwartet klingt er bald wieder, um wieder zu verhallen. Die Sprache der Liebe ist lauter Gegenwart; Traum und Wirklichkeit, Schlaf der Glieder und Wachen des Herzens, weben sich ununterscheidbar ineinander, alles ist gleich gegenwärtig, gleich flüchtig und gleich lebendig gleich dem Reh oder der jungen Gazelle auf den Bergen. Ein Schauer von Imperativen geht belebend über diese immergrüne Wiese der Gegenwart nieder, von verschieden klingenden, doch immer das gleiche meinenden Imperativen: zieh mich dir nach, tu mir auf, komm, mach dich auf, eile – es ist immer der gleiche eine Imperativ der Liebe. Beide, der Liebende wie die Geliebte, scheinen hier auf Augenblicke die Rollen zu tauschen, und dann sind sie doch wieder deutlich geschieden. Indes er sich mit immer neuen Blicken der Liebe in ihre Gestalt hineinsenkt, umfaßt sie ihn ganz mit dem einen Blick des Glaubens an seine “Auserkorenheit unter Tausenden“. Unendlich zart deutet der Liebende mit der leisen, immer wiederkehrenden Anrede „meine Schwester Braut“ den Grund ihrer Liebe in einer der Liebe selbst vergangenen Vorwelt der Schöpfung an und hebt seine Liebe damit heraus aus der Flüchtigkeit des Augenblicks; die Geliebte war ihm einst „in abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau“. Und hinwiederum ists die Geliebte, die vor ihm, nicht er, der vor ihr sich gering macht; sie bekennt voll Scham, daß die Sonne ihr die Haut geschwärzt habe – schauet mich nicht an, meiner Mutter Kinder zürnen mit mir; aber fast im selben Atemzug rühmt sie sich der gleichen „Schwärze“ als ihrer Schönheit – schwarz bin ich, aber gar lieblich gleich Zelten Kedars, gleich Teppichen Salomos – und hat aller Scham vergessen. Denn in seinen Augen hat sie Frieden funden. Sie ist sein, und so weiß sie von ihm: er ist mein. In diesem seligen Mein, diesem absoluten Singular, erfüllt sich ihr das, um dessentwillen sie so ängstlich immerfort die Gespielinnen angefleht hat, die Liebe ihr nicht zu wecken, ehe denn sie selber erwache: ihre Liebe soll nicht ein Fall der Liebe sein, ein Fall im Plural der Fälle, den also andre erkennen und bestimmen könnten; es soll ihre eigene, unerweckt von draußen allein in ihrem Innern er-wachte Liebe sein. Und so ist es geworden. Nun ist sie sein.

Ist sies? Trennt sie nicht noch auf dem Gipfel der Liebe ein letztes? Noch über das „Du bist mein“ des Liebenden, noch über den Frieden, den die Geliebte in seinen Augen gefunden – dies letzte Wort ihres überfließenden Herzens – hinaus. Bleibt nicht noch eine letzte Scheidung? Der Geliebte hat ihr im kosenden Namen seine Liebe gedeutet durch den Hinweis auf einen geheimen Untergrund geschwisterlichen Gefühls. Aber genügt die Deutung? Braucht nicht das Leben mehr als Deutung, mehr als Namensanruf, – Wirklichkeit?

Und aus dem selig übervollen Herzen der Geliebten steigt ein Schluchzen und formt sich zu Worten – Worten, die stammelnd hinausweisen in ein Unerfülltes, in der unmittelbaren Offenbarung der Liebe selber Unerfüllbares: „O wärest du mir wie ein Bruder“. Es genügt nicht, daß der Geliebte im zitternden Halblicht der Anspielung die Braut beim Schwesternamen nennt; der Name müßte Wahrheit sein, im hellen Licht der Straße Vernommen, nicht im Dämmer kosender Zweieinsamkeit ins geliebte Ohr geflüstert, nein vor den Augen der Menge vollgültig – „wer gäbe“ das!
Ja, wer gäbe das? Die Liebe gibt das nicht mehr. Nicht mehr an den Geliebten ist dies „Wer gäbe“ in Wahrheit gerichtet. Die Liebe bleibt ja immer unter Zweien, sie weiß nur von Ich und Du, nicht von der Straße. So ist jene Sehnsucht in der unmittelbar gegenwärtig im Erlebnis und nur im Er-lebnis sich offenbarenden Liebe unerfüllbar. Das Schluchzen der Geliebten schluchzt in ein jenseits der Liebe, in eine Zukunft ihrer gegenwärtigen Offenbarung; es bangt nach einer Verewigung der Liebe, wie sie der allzeitlichen Gegenwärtigkeit des Gefühls nimmer entsprießen kann; eine Verewigung nämlich, die nicht mehr im Ich und Du wächst, sondern im Angesicht aller Welt gegründet zu werden verlangt. Die Geliebte fleht, der Liebende möge den Himmel seiner allzeitlieben Gegenwärtigkeit zerreißen, der ihrem Sehnen nach ewiger Liebe trotzt, und zu ihr herniederfahren, auf daß sie sich ihm wie ein ewiges Siegel aufs immerzuckende Herz legen kann und wie ein fest umschließender Ring um den nimmerrastenden Arm. Ehe ist nicht Liebe. Ehe ist unendlich mehr als Liebe; Ehe ist die Erfüllung im Draußen, nach der die Liebe aus ihrer inneren seligen Erfülltheit heraus die Hand ausstreckt in ohnmächtig unstillbarer Sehnsucht – o daß du mein Bruder wärest…

DIE VERÖFFENTLICHUNG DES WUNDERS p. 228
Diese Erfüllung kann der Seele nicht mehr in ihrer Geliebtheit werden. Diesem Schrei kommt keine Antwort aus dem Munde des Liebenden. Dies Reich der Brüderlichkeit, nach dem die Seele hier, hinaus über die Liebe des Ich zum Du, in der die dunkeln Vorzeichen des unpersönlich gemeinsamen Lebens der natürlichen Blutgemeinschaft herrlich in Erfüllung gegangen waren, verlangt, diesen Bund einer über-natürlichen, ganz persönlich gefühlten, und doch ganz weltlich daseienden Gemeinschaft, stiftet ihr nicht mehr die Liebe des Liebenden, von der sie bisher stets das Stichwort erwartet hatte, um Antwort zu geben. Soll dieser Sehnsucht Erfüllung werden, so muß die geliebte Seele den Zauberkreis der Geliebtheit überschreiten, des Liebenden vergessen und selber den Mund öffnen, nicht zur Antwort mehr, sondern zum eigenen Wort. Denn in der Welt gilt nicht das Geliebtsein, und das Geliebte darf es hier nicht anders wissen, als wäre es allein auf sich angewiesen und ungeliebt, und alle seine Liebe wäre nicht Geliebtheit, sondern ewig – Lieben. Und nur im geheimsten Herzen mag sie bei diesem ihrem Gang aus dem Wunder der göttlichen Liebe heraus in die irdische Welt der Alten Wort bewahren, das dem, was ihr zu tun bevorsteht, durch die Erinnerung des in jenem Zauberkreis Erlebten Kraft und Weihe gibt: Wie Er dich liebt, so liebe Du.

Rosenzweig, F., Der Stern der Erlösung (den Haag 1976) (Martinus Nijhof)