Fr. Cheng over de schoonheid van de ziel (3)

Meine junge Seele ist schon wach genug,um zu ahnen, dass diese Schlange eine mir bestimmte Botin ist. Dass sie in mir Einzug gehalten hat, um sich für immer in meinem Unterbewusstsein und meinem Gedächtnis zusammenzurollen. Sie ist gekommen, um
mir zu sagen, dass der Tod nichts ist, was nur den anderen zustofit, dass er nicht nur im Moment einer Krankheit oder eines Unfalls auftaucht, sondern dass er, im Dunkeln versteckt, unser treuester Begleiter ist. Dass dank ihm unsere Existenz mit Blick auf das Uberleben eln ständiges Bemühen ist und dass auf diese Weise unser Leben emen so hohen Grad an Intensitat erreichen kann.
Seit diesem Alter habe ich gewusst, dass der Tod nicht einfach eine Idee ist oder ein Ende. Er ist eine agierende Kraft. Seinetwegen – oder noch einmal gesagt: dank ihm – kann kein Leben, so geschützt es auch sein mag, ein im Vorhinein festgelegtes Programm sein.
Jedes Leben ist ein Abenteuer, das zwischen Unerwartetem und Unverhofftem navigiert. Was mich anbelangt, so erkannte ich in der Folge sehr wohl, dass ich es auf dem Lebensweg mit meiner Schlange zu tun haben würde. Mehrfach tauchte eine brutale Kraft mit ihrem entsetzlich aufgerissenen Maul vor mir auf, mich im nächsten Moment zu vernichten. Auf einer tiefgründigeren Ebene hat der Überlebende dennoch begriffen: Aus dem konstanten Zusammenleben mit dem Tod können nur zwei Haltungen resultieren, entweder ein absoluter Pessimismus oder ein ebenso absolutes Begehren, dem Jenseits zuzustreben, einem OFFENSEIN zu, wo dieses Begehren – das habe ich Ihnen wohl schon gesagt – auf das UR-BEGEHREN trifft, das aus dem NICHTS das ALLES erscheinen liess. Zwischen diesen beiden Wegen fiel meine Wahl auf das Begehren.
Von ihm bewogen, verliess ich, auf den Ruf des Mondes hin, der zu strahlend war, um unbeteiligt zu bleiben, als verliebter junger Mann das stille Elternhaus und folgte dem blühenden Pfad bis zum Haus der Geliebten.

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Mangels einer Definition kann man zumindest feststellen, dass beide jeweils eine Entität darstellen, die für sich fähig ist zu agieren. Und so scheint es uns möglich, den Bereich und die Art der Aktion jeder der beiden zu umreißen, indem wir zunächst – ganz intuitiv – Folgendes feststellen: Die Seele ist in unserem Innern das, was uns ermöglicht zu begehren, zu fühlen, uns rühren zu lassen, in Einklang mit der Welt zu sein, alle
möglichen Erinnerungen an unsere Erlebnisse, selbst versunkene, selbst unbewusste, zu bewahren und uns vor allem über Gefühle oder Liebe mitzuteilen. Dabei denke ich an die drei obersten Starken der Seele, die Augustinus ihr zuerkennt, Gedächtnis, Verstand und Wille. Ich für meinen Teil würde das Begehren, das Gedächtnis und den Verstand des Herzens ausstellen. Der Geist hingegen ist in unserem Innern das, was uns gestattet zu denken, zu beurteilen, zu entwerfen, zu organisieren, zu verwirklichen, Erfahrungen bewusst im Hinblick auf ein Wissen anzusammeln und uns vor allem durch Austausch zu verständigen.
Ich habe die klanglichen Möglichkeiten des Französichen genutzt, um Formulierungen zu gewinnen, die von “Schlagender Überzeugungskraft” sein sollten, wie zum Beispiel: “Der Geist räsoniert, die Seele resoniert (hallt wider)», «Der Geist regt sich, die Seele erregt sich», «Der Geist ist in Kommunikation, die Seele ist in Kommunion», «Der Geist ist yang, <männlich>, die Seele yin, <weiblich»>. Diese Formulierungen haben – auf die Gefahr hin zu simplifizieren – vielleicht das Verdienst, uns zu zeigen, wie eng die beiden miteinander verbunden sind, und unterstreichen zugleich, was an jedem spezifisch ist. Was können wir feststellen? Der Geist eines jeden Menschen hat, so er auch sein mag, einen eher allgemeinen Charakter. Da er auf der Sprache gründet, erfordert er ein Erlernen, eine «Ausbildung», einen Erfahrungsschatz. Seine Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit einer kulturellen Umgebung, mit einer Gemeinschaft, die einer bestimmten Tradition entstammt, und seine Aktivitäten, die im Prinzip alles Mitteilbare und Teilbare betreffen, erfolgen in einem Kontext von Beziehung und Austausch.
Die Seele hingegen hat etwas Originäres, Eingeborenes. Sie besitzt eine unbewusste, gewissermaßen unergründliche Dimension, die sie mit genau jenem Geheimnis verbindet, das am Anfang das Erscheinen des lebendigen Universums lenkte. Der Geist hilft dem Menschen, sich der Wirklichkeit seiner Seele bewusst zu werden. Die Seele birgt einen Zustand, der diesseits – wenn nicht jenseits – der Sprache angesiedelt ist. Sie stellt den intimsten, geheimsten, unbeschreiblichsten und zugleich lebendigsten Teil eines Menschen dar, der ausschließlich ihm eigen ist. Sie weilt in ihm schon vor seiner Geburt und bleibt in ihm bis zu seinem letzten Atemzug, als eine unauflösbare und vor allem unersetzliche Wesenheit. Denn sie verkörpert noch ein weiteres Geheimnis: nämlich die Tatsache, dass jedes Leben innerhalb des lebendigen Universums eine autonome Entität bildet und für eine einzigartige Anwesenheit steht. Die Einzigartigkeit des Wesens, diese universelle Wahrheit, bestätigt sich im Menschen auf ganz offensichtliche Weise, und seine Seele ist ihre Verkörperung. Die Seele ist weder ein Attribut noch eine Fähigkeit: An einen Körper gebunden, den sie belebt, ist sie die Person selbst. Das ist – ich darf Sie daran erinnern – nur eine der Bedeutungen des Wortes «Seele». An dieser Stelle scheint mir plötzlich fast so etwas wie eine Definition möglich: Die Seele ist das unauslöschliche Zeichen der Einzigartigkeit jedes Menschen.
«Eine unauflösbare und unersetzliche Wesenheit», habe ich gesagt. Die Seele kann von dem denkenden Subjekt vernachlässigt, unterdrückt, unterschlagen, ja, ignoriert werden, sie ist dennoch ganz und gar da und bewahrt in sich, ineinander verwoben, Lebensbegehren und Lebensgedächtnis, Hochstimmungen und Kränkungen, Freuden und Sorgen. Ich erinnere mich an einen Satz meines Freundes Jacques de Bourbon Busset: “Die Seele ist der Generalbass, der in jdem von uns erklinkt.” Da sie eng mit dem UR-HAUCH verbunden ist, singt sie in uns eine Weise, in der die Ewigkeit mitschwingt. Bei dieser Feststellung angelangt, möchte ich eigentlich hinzufügen, dass die Seele nicht
nur das Zeichen der Einzigartigkeit jedes Menschen ist, sondern ihm auch eine grundlegende Einheit verleiht und damit eine Würde, einen Wert als Wesen.

Ich weiss natürlich, dass es im Allgemeinen der Geist ist, der es einem Menschen gestattet, sich zu entwickeln und sich zu festigen, und auch die Gesellschaft nimmt ganz selbstverständlich den Geist – möglicherweise auch den Körper, im Fall von Sportlern – als Kriterium, um jemandes «Wert» zu bestimmen. Das ist insoweit verständlich, als die Gesellschaft sich nur dank engagierter Geister weiterentwickeln kann. Aus ethischer,
ja sogar ontologischer Sicht lässt sich indessen darüber streiten. Bekanntlich leiden viele Menschen schon bei ihrer Geburt an einer geistigen Behinderung, andere können – so bemerkenswert sie auch sein mögen – im Laufe ihres Lebens von einer geistigen Schwache heimgesucht werden – denken wir nur an Van Gogh, Nerval, Hölderlin und Nietzsche … Ebenso bekannt ist, dass schon der geringste Schlaganfall den brillantesten Geist in eine Lähmung oder Sprachstörung stürzen kann. Und schließlich wissen wir, dass das Alter, dessen Auswirkungen so schrecklich ungleich sind, die grössten Geister zu einer dramatischen Stumpfheit verurteilen kann – wobei ich, der ich bislang von diesem Unheil verschönt geblieben bin, natürlich besonders empfänglich für diese Realität bin.

Bron: Cheng, François, Über die Schönheit der Seele. Sieben Briefe an eine wiedergefundene Freundin, München 2018, (C.H. Beck), pag 34-35; 40-44

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