Jochen Kelter
Kelter, Jochen, Wie eine Feder übern Himmel. Gedichte, Frankfurt am Main 2017, (Weissbooks GMBH)
Vom Antlitz der Welt
Mir fehlt die Kraft
der Einfall des Augenblicks
und jener der wärmenden
erhellenden Sonnenstrahlen
die meinem geringen Geist
Farben und Worte verleihen
Die ich so allein leihe um
unter dem grauen Himmel
derer zu gedenken die ganz
ohne Abschied aus der Welt
mählich verschwunden sind
ich rufe euch auf unter die
Traurigen Himmel Avraham
Genosse Professor Volkmar
Mentor in New York mit den
immer ironischen Augen aus
Frankfurt vor aller Zeit
am Main endgültig gelöscht
Vom Antlitz der Welt auch
den Angler in Cornwall der
mir Fünfzehnjährigem vom
Krieg den ich nicht wusste
erzählte erhebt euch ich bin
allein auf dem Grund der Zeit
Eiserne Zeit
Was bliebe zu sagen
wo wir nach dem langen Winter
dem kalten Frühjahr einem dunklen
Jahrzehnt mit Staub auf den Seelen
zuzutreiben scheinen
In dem die Enkel der Pétainisten
Pfeilkreuzler Eisernen Garden
die Kreditlosen die Jobabhängigen
ohne Job die Roms ohne Mehrheit
von den Strassen verjagen
Da in der rauen Kälte Mensch
Mensch wieder zu Boden zwingt
als sei Geschichte ein kurzer Traum
Schläger Aufstellung nehmen
vor der Hand der Geldschneider
Dass wir nach kurzem
Leben hinter den verstobenen
Gefährten unaufhaltsam auf
den Grund der Zeit sinken allen
Vergessens und ohne Widerstand

Nach der Natur
Nach all dem Grau
das lange Monde auf den Fluren lag
der kalten Nässe in den Feldern
mag nun der hohe Himmel
und das Licht im Juli die Sonne
die bei ihrem Untertauchen
noch ganz weit nördlich die Vulkane
streift bevorder See erlischt
zu spät gekommen sein zu verhindern
dass in den Oktoberstürmen
in den Winternächten die Menschen
in die Wasser steigen um an keinem
Ort mehr anzulanden
Nächtliche Terrasse
Die Blätter des Lorbeers schauen
des Euonymus Japonicus wie sie
treiben die Bildermaschine hinter
der Stirn die mit ihrer eigenen
Wirklichkeit seit je die panische
Furcht vorder Auslöschung antreibt
mit dem Fühlen des Verstands
hinter die Schranken der Seele
weisen hochgradig spezialisierte
Todesmaschine unangreifbar
eingepflanzt von allem Beginn
in die schweigenden Bäume blicken
im mählich schwindenden Licht
wie sie jede Angst überdauern

Sommer einundvierzig
For nothing now
can ever come to any good
W.H. Auden: Twelve Songs (IX)
Es regnet Sommer
auf den gepflasterten Strassen
der schwarzweissen Bilder
mit den Fassaden der Restaurants
dem Foxtrott und neuen Jazz
Dann marschieren auf den
schon kolorierten Aufnahmen durch
dieselben Strassen Braunhemd —
Kolonnen mitten durch Damen
mit Hüten und Hündchen
Juda verrecke! Und auch jetzt
in Kiew sind die Bilder koloriert
wie SD und Wehrmacht Zivilisten
exekutieren im Sommerlicht
Kopfschuss Genickschuss
Ab hier war jeder schuldig
der nicht schon geflohen verhaftet
ins Lager zu Tode gekommen war
zerschlagen zertrampelt zerstört
vor dem Sommer der Bestien
Juni vierundvierzig
Hier ist die Erde bitter,
es ist die bittere Erde von Distomo
Jannis Ritsos
Hier waren als ss-Grenadiere
die zweihundertundachtzehn Bewohner
aufschlitzten köpften erschossen vergewaltigten
verbrannten die Hunnen Europas die Herren
über den Tod die befehlsgeilen Leutnants
längst alle schuldig geworden
Komeno Kalavryta Kephalonia
sechzigtausend ermordete Zivilisten
fünftausend erschossene italienische Soldaten
achtundfünfzigtausend nordwärts verschleppte
Juden getötet kein Täter je verurteilt
kein Reuegeld jemals erwirkt
Aber hier in Distomo gewannen drei
oder vier Zwanzigährige ihre Unschuld
zurück die sie nie zuvor besessen als sie drei
oder vier Kindern den Weg wiesen sich
zu verbergen vor ihresgleichen drei
vier Gerechte unter den Barbaren

Sagt der Engel
Gib nicht auf sagt der Engel
über meine Schulter gib nicht auf
was denn? frage ich alles sagt
der Engel deine Gedichte
zu schreiben aus aller Asche
Und allem Geschrieben
dem grauen Leben und den
wenigen Goldkörnern schreibe
Worte wie Schnee und wie Tau
die fallen und wieder vergehen
Lebe ein Leben wie aber? frage ich
dass es deinen Worten erlaube
ins Wesen der Welt zu weisen
weil du ihnen zur Seite gehst
und sie auf dich zulaufen
Die Himmel im Winter
Die granitgraue Fläche des Wassers
bis zu den jenseitigen Ufern bevölkert
von weissem von schwarzem Gevögel
Hinter dem schon nur noch erahnten
Kirchturm im Dunst die braunen Wälder
verschwommen mit dunklen Hängen
In übermenschlicher Höhe darüber
die Berggipfel weiss schimmernd
ins sphärisch dunstige Blau der Lüfte
Anzuzeigen dass in weiter Entfernung
vom Wintersee ein Anfang ist mit den
Farben der Erde dem Licht der Himmel
In den Lüften liegen
Es ist als könnte nun
die Seele neben allen anderen
endlich für sich selber sein
als könnte sie auf einmal
in den Lüften liegen fliegen
auf den Wassern gleiten
als sei sie neben all dem Tod
Zwang und der Pein der Welt
nur noch ganz bei sich allein
als könnten selbst die Angst
seit der Geburt vor Blindheit
Schwachsinn faulenden Zähnen
wucherndem Geschwür noch
auch der Liebe schwarze Flügel
die Seele länger nicht bedrohen
Bewegtes Stillleben mit Avenue
Die zu grünen Karrees gestutzten
Bäume der Avenue drehen und wenden
ihr Laub im auffrischenden Wind
Grauer Himmel reisst auf weisse
Wolken gehen rasch unterm Blau
dahin das bald schon verschlossen ist
Was geht hinter sturmgezerrten
Platanen jenseits der Winde hinter den
grauen dann blauen Himmeln?
Nichts sagt der Engel ergreife
dein Teil von dem was dir nicht gehört
begreife was du nicht halten kannst

- Juli Gaza
Während im Fernsehen
die soundsovielte Dokumentation
des Attentats der letzten Chance
gezeigt wird der obligatorische
Film über den Putsch der Junker
da Demokraten Sozialisten Juden
lange schon im KZ verrotteten
verjagt waren ermordet
Klagt eine alte Frau in Gaza
dass sie seit achtundvierzig
nun zum zehnten Mal vertrieben
sei Rauch Schutt Getöse um sie
ihre letzten beiden Kinder verloren
habe die Gepeinigten werden die
Peiniger die Söhne der Gehenkten
zu Henkern Auge um Auge
Zuruf
Am Ende bist du allein
wie ein Hund unterm Mond
mit allen die dein Alleinsein säumen
mit allem was dich quält und beträumt
Am Ende des Jahres aber bedenke
ich jene die ich von fern begleite
Lucia ist vier mit frechem Mäulchen
Angie achtzig mit fröhlichem Mundwerk
Die unter den fallenden Flocken
beliebig behaust bei sich sind im Schein
des Lichts allein ihre Münder spitzen
In die Zukunft fallen in allen Worten
Kelter, Jochen, Wie eine Feder übern Himmel. Gedichte, Frankfurt am Main 2017, (Weissbooks GMBH)

Mara-Daria Cojocaru
Cojocaru, Mara-Daria, Anstelle einer Unterwerfung. Gedichte, Frankfurt am Main 2016 (Schöffling & Co)
WIR GEKRÖNTEN
Nervöse Winterbäume, Stämme, Dendriten
Im genausograuen Hirn verästelt
Rühren im Wind, in der krustigen Rinde
Ich bin das Gletscherkind, brech mir den Kopf
In den Schnee, Schmelz, Frucht
Unterwassergerausche, ich lausche. Das
Gequietsche Möwen wühlt sich in die
Luft. Ich kann hügelnd ihnen auf den Rücken
Gucken. Wer macht sowas schon
DIESE EINSCHÜSSE VON ARG
(AM RANDE DER THERESIENWIESE)
Jede Kuh
Trägt ihre eigenen
Kontinentalplatten auf dem Feil
Und
So ist
Ein jeder Mensch
Eine bedingt
Nur nutzbare und fremde Welt
NYCTICORAX NYCTICORAX
Natura. Du sagtest: Lass mal, ich hab da grad keinen Bock
Drauf – in meinem Kopf stach: Drehen wir zurück
Acht Minuten
Mitten im Säulengang: Da liegt der Nachtreiher, wie
Einer, den keiner
Erwartet er den Tod
Oder nicht. Das ist im Licht der weissgoldenen Sonne
Schwer zu erkennen, schwer zu ertragen
Die Fragen, banal
Du sagst: This animal is suffering. What shall we do? Die
Säulen verwehren dir Echo. Dein Ding. Ich stehe
Neben mir und dir, eine Frau redet gut
Zu. I don’t think he is suffering at this point. Ich denk
Nicht. Mein Kopf pocht, er atmet
Noch. Du hörst nicht zu. Was machen
Das Blut da, rotbraun und unklar
Sein Opfer, das ihm das oder er ihm. Schmiere, nicht
Identifizierbar: Er ruht in blaugrauen Federn. Sein Auge ist
Rot. Auch so. Ich zucke
Nicht mit den Schultern und sieh: Er liegt so erhaben, so
Tot? Was für eine Perspektive
Pietätlos, nein, doch, heb ihn nicht auf. Du hebst ihn und
Trägst ihn hilflos hinüber. Vielleicht in den Schatten, wenngleich
In der Sonne, da lag er so schön. Kommentare – ich
Spar’s mir und lasse dich machen und dann willst du
Fort nur
Stunden, vergehen
Ich war noch mal da und er schien mir zu atmen
Undenkbar, die Frage, hast du
Noch nach ihm gesehen
Du hasstest: Wohlfühlgequatsche, ich dachte, es machte Sinn
Natürlich, was wissen wir schon, wie es
In so einem Vogel aussieht, zumal
Wenn er stirbt
UNSER LEBEN, WIE IM FLUG
Wir sind Nichtbrüter und versuchen Urlaub
In Berlin, fusslose Flugrufe, wir kippen um
Die Längsachse in ein bisschen Freizeit, dabei
Sind wir doch zwei Leistungsträgertiere
Seite, Seite, vorwärts, nicht zurück
So aus der Luft gehoben, Flügel zügeln
Will ich, aber nur dann, wenn du auch
Und das bringt uns aus dem Takt
Muss man wohl Liebe nennen, diese Proteinballen
Dieses atemlose Eilen, Krallen. Flüchtig fang ich
Ein Gespräch: Oh hier der Mauersegler wohl E
Ein politisches Symbol gewesen ist. Was wirke ich
Bemüht. Manchmal denk ich
Ich bin wirklich eher eine Schwalbe, flatterhafter
Uns verbindet nichts
Als eine konvergente Anpassungsgeschichte
In Bitterstoff geschlagen teilen wir ein Leben
So wie andre einen Seeigel zerschneiden
Wir sehen uns, halb Herz, halb köpfig, fliegend

NOCH WOCHEN NACH SEINEM TOD
Nach den schwarzen Schwänen
Kamen die
Trauernden
An den Zaun
Zwischen welken Federn
Weissen Nelken
Blickt mich die Mutter an
Als müssten Menschen
Wissen, was passiert
Wenn man nichts mehr machen kann
Mit dem Abgelebten
Doch was weiss ich schon1
Apropos Homöostase
Unser beider Herzen rasen
Von nun an bis ans Ende unsere
Tage einfach so dahin
1 Auf der anderen Seite
Ein Flüstern
Unverständlich
Wie sie sich verhält
DER FORM NACH GALAPAGOS
Meerechse streckt sich ins windgefaltete Blau
Grün, Unterwasserkäuer, kammgrantiger Schrubb
Du, Mitbewohner der Wale
Kleingesicht neben Grosshirn. Unter der Stirn
Auf der Zunge des Blauwals tanzen
Die Elefantenkinder auf grosser Fahrt
Wir sollten besser auch Luft holen
In seiner Aorta schwimmen und wie die Ritzntümmler
Ihn mit der Unterseite unserer Zungen kitzeln
An Land haben hier die Bienen die Hosen voll
Mit Honig. Da, wo ich herkomme, rutscht nur
Der Schnee von den Dächern wie müde linke Füsse
Wenn die Wolken getürmt sind und wir warten
Dass der Sommer sich warm regnet ,
FETITA IN DER WUNDERKAMMER
Nimm des Vaters zierliche Ziege und reit, die Seele rein
Die Katz ans Herz gelegt, zur Welt – wer, um alles
Hat sie nur so voll gestellt? Schon entspinnt sich
Die ganze celestische Klappmechanik
Schema des göttlichen Verstands. Ein fein beschnitzter
Pflaumenkern. Erkäntnüss des apfelrunden Kreises, iss
Und steek die Edlen, Gepaarten von tief unterm Meer
Unters Fischnetz aus: zu Perlschnur gereihten
Liebhabereien in Butterbrotpapier, von: als die Welt noch
Fett war, zu Himmel und Hölle gefaltet. Werd Seele, unsterblich
Verliebt in dich selbst. Hol die Phiolen voll flüssigen Drachenfürzen
Injizier dir und der Ziege davon, entflieg dem Gerechtesten, dessen
Präpariertes Pferdchen den Pegasus versucht, gehackt vom Greif. Wie
Gut, dass der Tod doch eine menschliche Sache, und du auf deiner Ziege
Am schnellsten bist
MORGENS, ALS ERSTES: DIE PFERDE TRÄNKEN
Von den meisten Dingen wissen wir
Nicht, warum wir sie – vielleicht
Bei den philosophischen Stuten
Auf der Weide im Schnee
Wie sich die Dinge
Die Tiere, der Boden
Die Luft, die eigene Spur
In den Nüstern
Verloren, Umriss, Idee
Wenn wir die werdenden Mütter
Besuchen und früh am Tag, schemenhaft
Die Pferde tränken gehen
NACHTRAG
Du sagst, wir sind auch nur Tiere, gross und traurig
Du wählst die Leute, die dich überleben, als
Wäre das ein Privileg. Wir werden
Weiter durch die Landschaft grasen. Wo
Wir weilen, weinen, wir verwundet zweifeln
Nährt das Salz aus unseren Augen die Wüste
Die wir hinterlassen. Populiert doch schon
Der Himmel erwölkt sich schwerlich alle Tage
In jeder Richtung ein Szenario in anderer Farbe
Dort modert der Algenteppich. Hier sperrt
Das durchtrenste Maul vom Bukephalos1
Am Horizont. Der Name reiBt sich los und das
Tier spürt den Schmerz. Vier Reiter simulieren
Schmetterlinge. Gemüt: stabile Strophenlage
Hinter uns: Anästhesie. Wir lernen atmen
Wo niemand atmet. 2 Somnambule Stenographie
Ein Anschlag pro Sekunde. Kampfgedanken
Biopsie. Unsere Bäuche schleifen zu Boden
Die Haut ist rau. Wir lecken den Wolken den
Wattigen Busen, neiden den Tieren die wollige
Kugel und immer wieder: diese Leidensfähigkeit
1 Du erinnerst dich: Den mochtest du so gern
2 Das ist im windgeborenen Schnee

NATUR DER DINGE
Ich beginne, höre Stimmen. Wir
Müssten leiser werden. Wie die
Eisvögel Feuer fangen, geht
Die Welt ja niemals unter, doch
Was uns wertvoll ist, geht ein
Kopf dickes Schloss
Epinephrine, komm, wir schreiten
Unbekleidet in den Regen
Erklimmen einen Adlerhorst
Hypnagoge Klangwandler, wir
Wählen uns ein neues Zeichen
Tock tock, Gelichter wir
Ich wippe meine Stimme in den
Wind, der flicht den Tag ins Haar
Kitzelt raus, was in uns haust
Doch, von Glück gewickelt, vom
Elefantenkind berüsselt, bleibt
Unsäglich, wer wir wirklich sind
SELBSTBESTIMMUNG
Die letzten Neuntöter wetzen ihre Stimmen
Bodenlos muss ich immer weiter steigen
Die Stände in den englischen Futterhäusern
Sinken. Wind spielt mit Papier. Ich migriere
Zwischendrin. In den Ecken, an den blinden
Flecken meines Denkens, sitzen
Schimpfen ausgewachsene Makaken
Affen, Katzenkinder, Biberratten
Mein polyphones Schnattern ist das
Ein Blick und urwaldhafte Ruhe wird es
Diamantköpfig inhibiere ich
Den Trieb. Flachwurzlerin, die ich ja bin
BLUTPROBE: NÜCHTERN AM MORGEN
Der Tag hat eine Wand aus dies
Und das in den Weg geschoben
Nebel der Alltäglichkeit
Mein Therapiewaran nimmt die Spur auf
Kaltes Blut, erstarrte
Herzensangelegenheit
Während die Kohorte Nachwuchs
Bromheeren in den Strauchspitzen frostet
Bin ich gesund
Ich werd ja sehen, was ich fühle
Und fühlen, was ich seh
In der Blutprohe
Oh es kocht, oh es lockt
Oh es flockt, oh es stockt
Oh es frieren kann
GEGEN DIE ANGST. INS ZIEL
Hier kommen meine Show
Dämonen, hoch gezüchtet
Endlich
Meine eigenen Kampfrichter
Geben
Das Herz geschlagen
Wie es dünn wird
Wie es an ihm raspelt
Wie die Ratten, agoutifarben
Im Schlehendorn, ganz oben
Wo eigentlich
Die Stare wohnen
Natürlich habe ich nichts
Gegen die Ratten
Natürlich habe ich nichts
Gegen die Angst
lCH BIN
Das letzte Reh im Zoo von Gaza, ich
Steh, zerschossen Fell und Sand
Am Rand: ikonische Verzweiflung. Ich
Seh meine Freunde an der Wand. Wer
Hat mich übersehen? Warum bleib ich
Bleiern, unerschossen; unentschlossen
Geh ich hin. Ich wittere, was surreal ist, die
Wand marschiert mir in die Nase, ich biete
Mich dem Truthahn an. Als Friedenszeichen
Schalomsalam, ich
Bin das letzte Reh, im Zoo von Gaza
Du mein Absalom-Perückenbock
Zerschossene Testikel, tapfer und wie schön
Du bist, ich weiss, und Gott erspeit die Lauen
Ich bin, Jesusmaria, voll der Gnade
Und was für ein brutales
Bild vom Krieg
LETZTES
Dein Sturm hat alles aufgehackt, Wieseleien
Im Wurzelfell, ein Rot vom eingeklemmten
Flamingofuss oder von deinem Fleisch
Und Blut. Krebseinlagerungen in meiner Feder
Moosbrokat spangt zwischen blond gekämmten
Wiesen. Hoch zwitschert es. Kein Vogel in der Luft
Zu sehen, kein Busch. Wiesenbrüter, klug, geduckt
Demgegenüber: War ich der Vogel, der gegens
Zeitfenster, in dem er singen lernen sollte, flog
Dass das bisschen Hitze flimmert vor den
Windgeschlagenen Schindeln. Cimitir
Wo du nicht liegst. Manchmal denk ich
Wir als Gattung, Mensch, wir müssen noch
Den Mars besiedeln.2 Dabei ist mir Autofahren
Schon zu viel. Bei uns ging immer alles
Unter. So gern ich’s hatte, so gern ich sang, so gern
Ich sang das immer gleiche Lied, ich dachte
Wenn wir eines Tages nicht mehr – über
Eichhörnchen sprechen, oder Waschbären,
die es Bei uns nicht gibt, über all die Tiere, die wir sowieso
Nicht sind. Doch dafür ist es nun zu spät
2 Du erinnerst dich: Dafür hattest du dich interessiert
Mara-Daria Cojocaru, Anstelle einer Unterwerfung. Gedichte, Frankfurt am Main 2016 (Schöffling & Co)
