Welt – wereld in de poëzie van Paul Celan (1)

FRÜHWERK 1938-1948

Lebenslied

Die Käfer der Nacht
kommen.
Sie wandern über deine Hände in die Welt.
Es hat ein Wind dich quer
gelegt über die Schluchten.
Du bist die Brücke und du weißt es nicht.

(Und der du Nacht gebracht, sie ließ allein dich.
Und der du Schlaf geboten, sieh, sie schlief nicht ein.
Und der du Zauber brautest, starb vom Zauber.)

So schlaf denn, schlafe: Wimpern sind kein Zeichen mehr.

Es hat ein Wind dich quer
gelegt über die Schluchten.
Du bist die Brücke, doch du weißt es nicht.

Die Käfer der Nacht
kommen.

2celan-schneegedicht9

Träne

Blaut die Nacht.
Ich blies alle Lichter aus.
Ich sprang durch das Dunkel.
Ich schwirrt’ mit dem Stern in den Abgrund.
Im Geäst verstrickt’ ich mich:

Dein schweres Haar, die ferne Fessel . .
Dein weher Schritt, die blaue Welt. .
Dein dunkler Sturz – ich hielt mein Herz hin . . .

Nicht Flieder war es, du wolltest Flieder.
Nicht Nachtwind war es, nie wird es Nachtwind sein.
Nicht Lieder sind es, Lieder verwandeln mich nicht.

Nicht Sehnsucht ist es, es ist der Regen.

 

Zwischenspiel

Spring ins Dunkel: Seide fängt dich auf:
schwarze Schwester, spiel darin

Den splitternden Spiegel der Welt
hüllt die Nacht in flammenden Samt:
wilde Schwester, wühl darin!

Die Stimmen der Sterne
gießen ihr ängstliches Silber aus:
deine Wimpern suchten Tau . .

Ein roter Ball
(der Mond? das Herz der fremden Tänzerin?)
blutet an dir vorbei –

Samt flammt auf, dein Lächeln strähnst du:
wer, wer, wer
trat weiß
zum Glockenspiel der Mulden?

 

el fulgor xxviii

Aus der Zeit

Gewaltsam
entriß es uns unsere kaum
enträtselte Sehnsucht.
Entstellt ist das Antlitz der Nacht.
Geheim ist nichts mehr.
Die Blumen, die Blumen
des nächsten Frühlings
finden uns nicht.
Von den Sternen weht es, dein Bildnis,
weht seltsam:
so geh, so geh denn die Regenwege mit mir.

Weiß sind die Tulpen: neige dich über mich.
Die Nacht tauscht Wind für fächelnde Hände ein.
Sag:
es werden die Falter schwärmen?
Sag:
mein Mund der einzige Kelch sein?
Und du schließt die Augen vor rosigem Schimmer?
Sag?

Denn diesmal – fühlst du? – läßt dich mein Arm nicht mehr
in die Welt. . .

Weiß sind die Tulpen: neige dich über mich!

 

Sonnenwende

Die Nacht blüht blau: für wen? für wen?
Was werden wir im Osten sehn?
Die Hecke mit dem Feuerkranz
gebot der Waffe wieder Tanz.

Die Maid, der ich den Schlaf befahl,
schlägt mit dem Herzen an ein Stahl.
Der Mond sieht zu – den wer geköpft? –
wie meine Seele Wasser schöpft.

Die Welt, die ich mit Blut verbräm,
wacht weiß, ob keiner wiederkäm,
der, nur aus Händen und aus Haar,
der Herzen süßer Heiland war.

Im Haus, daran das Feuer leckt,
hab ich die Rosenzeit entdeckt.
Sie schläft, von meinen Fäusten welk
den Schlaf der Liebe im Gebälk.

Dir drüben mal ich unters Kinn
die Wunde die ich selber bin.
Wenn meine Asche deiner gleicht,
ersteht dein wahres Reich vielleicht.

l1190973

Gemurmel der Toten

Unsre Augenhöhlen sind klar
von Käferlichtern erhellt.
Mit Lehm, mit verfilztem Haar
baun wir fort an der Welt.

Wahlspruch der Träne: versink!

  • Erde, du singender Samt! –
    Asche und Kettenring,
    haltet uns Totenamt.

Der Henker mit hölzernem Arm
köpft unsre Schatten im Turm.
Knechte, ach Knechte . . Erbarm
dich, Wurm.

 

Notturno

Schlaf nicht. Sei auf der Hut.
Die Pappeln mit singendem Schritt
ziehn mit dem Kriegsvolk mit.
Die Teiche sind alle dein Blut.

Drin grüne Gerippe tanzen.
Eins reißt die Wolke fort, dreist:
verwittert, verstümmelt, vereist,
blutet dein Traum von den Lanzen.

Die Welt ist ein kreißendes Tier,
das kahl in die Mondnacht schlich.
Gott ist sein Heulen. Ich
fürchte mich und frier.

 

Steppenlied

Wo ist dein Blick wie der Abende Wink,
der mein versinkendes Augenspiel fing?

Wem folgst du schimmernd und stumm aus der Schar?
Wer mischt der Regennacht Rost in dein Haar?

Wem tut es weh, den der Steppenwind streift,
daß meine Hand in die Windstille greift?

Wer wird es sein, der die Schwüre auch hält?
Wo, sag, war Heimat, und was, sag, war Welt?

Flammende Steppe – mein Mantel, mein Mut:
zünde mein Bild in ihr ratloses Blut!

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Beieinander

Alle Stunden spielst du mit den hellen
Dolchen und es wird nicht Tag.

Auf den Kähnen flieh ich, auf den schnellen;
hör wie wild mein Blut erschrak.

In das Zwielicht hebst du deiner Hände
Flüstern und die Welt lischt aus;

mit dem Schritt im welkenden Gelände
such ich dich im Nebelhaus.

Was errätst du, wenn du dich verschleierst
mit dem Dunkel, das dich schleift?

Wenn du es mit solcher Schwermut feierst,
leb ich, weil dein Blick mich streift.

Auf den Kähnen flieh ich, auf den schnellen;
hör wie wild mein Blut erschrak!

Alle Stunden spielst du mit den hellen
Dolchen. Und es wird nicht Tag.

 

Wald

Im Efeu, im Immergrün
will wieder dein Schimmer blühn
Bald ist es trüber hier:
falt ich mich über dir?

Es zündet das Regenlicht
den Fluch nicht, den Segen nicht . .
Kelch, der sich stumm erhellt:
welchem die Schlummerwelt?

Die ich von den Hügeln trag
erlosch mir vom Flügelschlag . .
Riefen die Farne sie?
Triefen und tarnen sie …

Im Efeu, im Immergrün,
will wieder dein Schimmer blühn.
Bald ist es trüber hier;
falt ich mich über dir?

 

Zauberspruch

Blut der Regenmaid wie Wein,
schläfere die Erlen ein.
Wind der Welt im Sternenkleid,
bring der Dunkelheit Bescheid.

Silberried und Silberrohr,
stehlt euch durch das Rosentor,
holt den Tau fürs Augenlid,
Silberrohr und Silberried.

Still aus jeder hohlen Hand,
Reiher, taucht der Purpurstrand.
Stiehl dir Pracht und raub dir Tag
und die Perlenbrücke schlag.

L1240239

Wandlung

Nicht mehr wie einst und ehe
du hier warst blüht jetzt die Schlehe.

Die Rispe, die winkende Dolde,
gehorchen nicht mehr dem Kobolde.

Ich trau mich nicht mehr mit Flöten
den Schlummer der Gräser zu röten

Und folge nicht mehr den Spuren
der lautlosen Sonnenuhren.

Ich muß nun in Welt und Gewändern
den Zauber der Falten verändern.

Was brauch ich für Spangen, für Ringe
daß mir der Wandel gelinge?

Nicht mehr mit den blühenden Zweigen
kann ich die Welt zu mir neigen.

Sondern rings um mein Haus
reiß ich die Wurzeln heraus.

 

Entsunkene, von meinen Nelken nimm.
Und an das Kupfer meiner Nächte schlage.
An hohe Türme komm und klimm.
Den Wolken hilf. Den Efeu trage.

Entschleiert ist den Schritten die Gefahr.
Entrückt das Gold, die Nebel reifer.
Mit meinem Herzen tief im Regenjahr,
beginnt in mir die Welt der Regenpfeifer.

Der Stunden weißes Linnen komm und strähn.
Die blaue Jahreszeit verlischt. Entblößte . .
Mit deiner Nacht an meiner Schwermut lehn.
Mit deiner Hand mein Auge tröste.

 

WELT in deinen Blick zu bannen,
strahlt mein Aug vom leisen Wind,
trieb ich Beile in die Tannen,
schürft ich, wo die Schätze sind,

riß ich Falken aus den Flügen,
stampft ich Hütten in den Staub,
schöpft ich Wasser mit den Krügen,
rauscht ich lange mit dem Laub,

hing ich mich an fremde Schritte,
hüllt ich mich in buntes Tuch,
zog ich durch der Nebel Mitte,
löst ich mich in Wohlgeruch –

Aber erst entstellt
schweig ich – und bin Welt?

 

Ferne

Der schwarze Brunnen und nicht mehr dein Auge
hält den gefangen, der dir so entrückt.
Die schwere Welt versucht mit trüber Lauge,
ob ihm das Wunder seiner Hände glückt.

Der blinde Vogel aus dem blassen Abend
legt ihm der Sehnsucht Perlen um den Hals,
daß er, sich mit der Nacht im Tag vergrabend
der Welt entwelkt des süßen Wundenmals.

Du warst das Leben und der fremde Wein,
in den ich weiß Holunderzweige senkte . . .
wie schläft man unter dem Holunder ein?

Die Seele hängt sich an die leere Zahl . . .
O Mond, der Nacht verklärtes Muttermal:
wo blieb der Krug, den ich mit Tränen kränkte?

el fulgor

Drüben

Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.
Von dort kommt nachts ein Wind im Wolkenwagen
und irgendwer steht auf dahier.
Den will er über die Kastanien tragen:
»Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir -«
Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.

Da zirp ich leise, wie es Heimchen tun:
da halt ich ihn, da muß er sich verwehren!
(Ihm legt mein Ruf sich ums Gelenk . .)
Den Wind hör ich in vielen Nächten wiederkehren:
»Bei uns flammt Ferne, bei dir ist es eng . . .«
Da zirp ich leise, wie es Heimchen tun.

Doch wenn die Nacht auch heut sich nicht erhellt
und wiederkommt der Wind im Wolkenwagen:
»Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!«
Und will ihn über die Kastanien tragen –
dann halt, dann halt ich ihn nicht hier . . .

Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.

 

Seidelbast

Von diesen Stauden mit dem rötlich-weißen
Geheimnis ist dein dunkles Herz erfaßt.
An deinen Wangen laß mich, an den heißen,
verweilen mit dem Duft vom Seidelbast.

Was sich entschließt an deinem Blut zu leuchten,
ist, sagen sie, beseelt von einem Gift.
Ist es von einem Schimmer, einem feuchten,
was dich verwandelt und mich übertrifft?

Am offnen Fenster wechselt deine Welt.
Die kleinen Blüten flüstern dir Befehle.
So bleibt, was dir mein Herz vertraut erhält,
ein starker Duft im Süden meiner Seele.

 

Das Fenster im Südturm

Dir sinkt die Schwinge vor dem Niederschlag
der Stille: Pfeile gehn in schrägen
tiefgrünen Sträußen nieder in den Rosenhag –
Doch weht mein Blut dem Kirschenbaum entgegen.

Wenn nicht mein Aug der Wolkenspiegel wär,
erriet’ der Turm das Schimmern deiner Hände:
Wo der Jasmin den Blick allein läßt, ist das Meer –
Und weiter unten ist die Welt zuende.

Ist noch dein Mund ein Nest von Schlangenbissen,
und von der Lanze blutig noch mein Knie –
Hier wird dein Herz, dem schwarzen Stern entrissen,
mir leicht sein wie ein Mondstrahl, Magali.

 

Spätsommer

Glänzt nun (und wer ist gefeit?) von den Augenblicken
der Hände dein Haar, die Nacht meines Herzens? Berührt
nicht dein Mund die Geräusche des Sommers? Schicken
die Bäume ihr Laub in den Tanz, der uns taumelnd entführt?

Wenn wir uns drehen nun, leicht, auf verwundeter Sohle
brennt noch das Gras unter dir? Oder trieft es von
schmerzlichem Tau?
Die Welt, die ich träumend den Büschen und dir wiederhole,
läßt uns, wie Wolken, allein mit dem dunkelnden Blau.

Drüben wird bald ein bekehrter Kobold die versehrten
Seelen verklären im Spieglein, das funkelt und schäumt.
Hier aber heftet ein Stern unser Blut an die Gärten,
wo deinen Knieen zulieb meine steigende Jahreszeit säumt.

 

Sternenlied

Nichts kann, das sich im Mondschein noch begibt,
je sein wie damals, als der große Wagen
uns tönend aufnahm. Keinen den er liebt
wird er, wie einst uns zwei, begeistert tragen,

daß laut die Leier aufklingt, wenn sein Rad
durch Fernen hinrollt; daß die unsichtbaren
Gestirne aufblühn, wenn er strahlend naht,
und staunen, daß hier andre also fahren;

und sich das Schwanenlied dort oben, bang
vor eignem Tod, bekennt zum fremden Leben;
und Gold, das von der Himmelswaage sank,
von Schwingen träumt um neben uns zu schweben;

und in den Wäldern, wo die Welt beginnt,
der Bogenschütze schweift, an uns vorbei,
und seine Pfeile fächeln Frühlingswind
den Hirschen mit dem knospenden Geweih . . .

Uns kann im Mondschein keiner gleichen seit
die Pracht dort oben unser eigen war.
Mein Herz strahlt wild vom herrlichen Bescheid –
Dein Haar vom Glanz aus Berenikes Haar.

Die stammelnden Seelen der Neger ringsumtanzten rundum und drangen ein:die Schatten fanden sie, die Schattenvon keinem..

Zersprengt ist der Seelenreigen.

 

BALLADE VON DER ERLOSCHENEN WELT

Der Sand. Der Sand.

Vor die Zelte, die zahllosen Zelte

trägt der Mond sein Geflüster.

»Ich bin das Meer. Ich bin der Mond.

Laßt mich ein.«

 

»Nacht«, murmeln die Zelte.

»Sei Nacht.«

 

Da rücken die Speere heran:

»Wir sind es.

Und das eiserne Blau des Morgens.

Laßt uns die Schwingen alle

durchbohren.«

 

Da regen,

da regen sich bange die Arme der Krieger:»

Uns gaben die gottlosen Engel recht –

und Fremde häufen hier Finsternis?

Wir dringen ein!

 

(Doch was,

doch wer ist im Gezelt?)

 

Ein atmendes Antlitz

hängt sich hell vor die Zelte:

“Regengrünes Geschick

bin ich.

Und ich bin das Gras.

Ich wehe.

Und ich wehe hinein.«

 

(Doch was,

doch wer ist im Gezelt?)

 

Versanken sie alle?

Der Sand?

Die Speere?

Die Arme der Krieger? Das atmende Antlitz?

 

Versanken, versanken sie?

Die stammelnden Seelen der Neger ringsum

tanzten rundum und drangen ein:

die Schatten fanden sie, die Schatten

von keinem..

 

Zersprengt ist der Seelenreigen.

 

MÜDIGKEIT

enes Licht, die Welt der Käfer
stürzt vorbei an meiner Hand

Meine Freunde, meine Schläfer:
wohin sinkt mein rotes Land?


Du, Versunkenheiten alle
sammelnd in dem grossen Krug

sieh nicht hin, wie ich zerfalle
in die Tiefe, die mich trug


In der Welt aus Rausch und Reben,
der ich dien und nicht mehr taug,

bleibt dein braunes Haar mein Leben,
und mein Tod dein grünes Aug.

 

PUPPENSPIEL

Wem in dem Land der schmerzlichen Beweise

bringt dieses Leben hölzernen Bescheid?

Das Jahr zieht in den Ebenen die Kreise.

Den Puppen blüht es leise um das Kleid.

 

Das tolle Kasperl und der freche Kater;

die Maid der Stille, der Korsar vom Meer:

Für alle sorgt der große Puppenvater

mit Drähten, Farbe und mit Teer..

 

Daraus entwirft ihr schlafendes Gefühl

die Welt der Tränen und der Flammenwinke..

Und niemals wird ihnen die Bühne schwül.

Trotz schlechter Winde und trotz schlechter Schminke.

 

Doch vielen beben manchmal unterm Holz

die großen Herzen aus Papier und Kleister.

Dann bäumt sich seltsam weh ihr Puppenstolz

gegen den Draht und gegen seinen Meister.

 

Dann geben ihre Hände, ihre Knie,

nur schwer die vielen fremden Zeichen weiter,

die alles Andre sind, und doch nur sie,

auf ihrem Weg zur schwanken Himmelsleiter…

 

Der Hand am Draht entrollt der Würfel Liebe.

Dem sieht ein Glasaug nach, verzückt und scheel.

Dann fragt sich stumm, ob ihr kein Lächeln bliebe,

die Puppe ohne Falsch und ohne Fehl..

 

Mitunter aber spielen sie das Spiel..

(Und sind fast froh, daß sie es spielen dürfen?)

>Wir wissen von der Täuschung viel zu viel:

was gebt ihr uns den Wein der Welt zu schlürfen ?<

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Vom Aste baumelt jetzt der Neunmalkühne..

Die Winde stolpern in ein Morgenrot..

Mit roten Buckeln grüßen von der Bühne

der Affe Leben und der Affe Tod.

WANDLUNG

Nicht mehr wie einst und ehe

du hier warst blüht jetzt die Schlehe.

 

Die Rispe, die winkende Dolde,

gehorchen nicht mehr dem Kobolde.

 

Ich trau mich nicht mehr mit Flöten

den Schlummer der Gräser zu röten.

 

Und ich folge nicht mehr den Spuren

der lautlosen Sonnenuhren.

 

Ich muss nun in Welt und Gewändern

den Zauber der Falten verändern.

 

Was brauch ich für Spangen, für Ringe,

dass mir der Wandel gelinge?

 

Nicht mehr mit den blühenden Zweigen

kann ich die Welt zu mir neigen.

 

Sondern rings um mein Haus

brech ich die Wurzeln heraus.

snow
  • MOHN UND GEDÄCHTNIS (1952)

MARIANNE

Fliederlos ist dein Haar, dein Antlitz aus Spiegelglas.
Von Auge zu Aug zieht die Wolke, wie Sodom nach Babel:
wie Blattwerk zerpflückt sie den Turm und tobt um das Schwefelgesträuch.

Dann zuckt dir ein Blitz um den Mund – jene Schlucht mit den Resten der Geige.
Mit schneeigen Zähnen führt einer den Bogen: O schöner tönte das Schilf!

Geliebte, auch du bist das Schilf und wir alle der Regen;
ein Wein ohnegleichen dein Leib, und wir bechern zu zehnt;
ein Kahn im Getreide dein Herz, wir rudern ihn nachtwärts;
ein Krüglein Bläue, so hüpfest du leicht über uns, und wir schlafen . . .

Vorm Zelt zieht die Hundertschaft auf, und wir tragen dich zechend zu Grabe.
Nun klingt auf den Fliesen der Welt der harte Taler der Träume.

 

DIE Hand voller Stunden, so kamst du zu mir – ich sprach:
Dein Haar ist nicht braun.
So hobst du es leicht auf die Waage des Leids, da war es schwerer als ich . . .

Sie kommen auf Schiffen zu dir und laden es auf, sie bieten es feil auf den Märkten der Lust –
Du lächelst zu mir aus der Tiefe, ich weine zu dir aus der Schale, die leicht bleibt.
Ich weine: Dein Haar ist nicht braun, sie bieten das Wasser der See, und du gibst ihnen Locken . . .
Du flüsterst: Sie füllen die Welt schon mit mir, und ich bleib dir ein Hohlweg im Herzen!
Du sagst: Leg das Blattwerk der Jahre zu dir – es ist Zeit, daß du kommst und mich küssest!

Das Blattwerk der Jahre ist braun, dein Haar ist es nicht.

 

 

DER STEIN AUS DEM MEER

Das weiße Herz unsrer Welt, gewaltlos verloren wirs heut um die Stunde des gilbenden Maisblatts:
ein runder Knäuel, so rollt’ es uns leicht aus den Händen.
So blieb uns zu spinnen die neue, die rötliche Wolle des Schlafs an der sandigen Grabstatt des Traumes:
ein Herz nicht mehr, doch das Haupthaar wohl des Steins aus der Tiefe,
der ärmliche Schmuck seiner Stirn, die sinnt über Muschel und Welle.

Vielleicht, daß am Tor jener Stadt in der Luft ihn erhöhet ein nächtlicher Wille,
sein östliches Aug ihm erschließt überm Haus, wo wir liegen,
die Schwärze des Meers um den Mund und die Tulpen aus Holland im Haar.
Sie tragen ihm Lanzen voran, so trugen wir Traum, so entrollt’ uns das weiße
Herz unsrer Welt. So ward ihm das krause
Gespinst um sein Haupt: eine seltsame Wolle,
an Herzens Statt schön.

O Pochen, das kam und schwand! Im Endlichen wehen die Schleier.

 

 

DAS GANZE LEBEN

Die Sonnen des Halbschlafs sind blau wie dein Haar eine Stunde vor Morgen.
Auch sie wachsen rasch wie das Gras überm Grab eines Vogels.
Auch sie lockt das Spiel, das wir spielten als Traum auf den Schiffen der Lust.
Am Kreidefelsen der Zeit begegnen auch ihnen die Dolche.

Die Sonnen des Tiefschlafs sind blauer: so war deine Locke nur einmal:
Ich weilt als ein Nachtwind im käuflichen Schoß deiner Schwester;
dein Haar hing im Baum über uns, doch warst du nicht da.
Wir waren die Welt, und du warst ein Gesträuch vor den Toren.

Die Sonnen des Todes sind weiß wie das Haar unsres Kindes:
es stieg aus der Flut, als du aufschlugst ein Zelt auf der Düne.
Er zückte das Messer des Glücks über uns mit erloschenen Augen.

 

 

AUF HOHER SEE
Paris, das Schifflein, liegt im Glas vor Anker:
so halt ich mit dir Tafel, trink dir zu.
Ich trink so lang, bis dir mein Herz erdunkelt,
so lange bis Paris auf seiner Träne schwimmt,
so lange, bis es Kurs nimmt auf den fernen Schleier,
der uns die Welt verhüllt, wo jedes Du ein Ast ist,
an dem ich hänge als ein Blatt, das schweigt und schwebt.

 

ICH bin allein, ich stell die Aschenblume
ins Glas voll reifer Schwärze. Schwestermund,
du sprichst ein Wort, das fortlebt vor den Fenstern,
und lautlos klettert, was ich träumt, an mir empor.

Ich steh im Flor der abgeblühten Stunde
und spar ein Harz für einen späten Vogel:
er trägt die Flocke Schnee auf lebensroter Feder;
das Körnchen Eis im Schnabel, kommt er durch den Sommer.

 

 

BRANDUNG
Du, Stunde, flügelst in den Dünen.

Die Zeit, aus feinem Sande, singt in meinen Armen:
ich lieg bei ihr, ein Messer in der Rechten.

So schäume, Welle! Fisch, trau dich hervor!
Wo Wasser ist, kann man noch einmal leben,
noch einmal mit dem Tod im Chor die Welt herübersingen,
noch einmal aus dem Hohlweg rufen: Seht,
wir sind geborgen,
seht, das Land war unser, seht,
wie wir dem Stern den Weg vertraten!

 

AUS Herzen und Hirnen
sprießen die Halme der Nacht,
und ein Wort, von Sensen gesprochen,
neigt sie ins Leben.

Stumm wie sie
wehn wir der Welt entgegen:
unsere Blicke,
getauscht, um getröstet zu sein,
tasten sich vor,
winken uns dunkel heran.

Blicklos
schweigt nun dein Aug in mein Aug sich,
wandernd
heb ich dein Herz an die Lippen,
hebst du mein Herz an die deinen:
was wir jetzt trinken,
stillt den Durst der Stunden;
was wir jetzt sind,
schenken die Stunden der Zeit ein.
Munden wir ihr?
Kein Laut und kein Licht
schlüpft zwischen uns, es zu sagen.

O Halme, ihr Halme.
Ihr Halme der Nacht.

SIE kämmt ihr Haar wie mans den Toten kämmt:
sie trägt den blauen Scherben unterm Hemd.

Sie trägt den Scherben Welt an einer Schnur.
Sie weiß die Worte, doch sie lächelt nur.

Sie mischt ihr Lächeln in den Becher Wein:
du mußt ihn trinken, in der Welt zu sein.

Du bist das Bild, das ihr der Scherben zeigt,
wenn sie sich sinnend übers Leben neigt.

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  • VON SCHWELLE ZU SCHWELLE (1955)

 

BRETONISCHER STRAND

Versammelt ist, was wir sahen,

zum Abschied von dir und von mir:

das Meer, das uns Nächte an Land warf,

der Sand,

der sie mit uns durchflogen,

das rostrote Heidekraut droben,

darin die Welt uns geschah.

 

GRABSCHRIFT FÜR FRANÇOIS

Die beiden Türe der Welt

stehen offen:

geöffnet von dir

in der Zwienacht.

Wir hören sie schlagen und schlagen

und tragen das ungewisse,

und tragen das Grün in dein Immer.

 

Oktober 1953

 

 

WALDIG

Waldig, von Hirschen georgelt,

umdrängt die Welt nun das Wort,

das auf den Lippen dir säumt,

durchglüht von gefristetem Sommer.

 

Sie hebt es hinweg und du folgst ihm,

du folgst ihm und strauchelst – du spürst,

wie ein Wind, dem du lange vertrautest,

dir den Arm ums Heidekraut biegt:

 

wer schlafher kam

und schlafhin sich wandte,

darf das Verwunschene wiegen.

 

Du wiegst es hinab zu den Wassern,

darin sich der Eisvogel spiegelt,

nahe am Nirgends der Nester.

 

Du wiegst es hinab durch die Schneise,

die tief in der Baumglut nach Schnee giert,

du wiegst es hinüber zum Wort,

das dort nennt, was schon weiß ist an dir.

 

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INSELHIN

NÄCHTLICH GESCHÜRZT

Für Hannah und Hermann Lenz

Nächtlich geschürzt
die Lippen der Blumen,
gekreuzt und verschränkt
die Schäfte der Fichten,
ergraut das Moos, erschüttert der Stein,
erwacht zum unendlichen Fluge
die Dohlen über dem Gletscher:

dies ist die Gegend, wo
rasten, die wir ereilt:

sie werden die Stunde nicht nennen,
die Flocken nicht zählen,
den Wassern nicht folgen ans Wehr.

Sie stehen getrennt in der Welt,
ein jeglicher bei seiner Nacht,
ein jeglicher bei seinem Tode,
unwirsch, barhaupt, bereift
von Nahem und Fernem.

Sie tragen die Schuld ab, die ihren Ursprung beseelte,
das zu Unrecht besteht, wie der Sommer.

Ein Wort – du weißt:
eine Leiche.

Laß uns sie waschen,
laß uns sie kämmen,
laß uns ihr Aug
himmelwärts wenden.

 

genius

AUGE DER ZEIT

Dies ist das Auge der Zeit:

es blickt scheelunter siebenfarbener Braue.

Sein Lid wird von Feuern gewaschen,

seine Träne ist Dampf.

 

Der blinde Stern fliegt es an

und zerschmilzt an der heißeren Wimper:

es wird warm in der Welt,

und die Totenknospen und blühen.

 

KENOTAPH

Streu deine Blumen, Fremdling, streu sie gestrost:

du reichst sie den Tiefen hinunter,

den Gärten.

 

Der hier liegen sollte, er liegt

nirgends. Doch liegt die Welt neben ihm.

Die Welt, die ihr Auge aufschlug

vor mancherlei Flor.

 

Er aber hielts, da er manches erblickt,

mit den Blinden:

er ging und pflückte zuviel:

er pflückte den Duft –und die’s sahn, verziehn es ihm nicht.

 

Nun ging erund trank einen seltsamen Tropfen:

das Meer.

Die Fische

–stießen die Fische zu ihm?

 

Still I Rise

  • SPRACHGITTER (1959)

I

Stimmen, ins Grün

der Wasserfläche geritzt.

Wenn der Eisvogel taucht,

sirrt die Sekunde:

 

Was zu dir stand

an jedem der Ufer,

es tritt

gemäht in ein anderes Bild.

*

Stimmen vom Nesselweg her:

 

Komm auf den Händen zu uns.

Wer mit der Lampe allein ist,

hat nur die Hand, draus zu lesen.

*

Stimmen, nachtdurchwachsen, Stränge,

an die du die Glocke hängst.

 

Wölbe dich, Welt:

Wenn die Totenmuschel heranschwimmt,

will es hier läuten.

*

Stimmen, vor denen dein Herz

ins Herz deiner Mutter zurückweicht.

Stimmen vom Galgenbaum her,

wo Spätholz und Frühholz die Ringe

tauschen und tauschen.

*

Stimmen, kehlig, im Grus,

darin auch Unendliches schaufelt,

(herz-)

schleimiges Rinnsal.

 

Setz hier die Boote aus, Kind,

die ich bemannte:

 

Wen mittschiffs die Bö sich ins Recht setzt,

treten die Klammern zusammen.

*

Jakobsstimme:

 

Die Tränen.

Die Tränen im Bruderaug.

Eine blieb hängen, wuchs.

Wir wohnen darin.

Atme, daß

sie sich löse.

 

*

Stimmen im Inneren der Arche:

 

Es sind

nur die Münder

geborgen. Ihr

Sinkenden, hört

auch uns.

*

Keine

Stimme – ein

Spätgeräusch, stundenfremd, deinen

Gedanken geschenkt, hier, endlich

herbeigewacht: ein

Fruchtblatt, augengroß, tief

geritzt; es

harzt, will nicht

vernarben.