Poetische Suche (R.M.Rilke)

Englar im Epplan

Später Weg. Die Hütten kauern,

und das dumpfe Dorf schläft ein.

Ernste Türme seh ich dauern,

weit aus weißen Blütenschauern

wächst ihr Weltverlorensein.

Abendbrand in brachen Zinnen,

und der Wind fährt durch den Saal.

Und für wen im Burghof drinnen

immer noch die Brunnen rinnen –

keiner weiß es dort im Tal. 




Ernste Stunde

Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,

ohne Grund weint in der Welt,

weint über mich.

Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,

ohne Grund lacht in der Nacht,

lacht mich aus.

Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,

ohne Grund geht in der Welt,

geht zu mir.

Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,

ohne Grund stirbt in der Welt,

sieht mich an. 

mystiek.net

* * * 

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an

mit klarem, metallenem Schlag:

mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann –

und ich fasse den plastischen Tag.

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,

ein jedes Werden stand still.

Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut

kommt jedem das Ding, das er will.

Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem

und mal es auf Goldgrund und groß,

und halte es hoch, und ich weiß nicht wem

löst es die Seele los… 

* * * 

So bin ich nur als Kind erwacht,

so sicher im Vertraun

nach jeder Angst und jeder Nacht

dich wieder anzuschaun.

Ich weiß so oft mein Denken mißt

wie tief, wie lang, wie weit -:

du aber bist und bist und bist,

umzittert von der Zeit.

Mir ist, als wär ich jetzt zugleich

Kind, Knab und Mann und mehr.

Ich fühle nur der Ring ist reich

durch seine Wiederkehr.

Ich danke dir, du tiefe Kraft,

die immer leiser mit mir schafft

wie hinter vielen Wänden;

jetzt ward mir erst der Werktag schlicht

und wie ein heiliges Gesicht

zu meinen dunklen Händen. 

Am Rande der Nacht

Meine Stube und diese Weite,

wach über nachtendem Land, –

ist Eines. Ich bin eine Saite,

über rauschende breite

Resonanzen gespannt.

Die Dinge sind Geigenleiber,

von murrendem Dunkel voll;

drin träumt das Weinen der Weiber,

drin rührt sich im Schlafe der Groll

ganzer Geschlechter …. .

Ich soll

silbern erzittern: dann wird

alles unter mir beben,

und was in den Dingen irrt,

wird nach dem Lichte streben,

das von meinem tanzenden Tone,

um welchen der Himmel wellt,

durch schmale, schmachtende Spalten

in die alten

Abgründe ohne

Ende fällt …

III

Ein Gott vermags. Wie aber, sag mir, soll

ein Mann ihm folgen durch die schmale Leier?

Sein Sinn ist Zwiespalt. An der Kreuzung zweier

Herzwege steht kein Tempel für Apoll.

Gesang, wie du ihn lehrst, ist nicht Begehr,

nicht Werbung um ein endlich noch Erreichtes;

Gesang ist Dasein. Für den Gott ein Leichtes.

Wann aber sind wir? Und wann wendet er

an unser Sein die Erde und die Sterne?

Dies ists nicht, Jüngling, daß du liebst, wenn auch

die Stimme dann den Mund dir aufstößt, – lerne

vergessen, daß du aufsangst. Das verrinnt.

In Wahrheit singen, ist ein andrer Hauch.

Ein Hauch um nichts. Ein Wehn im Gott. Ein Wind.

Die Sonette an Orpheus 


Rainer Maria Rilke . 1875 – 1926