Blumenberg: Metaphorologie

Versuchen wir uns einmal vorzustellen, der Fortgang der neuzeitlichen Philosophie hätte sich nach dem methodischen Programm des Descartes vollzogen und wäre zu dem endgültigen Abschluss gekommen, den Descartes durchaus für erreichbar hielt. Dieser für unsere Geschichtserfahrung nur noch hypothetische >Endzustand< der Philosophie wäre definiert durch die in den vier Regeln des cartesischen »Discours de la Methode« angegebenen Kriterien, insbesondere durch die in der ersten Regel geforderte Klarheit und Bestimmtheit aller in Urteilen erfassten Gegebenheiten. Diesem Ideal voller Vergegenständlichung*

(* Die Merkmale der Klarheit und Bestimmtheit werden van Descartes folgendermaßen definiert: Claram voco illam (sc. ideam) quae menti Attendenti praesens et aperta est… (OEuvres ed. Adam-Tannery VIII, 13) Distinctam autem illam, quae, cum clara sit, ab omnibus aliis ita seiuncta est et praecisa, ut nihil plane aliud, quam quod clarum est, in se contineat. (I.c. VIII, 22). Die Abhängigkeit von der stoischen Erkenntnislehre und ihrem Ideal der kataleptischen Vorstellung ist unverkennbar, aber noch nicht ausreichend geklärt.)

 entspräche die Vollendung der Terminologie, die die Präsenz und Präzision der Gegebenheit in definierten Begriffen auffängt. In diesem Endzustand wäre die philosophische Sprache rein >begrifflich< im strengen Sinne: alles kann definiert werden, also muss auch alles definiert werden, es gibt nichts logisch >Vorläufiges< mehr, so wie es die morale provisoire nicht mehr gibt. Alle Formen und Elemente übertragener Redeweise im weitesten Sinne erwiesen sich von hier aus als vorläufig und logisch überholbar; sie hatten nur funktionale Übergangsbedeutung, in ihnen eilte der menschliche Geist seinem verantwortlichen Vollzug voraus, sie wären Ausdruck jener précipitation, die Descartes gleichfalls in der ersten Regel zu vermeiden gebietet.

Zugleich aber mit der Erreichung ihres endgültigen begrifflichen Zustandes müsste die Philosophie jedes vertretbare Interesse an der Erforschung der Geschichte ihrer Begriffe verlieren. Vom Ideal einer endgültigen Terminologie her gesehen, kann ja überhaupt Begriffsgeschichte nur einen kritisch-destruktiven Wert haben, eine Rolle, die im Erreichen des Zieles ausgespielt wäre: die Abtragung jener vielfältig undurchsichtigen Traditionslast, die Descartes unter dem zweiten seiner kritischen Grundbegriffe, dem der prévention (den >Idolen< Francis Bacons entsprechend), zusammenfasst. >Geschichte< – das ist hier also nichts anderes als Vorauseilen (précipitation) und Vorwegnehmen (prévention), Verfehlung der genauen Präsenz, deren methodische Wiedergewinnung die Geschichtlichkeit außerkraftsetzt. Dass die Logik der erste Regel die Geschichte entwesentlicht, hat zuerst Giambattista Vico gesehen und ihr die Idee einer »Logik der Phantasie« entgegengestellt. Er ging dabei von der Voraussetzung aus, dass die von Descartes geforderte Klarheit und Bestimmtheit allein dem Einsichtsverhältnis des Schöpfers zu seinem Werk vorbehalten sei: verum ipsum factum. Was bleibt dem Menschen? Nicht die >Klarheit< des Gegebenen, sondern die des van ihm selbst Erzeugten: die Welt seiner Bilder and Gebilde, seiner Konjekturen und Projektionen, seiner >Phantasie< in dem neuen produktiven Sinne, den die Antike nicht gekannt hatte.

In den Zusammenhang der Aufgabe einer »Logik der Phantasie« fällt auch, ja exemplarisch, die Behandlung der >übertragenen< Rede, der Metapher, die bis dahin in das Figurenkapitel der Rhetorik gehörte. Diese traditionelle Einordnung der Metapher in die Lehre von den Ornamenten der öffentlichen Rede ist nicht zufällig: für die Antike war der Logos prinzipiell dem Ganzen des Seienden gewachsen. Kosmos und Logos waren Korrelate. Die Metapher vermag hier nicht die Kapazität der Aussagemittel zu bereichern, sie ist nur Mittel der Wirkung der Aussage, ihres Angreifens und Ankommens bei ihren politischen und ‘forensischen Adressaten. Die vollkommene Kongruenz von Logos und Kosmos schließt aus, dass die übertragene Rede etwas leisten könnte, was das κύριον όνομα nicht äquivalent zuwege brachte. Der Redner, der Dichter können im Grunde nichts sagen, was nicht auch in theoretisch begrifflicher Weise dargestellt werden könnte; bei ihnen ist gar nicht das Was, sondern nur das Wie spezifisch. Die Möglichkeit und Mächtigkeit der Überredung war ja eine der elementaren Erfahrungen des antiken Polislebens, so elementar, dass Plato die entscheidende Phase seiner mythischen Kosmogonie im »Timaeus« als rhetorischen Akt der >Überredung< der Ananke darstellen konnte. Die Bedeutung der Rhetorik, die hoch genug einzuschätzen uns heute schwer wird, erklärt, wie entscheidend es für die Philosophie war, die Überzeugungskraft als eine >Qualität< der Wahrheit selbst und die Redekunst mit ihren Mitteln nur als eine sachgemäße Vollstreckung und Verstärkung dieser Qualität auszulegen. Das Ringen um die funktionale Zuordnung der Rhetorik, die Bestreitung des sophistischen Autonomieanspruches für die Technik der Überzeugung, waren Grundvorgänge der antiken Geschichte der Philosophie, deren Ausstrahlungen in unsere gesamte Geistesgeschichte wir noch nicht annähernd aufgewiesen haben. Die platonische Unterwerfung der Rhetorik, besiegelt durch die christliche Patristik, hat freilich auch die traditionell schulmäßig zur Rhetorik gehörigen Gegenstande endgültig zum bloßen technischen Rüstzeug der >Wirkungsmittel< geschlagen – wenn nun auch aus der Rüstkammer der Wahrheit selbst. Dadurch blieb es ganz unfraglich, ob das rhetorische Kunstmittel der >translatio< auch noch mehr leisten könnte, als >Gefallen< an der mitzuteilenden Wahrheit zu erwecken. Dass danach nicht gefragt wurde und nicht gefragt werden konnte, schließt freilich nicht aus, dass ein solches Mehr an Aussageleistung tatsächlich immer schon in Metaphern erbracht worden ist. Sonst wäre die Aufgabe einer Metaphorologie schon im Ansatz verfehlt, denn es wird sich der eigentümliche Sachverhalt zeigen, dass die reflektierende >Entdeckung< der authentischen Potenz der Metaphorik die daraufhin produzierten Metaphern als Objekte einer historischen Metaphorologie entwertet. Einer Analyse muss es ja darauf ankommen, die logische >Verlegenheit< zu ermitteln, für die die Metapher einspringt, und solche Aporie präsentiert sich gerade dort am deutlichsten, wo sie theoretisch gar nicht >zugelassen< ist.

Diese historischen Überlegungen zur >Verborgenheit< der Metapher führen uns zu der grundsätzlichen Frage, unter welchen Voraussetzungen Metaphern in der philosophischen Sprache Legitimität haben können. Zunächst können Metaphern Restbestande sein Rudimente auf dem Wege vom Mythos zum Logos; als solche indizieren sie die cartesische Vorläufigkeit der jeweiligen geschichtlichen Situation der Philosophie, die sich an der regulativen Idealität des puren Logos zu messen hat. Metaphorologie wäre hier kritische Reflexion, die das Uneigentliche der übertragenen Aussage aufzudecken und zum Anstoß zu machen hat.  Dann aber können  Metaphern, zunächst rein hypothetisch, auch Grundbestande der philosophischen Sprache sein,  >Übertragungen<, die sich nicht ins Eigentliche, in die Logizität zurückholen lassen. Wenn sich zeigen lasst, dass es solche Übertragungen gibt, die man »absolute Metaphern« nennen müsste, dann wäre die Feststellung und Analyse ihrer begrifflich nicht ablösbaren Aussagefunktion ein essentielles Stück der Begriffsgeschichte (in dem so erweiterten Sinne). Aber mehr noch: der Nachweis absoluter Metaphern würde auch jene zuerst genannten rudimentären Metaphern m einem anderen Lichte erscheinen lassen, indem doch die cartesische Teleologie der Logisierung, in deren Zusammenhang sie eben als >Restbestände< indiziert  werden, sich an der Existenz absoluter Übertragungen schon gebrochen hätte Hier wird die Gleichsetzung übertragener und uneigentlicher Redeweise fragwürdig schon Vico hat die Metaphernsprache für ebenso >eigentlich< erklärt wie die gemeinhin für eigentlich gehaltene Sprache (Opere ed. Ferrari, v, 18 6.), nur ist er insofern in das cartesische Schema zurückgefallen, als er für die Sprache der Phantasie eine frühe Epoche der Geschichte reserviert. Der Aufweis absoluter Metaphern müsste uns wohl überhaupt veranlassen, das Verhältnis von Phantasie und Logos neu zu durchdenken, und zwar in dem Sinne, den Bereich der Phantasie nicht nur als Substrat für Transformationen ins Begriffliche zu nehmen – wobei sozusagen Element für Element aufgearbeitet und umgewandelt werden konnte bis zum Aufbrauch des Bildervorrats -, sondern als eine katalysatorische Sphäre, an der sich zwar ständig die Begriffswelt bereichert, aber ohne diesen fundierenden Bestand dabei umzuwandeln und aufzuzehren.

Der mit Kant vertraute Leser wird sich in diesem Zusammenhang an § 59 der »Kritik der Urteilskraft« erinnert finden, wo zwar der Ausdruck >Metapher< nicht vorkommt, wohl aber das Verfahren der Übertragung der Reflexion unter dem Titel des »Symbols« beschrieben wird. Kant geht hier van seiner grundlegenden Einsicht aus, dass die Realität der Begriffe nur durch Anschauungen ausgewiesen werden kann. Bei den empirischen Begriffen geschieht dies durch Beispiele, bei den reinen Verstandesbegriffen durch Schemata, bei den Vernunftbegriffen (>Ideen<), denen keine adäquate Anschauung beschafft werden kann, geschieht es durch Unterlegung einer Vorstellung, die mit dem Gemeinten nur die Form der Reflexion gemeinsam hat, nicht aber Inhaltliches. Kant hat Gründe, den neuern Logikern den Ausdruck >Symbol< nicht zu überlassen; wir haben sie nicht mehr, bzw. mehr als einen, diesen überlasteten Ausdruck mit Zureden zu verschenken. Die als bloße Mittel der Reproduktion fungierenden thetischen Ausdrucke nennt Kant »Charakterismen«, wahrend seine >Symbole< ziemlich genau den hier weiterhin geübten Gebrauch van >Metapher< decken, wie aus Kants Paradigmen klarhervorgeht, unter denen sich auch Quintilians pratum ridet wiederfindet. Unsere >absolute Metapher< findet sich hier als Übertragung der Reflexion über einen Gegenstand der Anschauung auf einen ganz andern Begriff, dem vielleicht nie eine Anschauung direkt  korrespondieren kann. Die Metapher ist deutlich charakterisiert als Modell in pragmatischer Funktion, an dem eine Regel der Reflexion gewonnen werden soll, die sich im Gebrauch der Vernunftidee anwenden lässt, also ein Prinzip nicht der theoretischen Bestimmung des Gegenstandes…, was er an sich, sondern der praktischen, was die Idee von ihm für uns und den zweckmäßigen Gebrauch derselben werden soll. In diesem Verstande ist alle unsere Erkenntnis von Gott bloß symbolisch (nach kantischer Terminologie), wodurch sowohl Anthropomorphismus als auch Deismus ausgeschlossen werden. Oder, um noch ein Beispiel Kants zu geben, die Mechanismus-Metapher in ihrer Anwendung auf den Staat bedeutet, dass zwischen einem despotischen Staate und einer Handmühle… zwar keine Ähnlichkeit (ist), wohl aber zwischen der Regel, über beide und ihre Kausalität zu reflektieren. Im Anschluss an dieses Beispiel steht der Satz, der zu den hier vorzulegenden Untersuchungen den ersten Anstoß gegeben hat: Dies Geschäft ist bis jetzt noch wenig auseinander gesetzt worden, so sehr es auch eine tiefere Untersuchung verdient…

Die Aufgabe einer metaphorologischen Paradigmatik ist freilich nur die einer Vorarbeit zu jener noch obliegenden >tieferen Untersuchung<. Sie sucht Felder abzugrenzen, innerhalb deren man absolute Metaphern vermuten kann, und Kriterien für deren Feststellung zu erproben. Dass diese Metaphern absolut genannt werden, bedeutet nur, dass sie sich gegenüber dem terminologischen Anspruch als resistent erweisen, nicht in Begrifflichkeit aufgelöst werden können, nicht aber, dass nicht eine Metapher durch eine andere ersetzt bzw. vertreten oder durch eine genauere korrigiert werden kann. Auch absolute Metaphern haben daher Geschichte. Sie haben Geschichte in einem radikaleren Sinn als Begriffe, denn der historische Wandel einer Metapher bringt die Metakinetik geschichtlicher Sinnhorizonte und Sichtweisen selbst zum Vorschein, innerhalb deren Begriffe ihre Modifikationen erfahren. Durch dieses Implikationsverhältnis bestimmt sich das Verhältnis der Metaphorologie zur Begriffsgeschichte (im engeren terminologischen Sinne) als ein solches der Dienstbarkeit: die Metaphorologie sucht an die Substruktur des Denkens heranzukommen, an den Untergrund, die Nährlösung der systematischen Kristallisationen, aber sie will auch fassbar machen, mit welchem >Mut< sich der Geist in seinen Bildern selbst voraus ist und wie sich im Mut zur Vermutung seine Geschichte entwirft.

Hans Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie, Frankfurt am Main 1998 (Suhrkamp Verlag), p. 7-13