Abraham Sutzkever (6)
Ode an die Taube
(Ode tsu der tojb, 1955)
Ode an die Taube
1
Selten, ein einziges Mal in der Kindheit, erscheint ganz aus Farben und
leuchtend
unter den Sternen ein Engel, und dessen Gesang klingt auf immer.
Eben dies tat er – und war schon verschwunden am anderen Ende der
Welt,
liess überm heimischen Schornstein gleichwohl mir ein Zeichen zurück –
eine Feder.
Nein, kein gewöhnlicher Engel, wie käme denn dem in den Sinn so ein
Junge?
Es ist ein Wunder! Die Feder – sie ist eine Taube im schneeig-magnetischen
Morgen.
Kaum erst geboren, schon flattert die Taube, zum Lernen bleibt ihr nicht
die Zeit,
bis sie herabfällt in silbernen schwebenden Kreisen bis vor seine Schwelle.
Nester, die Finger des Jungen, sie geben ihr Warme, sie küssen.
Schon gurrt mit sonnigem Atem aufs Neue ihr schneeweisser Flaum,
es lehrt der Junge sie fliegen, wie Erbsen zu picken den Nebel.
»Hast mich gerettet, mein Lieber«, so nickt sie ihm zu mit dem Kopf.
»Welches Geschenk willst du haben? Besinne dich aber nicht lange.
Nun, meiner Weisse Geheimnis vielleicht oder ewigen Schnee oder ein
Amulett?«
Und wie berauscht gibt der Junge ihr Antwort: »Mein Liebling, bin ich dir
so teuer,
komm, wenn ich später dich rufe, in Regen, in Schnee und in Feuer.«

2
Klänge, in Lippen gefangen wie Perlen in Schlössern des Meeres,
stumm schon seit tausenden Jahren, und über der Stummheit – ein Messer.
Taube, du Kind meiner Kindheit, gib Sprache den Lippen, gib Sprache,
höre das Weinen der Klänge, damit nicht die Träume verlöschen …
Plötzlich ein Kuss meinen Lippen. Wer bin ich, und wo? Und die Schlösser
schliessen sich auf von alleine. Die Stummheit – zerschnitten vom Messer.
Perlen und Perlen und Perlen, wie Brandung geheimnisvoll rauschend,
regnen herab von den Lippen, und mich überkommt eine perlende Furcht.
…Grillen, nach Schusterart, hämmern mir Gräser hinein in die Stirn,
und auf dem Dachboden wächst eine Wiese und taut auf die Wange mir
Tränen.
Hähne, getötete, krähen um einen Moment voller Trauer zu ehren.
Schmelzwässer giessen entzündeten Spiritus mir in mein Ohr.
Wer hat die Finger so trunken gemacht, dass sie solch eine Zeile erschaffen:
»Alle, die länger nicht leben, sie säen in mich ihre Kraft«?
Taube, geschenkt hast du mir einen Bogen Papier, meinen Spiegel,
hast meinen Wörtern, den funkelnden, übergehalten die schirmenden
Flügel.

3
Bogen Papier, du bist Denkmal, ein Nest haut die Taube in deinem –
Gewebe,
Bogen, auf dir, nicht in Marmor, ist ewig das Antlitz des Träumers.
Hier, zwischen Klängen, die rau widerhallen, versunkenen irdenen Formen,
sammle ich silberne Silben und füttre mit ihnen die Taube.
Sonne im Abendrot singt in der Lampe. Und unter der magischen Lamp
bau ich aus beinernen Klängen und mit meinem eigenen Blute bedeckt, –
einen Tempel.
Sie sang das Wort nicht zu Ende, und so ist das Wort ungeschliffen.
Wie ein Vulkan, so glüht Dichtung, versiegelt in bronzenen Tiefen.
Hier mit dem Federkiel, da dirigier ich ein eigenes stilles Orchester:
Es kommen Seelen im Regen und tropfen herab durch die Decke.
Kirschen, im Kerker der Bäume, – auf meinen Befehl, ihre Plätze
zu tauschen,
Nahen sie auf ihren purpurnen Füssen, damit sie als Kirschen nun leben
in Wörtern.
Zeigt sich im Tempel ein Wurm. Zauberei dieser Art ist ihm fremd.
Eigentlich Kirschen, zerkratzen als Wörter sie ihm seinen Gaumen
wie Sand.
Schwesterlich gurrt meine Taube: “Befiehl du den Kirschen zu kommen,
-du bist das Mass und der Mass nimmt, so erbe: verschwundne Visionen.«

4
Tänzerin meine, wer bist du, sag, hat dich geboren dereinst eine Geige?
.Wenn du so tanzt, gräbt ein Spaten den Garten des Leibes mir auf.
Krank ist die Kleine, ist mondsüchtig, in ihrem silbernen Nachthemd
schwimmt sie nicht selten als Welle hinweg in die Kälte zerschäumender
Welten.
Voll ist mein Kopf mit Rezepten ihr himmlisches Fieber zu heilen, –
doch in der Zwischenzeit hat sich ein Mondjüngling in meine Liebe
verliebt.
Wirf nach ihm Speere wie Saul, schon versteckt sich der Jüngling
in Zweigen.
Willst du in Versen ihn binden, dann streckt er den silbernen Finger.
Doppelte Fenster bestell ich, mein Glück zu beschützen vor Männern …
Heil sind sie wie meine Liebe, die Scheiben, und sauber und doppelt,
doch jener
saugt meine Liebe hinaus und betört sie mit schönem Geschenk.
Statt dass sie in meinem Tempel tanzt, tanzt sie am Rande des Mondes.
“Taube, komm sag es dem Mond er möge so heftig nicht brennen,
lehr du die Tänzerin fliegen, hoch oben zu fliegen, dergleichen ist eine
Kunst.
Dich will ich reichlich belohnen mit Körnern, begehrt überall und
bei allen,
nie soll sie fallen, wenn doch, nicht auf Dornen, nein, auf meine Brust
soll sie fallen.«

5
Bauen den Tempel und bauen, mit Sonnenvernunft ihn erbauen!
Da kommt im Feuer der Teufel und bringt meiner Taube Versuchung.
Grau ist die Sonne. Und jegliche Farbe verspinnt er mit Grauton von
Flechten,
ausgebrannt ist nun der Tempel, es fliehen die Säulen wie Tiere.
Kinder, wie goldene Vögel, zerstückt er bis auf die Skelette,
Gift auf den Lippen von Klängen, damit sie die Dichter vergiften.
Antlitze stecken auf Hälsen wie Schatten von Äxten im Boden.
Glücklich die Toten, wenn Eisen und Fleisch sich verbrüdern.
Sumpfig sind Erde und Himmel, und ich bis zum Halse versunken.
Feuer – und mir ist so finster. Ein Stein mit erloschenen Funken.
Doch in den gläubigen Fingern der Bogen Papier, der gerettete,
da müssen knien die Feuer, sie sind über ihn nämlich machtlos.
Ich weiss – die Taube, das ist dieser Bogen, sie lässt meine Finger nicht
starr sein,
Wörter wie Enkel, sie sollen Gedächtnis sein der Unterdrückerzeit.
Ohne die Taube sind Tage nur Milben, und rein müssen Formen sein, an
die ich glaube.
Ich sammle silberne Silben und füttre mit ihnen die Taube.

6
»Ja, ich bin schuldig, bin schuldig, und Sünde war, dass ich verlangte,
du sollst die Tänzerin her zu mir bringen zu irdischen Ähren.
Tiefen aus Feuer, sie schlangen hinab ihre junge, einmalige Bläue,
heiss brennen jetzt meine Schläfen von Perlen in Aschenglut –
von ihrem Grau.«
»Nein, bist nicht schuldig, nicht schuldig, die Tänzerin tanzt ihren eigenen
Tanz voller Wärme, von Jugend in lächelnden blauen Gewölben.
Wandre von einem ins andre Land, trenne die Nabelschnur zur
Mutter Erde,
oben der Tanz wird dir helfen, die Welt auf die Gabel zu nehmen.«
»Oben der Tanz ist ein Traum, meine Taube, wohin soll ich wandern?
Augen von Toten, wie Nägel, sind mir in den Leib eingeschlagen, sie nageln mir meine Seele ans Nichts. Und mein Brot und mein Salz – bloss Ruïne.
Niedergetreten die Heimat, mit Gras ist verschimmelt mein Land.«
»Ich werd die eigenen Flügel dir geben, herausziehen werd ich die Nägel
aufbauschen wird sich mit Freiheit ein weisser Gedanke als Segel.
Du bist dem Tode nicht hörig, es kreisen die Tage und kreisen,
ewig ist nur die Legende, sie wird dir ihr Lächeln erweisen.«

7
Welt. Was ist Welt? Ein Gesang nur wie Wellen, wie Wälder, wie Welt.
In meinen Adern, da klagt ihr Gesang, dieser göttliche: Herrsche!
Ich lösch die Klage mit Meeren, es grüssen mich niemals gesehene Städte.
Halt! Einen Regen Terzinen, sein Spiel, hat er hier gespielt: Dante.
»Meister der Hölle, wirst einwilligen du eine Weile zu tauschen die Höllen?
Ich will in deiner spazieren, und du – in dem Feuer der andern …
Schmälern kann niemals dir, Meister, dergleichen den ewigen marmornen
Ruhm,
du bist und bleibst Alighieri, es bleibt deine Hölle stets Allegorie.«
Menschen … , wo sind sie, die Menschen? Muss neidisch man sein
auf den Staub,
nur in den Worten von einem, da lebt noch ihr Geist und ihr Glauben.
Friedhöfe klingen – man hört’s nicht … , für mich sind sie Herbergen.
Halt! Wie ein Löwe, so sang einst Ha-Levi das Lied meiner Sehnsucht
in Spanien’.
He, ihr Poeten, das Leben wär nichts ohne euch als ein Traumbild,
ohne die Dichtung, da hätte es, wie ein Kamel, schon den Kniefall getan
vor dem Tod.
Menschen und Tiere, sie hätten sich nichts als gequält, immer einsamer,
fremder,
und meine Taube, die treue, hätt nicht auf der Flöte begleitet mich
über die Länder.

8
Tänzerin, sag mir, wo bist du? Mein Haar verspürt deine Bewegung…
Antwort weiss nicht mal die Taube: Wo ist denn dein Heim, dein Theater?
Manchmal kommt eine Gazelle und bringt mir im sonnigen Tau
deine Augen,
wer ist das Zittern im Garten, wo Blautöne blühen, chagallisch?
Hinter dem Wald, wenn es regent, wer atmet mich ein, regenbogig?
Wer ist die Welle, de nackte – ist gliederlose und doch geschmeidig?
Wer ist der Schnee der Lawine im Sonnenlicht an einer Felswand?
Küssen die Brüste, das möchte ein Adler, sogleich überschüttet sie ihn
mit Girlanden.
Wer ist der Spiegel in Tränen? Und wer sind die neue Gesichter?
wer ist die Frau in dem Sarg dieses rosenbestreute Begräbnis?
Räder, sie drehen sich, drehen sich, schlingen und wickeln den Schatten
mir auf.
Heute erst war es, da hat sich ein Spaten von selbst in sein Grab
eingegraben.
Wer ist die weisse Verwandlung und kann nicht heraus aus der Birke?
Wer ist das Echo der Stille, und wer ist die rosige Stille?
Gibt es denn keinerlei Antwort für mich? Bin ich loderndem Wahn
Überlassen?
Heute erst war es, da haben sich Steine von selber versteint in den Gassen.

9
Irgendwo weit in der Welt fiel ein Meteoritenstein, und sein Gesang
zog mich durch Urwälder an, bis ich endlich ihn liegen sah
noch voller Duft von Gestirnen. Daneben ein Löwe, hoch
auf einem Felsen,
und sein Gebrüll, das zu Glocken er goss, dazu eine Flamme, die alles
verschmolz.
Wer ist der Stein? Ja, ich weiss es. Musik unter goldenen Rippen.
Mich ruft beim Namen das Himmelskind. Lippen und Lippen, sie suchen
einander.
»Ich bin die Tänzerin, frag nicht … Gelobt sei der brüllende Löwe.
Angesagt hat mir der König dein Kommen, dein Kommen, dein
Kommen.«
Starr, immer starrer die Glieder. Bis schliesslich mein Leib, der in Liebe
entbrannte,
völlig sich auslöscht. »Komm, still meine Lippen, komm näher!
Will dir ein Zeichen auch lassen: drei blutige Tropfen, die letzte
ehe der Mond als mein Grabstein mir steht überm Haupte.
Ich bin der Schnee der Lawine, die leuchtende Birke, der Spiegel,
ich bin das Echo der Stille, das rings dich im Kreise umschliesst.
Sammle die Klänge, die Bilder, dein Land wird vor Hunger schier brennen.
Leb sie, beleb sie und schildre!«
So haben wir Abschied genommen.

10
Am Roten Meer unter Baumgezweig. Wellen im Klang meiner Ode.
Stille. lm Schatten – ein Mühlstein, gedreht von der rastlosen Sonne.
Ich atme Heuschreckendünen – die Hüter von Zeit und Erinnerung.
Hier zog das Volk, vierzig biblische Jahre auf Wanderschaft.
Meilen von Fussstapfen unter dem Sand, ihre Zahl ist so gross
wie die Wüste.
Könnten die Heuschreckendünen mir tiefer doch ihre Visionen enthüllen!
Meine Jahrzehnte, wo sind sie, die vier? In der Wüste, zusammen mit jenen?
Blieben Gebeine nur, nichts als Gebeine, und dank einer blinden Hyäne?
Auf meiner Achsel die Taube, sie gurrt: »Guten Morgen. Und darf ich
dich fragen:
Sind Jahre nichts als Gebeine? Ein Hauch, und ihr Spiel ersteht
vor meinen Augen.
Ähren mit Augen von Kindern bewegen sich unter den Dünen,
Ähren, erstanden vom Tode, und oben – ein Wölkchen mit Saiten!«
»Taube, stets bist du dieselbe, die Flügel nie grau, ist das möglich?
Soll ich hier bauen den Tempel, ihn bauen wie einst, Tag für Tag?
Soll ich es tun, meine magische Lampe ergrünen erneut und erblauen«
»Bauen den Tempel und bauen, mit Sonnenvernunft ihn erbauen!«
1954
Abraham Sutzkever

Ode to the dove
I
Seldom, once in a childhood, dazzling in rainbow of colors,
An angel descends from the stars, his tune will be with you forever.
An angel appeared — and vanished on the other side of the world,
Over my chimney he left me a sign — a beautiful feather.
Not just an ordinary angel, how would one have thought of a boy?
A wonder! A dove is the feather in snowing magnet of dawn.
Newborn, hovers the dove, learning — it takes just a moment,
Soft finger nests of the boy keep her warm, stroke the down.
Her snowy plush comes alive, cooing with a sunny breath.
The boy will teach her to fly, to peck the mist like peas.
‘You saved my life, dear boy,’ she nods her snow-white head,
‘What gift shall I grant you, think fast: perhaps you would like
The mystery of my whiteness, an eternal snow, an amulet?’
Groggily, answers the boy: ‘My dearest, if you I inspire,
Come whenever I call you, in rain and in snow and in fire.’

II
Sounds imprisoned in lips, like pearls in ocean castles,
Mute for thousands of years, and over the muteness — a knife.
‘Sweet dove, child of my childhood, give voice to the lips, give voice,
Harken to weeping of sounds or else a dream will be drowned…’
Suddenly — a kiss on my lips. Who am I, where am I? The castles
Open up by themselves. The muteness — sliced by a knife.
Pearl and pearl and pearl, filled with mysterious sea rustlings,
Raining down from my lips, I am caught in a pearl terror.
…Crickets, like cobblers, hammer the grasses into my brow,
A meadow swims up in my attic and leaves a tear on my cheek.
Slaughtered roosters crow to honor one moment of mourning.
Melted snows pour ignited spirit in my ear.
Who intoxicated my fingers to write a verse like this:
All who ended their lives have sown in my heart their courage?
‘Sweet dove, you gave me a mirror — a sheet of paper that sings,
My wandering words you took in, and spread over them your wings!’

III
Sheet of paper, you monument, the dove builds a nest in your body,
In you, not in marble, eternal is the face of the dreamer.
Here, between rough echoes, among sunken clay forms,
I gather silver syllables, to feed my childhood’s dove.
Sunset sings in an oil lamp. And under the magic lantern
I build of bony sounds, coated with my blood — a temple.
He did not finish his word: rough and unhewn is the Word!
The volcano of poetry glows, sealed in bronze abysses.
Here, with my pen, I conduct my own silent orchestra:
Souls fly in with the rain, trickle down through my ceiling.
Cherries, immured in trees — I order them to change places:
They come on their purple feet to live as cherries in words.
A worm appears in the temple. He may not cherish such magic.
Real cherries in words scratch his palate like sand.
The dove coos like a sister: ‘Command the return of cherries:
You are the weight and the weigher, vanished visions inherit!’

IV
Girl dancer, my love, who are you? Were you born of a violin?
My throbbing garden body your dance has dug up with a spade.
Sick is the little dancer, somnambulent, in silver nightgown,
She swims away like a wave into cold, splashing worlds.
My head is filled with remedies to heal her heavenly figure —
Meanwhile a boy from the moon fell in love with my love.
Like Saul, I hurl at him spears — the boy hides among branches.
If I would bind him in poems — he gives me a silver finger.
Double windowpanes I order, to shelter my luck from men…
The panes are as whole as my love, and pure and double, but he
Swallows her out through the panes, lures with a beautiful gift:
Instead of dancing in the temple, she dances on the rim of the
moon.
‘Sweet dove, you tell the moon: it must not burn too hot,
Teach the dancer to fly, flying so high one must know!
I shall reward you with seeds, the rarest seeds and the best,
Let her not fall on thorns, if she must — let her fall on my breast.’

V
To build and build the temple, with sunny thought to build it!
The devil comes in a fire, to set for my dove a temptation.
Gray is the sun in the sky. He spins gray mold on all colors,
The temple is burned out, its pillars flee like beasts.
Children like golden birds — he lays them out in skeletons,
Venom on lips of sounds, to poison the hearts of poets.
Faces are stuck on necks, like shadows of axes below.
Happy are all the dead when iron and flesh are brothers.
A mire, the earth and sky, and I am sunk to my neck.
Fire — and I in the dark. A stone with extinguished sparks.
Only the saved sheet of paper in my believing fingers,
The fires must kneel before it — here, they lose their dominion.
I know: my sheet is the dove who won’t let my fingers freeze,
Words like grandchildren must remember the time of tyrants.
Days with no dove are moths. Hail to pure forms that I love!
I gather silver syllables to feed my childhood dove.

VI
‘Yes, I am guilty, guilty, it was a sin to demand
That you bring back the dancer to me, to the earthly stalks.
An abysmal fire has devoured her young, unique blue,
Now my brow is searing with pearls in ash — with her gray.’
‘No, you’re not guilty, not guilty, the dancer dances the same
Warm dance of your youth under smiling blue vaults.
You wander from land to land, cut off mother-earth from your navel,
Above you, the dance will help to hoist the world on a pitchfork.’
‘The dance above is a dream, where should I wander, my dove?
Eyes of the dead like nails all over my body, nailing
My soul to the Nothing. My bread and my salt — a ruin.
Under my steps is my homeland, moldy with grass is my country.’
‘I shall give you my wings to fly, pull out of the nails your body,
A white thought like a sail will swell up with a wind of freedom.
You are not indentured to death, the days will go around for a while,
Eternal is only the legend and it will appear with a smile.’

VII
World. What is world? Just its tune — like a wave, like a woods, like a world.
Its celestial tune will wail in my veins and demand: prevail!
I extinguish the wailing with seas, unfamiliar cities greet me.
Stop! A rain of terzinas was played here by Master Dante.
‘Master of Hell, would you like to exchange Hells with me for a moment?
I shall stroll easy in yours, and you — in the fires over there…
It will not diminish, master, your eternal, marble glory,
You are still Alighieri, your hell — still an allegory.’
Men… Where are they, men?! How can we envy the dust?
Only the words of one bear their spirit, their faith.
Graveyards toll sounds — but unheard…For me they are a shelter.
Stop! Like a lion, Ha-Levi sang my yearning from Spain.
Hey, you poets, without you, life is a fleeting dream,
Without poetry, life would have knelt before death like a camel.
Man and beast would have tortured themselves, alien and mute,
My faithful dove would not have accompanied me on her flute…

VIII
Oh dancer, tell me, where are you? My hair feels close your flutter…
The dove is unable to tell me: Where is your home, your stage?
A gazelle in sunny dew sometimes brings me your eyes,
Who is the garden tremor where bloom Chagallian blues?
Beyond the forest, in a rain, who inhales me, like a rainbow?
Who is the naked wave — no limbs and so supple, a bow!
Who is the snow avalanche, shining over rims of rock?
An eagle would kiss her breast, and she pours wreathes on his body.
Who is the mirror in tears? Who are the new faces?
Who is the woman in the coffin, the rose-covered funeral?
The wheels of the years, they turn, and devour and spin my shadow,
On this very day, a spade has covered itself in a grave.
Who is the white transformation, that cannot get out of a birch?
Who is the echo of silence and who is the silence in pink?
Will no one answer me now? Inside me, is madness in heat?
On this very day, the stones stoned themselves in the street!

IX
A stone meteor fell — far in the world, its tune
Drew me to travel through jungles, till once I saw it lying,
Full of the scents of stars. Nearby, on a boulder, a lion
Forged tolling bells with his roar, and a flame melted them all.
Who is the stone? I know it. Music under golden ribs.
The skychild calls me by name. Lips are drawn to lips.
‘I am the dancer, don’t ask … Hail to the lion’s roar!
The king told me in advance your coming, your coming, your coming.’
Limbs gel. Until my body, consumed in the flames of love,
Is altogether extinguished — ‘Oh, calm my lips, come close!
I shall leave you a sign: my last three drops of blood,
Before the moon becomes a tombstone white at my head.
I am the snow avalanche, the white birch, the mirror,
I am the echo of silence, encompassing you all around.
Gather the sounds, the images, in your region a hunger may swell …
Live them, enliven, describe!’
And thus did we say farewell.

X
Under a tree at the Red Sea. The waves will finish my ode.
Hush. In its shadow — a millstone, nimbly turned by the sun.
I inhale the white locust dunes — the guardians of time and memory.
Here my people wandered for forty biblical years.
Under the sand, miles of footsteps, vast as the desert their number.
Let the locust dunes reveal more profoundly my visions!
Where are my four decades — in the desert, along with those?
Bones remained, only bones — the grace of a blind hyena?
And the dove coos on my shoulder: ‘Good morning! And may I ask:
Years, are they really bones? A puff — and they play vis-a-vis.
Stalks with children’s eyes are moving under the dunes,
Resurrection of stalks, and above — a cloud with violin strings!
‘Dear dove, are you the same, your wings not gray, could it be?
Shall I build my temple here, as I built it day after day?
Shall I take my magic lantern, make it grow green, bloom blue?’
‘To build and build the temple — with sunny thought, build it anew!’
1954
Abraham Sutzkever
Übersetzung Peter Comans

Die Heuschrecke
Die Heuschrecke hat unser Fleisch schon rundum abgenagt.
Sie meinte:
Ähren sind wir, Ähren.
Die weichen Eselsaugen
schwimmen ihr im Blut.
Schon hat sie aufgefressen
alle Schatten von den Bäumen.
Schon hat den Mond sie aufgefressen,
der diamantengleich von ihren Flügeln blitzt.
Die Sterne knien: Wir sind deine Sklaven!
Jetzt hat die Heuschrecke sich auf den Weg gemacht zu Gott …
Zu Gott, der sie, die Heuschrecke, erschuf.
Abraham Sutzkever
Übersetzung Peter Comans
Das graue Feuer
Wer erschafft das Grau in deinem Haar?
Du weisst es nicht, mein Bruder?
Zwischen Erd und Himmel hängt ein Spinnrad,
auf dem Spinnrad hängt das graue Feuer,
neben ihm, auf einer Wolke,
sitzt dein eigenes Skelett,
dem ist nur dein Sterben teuer,
und das spinnt dir für dein Haar
das graue Feuer.
Abraham Sutzkever
Übersetzung Peter Comans
Loblied auf einen Ochsen
Kommt her, bewundert meinen Ochsen.
Er hat nicht seinesgleichen.
Sein Vater – er heisst Sonne.
Seine Mutter – Mond.
Weiser als die Spritzer Milch, die ersten,
sind bei einer Frau,
wenn diese stillen wird, so ist die Weise seiner Stirn.
In seinen Augen kann man in die Zukunft schauen,
doch ihr sollt sie lieber
ihm nicht öffnen
in den Augenblicken, wenn sie träumen.
Die Hörner gleichen Masten eines Schiffes,
eins von denen, die im Bauche Schätze führen.
Mädchen werden anders in dem Schimmer seiner Pracht.
In ihrem Blut
eine Wärme wie von unbekannten Mündern.
Kommt her, bewundert meinen Ochsen.
Er hat nicht seinesgleichen.
Wo er badet, werden süss die Flüsse.
Abraham Sutzkever
Übersetzung Peter Comans
In der Wüste Sinai
(In midber Sinàj, 1957)
Else Lasker-Schüler
Den Kopf gesenkt, stehen und weinen Jerusalems Esel,
nicht da mehr die heilige Alte, die Sängerin Eise.
Nicht da mehr, zu füttern die Esel mit funkelndem Zucker,
zu helfen, die quälenden Steine zu schleppen herab vom Kastell,
die Steine, die abfallen mit einem »Oj!« von den Herzen
all jener, die kommen ins Land – ein Vermögen an Steinen! –
ein Heim zu erbauen dem heimlosen König Messias.
Und einmal geschah es: Vom Berg abgestürzt war ein Esel,
verlor einen Vorderzahn. Einschmelzen liess da die Alte
beim Goldschmied der Altstadt, Reb Nissim, den eigenen Trauring,
und schon war der Esel beschenkt: mit dem goldenen Zahn.
Und wer hat verstanden, wie sie’s tat, das Weinen des Schöpfers?
Schon alles erschaffen! Die Ewigkeit hängt ihm seit ewig
als eiserne Fessel am Hals, und es gibt keinen andren, nur ihn …
Sie spielt im Hotel auf dem blauen Klavier sein Erinnern,
wie er dereinst Meister der Singvögel war und der Löwen
und schrieb mit den Bäumen sein neustes Gedicht, »Garten Eden«,
und wie er den weiblichen Reim aus der Rippe, der männlichen, knetete.
Ganz sachte vergehen heim Spielen die aschenen Finger.
Sie darf noch nicht sterben! Es hat eine Ameise, jung und verliebt
und blutenden Herzens, sich bis in ihr Zimmer verirrt
und spielt mit der Alten gemeinsam auf uralten Tasten.
Sie darf noch nicht sterben! Im Garten, da fiel eine Sonnenblume –
Es fiel eine Welt! Und die Kerne – goldhäutige Menschen.
Man wird auf dem Markt sie verkaufen, die Haut ihnen abziehen …
Sie muss diese Knechte erlösen – goldhäutige Menschen.
Sie darf noch nicht sterben! Im Meer werden Wellen geboren. Sie können nicht reden. Sie flehen mit kindlichen Händen!
Ein Bittgesang muss für die Wiegenkind-Wellen erklingen,
auf dass nicht der Sturmwind verschlinge die rosigen Seelen.
Wo ist denn der Anfang des Himmels? Er liegt in Jerusalem.
Die Alte – ein Stern ist sie jetzt, und sie schwebt über Mauern.
Die Stadt ist ein blaues Klavier. Eine Braut unterm Schleier.
Ich schreit auf dem steinernen Teppich zusammen mit Else,
schier trunken vom blauen Klavier und zerschnitten vom Hellsehn.
Jerusalem
- Februar 1957
Abraham Sutzkever
Übersetzung Peter Comans

VISION
Für Dovid Pinski
Woher kommt der Sturm auf dem Karmel? Aus einem Fels.
Ich sah:
Ein Wolkenhammer hat den Fels zertrümmert,
aus seinen Steingeweiden brach ein Sturm –
ein Feuerwagen, seine vier Räder – Glücksfälle
auf blauen diamantenen Achsen –
pflügten unter den Wolken
über mein Gebein hinweg.
Und mitten im Wagen
offenbarte sich eine Gestalt,
in deren Gesicht vereinten sich
die Gesichter aller Menschen, Tiere und Pflanzen.
Und es geschah – kaum lechzte ich nach der Vision,
schon verschlang mich ein Strahlenrad in seinen Wirbel,
und ich flog im Rad
zwischen Meer und Wolken
wie ein Stern in den Fängen eines Adlers…
Und ehe meine Gedanken noch in die Augen drangen,
ehe die Lippen blutig wurden von einem Wort,
schwamm eine Stadt aus schwarzen Perlen-Nebeln hervor,
eine Urlegende, umhüllt von vulkanischer Lava,
und ich erkannte:
Das ist die Stadt all meiner Nächsten,
die Stadt, die keinen mehr hat, nur meine Tränen noch,
und zertrümmert ist diese Stadt
so wie vor kurzem
der Fels auf dem Karmel…
Und von der Erde steigen
im Feuerwagen
alle meine Nächsten auf.
Bald…
Wir fliegen
mit der Stadt
zum Berg Karmel
zurück,
und die Gestalt mit den Gesichtern von Menschen-Tieren-
Bäumen
segnet die Einwohner dieser Stadt
wie Jakob seine Kinder – – –
1951
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
A Vision
For David Pinsky
Whence the storm on Mount Carmel?
From a rock.
I saw
A cloud-hammer cleave the rock
And from inside its stone burst a storm —
A chariot of fire,
Its wheels — four stars
On blue, diamond axles —
Plowed my body
Under the clouds.
And in the chariot
Looms a figure, into its face are kneaded
The faces of all people, animals, plants …
And it was, as I thirsted out my yearning for the vision,
A wheel of rays engulfed me in its eddy.
And I flew in the wheel
Between sea and clouds —
A star in the talons of an eagle …
And ere my thought filled up my eyes,
And ere my lips bled with a word —
Swam up a city of black pearl-fogs,
A primeval legend, encrusted with volcanic lava.
And I recognized:
The city of all my loved ones,
The city with no one, no one but my tears.
And the city was split asunder
As a moment ago
The rock on Mount Carmel …
And from the earth,
In a chariot of fire,
Rise all my loved ones.
… Soon
We fly
Together with the city
Back to Mount Carmel,
And the figure filled with faces of people, animals, trees,
Blesses all who dwell in the city
As Jacob blessed his sons.
1951
Abraham Sutzkever
The Silver Key
The footsteps on the stars, above our attic,
You think they’re human?
An unearthly creature from the stars
Seeks us, human berries in an attic forest.
Strike a match and you’ll see:
Over there, it devoured a whole shingle…
My neighbor in the attic strikes a match —
Tshhh, tshhh —
A yellow spot reveals the fog.
Goes out, the wood untouched by fire —
No more oxygen,
No life.
Armored in spiderweb, the child who had
Brought life to yellow darkness
With his crying —
Succumbed
To long fingers on his throat,
Fingers of all of us, all of us,
And more than all of us, of God Himself.
With a piece of glass, the young mother caresses her veins.
A moon-dwarf forged in glass —
Slaughtered.
The man who struck a match
Coos like a dove:
—No death outside.
Death has snuck in inside, among us,
Let us leave him behind in the attic
And flee!
And he runs first to a corner,
Opens a rooftile and, raving, falls back:
—Jews, we’re on fire!
Hide your hair in your pockets!
Hide your hearts, the attic is on fire!!!
A column of purple soot breathes through the crack,
Stains the attic-faces, feathery as owls,
Won’t let them flee.
The end.
Only the sly spider, like a centipede diamond,
Swings on a column of soot
Undisturbed,
Shakes his head in farewell —
Disappears.
A little Jew unfolds seven rags,
Pulls out a herring
And draws it like a knife across his throat.
Someone sings:
—Let us all, all together
Greet our fiery guest!
A boy, Tsalke, cries:
I’ve never kissed a girl in my life.
Suddenly, from out of the bodies, a girl unfolds
Blooming like a cherry tree in spring,
Her voice — Goldsound
Of a bird meeting its mother:
—Jews, I have a key
To save us all — — —
Madness like a shadow
Separates from brains.
Eyes — oozing poison —
Blue amazement reigns.
The dead child too,
By curiosity inspired,
Senses the wonderful tidings
Of the girl messiah.
And the shining figure says:
—Yes, yes, I have a key
Of silver. A white clad old man
Gave it to me and said:
Gather the Jews in the attic and flee —
Fast, faster, to Castle Mountain,
To the palace built ages ago
By Prince Gediminas.
The key is to the palace,
And no one, no one
Will find you in its bowels.
The crowd is excited:
—Holy girl!
They kiss each other.
Like a fox, Tsalke
Cuddles up to her knees:
—My dear, who are you?
And the little Jew who just now slaughtered himself
With a herring,
If it’s a holiday, let’s have a holiday!
But the man who lit the match
Breaks the spell:
—Could you be so kind as to show us the key?
The girl trembles:
—Yes, of course,
Right away, just a moment — — —
Seeks it in her garment,
Near her heart,
In her stockings.
—Mamele,
Just now the old man gave it to me!
—What old man?
What was his name? How did he seem?
—Oh dear, the key remained
In his hand,
In my dream — — —
1949
Abraham Sutzkever
ADERN-HEIM
Auf die Schulter klopft mir – eine Menschenhand? Ein Geist?
Wessen schneller Wille ist es, der mich von euch reißt?
Will er mir den Regenbogen jäh
verstören?
Oder öffnet sich ein drittes Ohr und hilft mir
tiefer hören?
Es klopft ein Gesang.
O Gesang, du Klang, und so zerschunden,
wasch in meinen Adern deine Wunden,
wärm dein Zittern, komm, ich will dich betten,
will dich Waise vor den Hunden, vor den Schlägern retten.
1978
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
NADELLICHT
Und so geschah es: als ich später,
gerettet schon, zurück
in das Versteck ging,
wo ich mich verborgen hatte
zwischen Gott und Teufel,
fiel noch, schräg durch das dünne Blechgewölbe,
das mit einem Nagel durchbohrt war,
derselbe Lichtstrahl,
dieselbe himmlisch leuchtende Nadel,
in deren Gnade ich Buchstaben genadelt hatte
auf dem silbernen Pergament meines Leibes
für immer.
Laß mich ein Geheimnis enthüllen:
Als ich später,
gerettet schon, zurück
in das Versteck ging,
erhob sich aus dem Staub
im selben Nadellicht
eine kenntliche Gestalt. Und ich kann schwören:
Das war ich, und bin es und werd es bleiben,
eingefädelt in ein Schnürchen Staub
von derselben Nadel.
1978
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

DER ZEUGE
Seit ich Zeuge war, wie ein Zündholz
ein Bethaus mit Greisen und Kindern auslöschte,
schneller
als im Sonnenuntergang eine Schwalbe erlöscht,
und es bleibt von ihnen und ihrer Größe und Heiligkeit
pergamentene Asche
mit Buchstabenblitzen…
Pergamentene Asche,
die es hervorglüht
für den Wind, und nur der Wind kann es lesen –
seit damals kann ich kein Gebetshaus mehr betreten.
Es schien mir: Mich, den Zeugen, wird die Asche
erkennen.
Es schien mir: Ich geh hinein und werde, gottbehüte,
nicht verbrennen.
1979
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
HÖLZERNE TREPPE
Für Frejdke
Ich erinnere keine Gesichter. Auch Menschen werden gelöscht.
Ich erinnere bloß das Knarrn der hölzernen Treppe ohne
Geländer.
Die hölzerne Treppe zu meiner Kammer, den eignen vier Ellen,
wo unterm Dach die Schwalben zur Fete kommen
und trinken, weinen und lachen bis in den Morgen.
Ich erinnere keine Gesichter. Ihre Erben: Ruinen.
Ich erinnere bloß das Knarrn der hölzernen Treppe zur Kammer:
Aha, Lejser Wolf – so knarrt nicht meine Prinzessin…
Wer lehrte den Schatten, mit Füßen Klavier zu spielen?
Ein Blitz schnitt himmlische Noten in die Wolken.
Geigenkästen der hölzernen Treppen – und drin Musikanten,
ihre Musik zog uns in andre Regionen.
Die Stille stieg uns zum Halse – Katastrophe.
Doch ich hab Sirius in einer einzigen Strophe gefangen.
Die Kammer ging nach Ponar. Weg sind die Menschen.
Ich erinnere bloß das Knarrn der hölzernen Treppe ohne
Geländer.
1979
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
SPIELZEUG
Dein Spielzeug, Kind, sei dir teuer,
deine Puppen, noch kleiner als du,
deck sie nachts, wenn das Feuer schlafen geht,
mit Sternen vom Baume zu.
Sorg, daß dein goldenes Pferdchen
vom Wolkengras naschen kann.
Schreckt dich der Adlerschrei vom Meer,
zieh dem Jungen Gamaschen an.
Gib deiner Puppe ein Hütchen,
tu ein Glöckchen in ihre Hand –
sie hat doch keine Mutter
und weint zu Gott an der Wand.
Hab sie lieb, dein kleines Prinzeßchen…
Ich sah in Weh und Wind
sieben Gassen, besät mit Puppen –
und doch kein einziges Kind.
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
Für Josl Bergner
Die Frau zeigt ihrem Söhnchen: Da der Mann am Tisch
im weißen Hut – ist gar kein Mensch. – Was dann? – Er ist
Legende.
Der Junge dreht den Kopf. Und Mutter, Kind entschwinden,
auf langen Ohrgehängen wippt die Abendröte…
Der Mann am Tisch, so sagt die Frau, er ist Legende.
Der Phönix-Mensch, geboren aus der Scheiterhaufenasche,
er ist Legende. Doch: warum ist die Legende
noch immer durstig nach dem Murmeln junger Klänge?
Warum ist die Legende überreif und ist zugleich
verwundet – im Spital, wenn da ein Messer
im Leib herumspaziert, und sucht Entrinnen ohne Kompaß
durchs Labyrinth der Adern, als ein funkelndes Prinzip.
Die nagelneue Nacht so lind und zärtlich wie
ein frisch gelegtes Ei. Und die Galaxis ist zu Fuß erreichbar.
Der Phönix-Mensch hat Lust, in seine Schreiberhand
zu beißen – e r will die Legende schmecken.
1981
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
ERINNERUNGEN VON ANDERN
1
Ich will nur Erinnerungen schreiben,
Erinnerungen von andern.
Die eignen, die innersten
hinterlasse ich
wiederum einem andern –
wann immer es ihn gelüsten mag.
Ich will die Erinnerungen Adams schreiben,
als Eva
die Frau, die Einzige in Eden war
und er – der Mann, der Einzige für beide.
Wußte sie damals schon von Eifersucht?
War da jemand, der ihren Neid erweckte?
Ich will die Erinnerungen Hiobs schreiben
und offenbare
seinen schrecklichen Fluch,
den e r niemals fluchte.
Bis zu Erinnerungen Lejwiks,
der in seinem ersten Traum ersah
-so erzählte er in Tel-Aviv -:
Die Erde – eine Feuerkugel,
und e r – aus Feuer geboren.
Doch weh, der Hammer fiel ihm aus der Hand,
als e r seinen Traum schmiedete.
anderer:
2
Ich sag zu den Erinnerungen Seid die meinen,
aus Zeit gewebt wie Seide der Seidenraupen.
Ich lege
mein Ohr an einen Stein,
Ohr an Ohr:
Außer dem Vorhandnen ist auch das ganze Nichts
nicht vorhanden.
Taucht auf aus dem Gewesenen,
taucht auf aus dem Einst,
ich will euch malen,
schildern
wie keiner, wie keiner,
solang meine Finger
Soldaten sind auf dem Schlachtfeld.
Laßt die Stummen lärmen,
laßt Stürme mit Steinen werfen:
Ich will euch malen,
schildern
wie keiner, wie keiner.
3
Mit aufgerollten Ärmeln und eisernen Muskeln
hobst du dein Leben hinauf, um sein Gewicht zu kennen.
Mag sein, die eisernen Wogen, die Muskeln,
hätten mit dieser Kraft
zehn Leben heben können. Doch die eisernen Wogen
hoben dein Leben und hoben zugleich den Feind.
Und seltsam:
An deine Füsse an die Luft gekettet,
blieb die Erdkugel hängen und konnte nicht
den Strick zerreißen, auf dem du
zuvor noch Hemden getrocknet hast.
Und ich dachte:
Woher so mir nichts, dir nichts in meiner Kammer
jäh ein Maler erschien, wer hat ihn gebeten?
Und mit einem Blau, nie gesehn in Museen,
bemalte er die straffe Leinwand deines Gesichts
und hinterließ dem Spiegel sein Lächeln
als Vermächtnis…
4
Man gibt nicht dem Geber
das Geschenk, das Menschen Seele nennen,
und auch nicht ihm, ihrem Herrn,
wenn die Erdschollen auf ihn fallen
und schwarze Stern-Würmer es sich beizeiten
beim königlichen Festmahl schmecken lassen;
dann
gehört sie dir allein,
so allein wie sie selber
gegurrt hat in mir alleinig,
weil wissen weiß ich: eine ist dir wenig.
5
Wer seid ihr, lebendiger Staub?
Euch sehn und hören – welche Ehre!
Aus dem Staub erscheinen
eine Hand, eine zuckende Wimper.
Euch sehn und hören – welche Ehre!
Erinnerungen von dem und jenem
Uralte Weite, sogar der Hölle.
glühn jetzt in meinen Schläfen.
Erinnerungen von Nichtvorhandenen
glühn jetzt in meinen Schläfen.
Statt ewig zu verstummen,
worteln sie in mir und peinigen
und hinterlassen auf meinem Gaumen
einen seltsamen Weingeschmack.
Sie worteln in mir und peinigen.
6
Atome liegen unter weilen Leintüchern
mit Herzattacken.
Mein Gehör, gestimmt von hier bis drüben,
und laufende Lichtjahre immer weiter.
Ein Wunder kann geschehn:
Die letzte Saite meines Gehörs
wird bald zerspringen.
Inzwischen ist noch die letzte Saite göttlich gespannt
und horcht, wie Sonnensysteme unter weißen Leintüchern
zittern.
Atome ringen mit Herzattacken,
und keiner weil: wer wird siegen.
Neugieriger, heb nicht das Leintuch auf,
Atome schreiben hastige Testamente auf Leinwände,
aufgespannt über ihren Köpfen.
Du mußt die Schrift nur lesen können. Ein Blitz im Wald,
mit Nacht durchwurzelt, ist nicht leichter
zu lesen, zu begreifen.
Ein Lehrer mit dem Zeigestock schwebt im weißen All.
Und wen kein Unterschied bleibt zwischen Tod und Leben,
und kein Unterschied zwischen Prinzen und Hunden,
wächst Ruhe und Friede hier auf unsrer guten Erde
und in seinen besseren
planetarischen Provinzen.
7
Ein Frühlingsregen sagt mir: Ich bereue,
ich will die Edelsteine zurück, die ich weggeschenkt habe
an ein gemeines Geschöpf, ein schmutziges,
einen Mörder auf seinen Irrwegen.
Ich will den Regenbogen wiederhaben, will ihn neu bekleiden,
das erste Auge soll ihn sehen und sich erinnern.
Und die Sonne soll auf meinen Saiten zimbeln
für alle, die jetzt sonnig-rebellisch geboren werden.
8
Weintraubenbündel im Garten sind Erinnerungen
von andern, oft nur für mich mit Wein gefüllt.
Ich hatte einen einzigen Mund. Jetzt bin ich voller Münder.
Münder sind meine Hände, meine Adern, meine Gedanken.
Weintraubenbündel im Garten. Feurige Münder
trinken die Erinnerungen, die man lange vergaß.
Ich bin der Erbe der Weintraubenbündel im Garten,
der weingefüllten, Wein allein für mich.
9
Äxte in der Luft verschneiden den Sonnenuntergangs-Adler,
doch Axte können nicht meine Worte verschneiden.
Mein Königreich ersteht lebendig aus einem Garten
und einer Frucht, die mein Schöpfer
einst gesegnet hat.
Mein Königreich ersteht lebendig. Und ich,
zwischen meinen Erinnerungen
von andern,
zwischen hingemetzelten Klängen und ihrer Familie.
Ich selbst bin mein Volk und trage mich auf den Schultern.
Beginnen wir eine wiedergeborene Stille
zu Ehren einer Sprache und ihrer fächelnden Wärme.
Zwischen meinen Erinnerungen
von andern,
zwischen hingemetzelten Klängen und ihrer Familie.
1987
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
Memory of a Meeting with a Wolf
Memory of a meeting with a wolf: He is out of his mind
to be wandering alone in this enveloping blizzard at night,
when the snow is higher than the fir trees around us,
thus were my thoughts as we became acquainted.
A red crown. His claws flayed night into pieces. His countenance
was wrathful. With sparks for a smile. Made way for me to pass.
I repaid him the same gesture without hesitation, but he
had already seen magnanimous men such as me.
His tongue sizzled with the milk of snow. The sparks
of his teeth flickered, with a lift of the head he read my ancient thoughts.
There remained only a moment’s splinter, only a splinter
and we were both suspended face-to-face on the same shiver.
And as we remained, sprinkled with snow, suspended face-to-face,
I was finally able to see his thoughts and I read them with haste:
Human-being, you have forgotten: beast am I, and man are you,
now is not the time for Isaiah’s prophecy to come true.
Abraham Sutzkever
Vertaling Maia Evrona

The Same Who Blessed Me
The same one who blessed me, he also cursed me.
I take for love the twinship of vinegar and honey.
I’m thankful for being blessed with friends. Without their
strength
by my side my words would flicker out in a day and night.
For my sake they paint, pound and knead,
for my sake they roll poems down from their hearts.
Oh, my own selves are they, these painters and poets,
and my self is theirs, even if I don’t know it.
For their sake I sung once in a coffin*,
for their sake I still wage wars over a comma.
And they die first, but then my friends are born
in the green cradles of my rocking soul.
For my sake, they lend warmth to the cold stars,
for my sake they perform: a fiddle or a cello
offers forth from itself a joyful gushing of my tears.
For their sake I write these very lines. Amen and amen!
Abraham Sutzkever
Vertaling Maia Evrona
*Note: Sutzkever’s line about singing in a coffin is a reference to a poem he wrote in the Vilna Ghetto about hiding from the Nazis in a coffin.
Ever Since My Pious Mother Ate Earth on Yom Kippur…
Ever since my pious mother ate earth on Yom Kippur,
ate dark earth on Yom Kippur, mixed with fire,
I, a living man, must eat dark earth on Yom Kippur,
and be, myself, a memorial candle made of her fire.
The masts sink mercilessly down from the sun as it sets,
like a bird, a star skips over to a second distant star,
but since my mother eats earth on Yom Kippur and does not fast,
ever since I must eat earth on Yom Kippur, year after year.
A swarm of locusts has allowed no more on my lips
than two stalks of syllables from a singular word: mother.
My lips swim separated from my life-and-limb
to the kingdom where once my pious mother used to fast.
The silence between us grows ever stiller. Silent all the way down.
And she who eats earth on Yom Kippur hears her son’s thoughts
and says a prayer, that her prayer should shield him
when the memorial candle begins to flicker out.
Abraham Sutzkever
Vertaling Maia Evrona
A Wedding in the Garden
A wedding in the garden. Even the birds are tipsy. They dance,
too, along with the bride and groom and they, too, effervesce.
A sole sober voice extinguishes her wine, extinguishes her liquor:
A little girl in the garden alerts: roses are being slaughtered!
Roses are being slaughtered. And slaughtered is the perfect weather.
People fan by in the bushes with a steel-bare luster.
And their silver lining sweeps the leaves of the trembling aspen
inside out against night’s beginning: roses are being slaughtered.
Who is slaughtering roses? Somebody is on the slaughter.
A child won’t lie: they’re swimming like red crowns on a river,
like bunches of hair. And behind the last branches a cloud wants to save them—
it, too, is slaughtered, just as the roses have been.
It rains a rain of roses, breathing and warm.
The bride’s veil does not want to bare the bride’s terror.
And guilty is this sweet girl who caused an uproar
in the garden during the wedding music: roses are being slaughtered.
Abraham Sutzkever
Maia Evrona
Creation on the Bottom of the Sea
Creation on the bottom of the sea, without sun, without rays of light,
walking vegetation in an other-worldly landscape,
coral Towers of Babel, birth of death and life,
divine whims, it’s high time we got acquainted.
It’s high time we hurried out of the circus with its clowns,
trapezes,
to here, where the pearl still rules in its glory.
It’s high time we snatched the secrets out of the darkness
where sweet little hearts of slime beat in the sea’s laboratory.
It’s high time we drank wine with long drowned sailors
in the water-tavern on the bottom of the sea, in a ship’s cabin,
and heard them tell of pirates, albatrosses, and loves that have
gone on
for longer than a thousand years and still have not grown calm.
Every sound of brass and wood and string wants to be made
free,
the human language is imprisoned in heavy cages.
Its high time we paid attention and glimpsed though a cranny
how mute stillness learns the alphabet of silence
Abraham Sutzkever
Translated from Yiddish by Maia Evrona
A sight-and-sound poem of 1947 says, “Hear the sound of boundless light, as dew falls in the valley: A crystal spring, and soft its sound”:
Farnem dos kol
Fun likht on tsol:
Dos falt der tal
Der tal
In tol.
Der tal
In tol—
A kval
Krishtol.
Un shtil
Zayn kol:
Taltil
Taltol.
Abraham Sutzkever
Dauw over het al
Vuur, licht en ziel:
De dauw daalt neer,
Neer,
In stilte.
De dauw,
In stilte —
Een kwelling,
Kristal.
En stil
Is haar stem:
Dauwval,
Dauwval.
In the desert, every discrete feature and creature of the natural world commands attention. “Tall pillars of light, like riders with shiny trumpets, issue an eleventh commandment. . . . V’ohavto l’artzkho kamokho.”God’s instruction in Leviticus 19:18 reads, “You shall not take vengeance or bear a grudge against someone from your nation. Love your fellow as yourself.” Adapting the Hebrew, Sutzkever substitutes, “Love thy country as thyself.”
Meiner Freundin Rochl Krinski-Melezin, die mir in Erinnerung rief, dass ich einen Chirurgen um Erlaubnis bat, im Ghetto-Spital von Wilna bei einer Gehirnoperation dabei zu sein.
Erzähl, was dachtest du zu sehen bei der Schädelöffnung,
als schon die Judenstadt zerschnitten und zerstückelt war? -Doch wohl das Ewige, das ausserhalb des Sterbens bleibt,
mein Name dafür ist: das funkelnd Wesentliche.
Der Schädel — offen. Gar nicht dick ist er umpanzert.
Mir ist beschert zu schauen auf das funkelnd Wesentliche.
So ausgesehen haben muss die Welt am Schöpfungsmorgen.
So hat das Licht getragen Licht. Getragen und geboren.
Der Schädel — offen. Und ich schau hinein, in seine Tiefen,
als schon die Judenstadt zerschnitten und zerstückelt ist:
dünne Geäder-Schrift. Ich seh den Namen-ohne-Namen,
ich schliesse meine Augen: Dies hier ist das funkelnd Wesentliche.
Erloschen das Spital. Es gehen seine Säulen in die Knie.
Der Schädel dieser Stadt ist offen. Ich kann nirgendwo hin fliehen.
Und trunken hin ich vonder Vision, bin bis zum Wahnsinn trunken:
Beschirmen wird mich jetzt das funkelnd Wesentliche.
1983
Abraham Sutzkever
Übersetzung Peter Comans

Bronnen:
Sutzkever, Abraham, Geh über Wörter wie über ein Mienenfeld. Lyrik und Prosa, Einleitung von Heather Valencia. Auswahl, Übersetzung und Anmerkungen von Peter Comans, Frankfurt/New York 2009 (Campus Verlag)
Sutzkever, Abraham, Gesänge vom Meer des Todes, Zürich 2009, (Ammann Verlag)
Spiegel van de moderne Jiddische poëzie, samengesteld en vertaald uit het Jiddisch door Willy Brill, Amsterdam 2007 (Meulenhoff)
https://www.poetryfoundation.org/poets/abraham-sutzkever#tab-poems
https://jewishreviewofbooks.com/articles/8590/with-a-wolf-in-one-eye-sutzkever-in-israel/#
Poems by Abraham Sutzkever
https://blog.despinoza.nl/log/abraham-sutzkever-1913-2010-a-nakht-mit-shpinozn-shpinoze.html
https://www.dbnl.org/tekst/_gid001196801_01/_gid001196801_01_0037.php
http://www.yiddishpoetry.org/postwar/Lid fun togbukh 1974.pdf
Poems by Abraham Sutzkever
https://jewishreviewofbooks.com/articles/8590/with-a-wolf-in-one-eye-sutzkever-in-israel/#
https://ingeveb.org/articles/letters-without-addresses
https://blog.despinoza.nl/log/abraham-sutzkever-1913-2010-a-nakht-mit-shpinozn-shpinoze.html
Woordenlijst
cheder: godsdienstschool voor kinderen
choepe: letterlijk: huwelijksbaldakijn, ook gebruikt voor de huwelijksceremonie
chossid (mv. chassidim): aanhanger van het chassidisme, een stroming binnen de joodse godsdienst
chrein: mierikswortel
goj (mv. gojim): niet-jood
havdole: ceremonie om het eind van de sjabbes te vieren met een zegening over wijn, geurige kruiden en gevlochten kaarsen
hazkore: rouwceremonie ter herdenking van een gestorvene
kiddesj: zegening over de wijnbeker bij het begin van de sjabbes of van een feestdag
lerngelt: geld benodigd om te lernen
lernen: het bestuderen van vooral de tora en de talmoed
Litwak: Litouwer
mikwe: ritueel badhuis
mitswe: Goddelijk gebod of verbod; de term kan slaan op verplichtingen waar vrouwen van waren vrijgesteld, bijv. het verblijven onder een tent tijdens het Loofhuttenfeest
nebbech: nebbisj, waardeloos
omejn: amen
poroiches: voorhang voor de heilige Ark, waarin de tora-rollen worden bewaard
rebbe: chassidische rabbijn
s’brent: er is brand
sjabbes: sabbat
sjammes: hulp van de rabbijn, koster
sjlemazzel: pechvogel
talles: gebedsmantel
tefilien: gebedsriemen die door belijdende joden om hoofd en linkerarm worden gewikkeld
Tenach: Oude Testament
trejfe: onrein (volgens joods ritueel gebruik)
Tsenerene: titel van een gebedenboek voor vrouwen met tora-commentaar
https://www.dbnl.org/tekst/_twe007200001_01/_twe007200001_01_0200.php