Perzische gedichten

Nimm eine Rose und nenne sie Lieder. Poesie der islamischen Völker. 


O Herz, des Alters Morgen graute


Vorm Tode brauchst du nicht zu fliehen an zwei Tagen:

Wenn er dir nicht bestimmt, und wenn die Stund‘ geschlagen.

Am Tag, da er bestimmt, nützt es dir nichts, zu fliehen,

und ist er nicht bestimmt, kann er dich nicht erjagen.

PINDAR-I RAZI


Denkst du noch an die Lieb’, die Treu, das Lachen

Und deine Tröstungen für mich, den Schwachen?

Gedenk’ ich jetzt an solche Freundschaftstage,

Bin ich allein in Nacht und langem Wachen.. .

AMIR KHOSRAU


Mein Bart und meine Zähne sagen hier:

Die Jugend schwand und kommt nicht mehr zu dir.

Auf wen ich blicke und mit wem ich lache,

Sagt »Onkel« oder »Väterchen« zu mir!

KHUSCHHAL KHAN KHATAK


Mit schwerbelad’nem Pferd kam von der Mühle ich –

Ach, wer dies Mädel sieht, dem dreht sich der Verstand:

Wohl fünfzehn Jahre alt, mit fünfundvierzig Zöpfen

Was tun? Bin Mädel hat mich »Onkelchen« genannt…!

KARACAOGLAN


Entheb’ dein Herz der Hoffnung – es muss gegangen sein,

Weiß ward das schwarze Haar dir – es muss gegangen sein.

O Wanderer du, töricht – ist jetzt die Zeit für Schlaf?

Die Nacht schwand; nun ist Morgen: es muss gegangen sein!

WADIH


Der Morgen des Alters bewirkt

den Abbruch der Hoffnungen dir:

Des Leichentuchs Kette und Einschlag:

das weiße Haar ist es hier.

BEDIL


Ich kann als Wandrer durch die Welt nur treiben,

Ich fand ja keinen Freund, es ward schon Abend.


Nach meinem Sinn nur lesen oder schreiben –

Ich fand ja keinen Freund, es ward schon Abend.


Die Hände hab ich vors Gesicht geschlagen,

Die Tränen fließen stets bei meinen Klagen,

Die Fehler sehe ich, die in mir lagen,

Ich fand ja keinen Freund, es ward schon Abend.


Das Fundament der Welt ist wüst. o Not!

Das Korn ist aufgebraucht, es gibt kein Brot,

Weh diesem Leben, das hingeht zum Tod!

Ich fand ja keinen Freund, es ward schon Abend.

KUL HIMMET


O Herz, des Alters Morgen graute –

Steh auf! Dies Schloss ist Heimat nicht!

DARD


Der Körper ist wie eine Honigwabe;

Die Jugend ist darin des Honigs Gabe.

Doch floss der Honig aus, bleibt Wachs nur übrig

ist Wachs denn ohne Honig eine Labe?

KHUSCHHAL KHAN KHATAK


Wer soll was van wem wohl wann erzählen?

Jeder wird sein Eig’nes nur erwählen.

So verging das eig’ne mir, das Leben:

Weinen, einsam sein, sich schweigend quälen.

DARD


So rasch enteil’ ich auf dem Weg des Nichtseins:

Des Frühwinds Hand reicht nicht zu meinem Staube!

DARD


Der eine wird nur süsse Speise essen,

Der andre wird nur Gerstenfladen essen.

Im Tode werden beide doch das Gleiche:

Der Wurm wird gern ihr Fleisch im Grabe essen.

KHUSCHHAL KHAN KHATAK


Am Ende des Lebens

Der Herbstwind hat geweht und hat den Lenz verstreut,

Das teure Leben ging; wir haben nichts getan.

Das Alter kam, doch ist die Jugend nicht vergangen,

Nicht wich Nachlässigkeit von den befleckten Herzen.

Des Stolzes Krone trägst du auf dem Haupt und schreitest

Dich brüstend, und dein Saum schleift hin zum Aas der Welt.

Des Hoffens Last am Hals, kein Werk doch in der Hand,

Du Armer, der verstrickt in tausenderlei Werke!

Zeit ist’s, zu gehen – wo, ach wo sind die Gefährten?

Entschließen wollten wir uns dann, zu welchem Land!

Wir sah’n der Burger Tod und sahen den der Freunde –

Doch was das Auge sah, das Fleisch hat’s nicht beachtet.

Betagte Greise, ja, und mondgesicht’ge Junge:

Sie hinterließen nur die Sehnsucht aller Welt.

Steh auf, lass uns zum Staub der teuren Freunde wandeln,

Eh unser Auge noch zum Staub des Weges ward!

Es kamen viele hier wie ich und du und gehen

Auf vieler andrer Staub, die sie vor Staub nicht sehen.

Noch grünt der Hoffnung Hag – so pflücke doch die Rose!

Brich nicht des Lebens Baum – sein Ast tragt Früchte noch!

MIR MA SUM NAMI


Wann gäb’ der Traum vom Tod dem müden Herzen Ruhe?

In meines Wunsches Netz ist er geringe Beute!

GHALIB


Am Horizont des umkehrlosen Abends

sind wir. Es ist schon spät.

Der letzte Abschnitt ist es, o mein Leben –

vergeh es, wie’s vergeht.

Selbst wenn wir davon träumten. einmal wieder

zur Welt zu kommen,

Mit einer solchen Hoffnung wollen wir uns

doch nicht vertrösten.

Wenn wir das Tor, das seine weiten Flügel

ganz schwarz ins Leere

Auftut und Unter dem die Sonne niemals

mehr aufgehen wird,

Durchschreiten, wird die stille Nacht beginnen,

die niemals endet.

YAHYA KEMAL


Komm, o Schmerz, der Ruhe zu entgehen  ist mein Wunsch!

Gram zu finden, Freuden nicht mehr sehen  ist mein Wunsch.

Komm, o Liebe, mach mich ganz verworfen vor der Welt!

Guter Rat, der Schmerzenlosen Flehen  ist mein Wunsch.

Komm, o Sehnsucht, bring die Hand des Wunsches  mir zum Saum:

Ohne Kraft, mein Hemd zerreißend, flehen  ist mein Wunsch.

Komm, o Glück, und richte, mich zu toten,  nun ein Fest:

Seinem Blick als Opfer zu vergehen  ist mein Wunsch.

Komm, o Tod, sei gnädig; denn ich wälzte  mich im Blut

Ohne ihn – ach, nun zur Ruhe gehen  ist mein Wunsch.

‘URFI


Lang braucht ein Seufzer, bis er Wirkung fände –

Wer lebte bis an deiner Locken Ende?

Entwerden lernt im Sonnenstrahl der Tau –

Ich lebe nur, bis ich den Huld-Blick schau.

Bin Blick, nicht mehr, ist, Tor, des Lebens Glanz –

Das Fest währt nur für einen Funkentanz.

Was heilt den Daseinsgram? Nichts als der Tod!

Die Kerze brennt nur bis zum Morgenrot.

GHALIB


Ich möchte dort hingehn, wo niemand mich kennt,

Kein Mensch meine Sprache spricht, keiner mich nennt.

Ich wünsche ein Haus ohne Wand, ohne Tor,

Kein Nachbar ihm nah und kein Wächter davor,

Und wenn ich erkranke, kein Mensch, der mich pflegt,

Und wo, wenn ich sterbe, kein Klaglaut sich regt.

GHALIB


Zu sterben ist, Staub zu werden,

und Staub wird aufgewirbelt –

Ach, selbst noch auf diesem Wege

gibt’s immer neue Ziele!

MIR


Das schweigende Schiff

Kommt der Tag des Ankerlichtens einst von Zeit und Ort,

Bricht ein Schiff ins Unbekannte auf aus diesem Port.

Schweigend nimmt’s den Weg, als sei auf ihm kein Passagier,

Keine Hand, kein Tuch winkt freudig dann beim Abschied hier.

Uber diese Reise trauern die am Kai verharren,

Feucht die Augen, die zum schwarzen Himmel tag’lang starren.

Arme Herzen! Nicht das letzte ist, das fahrt, das Boot,

Und des trennungsschweren Lebens nicht der letzte Tod.

Liebende, Geliebte warten nutzlos hier im Licht –

Dass die Liebsten nie mehr kommen – ach, sie wissen’s nicht.

Jeder derer, die da gingen, denkt in Dank und Gluck,

Dass er manches Jahr hier weilte!… Keiner kehrt zurück.

YAHYA KEMAL


Nach dem Tod

Wir starben und hofften auf etwas noch –

In grosser Leere verging dieser Traum.

Wie dachte man nicht an das Lied mehr, den Saum

Des Himmels, die Zweige, den Vogelflaum –

Etwas Gewohntes war dieses Leben doch.


Von der lieben Welt keine Kunde mehr spricht,

Unser Fenster wird nicht gestreichelt von Winden.

In Nächte unsere Tage entschwinden,

Wir können nicht unsere Schatten mehr finden,

Wir spiegeln im strömenden Wasser uns nicht.

CAHIT SITKI TARANCI


Wenn sie am Tage des Todes

tief in die Erde mich senken,

Dass dann mein Herz noch auf Erden

weile, darfst du nicht denken!

Siehst meine Bahre du ziehen,

lass das Wort »Trennung« nicht hören:

Weil mir dann ewig ersehntes

Treffen und Finden gehören!

Klage nicht »Abschied, ach, Abschied!«,

wenn man ins Grab mich geleitet:

ist mir doch selige Ankunft

hinter dem Vorhang bereitet!

Hast du das Sinken gesehen,

sieh auch das Auferstehen!

Schadet es denn, wenn die Sonne,

Sterne und Mond untergehen?

Scheinen sie dir auch zu sinken,

ist es doch wahrhaft ein Aufgang;

Scheint dir ein Kerker das Grab auch,

ist’s doch zur Freiheit ein Ausgang.

Fiel je ein Korn in die Erde,

das sich nicht köstlich entfaltet?

Glaubst du denn, dass sich das Korn, das

die Menschen sind, anders gestaltet?

Jeglichen Eimer, der sinket,

hebst du gefüllt aus der Quelle:

Sieh, auch dem Joseph der Seele

strahlt in der Grube die Helle!

Schließe den Mund jetzt im Diesseits,

öffne im Jenseits ihn wieder,

Dass in der Welt, da kein Ort ist,

ewig ertönen die Lieder!

RUMI


Tötet mich, o meine Freunde,

Denn im Tod nur ist mein Leben!

Ja, im Leben ist mir Tod nur,

Und im Sterben liegt mein Leben!

Wahrlich, höchste Gnade ist es,

Selbst verlöschend zu entschweben,

Und als Schlechtestes erkenn ich,

Pest an diesem Leib zu kleben.

Überdrüssig ist die Seele,

Hier noch im Verfall zu leben.

Tötet mich, ja, und verbrennt mich,

Dessen Glieder elend beben!

Geht dann an dem Rest vorüber,

An den Grüften, leer van Leben:

Meines Freunds Geheimnis sollt ihr

Aus der Erben Innerm heben.

Seht, ich, einer von den Alten

Die nach höchsten Rängen streben,

Bin jetzund ein Kind geworden,

Nur der Mutterbrust ergeben, ,

Ruhend in der salzgen Erde

Und m tiefen dunklen Graben.

Wunderbar, dass meine Mutter

Ihrem Vater gab das Leben

Und dass meine jungen Tochter

Mich gleich Schwestern jetzt umgeben.

Eh’bruch nicht, noch Zeitenwandel

Haben dies Geschehn ergeben!

Sammelt meine Teile alle

Aus erstrahlenden Geweben,

Aus der Luft und aus dem Feuer,

Aus dem frischen Quell daneben!

Sat sie sorglich in die Erde,

Die noch staubig ist und eben,

Und befeuchtet sie, o Freunde,

Lasst die Becher kreisend schweben!

Lasst die Dienerinnen giessen,

Brunnen drehend Wasser heben!

Seht, nach sieben Tagen wird sich

Draus ein edler Strauch erheben!

HALLADSCH


Ist der Tod ein Mann, so soll er kommen:

ich will eng an meine Brust ihn ziehen!

Er bekommt van mir ein Kleid, ein buntes,

ich bekomm van ihm farblose Seele!

RUMI


Der Gläubige

Im Saume seiner Nacht ist Morgenrot,

Aus seinem Stern der Glanz der Welten loht.

Wie soll ich sonst den Gläubigen beschreiben?

Er lächelt, wenn ihm nahe kommt der Tod!

IQBAL


Totenklagen

Ich ging zum Friedhof hin, um bitterlich zu weinen

Um jene Freunde, die jetzt vom Vergehn umfangen.

Ich fragt’: »Wohin sind sie gegangen?«

Und der Friedhof

Gab Echos Antwort mir: »Wohin sind sie gegangen?«

AMIR KHOSRAU


Elegie auf den Tod Husains in Kerbela

Was regnet? – Blut! – Wer? – Augen! – Wann? – Bei Tag und Nacht!

Warum? – Aus Gram! – Um wen? – Kerbelas Herrn voll Macht. –

Wie hieß er denn? – Husain. – Aus welchem Haus? – Ali’s. –

Die Mutter? – Fatima. – Der Ahn? – Muhammad hieß. –

Wie starb er? – Märtyrer. – Wo? – Marjas Steppenhange. –

Wann? – Zehnten Muharram. – Allein? – Nein, in der Menge. –

Bei Nacht getötet? – Nein, bei Tag. – Wann? – Mittagsstund’. –

Die Kehle abgetrennt? – Nein, nein, der Nacken rund. –

Vor Durst getötet?. – Nein. – Gab man ihm Wasser?. – Ja. –

Wer? – Schimr. -Aus welchem Quell? – Dem Quell des Nichtseins, ah!

Starb er als Märt’rer? – Ja. – Verbrach er etwas? – Nein. –

Sein Amt? – Rechtleitung nur. – Sein Freund? – War Gott allein.

Wer tat den Frevel denn? – Jazid. – Wer ist denn der? –

Bin Sohn der Hind. – Van wem? – Ein Bastardspross war er. –

Tat er es selbst? – Gesandt hat einen Brief er schon. –

An wen? – An Mardschanas verräterischen Sohn. –

Mardschanas Sohn, war das Zijad? – Ja, er allein. –

Und widersprach er nicht Jazids Befehlen? – Nein. –

Hat dieser Schuft erwürgt Husain mit eig’ner Hand? –

O nein, er hat ein Heer nach Kerbela gesandt. –

Heerführer war? – Der Omar ibn Saad. – Und er

Schlug Fatmas edles Volks? – Nein, Schimr ohne Ehr’! –

Schämt’ sich denn nicht der Dolch, den Hals ihm abzuschneiden? –

Doch. – Warum tat er’s? – Nicht wollt’s Schicksal andres leiden. –

Warum? – Fürsprecher sollt’ er für die Menschheit sein. –

Was muss man dafür tun? – O klage viel und wein’!

Und fielen Sohne auch van ihm dabei? – Ja, zwei. –

Noch mehr? – Neun Brüder. – Mehr? – Verwandte allerlei. –

Hatt‘ er mehr Sohne noch? – Ja, einen. – Wer war das? –

Sadschad. – Wie ging es dem? – Van Leid gebeugt und blass. –

Blieb er in Kerbela? – Nach Syrien ging er weit. –

In Ruhm und Glanz? – O nein, in Schmerz und Niedrigkeit. –

Allein? – Mit seinen Frau’n. – Wie hießen sie voll Harm? –

Sakina. Fatima, Zainab. Kulthum so arm. –

Hatt’ er ein Kleid am Leib? – Der Wegstaub war sein Rock. –

Hatt’ einen Turban er? – Ja, der Verbrecher Stock. –

War krank er? – Ja. – Hatt’ er ein Mittel? – Tranen heiß. –

Und was für Nahrung sonst? – Herzblut war seine Speis’. –

Und wer begleitet’ ihn? – Die Kinder vaterlos. –

Noch mehr? – Das Fieber, ja, das niemals ihn ließ los. –

Was blieb vom Schmuck der Frau’n denn übrig? – Nur zwei Dinge:

Des Unrechts Kett’ am Hals, am Fuß des Grames Ringe. –

Tat’ dies ein Heide? – Nein! – Bin Jude, Parse je?

Bin Hindu? – Nein! – Wer dient Idolen? – Nein! – 0 weh!

ist denn zu solchem Vers Qa’ani fähig? – Ja. –

Was wünscht er? – Huld. – Von? – Gott-

Wann? – Wenn Vergeltung nah! 

QA’ANI


Klage um dos Kind Asghar, das in Kerbela getötet wurde

Oh, dein blutiges Leichentuch, Asghar!

Oh, dein vertrocknetes Mündchen, Asghar!

Blutrot dein rosiger Körper, Asghar!

Wehe um deine Kindheit, Asghar!


Warum ist heute dein Haar so verwirrt. oh?

Warum strömt Blut aus dem Munde dir, oh?

Niemals fiel dir doch das Schlafen schwer, oh!

Wehe um deine Kindheit, Asghar!


Steh auf Ich wasche das Blut dir ah jetzt,

Und bist du müde, leg’ ich dich schlafen,

Ich will dich wieder wiegen in Schlaf jetzt –

Wehe um deine Kindheit, Asghar!


Warum denn rissen sie dich van mir, oh?

Wen soll ich halten m meinem Schosse?

Warum hat mich nicht getroffen das Los, oh?

Wehe um deine Kindheit, Asghar!


Gott, o mein Gott, ich wollte dich pflegen,

Bis du dann einmal zu lesen lerntest –

Wo sind die Hoffnungen? Wo die Träume?

Wehe um deine Kindheit, Asghar!


Ach, wessen Wiege soll ich nun schaukeln?

Wem soll ich singen ein Wiegenliedchen?

Wen soll ich nun in die Arme nehmen?

Wehe um deine Kindheit, Asghar!

HASCHIM ALI


Die Helden von Mohácz

Wir waren’s, von heißer Liebe von diesem Angriff beflügelt –

Wir waren‘s, die früh hundert Rosse zur ersten Schlachtreih’ gezügelt!


Wir flogen – begierig, dass man uns erblicke auf Mohácz’ Erde,

Belebt ward die Ebene wieder vom Wiehern unserer Pferde.


Es war ein Tag, da Erob’rung ließ leuchten wieder das Land,

Da, wo wir um seinetwillen das Leben gaben entbrannt.


Gleich rosenwangiger Schönheit, da Tulpe ist jeglicher Kuss:

Im Schosse des Sieges – wir tranken ersattend der Einung Genuss.


Wir sagten der Welt Lebewohl – dann, verhängten Zügels, ein Rennen:

Das war unser letzter Triumph noch -Jahrhunderte sollen ihn kennen!


Ein letztes Mal noch ein Wettlauf zum Himmel, der auftut sein Tor.

Und auf dem Wege zu Gott hin vereint mit den Engeln im Chor!


wir galoppierten, wir alle, durch paradiesische Pforte;

Wir sahen in einem Hauch schon der ewigen Ahnen Orte.


Wir leben in einem Garten nun mit den Märtyrern allen,

Mit jenen Jünglingen-Helden, die einst so wie wir gefallen.


Doch wo wir geboren, wird bleiben von uns, dieses Landes Söhnen,

Erinnerung wie ein Gewitter von unserer Hufe Dröhnen!

YAHYA KEMAL


Der Gefallene von den Dardanellen

Soldat, o, der um dieses Staubs du in den Staub gesunken bist!

Wert warst du’s, dass die Ahnenschar vom Himmel steigt, die Stirn dir küsst!

Wie groß bist du! Es rettete dein Blut des wahren Glaubens Kraft –

Die Löwen nur der Badr-Schlacht sind solchen heilgen Ruhms teilhaft.

Wer dir das Grab auch immer grub – wird es dir nicht zu eng, zu klein?

Sagt’ ich: »In der Geschichte weit begrabt ihn!« – du passt nicht hinein.

Es reicht auch jenes Buch nicht aus für die van dir erregten Zeiten –

Es können deine Größe nur in sich erfassen Ewigkeiten.

Und setzte ich die Kaaba auch an deinem Haupt als Grabstein dir,

Und spurt’ ich, was mein Geist eingibt, und meißelte in Stein es hier,

Und nähme ich das Himmelszelt mit seiner Sternenfülle ganz,

Dass ich damit – dem Mantel gleich – den blut’gen Sarg verhülle ganz,

Und wenn mit Wolken dunkelblau dein offnes Grabmal ich bedeckt’,

Von dort der sieben strahlenden Plejaden Leuchter ausgestreckt,

Wenn ich dir, der in Blut gehüllt, nun unter dieses Leuchters Pracht

Sich hingestreckt – wenn ich dir auch den Mondschein brächte in der Nacht,

Wenn ich als Grabeswächter auch dort wachte, bis der Tag anbricht,

Und jenen Leuchter wiederum am Tag erfüllt’ mit Morgenlicht,

Umwänd ich deine Wunden auch mit Abenddämmrungsschleierbahn

Ich konnte doch nicht sagen, ach, für dich hatt’ ich etwas getan!

MEHMET AKIF


Morgen in Khartum

Im Morgengrauen wurden fünf Häupter besudelt mit Blut,

wurden fünf Sonnen gelöscht.

Sie waren am Horizont meines Landes

– Landes mit felsharter Trauer –

aufgeleuchtet in einer Nacht voller Alptraum

in deinem Namen, o Freiheit.


Im Morgengrauen

fielen sie tropfengleich

fielen vom Halse von Männern bleich

deren Hände Befreiung suchten für dieses Reich

suchten sie für kommende Geschlechter.

Weh… welch ein Preis für die Freiheit!

Müssen wir nun nicht überschreiten des Grames Flut

und unsere Angesichter waschen mit Blut

dem Blut der fünf menschlichen Sonnen…?

Weh… welch ein Preis für die Freiheit!


Im grünen Schimmer des Morgenlichts

schleppte die Nacht ihre Schritte

glotzenden Auges über das Blut .

AL-FAITURI


Bedrettins Hinrichtung

Der Regen rieselt.

Furchtsam

Wie ein Verschwörergespräch.


Der Regen rieselt.

Wie das Huschen der weißen und bloßen Füße

Eines Verräters auf feuchtem und finsterem Boden.


Der Regen rieselt.

Auf dem Markte van Serez

Einem Kupferschmiede genau gegenüber

Hängt mein Bedrettin an einem Baum.


Der Regen rieselt.

Eine späte und sternlose Stunde der Nacht ist’s.

Und was da nass wird im Regen,

ist meines an einem blattlosen Aste schwankenden Meisters

Ganz nacktes Fleisch.


Der Regen rieselt.

Der Markt von Serez ist stumm.

Der Markt van Serez ist blind.

Und in der Luft der verfluchte Gram, nicht sprechen zu können

Und nicht zu sehn.


Der Markt van Serez bedeckt sein Gesicht mit den Händen.

Der Regen rieselt.

NAZIM HIKMET


Es lebt, sprach man, Meister Sana’i nicht mehr!

Der Tod eines solchen Meisters wiegt schwer!

Er war keine Spreu, die der Wind leicht entführt.

Ein Wasser nicht, das in der Kälte gefriert,

Er war kein Kamm, der im Haare zerbricht,

Ein Korn, das die Erde zerdrückt, war er nicht.

Bin Goldschatz war er, verborgen im Sand,

Weil er die zwei Welten als Körnchen erkannt.

Er warf alle irdische Form erdenwärts,

Zum Himmel empor trug er Seele und Herz.

Vermischt mit der Hefe stieg aufwärts der Wein –

Dann trennten sich beide: der Trank wurde rein.

Ich schwöre: »Er gab, die das Volk nicht erkannt,

Die innere Seele, dem Freund in die Hand!«

Die Reise vereint alle Menschen der Welt,

Aus Merw und aus Rayy, aus Arabiens Zelt;

Ins eigene Haus kehrt ein jeder zurück,

Gesellt sich doch Taft nie zum härenen Stück.

Weil Er deinen Namen jetzt auslöschen will

Im Buche des Sprechens, mein Freund, sei fein still!

RUMI


Der Tod der Berauschten

Im Hag, wo das Grab des Hafis liegt, dort erblühen

Noch jeden Tag Rosen mit blutroten Säumen,

Dort weint noch die Nachtigall süß in Morgenfrühen – 

Die Weise lässt von dem alten Schiras uns träumen…


Ein Land voll Frühling nur ist der Tod für den Trunk’nen;

Sein Herz gleicht dem Rauchfass, das jahrelang Düfte noch bringt.

Am Grab, dem unter frischen Zypressen versunk’nen,

Springt früh eine Rose auf, eine Nachtigall singt.

YAHYA KEMAL


Totenklage für Halladsch

Deine Feder, vergiftet und grünend,

Deine Feder, mit Adern, geschwellt von Flammen

Und von dem Gestirn, das von Bagdad steigend loht –

Unsre Geschichte und nahe Erweckung zusammen

In unserem Land, in unserm vielfachen Tod.


Auf deine Hände legt sich die Zeit,

In deinen Augen die Glut

Flackert zum Himmel auflodernd.


O Sternbild, das da von Bagdad aufbricht,

Beladen mit Geburt du und Gedicht,

O Feder vergiftet und grünend!


Nichts blieb mehr für die, so von ferne kommen

– Trotz Tod und trotz Eis und Echo beklommen –

Auf dieser Erde, auferstehungsträchtig. ..

Nichts blieb mehr: nur noch du, und die Präsenz.

O Sprache galiläisch-mächt’gen Donners,

Auf dieser Erde, rindenoberflächlich,

O Dichter der Mysterien und der Wurzeln!

ADONIS


Auf Prinz Baisonghurs Tod

Um dich zu klagen, eint sich heute die Natur:

Die Tulpe füllt den Saum mit blut’ger Tränen Spur:

Die Rose reißt entzwei die rote Hemdbrust sich;

Die Ringeltaube trägt am Hals die schwarze Schnur!

SCHAHI


An Fikrets Grab

Man sagt, dass an deinem verlassenen Grab

Wildrosen erblüh‘n – drauf zu blicken, kam ich,

Und in dieses Gartens gesegneten Staub

Voll Sehnsucht mein Antlitz zu drücken, kam ich.


Sie sagen, wer innig vertraue auf dich

Und kniete dort nieder und weinte für sich,

Der finde Erhörung! .. . Voll Hoffnung kam ich,

Mit Tränen mich niederzubücken, kam ich.


Im Jahre der Trennung, am herbstlichen Tag,

Da zitternd der Tau auf den Wiesen noch lag –

Vor Tagesbeginn in der Gräber Hag

Die Blumen der Trauer zu pflücken, kam ich.


Dein denk’ ich mit allen, die kummervoll sind,

Von brennender Liebe zu Gott tränenblind –

Gelb blühende Zweige zum Kranze ich wind’ –

Mit ihm deinen Grabstein zu schmücken, kam ich.

MZA TEVFIK


Garcia Lorca

In seinem Herzen ein Herd,

dess Glut die Hungrigen nährt;

Das Wasser in seiner Hölle kocht,

Dess Flut die Erde vom Bösen reinigt.

Und seine Pupillen weben aus Feuer ein Segel –

Sammeln die Fäden aus Regenspindeln

und aus funkenschlagenden Quellen

und aus dem Busen der stillenden Mütter

und aus den Messern, tropfend von Süße der Früchte,

und aus den Messern der Ammen, die Nabelschnur schneidend,

und aus den Messern der Krieger, die Lichtstrahlen kauen –

Ein mondzartes Segel,

ein felsstarkes Segel,

ein Augen-Blicks-flinkes Segel,

ein Segel, grün wie der Lenz

und rot, gefärbt vom schwärzlichem Blut;

als wär es das Boot einer Kinds, das ein Buch zerriss,

um die Boote des Stromes mit seinem Inhalt zu füllen,

als war es das Segel Kolumbus’ im wogenden Meer,

als wär es das Schicksal.

BADR SCHAKIR AS-SAYS-AB


Auf den Tod seines Sohnes

Der du der Glanz warst in dem Auge mein –

wie geht es dir?

Mein Tag ward finster ohne dich; allein –

wie geht es dir?

Seitdem du mich verlassen, ist mein Haus

ein Totenhaus,

Doch du wohnst tief nun unter Staub und Stein –

wie geht es dir?

Auf Dom und Lehm, die nun dein Schlummerkissen,

dein Lager sind,

Jasminenwange, Silberkörper klein –

wie geht es dir?

Im Blute wird das Herz mir und das Auge

nun untergehn,

O Kummer, den ich früher nie gefühlt:

jetzt fühl ich ihn,

O Klage, die ich früher nie geklagt!

     Jetzt muss ich flehn!

Die Toren sagen mir: »Sieh der Geduld Pfad,

erwähle ihn!«

Ich bin nicht frei, mir meinen Weg zu wählen –

wie könnt’s geschehn?

FAIZI


Auf den Tod seiner kleinen Tochter

O Tochter dess, der keine Tochter

Gewünscht: erst fünf, erst sechs warst du,

Als du vom Atemholen ruhtest

Und brachst mein Herz und meine Ruh.

Warst besser als ein Sohn -: dem Weine

Eilt früh er, nachts den Dirnen zu!

BASCHSCHAR IBN BURD


Erinnerung an die Mutter

Man sagt, als ich geboren, hat die Mutter

Die Brust zu nehmen zärtlich mich gelehrt,

Und jede Nacht an meiner Wiege sitzend

Hat wachend sie das Schlafen mich gelehrt.

Sie legte lächelnd ihren Mund auf meinen,

Die Knospe hat zu öffnen sie gelehrt,

Nahm meine Hand und setzte Fuß vor Fuß mir,

Bis sie die Kunst des Gehens mich gelehrt.

Bin Ton, zwei Tone, legt sie die Worte

Mir in den Mund, hat sprechen mich gelehrt.

Drum ist mein Dasein Teil von ihrem Dasein –

So lang’ ich leb’, ist sie mir lieb und wert.

IRADSCH MIRZA


Grab in Palestina

O meines Großvaters Antlitz! O Prophet, niemals lächelnd!

Aus welchem Grabe kamst du

in einer Weste, gefärbt wie uraltes Blut am Felsen,

einem Mantel, wie eine Grube gefärbt?


Traurigkeit eines Feldes, das da tragt dürre Knochen,

Olivenbäume

und uralten müden Wind


Aus welchem Grabe kamst du zu mir, der du versteinern lässest

dein Kind?

Gott ist groß! Nein! Niemals verkaufte ich eine Spanne

vom Land,

nie beugte ich mich einem Druck!


Ja, jene tanzten und sangen auf deinem Grabe…

Doch schlafe du, schlafe doch:

Wach bin ich – ich bin wach – wach –

bis zum Tode noch!

MAHMUD DARWISCH


Auf den Tod seiner Enkelin

Mein süßes Kindchen, nie vergess ich dich,

Ob Tage, Monde, Jahre auch vergehn.

Wie bitter ist dein Fortgehn doch für mich!

Kann aus dem Sinn dein süßes Plaudern gehn?


Zu herzen wage’ ich kaum den Leib, den zarten –

Wie mag’s ihm geh’n in seinem Bett, dem harten?

Denk ich der Knospe deines Munds im Garten,

Verbrenn’ die Rose durch mein heißes Flehn!


Dein Silberleib verwandelt ganz und gar –

Ziert schwarz die Braue noch die Stirne klar?

Löst sich zu Erde nun dein goldnes Haar,

Verwirrt, die ich gekost, die Locken schön?


Fand nun des Himmels Zorn und Grimm ein Ende,

Dass welk die Rosenwange uns entschwände?

Ach, werden auch zu Staub die weichen Hände,

Mit denen küssend ich gespielt, vergehn?

AKIP PASCHA


Auf den Tod seines Neffen Arif

Du hättest etwas auf mich warten sollen –

noch ein paar Tage;

Du gingst allein und wartest drüben einsam

noch ein paar Tage.

Mein Haupt zerreibe ich, ob auch die Steine

nicht bröckeln mögen –

An deines Grabes Tür reib’ ich die Stirne

noch ein paar Tage.

Du kamst erst gestern, und du sagtest heute:

»Nun will ich gehen.«

Gewiss, du konntest nicht für immer bleiben –

doch ein paar Tage.

Du sagtest, als du gingst: »Wir sehn uns wieder

am Jüngsten Tage!«

Ach ja – des Jüngsten Tages Schrecken glichen

doch ein paar Tage.

Sieh, alter Himmel, Arif war ein Jüngling –

war’s denn dein Schaden,

Wenn dieser Jüngling nicht zu sterben brauchte

noch ein paar Tage?

Du warst der volle Mond in meinem Hause –

warum, warum denn

Blieb meinem Haus nicht dieses Licht erhalten

noch ein paar Tage?

Wie ehrlich warst du doch in deinem Handel!

Der Todesengel

Gewahrt hätt’ er vielleicht dir Zahlungs-Aufschub

noch ein paar Tage.

Du gingst durch dieses Leben eine Weile,

bald froh, bald trübe;

Du jung Verstorbner, gingest du doch weiter

noch ein paar Tage!

Bin Tor ist jeder, der da sagt: O Ghalib,

lebst du noch immer?

Mein Schicksal ist es, auf den Tod zu hoffen

noch ein paar Tage!

GHALIB


Totenklage für ihren Bruder Nimr

Und ich bebte, mit eisigen Fingern, über

dem Stück Briefpapier

Sie lügen… sie lügen. ..

Nein, aber du träumst, du träumst –

Wach doch jetzt auf – dieser Traum ist ja unerträglich!

Und ich richtete meinen Blick auf die sicheren Dinge,

streckte die Hände aus

um die Blätter, den Tisch und das Buch zu berühren


Wach doch jetzt auf – dieser Traum ist ja unerträglich!

Und ich richtete meinen Blick auf das Stück Briefpapier

noch einmal, hier

Und ergriff mit eisigen Fingern

das Stück Briefpapier

O Bruder – Bruder – o Bruder

O Nimr, o Freund deiner Schwester, deren Schwinge gebrochen

O Nimr, du neue Wunde in meinem Herzen

von Wunden zerstochen

So ohne Abschied, o Lieber. du.

lieblicher Prinz –

Kein Kuss auf die Wangen, die frischen, und auf die Stirn

Kein letzter Blick, den wir als Wegzehrung trügen

in die Wildnis der Trennung

O Nimr, o lieber Freund, o du Prinz, wenn es nur

Abschied für ein paar Jahre wäre –

wir würden’s ertragen

Aber ein Leben lang

Aber ein Leben lang. ..

FADWA TUQAN


Schönheit und Tod

Die Rose, die am allerschönsten   im Garten stand

und deren Glanz die Weite tauchte   in Farbenpracht,

Die nie des Herbstes grimme Harte   an sich empfand,

Die mild mit Herzensblut Ernährte   von Lenzes Hand –

An sie hat er, der Blumen schneidet,   allein gedacht.


Viel tausende von Blumen schmücken   des Lebens Flur.

Jedoch des Todes Augen blicken   auf eine nur.

Zu der die Hoffnung aller Herzen   ward hingeführt,

Die van dem Schmutz des Schicksals-Feldes   niemals berührt.

Die, seit sie in die Welt gekommen   niemals gespürt

Des Glückes Mangel, noch des Kummers   zu volle Fracht:


Im Schoss des göttlichen Erbarmens   sieh süß sie ruhn,

Die Engel Klagelieder singend   zur stillen Nacht;

Lenzmorgen kommt, sie zu umkreisen   wie Pilger tun,

Der Zephir bringt ihr Edens Blüten   als Spende nun.

FAIZ


Die Freunde, die es einst gab –

ich weiß nicht, wohin sie gegangen.

O Herr, welch Tag war es, da

getrennt sie sich, von uns gegangen?

Kommt jetzt der Frühling und fragt,

wie es den Freunden wohl geht,

So sage, Zephir: Die Rosen

sind alle wie Gras vergangen.

O Rose, die aus der Erde

gekommen, sage uns doch.

Wie geht es den Rosenwangen

die unter dem Staub gefangen?

Die Hohen, die eine Krone

fürs Haupt der Menschen gewesen –

Sieh, wie sie alle zum Fußstaub

des Volkes geworden, vergangen!

Bin Spielzeug ist, das nur Kinder

verführt, das Gut dieser Welt –

Wie töricht sind doch die Menschen,

geplagt van ihrem Verlangen!

Die Weltbewohner, sie wurden

so treulos wie diese Welt …

So geh denn, Khosrau – die Treue

ist ganz aus der Welt gegangen!

AMIR KHOSRAU


Sag nicht, es seien die Freunde,

die toten, vergessen, verschwunden!

Wo wäre ein Klaglied, in dem sie

nicht tönten zu allen Stunden?

Sie waren die Leuchten des Lebens,

die staunend-entzückt wir erblickt –

Jetzt sind auf dem Schleier des Herzens

sie schweigende dunkle Wunden.

Doch nein, sie sind nicht gegangen,

so lange es Worte gibt:

Die Freunde, den Blicken entschwunden,

sind doch im Gehör noch gefunden.

BEDIL


Sachte, ganz sachte

Schwanken im Mondeslicht, fächeln

Die schwarzen Fächer der großen Zypressen.

Die Dunkelheit zittert und wogt.

Die Toten lächeln.

SELAHATTIN BATU


Vertrau dich dem Entwerden

Es hat mein Geist gemischt sich mit dem Deinen,

Wie Wein vermischt mit klarem Wasser sich.

Wenn etwas Dich berührt, rührt es auch mich an,

Denn immer bist und überall Du ich.

HALLADSCH


Für die Mystiker ist das Ziel das Entwerden im Geliebten, das heißt, sein Aufgehen in Ihm, die Vereinigung mit Ihm, die jenseits von Worten und Symbolen liegt und niemals recht ausgesagt werden kann und darf. Deshalb haben die mystischen Dichter – nicht nur des Islam – immer neue Bilder erfunden, um diesen letzten, wortlosen Zustand anzudeuten: die irdische Liebeseinigung war für viele das beste Symbol der unaussprechlichen Seligkeit der Einigung der Seele mit Gott; das liebende Vergehen der Einzelseele konnte auch als Aufgehen des Tropfens im Ozean des göttlichen Wesens umschrieben werden oder aber mit einem auch in der christlichen Welt verwendeten Bild angedeutet, nämlich das Durchglüht werden des Eisens vom Feuer, was bedeutet, dass zwar die Substanz des Eisens erhalten bleibt, dass es aber alle Attribute des göttlichen Feuers annimmt. Dieses Bild ist vor allem auf den Märtyrer-Mystiker Halladsch angewendet worden, der 922 in Bagdad hingerichtet wurde; sein Ausspruch »Ich bin die Absolute Wahrheit « (meist interpretiert als »Ich bin Gott«) ist von vielen als Ausdruck der völligen Vereinigung von Mensch und Gott angesehen worden; andere dagegen haben ihn als unerlaubten Ausdruck einer unaussagbaren Erfahrung getadelt. Doch »Mansur« Halladschs Gestalt erscheint immer wieder, wenn van Gotteseinigung gesprochen wird. Und jenes Bild vom Falter, der verzückt in der Flamme ein höheres Leben findet  erstmals von Halladsch verwendet! -, gehört zum Standardrepertoire der Dichter, wenn sie das völlige Aufgehen im Geliebten andeuten wollen.

Gern haben die islamischen Mystiker auch das Gleichnis vom Spiegel aufgenommen: wer sich ganz von sich selbst entleert, sich vom Rost des Materiellen gereinigt hat, kann das Bild des Geliebten völlig in sich aufnehmen und ist ihm dann näher als sich selbst. 


Glücklich der Nu, da wir im Schlosse weilen –

wir: Du und ich,

Wohl ist der Leib -, die Seele nicht zu teilen,

wir: Du und ich.

Des Gartens Farbe und der Hauch der Vogel

wird Lebensquell

In jener Zeit, da wir zum Garten eilen,

wir: Du und ich.

Vom Himmel kommt die Sternenschar, zu schauen

auf Dich und mich,

Wir zeigen ihr den Mond selbst ohn’ Verweilen.

wir: Du und ich.

Ohn Ich und Du, so werden in Verzückung

wir dann vereint,

Beglückt und frei von wirrer Rede Zeilen,

wir: Du und ich.

Vor Neid verschlingen alle Himmelsvögel

ihr eignes Herz,

Dort, wo so selig lachend wir verweilen,

wir: Du und ich.

Das Wunder ist, dass wir, in einem Winkel

hier hold vereint,

Zugleich getrennt sind viele tausend Meilen,

wir: Du und ich!

RUMI


Ich bin der, den ich lieb’; Er, den ich liebe

Ist ich – zwei Geister, doch in einem Leibe.

Und wenn du mich siehst, hast du Ihn gesehen,

Und wenn du Ihn siehst, siehest du uns beide.

HALLADSCH


Die van dem Pokal der Liebe trunken

Und vom Wein des Urvertrags berauscht,

Mühen sich bald im Gebet asketisch,

Dienen Götzen bald und trinken Wein.

Was sie auf des Daseins Tafel sahen,

Tilgten sie – nur nicht des Freundes Bild;

Jenseits flogen sie des Gottesthrones,

Sassen in der Klause »Wo-kein-Ort«,

Schämen sich, zu nehmen, zu verweigern;

Einigung und Trennung gilt nicht mehr;

Sie, das Vorwort für das Buch des Daseins,

Wurden Titelblatt der Ewigkeit.

Frei von »Sei! – Es ward, « sind sie geworden,

Sind ihr eig’nes Kommen sie und Geh’n!

GESUDARAZ


Dein Geist hat sich gemischet mit dem meinen

Wie Moschus mit dem Ambra, duftend reinen.

Was Dich berührt, muss mich sogleich berühren –

So bist Du ich – ein ungetrennt Vereinen.

HALLADSCH


Bin Leben lang hort’ ich von ferne Ihn,

Im Traume nur zog an die Brust ich Ihn.

Jetzt, da als Spiegel nur ich vor Ihn trat,

Sah Er sich selbst, nicht ich erschaute Ihn.

DARD


Ich glaubte, in der Welt sei mir kein Freund geblieben –

Ich liess mich selbst, und sieh! nun ist kein Feind geblieben.

Sah keinen Rosenhag, sah überall nur Dornen –

Ganz Rosen ward die Welt; nun ist kein Dorn geblieben.

Mein Herz schrie Tag und Nacht und wimmerte und seufzte –

Ich weiss nicht, was geschah – kein Ach ist mehr geblieben.

Die Vielheit ging, es kam die Einheit und die Stille.

Die Welt ward ganz zu Gott; nicht Stadt, nicht Markt mehr blieben.

Der Glaube und der Ruf, sie sind verweht im Winde –

Der Name »gläubig« ist Niyazi nicht geblieben.

NIYAZI MISRI


Mein Kommen ward zum Gehen, im Wasser Wellen gleich,

Mein Nicht-Seh’n wurde Sehen, dem Auge gleich im Traum.

Verborgen bin ich, sichtbar, wie Sinn in jedem Wort,

Vorhanden, nicht vorhanden, wie Trunkenheit im Wein.

Erbaut bin ich, zerstört auch: wie Hauser auf dem Bild

Ich weine und bin stille: dem Kindchen gleich im Schlaf.

Ich zeige und ich zeig nicht, so wie des Spiegels Glas,

Bin sichtbar und verborgen wie Feucht’ im dunklen Raum.

Bin ferne und bin nahe, so wie im Aug’ das Bild,

Frohsinn bin ich und Sehnsucht: wie Einigung im Traum,

Bin frei und bin gezwungen in allem, was ich tu.

Bin nützlich und bin nutzlos, der Null im Rechnen gleich.

Ich bin, Ali, dem Buch gleich, bin sprechend und bin stumm.

Ich bin der Frage Inhalt, der in der Antwort liegt!

Ni‘ MAT KHAN ‘ALI


Ich bin etwas, o Schwestern,

und weiss nicht, was ich bin!

Ich meine: vielleicht eine Puppe,

vielleicht, dran sie hängt, jener Faden;

Ein Ball in der Hand des Geliebten.

vielleicht ein Joch, schwer beladen;

Vielleicht bin ein Palast ich,

darin der König sinnt,

Gar manche Dinge beredend,

dass Kenntnis er gewinnt.

Vielleicht bin ich ein Ross auch,

das irgend ein Reiter lenkt,

Vielleicht die Wage des Meeres,

das äusseres Sein versenkt.

Vielleicht die Henna-Blüte,

mit Rote ausgelegt,

Vielleicht auch eine Rose,

die Duft im Haupte tragt.

Auch mag ich eine Quelle

gefüllt von der Wolke sein,

In der die Sonne sich spiegelt

und Mondes Widerschein.

Vielleicht auch der Widerschein Gottes,

bin ich von Anbeginn,

Der jenseits aller Worte. ..

Vielleicht, dass ich gar nicht bin?

SATSCHAL SARMAST


Nicht von der Knospe träumt, nicht an die Rose

gedenkt der Tau:

Das Thema seines eigenen Zerfliessens

bedenkt der Tau.

BEDIL


Wenn Seele sich und Leib gemischt

mein Ziel bist Du.

Im Leben und im Sterben auch

mein Ziel bist Du.

Wenn ich vergeh, Du bist es ja,

der ewig lebt,

Und sage ich auch »Ich« van mir –

der Sinn ist »Du«.

DSCHAMI


Verbrennen macht das Stroh

gleichfarbig mit der Flamme –

Wie fremd wir uns auch sind:

vertraut doch dem Geliebten.

BEDIL


Vertrau dich dem Entwerden, wenn du

dein Wesen finden willst:

Des Glückssterns Leuchten für den Strohhalm

kommt von des Ofens Glut.

GHALIB


Als ich zur Nacht van Angesicht zu Angesicht Ihn traf:

Wie einer Kerze Zunge schwand in Glut mir Wort und Wunsch.

DARD


Die »Taufe Gottes« ist das Farbfass »Er« –

In ihm gibt eine Farbe es nur mehr.

Wer in dies Fass fiel – sprich: »Erhebe dich!« –

Der ruft: voll Freude: »Lass, das Fass bin ich!«

»Ich bin das Fass« heisst »Ich bin Gott« zu sagen –

Das Eisen wird des Feuers Farbe tragen.

In Feuerfarbe stirbt des Eisens Farb’.

Vom Feuer spricht es, bis sein Wort erstarb.

Ist es von Röte gleichwie Gold durchdrungen:

Von Feuers Art und Farbe, hochgemut,

So spricht es: »Ich bin Feuer, ich bin Glut!

Ja, ich bin Feuer! Zweifelst du daran,

Versuche es und rühre mich nur an!

Ja, ich bin Feuer – glaubst du es mir nicht,

Leg’ dein Gesicht einmal auf mein Gesicht!«

RUMI


Wenn Rosen durch das Herz dir ziehn, bist du die Rose all,

Und wenn’s der Sprosser klagend ist, bist du die Nachtigall.

Du bist ein Teil – die göttliche, die Wahrheit ist das Ganze

Bedenkst das All du allemal, so bist du auch das All.

DSCHAMI


Es klopfte einer an des Freundes Tor.

»Wer bist du«, sprach der Freund, »der steht davor?«

Er sagte: »Ich!« – Der sprach: »So heb dich fort,

Wenn du so sprichst! ist hier der Rohen Ort?«

Den Rohen kocht das Feuer »Trennungsleid« –

Das ist’s, was ihn von Heuchelei befreit.

Der Arme ging, ein Jahr von ihm zu scheiden,

Und glühte hell im Schmerz, den Freund zu meiden.

Da ward er reif. Nun kam er van der Reise,

Dass wieder er des Freundes Haus umkreise.

Er klopft’ ans Tor mit hunderterlei Acht,

Dass ihm entschlüpft kein Wortlein unbedacht.

Da rief sein Freund: »Wer steht denn vor dem Tor?«

Er sprach: »Geliebter, du, du stehst davor!«

»Nun, da du ich bist, komm, o Ich, herein –

Zwei Ich schliesst dieses enge Haus nicht ein!«

RUMI


Wenn dir’s beschieden ist, dich gleich der Knospe

selbst zu zerbrechen –

Den Ton des eig’nen Aus-der-Fessel-Springens

wirst du vernehmen!

BEDIL


Hor’ der Liebes-Verwirrung Kunde hier –

keine Fee mehr blieb und kein Wahnsinn blieb.

Und kein Du blieb mehr und kein Ich blieb mehr –

Und was blieb? Nur Mangel an Kunde blieb.

Der Entselbstung Fürst, er verlieh mir jetzt

das Gewand der Nacktheit als Ehrenkleid –

Keine Flickarbeit des Verstandes mehr,

Und kein Hüllen-Zerreissen des Wahnsinns blieb!

Aus dem Unsichtbaren wehte ein Sturm

und der Freude Garten ward ganz verbrannt.

Nur ein einziger Zweig van des Grames Busch.

den man »Herz« genannt – der blieb unversehrt…

SIRADSCH AURANGABADI


Wohin kehr ich das Kamel?

Rings flutet Vollmondes Licht!

In mir die Kammer von Kaak,

in mir sein Platz, sein Gesicht,

Liebster und Liebster! – Und nicht

gibt’s einen andern als Ihn.

Wohin kehr’ ich das Kamel?

Rings flutet Vollmondes Glanz.

In mir die Kammer van Kaak,

Frühlingshag in mir und Kranz –

Wurde der Freund alles ganz,

bleibt nun kein anderer Ruf.

SCHAH ABDUL LATIF


Mansur

Die Farben kamen aus der Sonne

Die Farben gingen in die Sonne

Die Farben starben ohne Sonne

ich brauche Farben nicht

noch Farblosheit

Die Sonnen kamen aus einem Ort

Die Sonnen gingen zu einem Ort

Die Sonnen starben ohne Ort

Ich brauche Helle nicht

noch Dunkelheit

Die Pormen kamen aus einem Ort

Die Formen gingen zu einem Ort

Die Formen wurden unsichtbar

Schlage die grosse Pauke

Alle Stimmen ersticken in einer –

Mansur

Mansuuuur

ASAF HALET ELEBI


Suchend im Grenzenlosen

fand ich des Höchsten nicht Grenze noch Mal;

ist doch die Schönheit des Freundes

ferne van Höhe, von Breit oder Schmal.

Liebende hier ohne Zahl –

dort der Geliebte, ruhend in sich.

Nicht hat ein Ende der Mensch –

hat er doch keinen Beginn:

Welche sich selber verlieren,

die hat der Liebste erkannt.

So du dich selber noch siehst –

wo wäre wahres Gebet?

All diese Formen gib auf;

dann erst ruf aus: »Gott ist gross!«

So du dich selber noch siehst,

wo wäre wahres Sich-Neigen?

All dieses Dasein gib auf;

dann erst ruf aus: »Gott ist gross!«

SCHAH ABDUL LATIF


Und das Ergebnis sind nur die drei Worte:

Ich brannte, ich verbrannte, ich verbrannte!

RUMI


uit:

Nimm eine Rose und nenne sie Lieder. Poesie der islamischen Völker. 

Herausgegeben und übersetzt von Annemarie Schimmel, Frankfurt am Main/Leipzig 1995 (Insel Verlag) Pag. 250-280