Seele – Hildegard von Bingen

VON DER ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN SEELE UND LEIB

Gott hat den Menschen schon vor dem Anfang aller Zeitenrechnung vorausgedacht. In ihm wollte er selbst Körperliche Gestalt annehmen. Die Seele aber ist Gottes geistiger Atem in uns. Sie ist in jedem Teil unseres Leibes und wirkt als Antriebskraft zu all unserem Schöpferischen Werk. Die Seele ist der Geist des Menschen, der zum Ausdruck kommt in seinen Worten.

Der Leib ist die Wohnstatt und das Gerüst aller Seelenkräfte, und solange die Seele im Körper ist, wirkt sie mit diesem zusammen und er mit der Seele – im Guten wie im Bösen. Wie der Leib ein fühlendes Herz hat, so hat die Seele ihren Verstand. Er erkennt, was gut und was böse ist. Wie eine Speise ohne Salz fade schmeckt, so fehlt auch den Seelenkräften ohne Mitwirkung des Verstandes etwas, das sie schmackhaft und verdaulich macht.

Der Mensch hat drei Kraftwerke in sich: die Seele, den Leib und die Sinne. Sie regulieren sein Leben. Die Seele ist es, die den Körper belebt, so wie das Feuer die Finsternis erhellt, und sie verfügt über zwei Hauptkräfte, den Verstand und den Willen, als waren es ihre Arme…

Der Verstand ist an die Seele gebunden wie der Arm an den Leib. Und wie der Arm, wenn er arbeitet, sich mit seiner Hand und ihren Fingern vom Körper wegstreckt und doch am Körper haften bleibt, so halt auch der Verstand stets Verbindung mit der Seele, und mehr als die anderen Seelenkräfte erkennt er, was es mit den Vorhaben des Menschen auf sich hat, ob eines gut oder schlecht ist. Man erhält durch ihn Einsicht wie durch einen Lehrer, der alles Tun und Lassen prüft, so wie man den Weizen von der Spreu trennt, und der untersucht, ob etwas nützlich oder schädlich, liebens- oder hassenswert ist, zum Leben verhilft oder zum Tode gereicht.

Der Körper ist das Kleid der Seele. Die Seele ist die Herrin, das Fleisch ist die Magd.

Wie das Feuer Licht in die Finsternis bringt, so verleiht die Seele dem Körper erst die Kraft zum Leben.

Wenn man ein sehr kostbares Gefäss sieht, kann man sich vorstellen, dass auch etwas sehr Wertvolles darin sein muss. Genauso erfährt man durch die Sinneswahrnehmungen etwas von den Seelenkräften in einem Körper.

Die Seele freut sich über ein gutes Werk in gleichem Mass wie der Leib eine gut schmeckende Speise geniesst.

So wie der Saft den ganzen Baum durchströmt, tränkt die Seele den ganzen Leib.

Der Verstand wirkt in der Seele wie am Baum die Grünkraft der Zweige und Blätter; der Wille entspricht der Aufgabe der Bluten; das Gemüt ist mit dem Antrieb zu vergleichen, der den Fruchtansatz wachsen lässt und die Vernunft mit der Kraft, die der Frucht zu vollendeter Reife verhilft.

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Baut jemand ein Haus, so macht er an ihm eine Tür und Fenster sowie einen Rauchabzug. Durch die Tur will er ein und aus gehen, auch alles Nötige hinein- und hinausschaffen. Durch die Fenster erhalt er Licht, und durch den Schornstein soll der Rauch abziehen, damit die Bewohner nicht im Qualm ersticken, sooft im Haus ein Feuer angezündet wird. Wie der Mensch im Haus, so sitzt die Seele im Herzen wie in einem Haus. Ihre Gedanken sendet sie wie durch eine Tür ein und aus, betrachtet die Dinge im Tageslicht wie durch Fenster, und ihre im Feuer der Einsicht erhärteten Überlegungen leitet sie wie durch einen Schornstein zum Gehirn weiter, wo Entscheidungen getroffen und Taten ausgelost werden. Verfügte der Mensch nicht über die Instanz der Seele, so würde er dastehen wie ein Haus, an dem man Türen, Fenster und Schornstein vergessen hat.

Die Sonne ist das Licht des Tages, der Mond das Licht der Nacht. Die Seele aber ist das Licht des wachen wie auch des schlafenden Menschen. Die Seele sorgt dafür, dass der Schlafende nicht vergisst, seinen Atem regelmässig einzuziehen und auszustossen; sie beaufsichtigt den Körper, damit er keinen Schaden nimmt. So gibt auch der Töpfer unverwandt acht auf sein Gefäß, wenn er es im Feuer brennt, und lässt es weder zu sehr oder zu wenig heiss werden, weil das Gefäß bei zu starker Hitze oder zu schneller Abkühlung brüchig werden oder gänzlich zerfallen würde. Entfiele diese Regulierung seines Atems, so verlöre der Mensch auch die Fähigkeit, sich zu bewegen, sein Blut wurde nicht langer flüssig genug sein, um zu fließen wie am Tage, wie ja auch Wasser nicht fließen kann, wenn die Luftzufuhr nicht geregelt ist.

Wie sich das Fleisch des Menschen durch die Nahrung stärkt, so festigt sich sein Mark durch den Schlaf. Wenn er schlaft, erholt sich das Mark von den Anstrengungen bei Tag und nimmt dabei zu. Während des Wachens verdünnt sich das Mark und wird dadurch geschwächt… ist es von der Arbeit hinlänglich ermüdet, so spurt der Mensch das Verlangen nach Schlaf, das so gross werden kann, dass man sogar im Sitzen oder Stehen einschläft.

Die Seele, die ja mit dem Körper eng verbunden ist, reagiert auf das Schlafbedürfnis des Leibes zwar etwas widerwillig, aber doch hilfreich, indem sie seine nervösen Regungen beruhigt. Ähnlich wie Luft und Wasser das Rad der Mühle in Umdrehungen versetzen, regen die Kräfte der Seele den wachen wie den schlafenden Körper zu den Leistungen an, die den Erfordernissen des jeweiligen Tuns oder den Möglichkeiten des Ruhens angemessen sind. Ist seine Nachtruhe nicht von stürmischem Wolkentreiben gestört, sondern von sternklarem Himmel erquickt, so können die Träume dem Menschen Wahres zeigen. Beeinträchtigt indessen das Wetter zur Stunde des Einschlafens sowohl den Körper als auch die Gedanken, dann bestimmt dieses Missbefinden auch die Träume, und was sie ihn sehen lassen, ist ungeordnet und ohne Sinn. Das liegt daran, dass die Seele durch die äusseren Umstande derart irritiert ist, dass sie das Wahre nicht zu erkennen vermag.

Die Seele ist es, die den Menschen im Wachen wie im Schlafen zusammenhält und lebendig bleiben lässt. Während im Schlaf der Körper ausruht, hält die Seele, die der Mensch in seinem Wachzustand unentwegt beansprucht hat, auf andere Weise in ihrer gewöhnlichen Tätigkeit inne. Sie gibt sich Träumen hin und widmet sich Dingen, für die sie am Tag keine Zeit gefunden hat, nämlich vergangenen und zukünftigen. Während der Leib schlaft, erkennt sie, was ihm bis dahin genutzt oder geschadet hat und sieht mitunter voraus, was ihm bevorsteht – und dies trifft manchmal wirklich ein. Öfter aber ist die Seele von den zahlreichen falschen Vorspiegelungen der Außenwelt oder bösen Ereignissen des Alltags und den dadurch hervorgerufenen Verstimmungen so mürb und müde, dass sie das, was kommen könnte, nicht deutlich genug zu erkennen vermag und darum Täuschungen erliegt. Was der Mensch im Wachen erlebt hat, ist eben so mannigfach, dass es ihn noch im Schlaf beschäftigt und auch seine Träume bestimmt. Deren Erscheinungen aber können seine Seele so aufblähen wie eine Mehlmasse den Sauerteig, ganz gleich, ob er aus guten oder schlechten Zutaten besteht. Überwiegen die guten Gedanken, so gibt Gottes Gnade dem Menschen einen schönen zukunftweisenden Traum; Überwiegen die nichtigen oder schlechten Gedanken, so ängstigt der Traum die Seele und gibt ihr Lug und Trug ein.

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Die Augen sind die Fenster der Seele und die Pforten der bildlichen Wahrnehmung. Die Ohren sind die Flügeltüren des Vernehmens mid der Horchposten der Vernunft. Die Nase ermöglicht die genauesten Unterscheidungen durch den Geruch der Wirklichkeit und der Mund durch den Geschmack der Dinge. Durch Belecken erfolgt der innigste Kontakt mit ihnen. Die Hände sind die Organe der ausführenden Tat. Essen und Trinken dienen der Verwandlung der Elemente. Der Atem ist fortwährend tätig und halt die ständige Verbindung mit dem Kosmos aufrecht. Der Magen muss den Einfluss der Außenwelt verdauen. Der Schlaf dient zum nachdenklichen und erholsamen Rückzug in die Innenwelt.

Durch Unmut und Zorn zieht sich der Mensch schwere Krankheiten zu, da die gegeneinander wirkenden Säfte der Galle und der Schwarzgalle im Fall häufiger Wutausbrüche krankmachen. Bliebe derjenige jedoch beherrscht und von bösen Geisteszuständen verschont, so würde er immerdar gesund bleiben. Wenn die Seele von Menschen, die unter grossem Verdruss leiden, sich ruhig verhält, als wäre nichts geschehen, so kann der Körper die ihn störenden Belästigungen nicht verarbeiten und das Äussere fühlt sich vom Inneren unter Druck gesetzt. Dann muss die Seele unbedingt wieder handeln und die Führung des Menschen übernehmen, damit er nicht an Leib und Seele ernstlich Schaden leidet.

Die Seele ist wie der Wind, der über die Kräuter streicht, wie der Tau, der an den Gräsern hängt, und auch wie die Regenluft, die alles wachsen lässt. Wie der Wind, so lasse der Mensch sein Mitgefühl teilhaftig werden allen, die das Verlangen danach haben. Er sei ein Wind, der den Kranken hilft, ein Tau, der sanft die Einsamen trostet, Regenluft, die den Schwachen erfrischt. Seine Weisheit helfe allen, die nach Rat hungern, und seine ganze Seelenkraft setze er für sie ein.

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Hildegard von Bingen, Mit den Herzen sehen. Mystische Erfahrungen und visionäre Gedanken, Bern München, Wien, (Scherz)