Carmina Burana

Carmina Burana. Die Lieder der Benediktbeurer Handschrift. Zweisprachige Ausgabe, München 1991 (Deutscher Taschenbuch Verlag)
DIE MORALISCH-SATIRISCHEN DICHTUNGEN
1
- Manus ferens munera
pium facit impium;
nummus iungit federa,
nummus dat consilium;
nummus lenit aspera,
nummus sedat prelium.
nummus in prelatis
est pro iure satis;
nummo locum datis
vos, qui iudicatis. - Nummus ubi loquitur,
fit iuris confusio;
pauper retro pellitur,
quem defendit ratio,
sed dives attrahitur
pretiosus pretio.
hunc iudex adorat,
facit, quod implorat;
pro quo nummus orat,
explet, quod laborat. - Nummus ubi predicat,
labitur iustitia,
et causam, que claudicat,
rectam facit curia,
pauperem diindicat
veniens pecunia.
șic diludicatur,
a quo nichil datur;
iure sic privatur,
si nil offeratur. - Sunt potentum digiti
trahentes pecuniam;
tali preda prediti
non dant gratis gratiam,
sed licet illiciti
censum censent veniam.
clericis non morum
cura, sed nummorum.
quorum nescit chorum
chorus angelorum. - ,Date, vobis dabitur:
talis est auctoritas
danti pie loquitur
impiorum pietas;
sed adverse premitur
pauperum adversitas.
quo vult, ducit frena,
cuius bursa plena;
sancta dat crumena,
sancta fit amena. - Hec est causa curie,
quam daturus perficit;
defectu pecunie
causa Codri deficit.
tale fedus hodie
defedat et inficit
nostros ablativos,
qui absorbent vivos,
moti per dativos
movent genitivos.
1
- Hand, die was zu bieten hat,
macht die Frömmigkeit zum Hohn;
Mammon weiß sich immer Rat,
Mammon auf dem Friedensthron;
Mammon macht das Krumme grad,
Mammon ist der Kriege Lohn.
Gilt doch den Prälaten
Geld für gute Taten,
und die Richter raten
nur für Golddukaten. - Mammon führt das große Wort,
und das Recht wird dreist verdreht;
einen Armen jagt man fort,
dem Vernunft zur Seite steht,
nur die Reichen schätzt man dort,
wos um höchste Güter geht.
Frommer Antlitz lichtet
Mammon, hoch geschichtet;
wo der Mammon richtet,
ist der Streit geschlichtet. - Wo der Mammon kühnlich blinkt,
kann Gerechtigkeit nicht sein,
und die Sache, welche hinkt,
renkt der Richter wieder ein,
Arme er ins Kittchen bringt,
tritt das teure Geld herein.
Also wird entschieden,
wer nichts hat, gemieden;
es gibt keinen Frieden
ohne Gold hienieden. - In der hohen Herren Hand
träufelt Mammon zu Beginn,
denn der edle Räuberstand
läßt gewinnen für Gewinn;
also geht man hierzuland
als ein Reicher frei dahin.
Pfaffen Heil nicht bringen
unser Geld nur schlingen,
die ums Goldkalb springen
nie mit Engeln singen. - „Gebt, daß euch gegeben wird,
heißt es in der Bibel schlicht”,
und der frömmlerische Hirt
so zum frommen Geber spricht;
Armut selbst wird eingeschirrt
in das Joch der Gebepflicht.
Machtgewinn begründen
Börsen, die sich ründen,
schenken heilge Pfründen,
heiligen die Sünden. - Vor der Kurie gewinnt
den Prozeß, wer freudig schenkt,
aber wenn kein Goldstrom rinnt,
wird der Codrus aufgehenkt.
Das Gesetz zum Netz man spinnt,
füttert damit schmachgelenkt
unsre Ablative,
lebend uns Passive,
schlingend als Dative
ihrer Genitive.
2
„Responde, qui tanta cupis!’ modo Copia dicat.
„Pone modum! que vis dono.* – „Volo plena sit arca.” –
‚Plena sit!’ – „Adde duas!” – ,Addo.’ – „Si quattuor essent,
Sufficerent.” – ,Sic semper agis: cum plurima dono,
Plus queris, nec plenus eris, donec morieris.’
2
‚Sprich, der so viel du begehrst!’ ermuntert den Geizhals die Fülle:
‚Nenne das Maß! du bekommst, was du willst!’ – „So füll mir die Truhe!”-
„Ist schon gefill.!’ – „Zwei Scheffel dazu noch!” – ‘Gewähret.* – „Mit vieren
Wär ich zufrieden.” – ,Immer das gleiche: so viel ich gewähre,
Mehr du begehrst und entbehrest, bis in die Grube du fährest!”
3
- Ecce torpet probitas,
virtus sepelitur;
fit iam parca largitas,
parcitas largitur;
verum dicit falsitas,
veritas mentitur.
Refl. Omnes iura ledunt
et ad res illicitas
licite recedunt. - Regnat avaritia,
regnant et avari;
mente quivis anxia
nititur ditari,
cum sit summa gloria
censu gloriari.
Refi. Omnes iura ledunt
et ad prava quelibet
impie recedunt. - Multum habet oneris
do das dedi dare;
verbum hoc pre ceteris
norunt ignorare
divites, quos poteris
mari comparare.
Refl. Omnes iura ledunt
et in rerum numeris
numeros excedunt. - Cunctis est equaliter
insita cupido;
perit tides turpiter,
nullus fidus fido,
nec lunoni Lupiter
nec Enee Dido.
Refl. Omnes iura ledunt
et ad mala devia
licite recedunt. - Si recte discernere
velis, non est vita,
quod sic vivit temere
gens hec imperita;
non est enim vivere,
si quis vivit ita.
Refl. Omnes iura ledunt
et fidem in opere
quolibet excedunt.
3
- Sich, es darbt die Redlichkeit,
Tugend wird begraben;
arm sind ja die Reichen heut,
Arme Reiche laben;
Unwahr uns die Wahrheit beut,
Wahr will Unwahr haben.
Recht hat keinen Glauben;
keiner Unerlaubtes scheut,
alle sichs erlauben. - Herr im Lande ist der Geiz,
Geizige regieren;
kleine Geister allbereits
groß sich ausstaffieren,
denn es ist des Ruhmes Reiz,
golden zu brillieren.
Recht hat keinen Glauben,
wo das Unrecht schlimmster Art
alle sich erlauben. - Ist ja doch ein schweres Wort:
Gebe, Gibst und Gaben;
keiner kennts an keinem Ort,
Reiche wollen haben,
um dann wie das Meer den Hort
ewig zu begraben.
Recht hat keinen Glauben,
strebt die Zahlen fort und fort
nur recht hoch zu schrauben. - Und in jeglichem Gesicht
ist nur Gier zu sehen;
Untreu wider Untreu ficht,
Treu sieht Treu vergehen,
Jupiter traut Juno nicht,
Dido nicht Aeneen.
Recht hat keinen Glauben,
wo sich alle Missetat
alle dreist erlauben. - Zu erkennen sei bestrebt,
solches ist kein Leben;
wer sich üppig überhebt,
ist schon preisgegeben;
nein, sie haben nie gelebt,
die am Gelde kleben.
Recht hat keinen Glauben;
wer die Treue untergräbt,
wird sich selbst berauben.
Walther von Châtillon
4
- Amaris stupens casibus
vox exultationis
organa in salicibus
suspendit Babylonis;
captiva est confusionis,
involuta doloribus
Sion cantica leta sonis
permutavit flebilibus. - Propter scelus perfidie,
quo mundus inquinatur,
Aluctuantis ecclesie
sic status naufragatur.
gratia prostat et scortatur
foro venalis curie;
iuris libertas ancillatur
obsecundans pecunie. - Hypocrisis, fraus pullulat
et menda falsitatis,
que titulum detitulat
vere simplicitatis.
frigescit ignis caritatis,
fides a cunctis exulat,
aculeus cupiditatis
quos mordet atque stimulat.
4
- Es hängten ob dem Weltenlauf
des Jubels Uberschwänge
an Babels Weidenbäumen auf
der Harfe Freudenklänge;
und ob der Wirrnisse Gedränge
und unerwünschter Leiden Hauf
nahm Zion für die frohen Sänge
ein tränenreiches Lied inkauf. - Wenn Frevel und die Niedertracht
der Erde Schmach bereiten,
wird auch der Kirche eitle Pracht
gewaltig Schiff bruch leiden.
Die Gnade kommt in Hurenkleiden,
die auf dem Markt der Kurie lacht;
das freie Recht als Magd bescheiden
dem schnöden Geld sich dienstbar macht. - Wo Heuchelei und Täuschung heckt,
sind Lug und Trug willkommen,
die Wahrheit wird mit Hohn bedeckt,
der man den Ruhm genommen.
Die Glut der Liebe ist verglommen,
der Glaube hat sich still versteckt,
denn Habgier stachelt jetzt die Frommen,
hat jene zwei zu Tod erschreckt.
6
Florebat olim studium,
nunc vertitur in tedium;
iam scire diu viguit,
sed ludere prevaluit,
iam pueris astutia
contingit ante tempora,
qui per malivolentiam
excludunt sapientiam.
sed retro actis seculis
vix licuit discipulis
tandem nonagenarium
quiescere post studium.
at nunc decennes pueri
decusso iugo liberi
se nunc magistros iactitant,
ceci cecos precipitant,
implumes aves volitant,
brunelli chordas incitant,
boves in aula salitant,
stive precones militant.
in taberna Gregorius
iam disputat inglorius;
severitas Ieronymi
partem causatur obuli;
Augustinus de segete,
Benedictus de vegete
sunt colloquentes clanculo
et ad macellum sedulo.
Mariam gravat sessio,
nec Marthe placet actio;
iam Lie venter sterilis,
Rachel lippescit oculis.
Catonis iam rigiditas
convertitur ad ganeas,
et castitas Lucretie
turpi servit lascivie.
quod prior etas respuit,
iam nunc latius claruit;
iam calidum in frigidum
et humidum in aridum,
virtus migrat in vitium,
opus transit in otium;
nunc cuncte res a debita
exorbitantur semita.
vir prudens hoc consideret,
cor mundet et exoneret,
ne frustra dicat ‚Domine!’
in ultimo examine;
quem iudex tunc arguerit,
appellare non poterit.
6
Es blühte eins das Studium,
doch heute geht der Aufruhr um;
die Wissenschaft galt lang als Ziel,
doch obenauf ist nun das Spiel
wie werden heute vor der Zeit
die jungen Leute so gescheit,
indes ihr dreister Jugendbraus
spart dabei alle Weisheit aus.
Vor Zeiten, ach, kaum daß mans glaubt,
war es den Jungen nicht erlaubt,
ehdenn nach neunzig Jahren nun,
sich nach der Arbeit auszuruhn.
Jetzt laufen schon im zehnten Jahr
die Burschen aus der Lehre gar,
sie meinen, daß sie Meister sind,
und führen Blinde, selber blind;
der Nestling schon die Flügel regt,
Herr Langohr gar die Saiten schlägt,
der Ochs bei Hofe Vortanz hält,
und Junker Karsthans rückt ins Feld.
Gregorius führt schlecht und recht
beim Wirt ein fruchtlos Wortgefecht;
Hieronymus, so hochgelehrt,
feilscht dreist um eines Pfennigs Wert;
vom Korn spricht Augustinus lang
und Benedikt vom Rebenhang,
die zwei beraten heimlich sich
an Garkochs Tische fleißiglich
Maria wird das Sitzen leid
und Martha die Betriebsamkeit;
der Lea Schoß ist kinderleer
und Rahels Augen glotzen quer.
Des Cato alte Tugend jetzt
an Näschereien sich ergetzt,
die Keuschheit der Lukretia
ist jetzt für schnöde Lüste da.
Was ehdem unwert galt mit Fug,
das lockt uns heut mit hellem Trug;
aus heiß wird kalt in unsrer Zeit,
die Feuchte wird zur Trockenheit,
die Tugend ist heut lasterhaft,
der alte Fleiß ist faul erschlafft;
ach, alles bricht aus seiner Bahn
und jeder folgt dem eignen Wahn.
Der kluge Mann bedenk es gut,
was er begehrt und was er tut,
daß nicht umsonst „Herr, Herr” er fleht,
wenn er vor seinem Richter steht;
vor Gottes allerhöchstem Thron
gilt keine Appellation.

7
I
Postquam nobilitas servilia cepit amare,
Cepit nobilitas cum servis degenerare.
II.
Nobilitas, quam non probitas regit atque tuetur,
Lapsa iacet nullique placet, quia nulla videtur.
III.
Nobilitas hominis mens est, deitatis imago.
Nobilitas hominis virtutum clara propago.
Nobilitas hominis mentem frenare furentem.
Nobilitas hominis humilem relevare iacentem.
Nobilitas hominis
nature iura tenere.
Nobilitas hominis nisi turpia nulla timere.
IV.
Nobilis est ille, quem virtus nobilitavit;
Degener est ille, quem virtus nulla beavit.
7
I.
Seit es den Adel gelüstet, mit Niederem sich zu befassen,
Selbst sich der Adel verwüstet im niedrigen Treiben der Gassen.
Adliger Geist, der sich treulos erweist, nach Treue nicht trachtet,
Sinket dahin, steht keinem zu Sinn, wird als nichtig verachtet.
III.
Adel des Menschengeschlechts ist Geist, des Göttlichen Bildnis.
Adel des Menschengeschlechts
ist Zucht in der zuchtlosen Wildnis.
Adel des Menschengeschlechts
hält zorniges Wesen in Schranken.
Adel des Menschengeschlechts
erbarmtsich der Schwachen und Kran-
Adel des Menschengeschlechts beachtet Gesetze und Gründe. [ken.
Adel des Menschengeschlechts alleinzig nur fürchtet die Sünde.
IV.
Adelig ist der Mann, den Tugend zum Ritter geschlagen;
Nur ein gemeiner Mann pflegt nicht nach Tugend zu fragen.
8
- Licet eger cum egrotis
et ignotus cum ignotis
fungar tamen vice cotis,
ius usurpans sacerdotis.
flete, Sion filie!
presides ecclesie
imitantur hodie
Christum a remotis. - Si privata degens vita
vel sacerdos vel levita
sibi dari vult petita,
hac incedit via trita:
previa fit pactio
Simonis auspicio,
cui succedit datio:
sic fit Giezita. - lacet ordo clericalis
in respectu laicalis,
sponsa Christi fit mercalis,
generosa generalis;
veneunt altaria,
venit eucharistia,
cum sit nugatoria
gratia venalis. - Donum Dei non donatur,
nisi gratis conferatur;
quod qui vendit vel mercatur,
lepra Syri vulneratur.
quem sic ambit ambitus,
idolorum servitus,
templo sancti Spiritus
non compagınatur. - Si quis tenet hunc tenorem,
frustra dicit se pastorem
nec se regit ut rectorem,
renum mersus in ardorem.
hec est enim alia
sanguisuge filia,
quam venalis curia
duxit in uxorem. - In diebus iuventutis
timent annos senectutis,
ne fortuna destitutis
desit eis splendor cutis.
et dum querunt medium,
vergunt in contrarium;
fallit enim vitium
specie virtutis. - Ut iam loquar inamenum:
sanctum chrisma datur venum,
iuvenantur corda senum
nec refrenant motus renum.
senes et decrepiti
quasi modo geniti
nectaris illiciti
hauriunt venenum. - Ergo nemo vivit purus,
castitatis perit murus,
commendatur Epicurus
nec spectatur moriturus.
grata sunt convivia;
auro vel pecunia
cuncta facit pervia
pontifex futurus.
8
- Will als Kranker unter Kranken,
als Beschränkter hinter Schranken,
scharfgewetzte Klage führen,
Priesters Vorrecht usurpieren.
Weinet, Töchter Zions, weint!
Jeder Kirchenfürst ja scheint,
was die Kirche Christi meint,
dreist zu korrumpieren. - Wenn, die ohne Pfründe leben,
Diakon und Priester, streben,
ihre Wünsche, die gerechten,
durchzusetzen, durchzufechten,
wird erst ein Vertrag gemacht,
Simons fleißiglich gedacht
und ein Scherflein dargebracht
von Giezis Knechten. - Priesterstands geweihter Orden
ist ein Kind der Welt geworden,
Christi Braut, um die sie raufen,
sieht man auf den Jahrmarkt laufen.
Käuflich ist heut der Altar,
käuflich ist die Hostie gar,
Gnade, allen Wertes bar,
kann man feilschend kaufen. - Ach, es sind heut Gottes Gaben
nimmermehr umsonst zu haben;
die damit Geschäfte wagen,
wird des Syrers Aussatz schlagen.
Wer des Geizes sich befleißt,
ihn als seinen Götzen preist,
dem wird nie der Heilge Geist
je im Tempel tagen. - Die da solchen Geist bekennen,
dürfen sich nicht Hirten nennen,
nicht als Walter dürfen walten,
die der Wollust nie erkalten.
Beide Übel Schwestern sind
und der gleichen Blutgier Kind,
die die Kirche, feil und blind,
hüten will und halten. - Schon in frühen Jünglingstagen
sie des Alters Not beklagen,
sorgen, nach dem Glücke lugend,
sich um den Verlust der Jugend.
7
Sie begehren nach dem Heil,
handeln nach dem Gegenteil,
denn das Laster macht sie geil
im Gewand der Tugend
Schlimm ist, was ich offenbare:
heilges Öl ist Handelsware,
Greise werden jugendblütig,
in den Adern übermütig.
Manchen Alten man da trifft,
des verbotnen Nektars Gift
schlürfend wie ein junger Stift,
wild und wollustwütig.
8
Rein lebt keiner mehr von allen,
da der Keuschheit Burg verfallen,
Epikur wird laut gepriesen,
und kein Tod kann sie verdrießen.
Freudenfeste voller Hohn
freun den Bischof auf dem Thron,
um für Geld und goldnen Lohn
heillos zu genießen.
Walther von Chatillon
9
- Iudas gehennam meruit,
quod Christum semel vendidit;
vos autem michi dicite:
qui septies cotidie
corpus vendunt dominicum,
quod superat supplicium? - Perpendite subtiliter:
cum vendant missam viliter
et peccent in alterutrum
sumendo plus vel modicum,
quod anhelant ad munera,
finis est avaritia. - Petrus damnato Simone
gravi sub anathemate
docuit, ut fidelibus
non esset locus amplius
in donis spiritalibus
emptis a venditoribus. - Multi nunc damnant Simonem
Magum magis quam demonem,
heredes autem Simonis
suis fovent blanditiis.
Simon nondum est mortuus,
si vivit in heredibus. - Quamvis cogente Abraham
Ephron sumens pecuniam
agrum sepulcro vendidit,
Ephran vocari meruit;
nunc Ephranitas dicere
multos potestis simile.
9
- Zur Hölle Judas niederfuhr,
der da verraten einmal nur;
so stehet mir nun Rede hier,
die siebenmal am Tage schier
mit Christi Leib ihr Wucher treibt,
welch Strafe für euch übrig bleibt? - Erwäget es denn ganz genau:
verschachern sie die Messe schlau
und sündigen sie stets erneut,
kassierend was man ihnen beut,
ist ein Geschenk ihr höchstes Ziel,
ist ihre Habsucht nur im Spiel. - Als Petrus’ Bann den Simon schlug,
der ewig an dem Fluchwort trug,
erklärte er, daß jeder Mann
verfallen sei dem gleichen Bann,
der da ein heilig Amt crlangt,
das Kaufgeschenken er verdankt. - Den Simon jeder heut verflucht,
nennt Zaubrer ihn, nennt ihn verrucht,
doch Simons Enkeln traut er blind,
die seines Blendwerks Erben sind.
So ist denn Simon noch nicht tot,
da seine Erbschaft uns bedroht. - Weil Ephron einst von Abraham
für jenen Acker Geld annahm,
den er als Grabstatt ihm verkauft,
ward er in Ephran umgetauft;
drum ganz mit Recht so manchen man
heut Ephraniter nennen kann.
10
Ecce sonat in aperto
vox clamantis in deserto:
nos desertum, nos deserti,
nos de pena sumus certi.
nullus fere vitam querit,
et sic omne vivens perit.
omnes quidem sumus rei,
nullus imitator Dei,
nullus vult portare crucem,
nullus Christum sequi ducem.
quis est verax, quis est bonus,
vel quis Dei portat onus?
ut in uno claudam plura:
mors extendit sua iura.
iam mors regnat in prelatis:
nolunt sanctum dare gratis,
quod promittunt sub ingressu,
sancte mentis in excessu;
postquam sedent iam securi,
contradicunt sancto iuri.
rose flunt saliunca,
domus Dei fit spelunca.
sunt latrones, non latores,
legis Dei destructores.
Simon sedens inter eos
dat magnates esse reos.
Simon prefert malos bonis,
Simon totus est in donis,
Simon regnat apud Austrum,
Simon frangit omne claustrum.
cum non datur, Simon stridet,
sed si detur, Simon ridet;
Simon aufert, Simon donat,
hunc expellit, hunc coronat,
hunc circumdat gravi peste,
illum nuptiali veste;
illi donat diadema,
qui nunc erat anathema.
iam se Simon non abscondit,
res permiscet et confundit.
iste Simon confundatur,
cui tantum posse datur!
Simon Petrus hunc elusit
et ab alto iusum trusit;
dum superbit motus penna,
datus fuit in gehenna.
quisquis eum imitatur,
cum eodem puniatur
et sepultus in infernum
penas luat in eternum! Amen.
10
Siehe, bis zur fernsten Küste
ruft der Rufer in der Wüste:
mir, dem wüsten, uns den wüsten,
wird man schon die Strafe rüsten.
Keiner will das Leben erben,
alle die da leben, sterben.
Allesamt ja sind wir Sünder,
keiner mehr ein Gotteskünder,
keiner will das Kreuz mehr tragen,
keiner mehr nach Christus fragen.
Wer ist wahrhaft, wer ist selig,
oder wer ist gottgefällig?
Drum mit einem Wort, ihr Knechte:
hier erwirbt der Tod sich Rechte!
Tod geht um bei den Prälaten,
die für Geld ihr Amt verraten,
dem sie doch mit Heuchlermienen
einst gelobten treu zu dienen;
allem heilgen Recht zum Hohne
sitzen sie auf hohem Throne.
Rosen werden wilde Narden,
Gottes Haus wird Hurengarten.
Wüter sind sie, keine Hüter,
und Zerstörer heilger Güter!
Simon haust da unter ihnen,
dem die hohen Herren dienen.
Simon sitzt auf ihren Bänken,
Simon läßt sich reich beschenken,
Simon, herrschend dort im Süden,
Simon stört der Klöster Frieden.
Gibt man nicht, wird er verdrießlich,
gibt man, lächelt Simon süßlich.
Simon raubt und schenkt zum Lohne,
dem das Land und dem die Krone,
schickt den einen in den Jammer,
andre in die Hochzeitskammer;
jener, den der Bann getroffen,
darf ein Diadem erhoffen!
Simon steigt aus dunklen Grüften
um Verwirrung anzustiften.
Doch der Simon soll erbeben,
dem man solche Macht gegeben!
Simon Petrus, feind dem Truge,
wehret seinem Höhenfluge;
ihm, der kühn die Schwingen breitet,
ist die Hölle zubereitet.
Sollt ein zweiter sich erdreisten,
mag er ihm Gesellschaft leisten
und in gleichen Finsternissen
ewig seine Sünden büßen! Amen.
11
Versus de nummo
In terra summus rex est hoc tempore Nummus.
Nummum mirantur reges et ei famulantur.
Nummo venalis favet ordo pontificalis.
Nummus in abbatum cameris retinet dominatum.
Nummum nigrorum veneratur turba priorum.
Nummus magnorum fit iudex conciliorum.
Nummus bella gerit, nec si vult, pax sibi deerit.
Nummus agit lites, quia vult deponere dites.
Erigit ad plenum de stercore Nummus egenum.
Omnia Nummus emit venditque, dat et data demit.
Nummus adulatur, Nummus post blanda minatur.
Nummus mentitur, Nummus verax reperitur.
Nummus periuros miseros facit et perituros.
Nummus avarorum deus est et spes cupidorum.
Nummus in errorem mulierum ducit amorem.
Nummus venales dominas facit imperiales.
Nummus raptores facit ipsos nobiliores.
Nummus habet plures quam celum sidera fures.
Si Nummus placitat, cito cuncta pericula vitat.
Si Nummus vicit, dominus cum iudice dicit:
„Nummus ludebat, agnum niveum capiebat.”
Nummus, rex magnus, dixit: „Niger est meus agnus”
Nummus fautores habet astantes seniores.
Si Nummus loquitur, pauper tacet; hoc bene scitur.
Nummus merores reprimit relevatque labores.
Nummus corda necat sapientum, lumina cecat.
Nummus, ut est certum, stultum docet esse disertum.
Nummus habet medicos, fictos acquirit amicos.
In Nummi mensa sunt splendida fercula densa.
Nummus laudatos pisces comedit piperatos.
Francorum vinum Nummus bibit atque marinum.
Nummus famosas vestes gerit et pretiosas.
Nummo splendorem dant vestes exteriorem.
Nummus eos gestat lapides, quos India prestat.
Nummus dulce putat, quod eum gens tota salutat.
Nummus et invadit et que vult oppida tradit.
Nummus adoratur, quia virtutes operatur:
Hic egros sanat, secat, urit et aspera planat,
Vile facit carum, quod dulce est, reddit amarum
Et facit audire surdum claudumque salire.
De Nummo quedam maiora prioribus edam:
Vidi cantantem Nummum, missam celebrantem;
Nummus cantabat, Nummus responsa parabat;
Vidi, quod flebat, dum sermonem faciebat,
Et subridebat, populum quia decipiebat.
Nullus honoratur sine Nummo, nullus amatur.
Quem genus infamat, Nummus: „Probus est homo!” clamat.
Ecce patet cuique, quod Nummus regnat ubique.
Sed quia consumi poterit cito gloria Nummi,
Ex hac esse schola non vult Sapientia sola.

11
Mammon
König und Herrscher auf Erden kann heute der Mammon nur
werden.
Mammon selbst Könige dienen mit huldvoll bewundernden Mienen.
Mammon, dem schnöden und feilen, Priester den Segen erteilen.
Mammon im prunkvollen Zimmer der Abte regieret wie immer.
Mammon verehrt unverfroren die Schar der schwarzen Prioren.
Mammon auf hohen Konzilen erfrecht sich den Richter zu spielen.
Mammon führt nicht nur Kriege, verhilft auch dem Frieden zum
Siege.
Mammons Prozesse die Truhen mit Gold ihm zu füllen geruhen.
Arme versetzte der Wille Mammons aus Not in die Fülle.
Alles kann Mammon sich leisten, zu geben, zu nehmen erdreisten.
Mammon versteht es zu schmeicheln, Mammon kann drohen und
heucheln.
Mammon versteht es zu lügen, wird selten der Wahrheit genügen.
Mammon bricht jegliche Eide, gibt preis uns dem bittersten Leide.
Mammon, Idol allen Geizes, ist Spender des ewigen Reizes.
Mammon die Frauen verführet, die edlen, die keiner berühret.
Mammon die Fürstin besieget, die käuflichen Sinns ihm erlieget.
Mammon macht Räuber adlig, macht finstre Gesellen untadlig.
Mammons Diebesgewimmel ist zahlreich wie Sterne am Himmel.
Führet Herr Mammon Prozesse, wahrt stets er nur sein Interesse.
Ganz nach Herrn Mammons Befinden Gerichtsherr und Richter
verkünden:
„Mammon gewißlich nur scherzte, denn weiß war das Lamm, das
er herzte.
Mammon erklärt indessen: „„Nein, schwarz ist mein Lämmlein
gewesen!”
Mammon sicht rings in der Runde Richter mit lächelndem Munde.
Wenn dann Herr Mammon berichtet, schweigt der Arme, verzichtet.
Mammon besänftigt die Schmerzen, verjagt den Gram aus den
Herzen.
Mammon die Weisen verblendet, Klarsicht in Blindheit er wendet.
Mammon ist wahrlich zu preisen, er macht die Dummen zu Weisen.
Mammon läßt gern sich umschmeicheln, von Ärzten und Freunden
umheucheln.
Auf des Herrn Mammon Tischen die herrlichsten Speisen erfrischen.
Mammon kann wohl sich erdreisten, sich Fische in Pfeffer zu leisten.
Frankreichs erlesenste Weine säuft Mammon, und solche vom Rheine.
Mammon darf herrlich sich kleiden, wandelt in Sammet und Seiden.
Mammon im goldnen Gewande, der prächtigste ist er im Lande.
Mammon trägt stolz Diamanten, die Indiens Fürsten ihm sandten.
Mammon darf süß es genießen, daß alle ergeben ihn grüßen.
Mammon kann Städte bezwingen, kann sie verraten, verschlingen.
Mammon, den Wundermann, chren, die seinen Segen begehren:
Kranke, er läßt sie gesunden, er schneidet, er brennt und heilt
Wunden,
Billig wird teuer, für alle wird Honig zu bitterer Galle,
Lahme erlernen das Springen, Taube vernehmen das Singen.
Mammons verwegenste Taten, keiner wird je sie erraten:
Hört ich doch Mammon psallieren, das heilige Amt zelebrieren;
Mammon, er selber psallierte, Mammon selbst respondierte;
Sah ihn zum Volke sprechen, sah ihn in Tränen ausbrechen,
Sah ihn auch heimlich lachen, alle zu Narren zu machen.
Ja, ohne Mammon wären wir ärmer an Liebe und Ehren.
Wer da als ehrlos getadelt, wird von Mammon geadelt.
Klar wird aus solchen Worten: Mammon regiert allerorten.
Aber wie rasch verbraucht auch ist Mammons hohe Erlaucht auch,
Darum die Weisheit ihn meidet und sich alleine bescheidet.
12
- Procurans odium effectu proprio
vix detrahentium gaudet intentio.
nexus est cordium. ipsa detractio:
sic per contrarium. ab hoste nescio
fit hic provisio;
in hoc amantium felix condicio. - Insultus talium prodesse sentio,
tollendi tedium fulsit occasio;
suspendunt gaudium pravo consilio,
sed desiderium auget dilatio:
tali remedio
de spinis hostium uvas vindemio.
12
- Wer Haß und Zwietracht sät, daß Vorteil ihm gedeiht,
erkennt wohl meist zu spät, was da zwei Herzen weiht,
wie Herz zum Herzen steht, erst recht durch Feindesneid:
hat sich der Wind gedreht, so hat der Widerstreit
die Herzen nur gefeit;
wer mit der Liebe geht, der geht in Seligkeit. - So wie es nunmehr steht, dank ich mein Glück dem Neid;
da Haß in Heil sich dreht, entschwindet alles Leid;
die Trauerzeit vergeht, es kommt die frohe Zeit,
die Trennung aber weht herbei Besinnlichkeit,
die rasche Heilung leiht:
im Dornenacker steht ein Weinberg schon bereit.
13
I
Invidus invidia comburitur intus et extra.
II.
Invidus alterius rebus macrescit opimis.
Invidia Siculi non invenere tyranni
Maius tormentum. qui non moderabitur ire,
Infectum volet esse, dolor quod suaserit aut mens.
III.
Invidiosus ego, non invidus esse laboro.
IV.
Lustius invidia nichil est, que protinus ipsos
Corripit auctores excruciatque suos.
V.
Invidiam nimio cultu vitare memento.
13
I.
Neider, sie werden vom Neide verzehrt zum eigenen Leide.
II.
Neid wird vom Fett auf den Tischen des Wohlstands der anderen mager.
Neid – den Tyrannen Siziliens nimmer gelangs zu erfinden
Schlimmere Marter. Wers nicht vermag, seinen Zorn zu beherrschen,
Bald wird er wünschen, nie wäre geschehen, was eifernde Wut riet.
Horaz, Ep. 1, 2, 57-60
III.
Mögen die Neider mich scheuen, nicht soll des Neids man mich
zeihen!
IV.
Nichts ist gerechter als Neid, denn die ihn großziehn im Herzen,
Die auch beißt er zuerst, die auch zerreißt er zuerst.
V.
Denke daran zu vermeiden, daß andre den Aufwand dir neiden!
Dist. Caton. 2, 13, 1

14
- O varium
Fortune lubricum,
dans dubium
tribunal iudicum,
non modicum
paras huic premium,
quem colere
tua vult gratia
et petere
rote sublimia,
dans dubia
tamen, prepostere
de stercore
pauperem erigens,
de rhetore
consulem eligens. - Edificat
Fortuna, diruit;
nunc abdicat,
quos prius coluit;
quos noluit,
iterum vendicat
hec opera
sibi contraria,
dans munera
nimis labilia;
mobilia
sunt Sortis federa,
que debiles
ditans nobilitat
et nobiles
premens debilitat. - Quid Dario
regnasse profuit?
Pompeïo
quid Roma tribuit?
succubuit
uterque gladio.
eligere
media tutius
quam petere
rote sublimius
et gravius
a summo ruere:
fit gravior
lapsus a prosperis
et durior
ab ipsis asperis. - Subsidio
Fortune labilis
cur prelio
Troia tunc nobilis,
nunc flebilis
ruit incendio?
quis sanguinis
Romani gratiam,
quis nominis
Greci facundiam,
quis gloriam
fregit Carthaginis?
Sors lubrica,
que dedit, abstulit;
hec unica
que fovit, perculit. - Nil gratius
Fortune gratia,
nil dulcius
est inter dulcia
quam gloria,
si staret longius.
sed labitur
ut olus marcidum
et sequitur
agrum nunc floridum,
quem aridum
cras cernes. igitur
improprium
non edo canticum:
o varium
Fortune lubricum.
14
- O Unbestand,
Fortunas Wankelmut,
in deiner Hand
liegt beides, schlecht und gut;
in dir beruht,
was du ihm zuerkannt,
dem deine Gunst
so freundlich sich erzeigt;
mit stolzer Kunst
den Gipfel er ersteigt,
da du geneigt,
aus seinem niedren Dunst
ihn zu befrein,
der Redner ohne Witz,
fällt es dir ein,
steigt auf des Konsuls Sitz. - Erbauerin
Fortuna, die zerstört;
sie läßt dahin,
was ehdem ihr gehört,
und sie beschwört
mit bösgewilltem Sinn
den Untergang
der Werke, die sie weiht;
sie schenkt nicht lang,
die ihr Geschenk nur leiht:
so kurze Zeit
nur läßt des Schicksals Gang
sich gütig an
und gibt dem Armen Macht,
den Reichen dann
stürzt es hinab in Nacht. - Was hat die Pracht
Darius denn genützt,
und hat Roms Macht
Pompeius unterstützt,
die ungeschützt
das Schwert zu Tod gebracht?
Die Sicherheit
nur in der Mitte liegt,
und wer zu weit
auf hohe Gipfel fliegt,
der wird besiegt
und stürzt hinab ins Leid:
der tiefe Fall
aus Glanz und Seligsein
bringt tiefre Qual
und größre Schmerzen ein. - So starb dank der
Fortuna Wankelmut
in Kämpfen schwer
der Troja stolzer Mut
nach so viel Blut
dahin im Feuermeer!
Wem fiel denn, sag,
der Roma Heldentum,
und wem erlag
der Griechen Weisheitsruhm,
wem stürzte drum
Karthago Schlag auf Schlag?
Der Unbestand
des Glückes nimmt und gibt,
des Schicksals Hand,
sie hasset und sie liebt. - Nichts freut so sehr,
als wenn Fortuna lacht,
nichts beut uns mehr
als der Fortuna Macht,
wenn ihre Pracht
nur auch von Dauer wär!
Sie schwindet, ach,
wie welker Blumen Glanz,
so folgt gemach
dem bunten Sommerkranz
der müde Tanz
des Laubes nach. – Ich sprach
ja mit Verstand
und nicht aus blinder Wut:
O Unbestand,
Fortunas Wankelmut!
15
- Celum, non animum
mutat stabilitas,
firmans id optimum,
quod mentis firmitas
vovet – cum animi
tamen iudicio;
nam si turpissimi
voti consilio
vis scelus imprimi
facto nefario,
debet hec perimi
facta promissio. - Non crat stabilis
gradus, qui cecidit,
pes cius labilis
domus, que occidit.
hine tu considera,
quid agi censcas,
dum res est libera;
sic sta, ne iaceas;
prius delibera,
quod factum subcas,
ne die postera
sero peniteas. - Facti dimidium
habet, qui ceperit,
ceptum negotium
si non omiserit,
non tantum deditus
circa principia,
nedum sollicitus
pro finis gloria;
nam rerum exitus
librat industria,
subit introitus
preceps incuria. - Coronat militem
finis, non prelium;
dat hoc ancipitem
metam, is bravium;
iste quod tribuit,
dictat stabilitas;
istud quod metuit,
inducit levitas;
nam palmam annuit
mentis integritas,
quam dari respuit
vaga mobilitas. - Mutat cum Proteo
figuram levitas,
assumit ideo
formas incognitas;
vultum constantia
conservans intimum,
alpha principia
et o novissimum
fectens fit media,
dans finem optimum,
mutans in varia
celum, non animum.
15
- Den Geist nicht, nur den Ort
tauscht die Beständigkeit
und steht zu ihrem Wort,
in voller Nüchternheit
gesagt – soweit mit Sinn
sie es vollziehen kann;
erkennest du darin
der Schmachbegierden Bann,
der schimpflichen Gewinn
verbrecherisch ersann,
lass fahren es dahin,
was übler Wunsch begann! - Nur weil der Fuß nicht recht
gesetzt war, glitt er aus,
und weil der Grund zu schlecht
war, stürzte ein das Haus.
Schließ nicht die Augen zu,
bedenke, was du tust,
und warte ab in Ruh;
erwäg es in der Brust,
was rechtens ist, das tu!
Sei dir der Tat bewußt,
damit nicht morgen du
zu spät bereuen mußt! - Ein guter Anfang ist
ein gutes Teil der Tat,
soweit man auch ermißt,
was man noch vor sich hat;
wenn nicht nur anfangs man
in blindem Eifer heiß,
wenn man auch später dann
das Werk zu wirken weiß;
was man vollenden kann,
gewinnt den Siegespreis,
der Anfang wird vertan,
fehlt späterhin der Fleiß. - Der Sieg und nicht die Schlacht
den tapfren Krieger schmückt;
die Tat, die er vollbracht,
den Kranz aufs Haupt ihm drückt;
ihn danket ganz allein
er der Beständigkeit,
und Furcht nur bringt ihm ein
des Wechsels Widerstreit;
dem Geist, von Makel rein,
man auch den Lorbeer weiht,
doch wird er nimmer sein
durch Unentschlossenheit. - Wie Proteus wandelt sich
die Unbeständigkeit,
zeigt sich veränderlich
in immer neuem Kleid;
Beständigkeit doch wahrt
das gleiche Antlitz dort,
wo sie nach Mittlers Art
des Alfa Anfangswort
mit dem Omega paart,
des guten Endes Hort,
und tauscht auf langer Fahrt
den Geist nicht, nur den Ort.
16
- Fortune plango vulnera
stillantibus ocellis,
quod sua michi munera
subtrahit rebellis.
verum est, quod legitur
fronte capillata,
sed plerumque sequitur
Occasio calvata. - In Fortune solio
sederam elatus,
prosperitatis vario
flore coronatus;
quicquid enim florui
felix et beatus,
nunc a summo corrui
gloria privatus. - Fortune rota volvitur:
descendo minoratus;
alter in altum tollitur;
nimis exaltatus
rex sedet in vertice –
caveat ruinam!
nam sub axe legimus
Hecubam reginam.
16
- Die Wunden, die Fortuna schlug,
muß ich laut beklagen,
ihrer Gaben schlimmem Trug
weinend nun entsagen.
Wahr ist, was geschrieben steht:
Glück hat vornen Haare!
Aber wenn es weitergeht,
sind sie hinten rare. - So saß ich auf Fortunas Thron,
stolz emporgehoben,
mit der bunten Blumenkron
des Erfolgs umwoben!
Wie ich auch gegrünet hab
glücklich einst vor Zeiten,
ach, ich stürzte tief hinab,
bar der Herrlichkeiten. - Das Glücksrad reißt in raschem Lauf
Fallende ins Dunkel,
einen andern trägts hinauf:
hell im Lichtgefunkel
thront der König in der Höh..
wird des Sturzes inne!
Unterm Rad liegt Hekuba,
ehdem Königinne!
17
- O Fortuna,
velut luna
statu variabilis,
semper crescis
aut decrescis;
vita detestabilis
nunc obdurat
et tunc curat
ludo mentis aciem,
egestatem,
potestatem
dissolvit ut glaciem. - Sors immanis
et inanis,
rota tu volubilis,
status malus,
vana salus
semper dissolubilis,
obumbrata
et velata
michi quoque niteris;
nunc per ludum
dorsum nudum
fero tui sceleris. - Sors salutis
et virtutis
michi nunc contraria,
est affectus
et defectus
semper in angaria.
hac in hora
sine mora
corde pulsum tangite;
quod per sortem
sternit fortem,
mecum omnes plangite!
17
- O Fortuna,
rasch wie Luna
wechselhaft und wandelbar,
ewig steigend
und sich neigend:
Fluch der Unrast immerdar!
Eitle Spiele,
keine Ziele,
also trügts den klaren Sinn;
Not, Entbehren,
Macht und Ehren
schwinden wie der Schnee dahin. - So gewichtig,
Glück, so nichtig,
kreisend Rad, das weiterdreht,
hier erhoben,
dort zerstoben,
so entsteht, was bald vergeht;
als Bedrängnis
und Verhängnis
hangst du über meinem Haupt;
Würfelglücke,
deiner Tücke
dank ich, daß ich ausgeraubt. - Rechter Wandel,
guter Handel,
alles nur ein Spott und Spiel.
Sich erheben,
sich ergeben,
kein Verweilen und kein Ziel. –
Auf, ihr Leute,
und noch heute
rührt die Saiten jetzt und hier:
Glanz und Glücke,
Schicksalstücke:
darum klaget all mit mir!
18
I.
O Fortuna levis! cui vis das munera que vis,
Et cui vis que vis auferet hora brevis.
Il.
Passibus ambiguis Fortuna volubilis errat
Et manet in nullo certa tenaxque loco;
Sed modo leta manet, modo vultus sumit acerbos,
Et tantum constans in levitate manet.
Ill.
Dat Fortuna bonum, sed non durabile donum;
Attollit pronum,
faciens de rege colonum.
IV.
Quos vult Sors ditat, quos non vult, sub pede tritat.
V.
Qui petit alta nimis, retro lapsus ponitur imis.
18a
Regnabo; regno; regnavi; sum sine regno.
18
I.
Höre, Fortuna, du bunte! Runde Geschenke der Stunde,
Welche versprochen dein Mund, sind ein entrollender Fund.
Il.
Ziellos stets schweift sie umher, die launische Herrin Fortuna,
Nimmer verweilt sie und bleibt nimmer am nämlichen Ort.
Heitren Gesichts jetzt lächelt sie hier, dort blickt sie bedrohlich,
Einzig Bestand an dem Weib hat die Veränderlichkeit.
Ovid, Trist. 5, 8, 15-18
-II.
Acht auf Fortuna genauer: keine Geschenke von Dauer!
Wird ihre Gunst wieder lauer, wird aus dem König ein Bauer.
IV.
Läßt es die einen genießen, tritt andre das Schicksal mit Füßen.
V.
Wer da zu hoch steigt, wird fallen, der letzte sein unter allen.
I8a
Werde einst herrschen; bin Herrscher; herrschte; war ehdem ein
Herrscher.
19
I. Fas et nefas ambulant
pene passu pari;
prodigus non redimit
vitium avari;
virtus temperantia
quadam singulari
debet medium
ad utrumque vitium
caute contemplari.
- Si legisse memoras
ethicam Catonis,
in qua scriptum legitur:
„ambula cum bonis”
cum ad dandi gloriam
animum disponis,
supra cetera
primum hoc considera,
quis sit dignus donis. - Vultu licet hilari,
verbo licet blando
sis equalis omnibus;
unum tamen mando:
si vis recte gloriam
promereri dando,
primum videas
granum inter palcas,
cui des et quando. - Dare non ut convenit
non est a virtute,
bonum est secundum quid,
sed non absolute;
digne dare poteris
et mereri tute
famam muneris,
si me prius noveris
intus et in cute. - Si prudenter triticum
paleis emundas,
famam emis munere;
sed caveto, dum das,
largitatis oleum
male non effundas.
in te glorior:
cum sim Codro Codrior,
omnibus habundas.
19
- Recht und Unrecht Hand in Hand
ziehen durch die Lande;
die Verschwendung löscht nicht aus
Geizes Schuld und Schande;
Tugend soll, nach rechtem Maß,
hierzulande selten,
in der Mitte stehn
und auf beide Übel sehn,
sorglich ohne Schelten. - Wenn du dich erinnern kannst,
wie doch zu vermuten,
weißt du, daß bei Cato steht:
„Gehe um mit Guten!”
Suchest Ruhm du als Mäzen,
sei es dein Bestreben,
daß du nur begehrst,
solchen, die du achtest, ehrst,
ein Geschenk zu geben. - Zeig ein heiteres Gesicht,
rede nicht zum Scheine,
freundlich sei zu jedermann,
merke dir das eine:
willst du hoch in Ansehn stehn,
mußt du stets bedenken
immerdar aufs neu,
was ist Weizen, was ist Spreu,
wen und wann beschenken? - Schenken, wo es grad bequem,
macht dir keine Ehre,
schenken sollst du je nachdem,
nicht ins Ungefähre;
schenke mit Verstand und Sinn,
willst du Ruhm gewinnen,
weißt ja immerhin,
wie ich heiße, wer ich bin,
äußerlich und innen. - Kannst du weislich von der Spreu
so den Weizen scheiden,
bringt dein Schenkertum dir Ruhm;
wolle drum vermeiden,
deiner Großmut köstlich Öl
töricht zu vergeuden!
Muß ich Ärmster doch,
Codrusser als Codrus noch,
deine Fülle neiden.
Walther von Chatillon

20
I.
Est modus in verbis, duo sunt contraria verba:
„Do das” et „teneo” contendunt lite superba.
Per „do das” largi conantur semper amari,
Set „teneo tenui” miseri potiuntur avari.
Il.
Sicut in omne quod est mensuram ponere prodest,
Sic sine mensura non stabit regia cura.
III.
Virtus est medium vitiorum utrimque reductum,
Et mala sunt vicina bonis; errore sub illo
Virtus pro vitio crimina sepe tulit.
IV.
Dum stultus vitat vitia, in contraria currit;
Fallit enim vitium specie virtutis et umbra.
20
I.
Siehe das Wesen der Worte, zwei Worte sich dreist widersprechen:
„Geben”,
‘; es liegt mit „Behalten” auf ewig in herrischem Streite.
Für ihr „Ich gebe” erhoffen jene, die schenken, sich Liebe,
Doch das „Behalten” beherrscht seit je schon die geizigen Knauser.
Il.
Eines ist immer richtig, Maß zu halten ist wichtig,
Kann doch, auf Dauer geschen, maßlos kein König bestehen.
Ill.
Tugend liegt stets in der Mitte von zwei sich bekämpfenden Übeln,
Neben dem Guten auch hauset das Schlechte: dank diesem Verhältnis
Für das Laster so oft Tugend den Tadel erfährt. Horaz, Ep. 1, 18, 9
Ovid, Heilmittel 323J.
IV.
Törichte, die einen Fehler vermeiden, verfallen dem andern,
Oft nämlich gleicht der Schatten der Tugend dem Mantel des Lasters.
Horaz, Sat. 1, 2, 24
Juvenal 14,109
21
- Veritas veritatum,
via, vita, veritas,
per veritatis semitas
eliminans peccatum!
te verbum incarnatum
clamant fides, spes, caritas,
tu prime pacis statum
reformas post reatum,
tu post carnis delicias
das gratias,
ut facias
beatum.
o quam mira potentia,
quam regia
vox principis,
cum egrotanti precipis:
„surge, tolle grabatum!” - Omnia sub peccato
clausit Ade meritum;
dum pronior in vetitum
non paruit mandato,
de statu tam beato
nos dedit in interitum;
de morsu venenato
fel inhesit palato
per hoc culpe dispendium
in vitium
nascentium
translato.
mortis amare poculum
in seculum
transfunditur,
nil cui dulce bibitur
de vase vitiato. - Spiritus veritatis,
spiritus consilii
modo penam supplicii
non reddit pro peccatis,
ut timor castitatis,
quo revertentur filli,
castiget in prelatis
fermentum vetustatis.
sed quando sponsus veniet,
inveniet,
quid faciet
ingratis.
non huic penam abstulit,
cui distulit,
sed animam
nunc impinguat ad victimam
adeps iniquitatis. - Tarditas prelatorum
judicem exasperat;
sed his qui solus reserat
medullas animorum,
a fructibus corum
novit cos et tolerat,
quos extra viam morum
fert impetus errorum.
sed „ecce” clamat „venio
cum gladio
flagitio
malorum!”
et cum purgabit aream,
tunc paleam
abiciet:
sic erit, quando veniet
ille Sanctus Sanctorum. - Cecidit in preclaris
hominum funiculus;
sed nostre mentis oculus
per vias huius maris
ad vie singularis
metam contendit sedulus.
sed luxus secularis
per ministros altaris
nunc solis vacat opibus
patentibus
hiatibus
avaris.
sic per prelatos mammone
mors anime
concipitur,
dum cunctis male vivitur
ad formam exemplaris.
21
- O Wahrheit allerorten,
Wahrheit, Leben und der Weg,
es schließen auf der Wahrheit Steg
sich aller Sünde Pforten!
Aufs Wort, das Fleisch geworden,
baun Glaube, Hoffnung, Liebeskraft,
es bringt zurück den Frieden,
den Sünde lang gemieden,
und nach des Fleisches Leidenschaft
wird Gnadenzeit
und Seligkeit
beschieden.
O welche hehre Wunderkraft
und Königspracht
aus Herrschermund
macht Kranke wiederum gesund:
„Nimm auf dein Bett und gehe!” - Des Adam schlimme Taten
brachten alle uns in Not,
der ungehorsam dem Gebot
das Wort des Herrn verraten,
daß wir im Unrat waten
nach reicher Paradieseshuld;
vom Biß – dem Werk der Schlange –
brennt unser Gaumen lange,
und durch die Folgen solcher Schuld
vergehn wir all
im Sündenfall
so bange.
Des Todes Kelch steht uns bereit
zu jeder Zeit:
wir leeren ihn,
und alle Süße schwindet hin
in solchem Sündenbecher. - Doch sieh, der Geist der Wahrheit,
er, des guten Rates Geist
die Strafe noch verziehen heißt,
erduldend Sündenstarrheit,
auf daß die keusche Klarheit,
wies den verirrten Kindlein frommt,
in den Prälaten wäre,
die alte Schalkheit kläre.
Doch wenn der Bräutigam einst kommt,
vergeht der Schein,
wird sichtbar sein
die Schwäre.
Der da die Strafe nur verschob,
sie nicht aufhob,
dem Totenbett
spart er der Seele Sündenfett:
sie wird zum Opferschafe. - Die säumigen Prälaten
treiben mit dem Richter Scherz;
er aber schauet tief ins Herz,
das Innre zu erraten,
erkennt die Frucht der Taten
und sichet die Verworfenheit,
wenn von geraden Wegen
sie ziehn auf Irrtums Stegen.
Doch: „Siehe”, ruft er, „es ist Zeit,
herniederfährt
mein starkes Schwert
mit Schlägen!”
Er macht die Tenne wieder neu,
daß alle Spreu
im Wind verweht:
so wird es sein, wenn vor uns steht
der Heiligste der Heiligen. - Aufs Liebliche gefallen
aller Menschen Richtschnur ist;
und unsres Geistes Auge mißt
inmitten Meereswallen
den einen Weg vor allen,
des Markstein uns das Ziel verheißt.
Doch irdisches Bestreben
gilt einem satten Leben,
bei Gottesdienern grad zumeist,
verschmachtend schier
vor Geiz, der Gier
ergeben.
Bei den Prälaten wird für Gold
das reichlich rollt,
des Geistes Tod
ertauscht; ihr schlechtes Leben droht
als warnend Beispiel allen.
Philipp der Kanzler

39
I. In huius mundi patria
regnat idolatria;
ubique sunt venalia
dona spiritalia.
custodes sunt raptores
atque lupi pastores,
principes et reges
subverterunt leges.
hac incerta domo
insanit omnis homo.
sed ista cum vento
transibunt in momento.
- Lia placet lipposa,
sed Rachel flet formosa,
que diu manens sterilis
ob immanitatem sceleris
generat anicilla;
nam Raab ancilla
navem mundi mersit,
discordia dispersit
mortis seminaria,
et mundi luminaria
luminant obscure;
pauci vivunt secure. - Doctores apostolici
et iudices katholici
quidam colunt Albinum
et diligunt Rufinum,
cessant iudicare
et student devorare
gregem sibi commissum;
hi cadunt in abyssum.
si cecus ducit cecum,
in fossam cadit secum.
hi tales subsannantur
et infra castra cremantur. - Episcopi cornuti
conticuere muti,
ad predam sunt parati
et indecenter coronati;
pro virga ferunt lanceam,
pro infula galeam,
clipeum pro stola
-hec mortis erit mola -,
loricam pro alba
-hec occasio calva -,
pellem pro humerali
pro ritu seculari. - Sicut fortes incedunt
et a Deo discedunt,
ut leones feroces
et ut aquile veloces,
ut apri frendentes
exacuere dentes,
linguas ut serpentes
pugnare non valentes,
mundo consentientes
et tempus redimentes,
quia dies sunt mali,
iure imperiali. - Principes et abbates
ceterique vates,
ceteri doctores
…..
……
…..
…..
iura deposuerunt,
canones ac decreta.
sicut scripsit propheta,
Deum exacerbaverunt
et Sanctum Israel blasphemaverunt. - Monachi sunt nigri
et in regula sunt pigri,
bene cucullati
et male coronati.
quidam sunt cani
et sensibus profani.
quidam sunt fratres
et verentur ut patres.
dicuntur Norpertini
et non Augustini.
in cano vestimento
novo gaudent invento.
39
- Dem schnöden Götzendienst verfällt
alles jetzt auf dieser Welt;
allwo als käuflich sich erweist
alles was da geistlich heißt.
Die Hüter sind hier Diebe,
die Hirten ohne Liebe,
Fürst und Herr verstehen
Gesetze zu verdrehen.
In diesem Erdenland
verliert man den Verstand
Augenblicks ja, mit dem Wind,
wir dahingeschwunden sind. - Leas Schielen schön erscheinet,
die schöne Rahel weinet,
weil sie so lange unfruchtbar
ob des ungeheuren Unrechts war,
spät erst durfte niederkommen;
dieser Welt, der wenig frommen,
Schiff ließ Rahab stranden;
die Zwietracht in den Landen
sät ein Unkraut aus – den Tod,
in unsrem Erdenhause loht
nur ein trübes Flackerlicht;
sicher lebt der Mensch hier nicht. - So richterlicher Kleriker
wie hochgelehrter Geistlicher
verehren den Albinus
und lieben den Rufinus,
hören auf zu richten
und trachten zu vernichten
ihre anvertraute Herde:
die Hölle ihnen werde!
Der Blinde führt den Blinden,
zuzweit das Grab zu finden.
Sie werden ausgelacht
und brennen schon im tiefen Schacht. - Die Bischöfe verschwiegen
schon auf der Lauer liegen,
sie warten auf die Beute,
tonsurun werte Leute;
der Spieß ist statt des Krummstabs nütze,
der Helm statt Bischofsmütze,
und Harnisch ihre Stola heißt
-als Mühlstein in den Tod sie reißt –
Panzer mehr als Chorhemd zählt
-das schlechte Teil erwählt –
die Schulter deckt nach Weltgebrauch
ein festes Lederkoller auch. - So kommen sie, die Recken,
die sich vor Gott verstecken,
die wie die Löwen reißen
und wie die Adler kreisen,
die wie Eber hetzen
und ihre Hauer wetzen,
züngelnd wie die Schlangen
vorm offnen Kampfe bangen,
um so, die Herrn auf Erden,
der Zeiten Herr zu werden,
weil unsre Tage schlecht sind,
nach Kaiserrecht nicht recht sind. - Fürst und Klostervater
und andere Berater
und andere Gelehrte
….
….
…..
…..
widersprechen den Gesetzen,
kanonischen Dekreten.
So heißt es beim Propheten:
sie sind Lästerer vor Gott,
das fromme Israel ihr Spott. - Ja, die schwarzen Brüder
sind schlechte Ordenshüter,
stolzierend wie die Gecken
sie die Tonsur verstecken!
Die graue Kutten tragen
suchen weltliches Behagen.
Andere Insassen
sich „Vater” nennen lassen.
Sie heißen Norpertiner
und nicht mehr Augustiner.
In grauer Kutte freuen
sie ihrer Tracht sich, ihrer neuen.
39a
- In huius mundi domo
miser qui vivis homo,
quod cinis es, memento:
transibis in momento.
post carnem cinis eris
atque morte teneris.
cinis et origo.
sit tibi formido,
cum spiritus cadit
et ad Dominum vadit,
qui eum dedit.
miser, qui hoc non credit. - Vanitatum vanitas
et omnia vanitas!
est animalis homo
in huius mundi domo.
cuncta, que sub sole,
assimilantur mole,
nam omnia volvuntur,
quedam dissolvuntur,
quedam ad vitam crescunt
et omnia decrescunt.
sed spiritalis homo
Dei regnat in domo.
39a
- In der Wohnung dieser Welt
ist es schlecht um dich bestellt,
Mensch, bedenke, du bist Staub:
kurzen Augenblickes Raub!
Fleisch wird Asche wiederum,
bleibt des Todes Eigentum.
Asche ist dein Sein.
Also füg dich drein,
wenn der Geist entflieht,
heim zum Vater zieht,
der ihn einst verlieh,
Mensch, vergiß das nie! - Eitelkeit der Eitelkeit,
ringsum alles Eitelkeit!
Fleischlich ist der Mensch, der Held,
in der Wohnung dieser Welt.
Was da lebt im Sonnenscheine,
gleicht einem Mühlensteine,
denn alles muß sich drehen,
manches wird vergehen
und manches überstehen,
doch alles wird verwehen.
Jenen, welche geistig leben,
wird Gott einst Wohnung geben.
39b
Cum vadis ad altare
missam celebrare,
te debes preparare,
vetus expurgare
de corde fermentum;
sic offer sacramentum:
invoca Christum,
psalmum dicas istum:
„ludica”,
teque ipsum preiudica,
Israel et luda
cordis mala denuda.
39b
Willst zum Altar du treten
und die Messe beten,
mußt du dich vorbereiten,
alte Unreinheiten
heiß aus dem Herzen fliehn;
willst du dein Amt vollziehn:
rufe Christum an
und sing den Psalm alsdann:
„Judica”
richte selbst dich klar und wahr,
Israel und Juda,
macht die Sünden offenbar!
40
I.
Quicquid habes meriti, preventrix gratia donat;
Nil Deus in nobis preter sua dona coronat.
II.
Agricolis fessis cum venerit ultima messis,
Semina dant fructum, detergunt gaudia luctum.
III.
Os habet immite, qui non fert gaudia vite.
40
I.
Was an Verdiensten du hast, der Vorsehung Gnade gelenkt hat;
Nichts ist, das Gott in uns rühmet, außer was selbst er geschenkt hat.
II.
Schnittern, ermüdeten, frommen, ist die Ernte gekommen,
Saaten, die aufgegangen, und Freude trocknet die Wangen.
III.
Schon im Gesicht steht zu lesen das gottgefällige Wesen.

41
- Propter Sion non tacebo,
sed ruinas Rome flebo,
quousque iustitia
rursus nobis oriatur
et ut lampas accendatur
iustus in ecclesia. - Sedet vilis et in luto
princeps facta sub tributo;
quod solebam dicere:
Romam esse derelictam,
desolatam et afflictam,
expertus sum opere. - Vidi, vidi caput mundi,
instar maris et profundi
vorax guttur Siculi.
ibi mundi bithalassus,
ibi sorbet aurum Crassus
et argentum seculi. - Ibi latrat Scylla rapax
et Charybdis auri capax
potius quam navium;
ibi cursus galearum
et conflictus piratarum,
id est cardinalium. - Syrtes insunt huic profundo
et Sirenes, toti mundo
minantes naufragium.
os humanum foris patet,
in occulto cordis latet
deforme demonium. - Habes iuxta rationem
bithalassum per Franconem;
quod ne credas frivolum:
ibi duplex mare fervet,
a quo non est qui reservet
sibi valens obolum. - Ibi fluctus colliduntur,
ibi panni submerguntur,
byssus, ostrum, purpure;
ibi mundus deglutitur,
immo totus sepelitur
in Franconis gutture. - Franco nulli miseretur,
nullum sexum reveretur,
nulli parcit sanguini.
omnes illi dona ferunt;
illuc enim ascenderunt
tribus, tribus Domini. - Canes Scylle possunt dici
veritatis inimici,
advocati Curie,
qui latrando falsa fingunt,
mergunt simul et confringunt
carinam pecunie. - Iste probat se legistam,
ille vero decretistam,
inducens Gelasium;
ad probandum questionem
hic intendit actionem
regundorum finium. - Nunc rem sermo prosequatur:
hic Charybdis debacchatur,
id est cancellaria,
ubi nemo gratus gratis
neque datur absque datis
Gratiani gratia. - Plumbum, quod hic informatur,
super aurum dominatur
et massam argenteam;
equitatis phantasia
sedet teste Zacharia
super bullam plumbeam. - Qui sunt Syrtes vel Sirenes?
qui sermone blando lenes
attrahunt byzantium;
spem pretendunt lenitatis,
sed procella parcitatis
supinant marsupium. - Dulci cantu blandiuntur
ut Sirenes, et loquuntur
primo quedam dulcia:
„Frare, ben je te cognosco,
certe nichil a te posco,
nam tu es de Francia. - Terra vestra bene cepit
et benigne nos excepit
in portu concilii.
nostri estis, nostri! cuius?
sacrosancte sedis huius
speciales filii. - Nos peccata relaxamus
et laxatos collocamus
sedibus ethereis.
nos habemus Petri leges
ad ligandos omnes reges
in manicis ferreis.” - Ita dicunt cardinales,
ita solent di carnales
in primis allicere.
sic instillant fel draconis,
et in fine lectionis
cogunt bursam vomere. - Cardinales, ut predixi,
novo iure Crucifixi
vendunt patrimonium.
Petrus foris, intus Nero,
intus lupi, foris vero
sicut agni ovium. - Tales regunt Petri navem,
tales habent eius clavem,
ligandi potentiam.
hi nos docent, sed indocti,
hi nos docent, et nox nocti
indicat scientiam. - In galea sedet una
mundi lues inportuna,
camelos deglutiens.
involuta canopeo
cuncta vorat sicut leo
rapiens et rugiens. - Hic piratis principatur,
Spurius qui nuncupatur,
sedens in insidiis,
ventre grosso, lata cute,
grande monstrum nec virtute
redemptum a vitiis. - Maris huius non est dea
Thetis, mater Achillea,
de qua sepe legimus,
immo mater sterlingorum,
sancta soror loculorum,
quam nos Bursam dicimus. - Hec dum pregnat, ductor ratis
epulatur cum piratis
et amicos reperit;
nam si Bursa detumescit,
surgunt venti, mare crescit,
et carina deperit. - Tunc occurrunt cautes rati,
donec omnes sint privati
tam nummis quam vestibus.
tunc securus fit viator,
quia nudus, et cantator
it coram latronibus. - Qui sunt cautes? ianitores,
per quos, licet seviores
tigribus et beluis,
intrat saccus ere plenus,
pauper autem et egenus
tollitur a ianuis. - Quod si verum placet scribi,
duo tantum portus ibi,
due tantum insule,
ad quas licet applicari
et iacturam reparari
confracte navicule. - Petrus enim Papiensis,
qui electus est Meldensis,
portus recte dicitur.
nam cum mare fluctus tollit,
ipse solus mare mollit,
et ad ipsum fugitur. - Est et ibi maior portus,
fetus ager, florens ortus,
pietatis balsamum:
Alexander ille meus,
meus, inquam, cui det Deus
paradisi thalamum. - Ille fovet litteratos,
cunctos malis incurvatos,
si posset, erigeret.
verus esset cultor Dei,
nisi latus Elisei
Glezi corrumperet. - Sed ne rursus in hoc mari
me contingat naufragari,
dictis finem faciam,
quia, dum securus eo,
ne submergar, ori meo
posui custodiam.
41
- Zions wegen muß ich trauern,
Romas tiefen Fall bedauern,
bis dort wieder mit der Zeit
die Gerechtigkeit sich gründet,
fackelgleich sich neu entzündet
in der Kirche Redlichkeit. - Die als Fürstin uns erschienen,
sieht man heut dem Mammon dienen;
was ich längst zuvor erkannt:
Rom sei übel zugerichtet,
sei verwüstet und vernichtet,
heute ichs bestätigt fand. - Sah das Welthaupt, sah das hehre,
gleich dem Strudel, der im Meere
vor Sizilien ergellt;
sah der Erde Abgrund klaffen,
sah den Crassus Silber raffen
und das Gold der ganzen Welt. - Dorten Scylla gierig geifert
und Charybdis wütend eifert –
Schiffe nicht, schluckt Geld zuhauf;
dorten kreuzen auf den Meeren
der Piraten Raubgaleeren:
lauter Kardinäle drauf! - Syrten sich verderblich dehnen,
alle Welt bedrohn Sirenen,
Schiffbruch über Schiffbruch droht.
Menschlich scheinen sie von außen,
doch in ihren Herzen hausen
Teufel und der arge Tod. - Lernst du dort den Franco kennen,
darfst du zwiefach Grab ihn nennen,
was nicht übertrieben ist:
gleich dem Meer sucht er zu schlingen,
was zwei Meere zu ihm bringen,
bis du arm gefressen bist.
7.Dorten stoßen sich die Wogen,
Kleider werden eingesogen,
Leinen, Scharlach, Purpurstoff;
alles will man dorten haben,
alle Welt ist wie begraben,
die in Francos Schlund ersoff.
- Franco kennt mit keinem Armen,
Hoch und Niedrig nicht Erbarmen,
Frauen selbst schont er nicht gern.
Um Geschenke ihm zu geben,
hin zu seinem Throne streben
ganze Herden, Vieh des Herrn. - Wie der Scylla Hunde beißen,
die da Advokaten heißen
und der Wahrheit Feinde sind,
die da falsches Zeugnis bellen,
bis die Schiffe all zerschellen,
aus dem Leck die Ladung rinnt! - Dieser kennt das Rechtsgebaren,
jener geistliche Verfahren,
fußend auf Gelasius;
noch ein dritter prüft die Grenzen
und bestimmt die Kompetenzen,
denen man sich fügen muß. - Aber wiederum zur Sache:
die Charybdis, dieser Drache,
ist die römische Kanzlei;
ohne Geld ist nichts zu haben,
ohne Gold gibts keine Gaben,
Gratian kassiert dabei. - Blei, mit dem sie Bullen schmücken,
es regiert in allen Stücken
über Gold und Silber frei;
der Gerechtigkeit verkehrtes
Zerrbild – Zacharias lehrt es –
schwebt hier überm Bullenblei. - Wer sind Syrten und Sirenen?
Die sich nach dem Golde sehnen:
schmeichelnd locken sie es her;
Milde lassen sie erhoffen,
aber ist der Beutel often,
frißt die Gier ihn gründlich leer. - Die da süße Reden schwingen,
wie Sirenen lieblich singen,
daß es süß zu Anfang heißt:
„Heda, Bruder, keine Bange,
nein, von dir ich nichts verlange,
der aus Frankreich hergereist. - Euer Land hat wohl begonnen,
war uns hilfreich wohl gesonnen,
bot uns des Konziles Port.
Unser seid ihr, unser! Wessen?
Teure Söhne, unvergessen
seid ihr hier am heiligen Ort. - Wir befreien und befinden,
die der Sünden wir entbinden,
führen wir im Himmel ein,
schalten frei mit Petri Rechten,
alle Könige zu knechten,
schließen sie in Eisen ein.” - Dies der Kardinäle Worte,
also üppig diese Sorte
Fleischesgötter anfangs protzt.
Also Drachengift sie träufeln,
bis am Schluß vor diesen Teufeln
unsre Börse doch noch kotzt. - Kardinäle, wie ich sagte,
dreist verschachern das beklagte
Erbe des Gekreuzigten.
Innen Nero, Petrus außen,
innen Wölfe, aber draußen
Schäflein, die mit Schafen gehn. - Solche halten Petri Steuer,
solche seinen Schlüssel heuer,
haben heut zu binden Macht;
Ungelehrte wollen lehren,
ohne Wissen Wissen mehren,
also lehrt die Nacht die Nacht. - Dorten in der Raubgaleere
sitzt die Pest, die unheilschwere,
welche die Kamele rafft.
Mücken seihend schlingt die Meute
löwengleich nur große Beute,
brüllt und reißt mit Leidenschaft. - Der dort Spurius genannt ist,
als der Räuber Herr bekannt ist,
lauert still im Hinterhalt;
Fettwanst, Dickhaut, Ungeheuer,
reißt ihn keiner Tugend Steuer
aus des Lasters Allgewalt. - Nicht ist Göttin dieser Meere
Thetis, des Achilles hehre
Mutter, uns so wohlbekannt,
wo des Sterlings Mutter waltet,
wo die Beutelschwester schaltet,
die da „Bursa” wird genannt. - Schiffsherr schmausen und Piraten,
geht sie schwanger, Sonntagsbraten,
und der Freunde gibt es viel;
aber wird die Bursa schmächtig,
saust der Sturm, das Meer braust mächtig,
und es kentert mancher Kiel. - Dann bedrohen oft die Schiffe
räuberische Felsenriffe,
Geld und Kleider sind dahin;
dann mag nackt und ohne Sorgen,
in der Räuber Hut geborgen,
man lobsingend weiterziehn. - Riffe? ja, der Pforte Hüter
haben grausame Gemüter
wie die Tiger, schlimmer schier.
Volle Beutel sind gebeten
immer frei hereinzutreten,
leere jagt man vor die Tür. - Aber zu der Wahrheit Ehre
sei gesagt, dort auf dem Meere
gibts zwei Inseln, Häfen zwei,
dort ists, wo man sicher landet,
wo das Schifflein, schon gestrandet,
wieder flott wird, wieder frei. - Petrus von Pavia heißet
-Meaux ihn hoch als Bischof preiset –
ganz mit Recht man einen Port;
wenn des Meeres Wogen schwellen,
sänftigt er allein die Wellen,
ist er aller Zuflucht Hort. - Zwei der Häfen unser warten,
jener größre ist ein Garten
schön erblühter Frömmigkeit:
Alexander, mir so teuer,
halte Gott dir, du getreuer,
einst sein Paradies bereit! - Er befördert die Gelehrten,
den von Sündenlast beschwerten
wäre er ein guter Hort,
diente Gott in lautrer Reinheit,
wär nicht hier auch der Gemeinheit
des Giezi schlimmer Ort. - Doch dies Meer jetzt zu bestehen
und dem Schiffbruch zu entgehen,
mache ich nun endlich Schluß,
daß ich nicht in diesem Schlunde
gar versinke, sag dem Munde,
daß er jetzt sich schließen muß.
Walther von Châtillon
42
- Utar contra vitia carmine rebelli.
mel proponunt alii, fel supponunt melli,
pectus subest ferreum deaurate pelli
et leonis spolium induunt aselli. - Disputat cum animo facies rebellis,
mel ab ore profluit, mens est plena fellis;
non est totum melleum, quod est instar mellis,
facies est alia pectoris quam pellis. - Vitium in opere,” virtus est in ore,
tegunt picem animi niveo colore,
membra dolent singula capitis dolore
et radici consonat ramus in sapore. - Roma mundi caput est, sed nil capit mundum,
quod pendet a capite, totum est immundum;
trahit enim vitium primum in secundum,
et de fundo redolet, quod est iuxta fundum. - Roma capit singulos et res singulorum,
Romanorum curia non est nisi forum.
ibi sunt venalia iura senatorum,
et solvit contraria copia nummorum. - In hoc consistorio si quis causam regat
suam vel alterius, hoc inprimis legat:
nisi det pecuniam, Roma totum negat;
qui plus dat pecunie, melius allegat. - Romani capitulum habent in decretis,
ut petentes audiant manibus repletis.
dabis, aut non dabitur, petunt, quando petis,
qua mensura seminas, et cadem metis. - Munus et petitio currunt passu pari,
opereris munere,
si vis operari;
Tullium ne timeas, si velit causari:
Nummus eloquentia gaudet singulari. - Nummis in hac curia non est qui non vacet;
crux placet, rotunditas et albedo placet;
et cum totum placeat et Romanos placet,
ubi nummus loquitur,
et lex omnis tacet. - Si quo grandi munere bene pascas manum,
frustra quis obiceret vel lustinianum
vel Sanctorum canones, quia tamquam vanum
transeunt has paleas et imbursant granum. - Solam avaritiam Rome nevit Parca:
parcit danti munera, parco non est parca,
nummus est pro numine et pro Marco marca,
et est minus celebris ara quam sit arca. - Cum ad papam veneris, habe pro constanti:
non est locus pauperi, soli favet danti,
vel si munus prestitum non sit aliquanti,
respondet: „hec tibia non est michi tanti.” - Papa, si rem tangimus, nomen habet a re:
quicquid habent alii, solus vult papare,
vel si verbum gallicum vis apocopare,
„paies! paies!” dist li mot, si vis impetrare. - Porta querit, chartula querit, bulla querit,
papa querit, etiam cardinalis querit,
omnes querunt, et si des – si quid uni deerit,
totum mare salsum est, tota causa perit. - Das istis, das aliis, addis dona datis,
et cum satis dederis, querunt ultra satis;
o vos burse turgide, Romam veniatis:
Rome viget physica bursis constipatis. - Predantur marsupium singuli paulatim,
magna, maior, maxima preda fit gradatim.
quid irem per singula? colligam summatim:
omnes bursam strangulant, et exspirat statim. - Bursa tamen Tityi iecur imitatur:
fugit res, ut redeat, perit, ut nascatur.
et hoc pacto loculum Roma depredatur,
ut, cum totum dederit, totus impleatur. - Redeunt a curia capite cornuto;
ima tenet lupiter, celum habet Pluto,
et accedit dignitas animali bruto
tamquam gemma stercori vel pictura luto. - Divites divitibus dant, ut sumant ibi,
et occurrunt munera relative sibi.
lex est ista celebris, quam fecerunt scribi:
„si tu michi dederis, ego dabo tibi.”
42
- Wider Laster dies mein Lied grimmiglich erschalle!
Andre setzen Honig vor, Honig voller Galle;
unter einer goldnen Haut steckt ein Herz von Eisen,
und in einem Löwenfell wollen Esel beißen. - Ihre Mienen Lügen straft, was die Herzen sinnen,
Honig von den Lippen träuft, Galle wohnet innen:
ach, nicht alle Honig sind, die da Honig scheinen,
und im Aussehn Herz und Haut selten sich vereinen. - Laster ist das Werk, die Tat, Tugend wohnt im Munde,
weißer Schnee bedeckt das Schwarz tief im Seelengrunde;
aber ist das Haupt erkrankt, kranken auch die Glieder,
der Geschmack der Wurzel kehrt in den Früchten wieder. - Rom, der Gipfel dieser Welt, es entbehrt der Reinheit,
denn an diesem Wipfel hangt einzig nur Gemeinheit;
ist das eine krank und siech, muß das andre siechen,
was da krumm am Boden kriecht, wird nach Hefe riechen. - Rom hält sich an jedermann, jedermannes Güter,
ist ja doch die Kurie nur des Marktes Hüter.
Fürstenrechte kann man dort gegen Bargeld kaufen,
wenn sich was entgegenstellt, kostets einen Haufen. - Will da jemand vor den Rat eine Sache bringen,
seis die seine oder nicht, gilt vor allen Dingen:
Rom lehnt alles ab, wenn nicht man zuvor erst blechte,
und je mehr man Münzen gibt, desto bessre Rechte. - Denn im römischen Dekret lautet ein Kapitel:
jedem Kläger wird Gehör nach dem Maß der Mittel.
Gib, daß dir gegeben wird, Nehmern wird genommen,
so wie du zuvor gesät, wird die Ernte frommen. - Dein Geschenk und dein Gesuch stets im Gleichschritt gehen,
mit Geschenken wirke du, willst du Wirkung sehen;
fürchte keinen Cicero beim Prozesseführen,
Geld wird über Redekunst fröhlich triumphieren. - Geld läßt in der Kurie keiner leichtlich fallen,
Farbe, Prägung, runde Form sind beliebt bei allen:
wenn als ganzes Römern sie in die Augen stechen,
schweigen die Gesetze still, nur die Münzen sprechen. - Fütterst ihre Hand du mit reichlichen Geschenken,
brauchst du an Justinian gar nicht mehr zu denken,
keine Angst vorm Kirchenrecht, denn sie übergehen,
was da lauter leere Spreu, Körner will man sehen. - Und die Parze hat für Rom Habgier nur gesponnen,
Gabenbringern ist es recht, Knausern schlecht gesonnen;
Geld und Gold stehn hier für Gott, Mark an Markus Stelle,
Truhe kommt hier vor Altar, Geld ist Heilesquelle. - Wenn du vor dem Papst erscheinst, merke dir das eine:
Arme sind nicht angesehn, Schenkende alleinc;
aber sind die Gaben klein, wird er sich beklagen:
„Diese Flöte schätz ich nicht”, also wird er sagen. - „Papst” kommt von „papare”, heißt: alles selber essen;
alles was ein andrer hat, wird von ihm gefressen;
was da auf gut deutsch besagt, laß den Rat dir frommen:
„Pimperlinge!” heißts beim Papst, willst du was bekommen! - Pforte, Urteil, Unterschrift und das Siegel ordern,
der Herr Papst höchstselbst und die Kardinäle fordern:
alle fordern und du zahlst – einem wills nicht munden,
ach, versalzen ist das Meer, alles hingeschwunden! - Diesem gibst du, jenem auch, Gaben über Gaben,
gibst noch mehr als schon genug, mehr noch will man haben;
ihr geschwollnen Börsen all, auf, nach Rom wollt reisen,
ihr verstopften Beutel lernt rasch zu Rom das Scheißen. - Alle Börsen nach und nach plündern dort die Leute,
groß und größer, größest wird immer mehr die Beute.
Doch statt Einzelheiten will ich die Summa geben:
jeder würgt den Beutel dort, es geht um sein Leben. - Doch der Leber Tityos’ gleicht der Börse Wesen,
dieses Stirb und Werde und Kränkeln und Genesen:
darum pflegen sie zu Rom Taschen umzukehren,
um sie, wieder neu gefüllt, wieder neu zu leeren. - In der Kurie empfängt man die Bischofsmütze:
Jupiter versinkt, es thront Pluto auf dem Sitze;
hoher Würden eitler Prunk steht den dummen Tieren,
wie Gemälde einen Stall, Perlen Säue zieren. - Reiche geben Reichen nur, daß sie was bekommen,
daß sich die Geschenke so
gegenseitig frommen;
denn es lautet ein Gesetz, das da herrscht im Leben:
„Wenn du mir gegeben hast, werde ich dir geben!”
Walther von Châtillon
43
- Roma, tue mentis oblita sanitate
desipis, cum resipis cordis tarditate.
lampas caret oleo, male sed mercatur,
sponsus † ut cum venerit, salus obumbratur,
pietas nec audit superne civitatis,
foris dum inclamitat vox calamitatis. - O sedes apostolica,
que vix latet, katholica,
convertere! convertere!
iam mundus languet opere. - Perit lex,
manet fex,
bibit grex
virus hoc letale;
pastor cedit,
lupus redit,
morsu ledit
permale. - Claudicat ecclesia patribus orbata,
sternitur iustitia capite truncata.
princeps tenebrarum se sentit gloriari
orbis fluxa, miseri student quem sectari. - Ludit ad interitum rerum coniectura
quodam vili scemate, docet ut natura.
basem rei publice, sortem senatorum
machina corrodit presentium malorum,
de qua, † sed diviguit, stirpe solidatur,
cuits et propagine solium letatur. - O decus exaltabile,
saluti collaudabile
complectere! complectere!
iam languet mundus opere. - Sed cum sis
plena vis,
cedat lis,
vitia premantur,
orbe leto,
tristi spreto
iure freto
pellantur! - Aruit spes estuans diuturnitate,
secula iam pereunt imbecillitate,
ordo principatus est mente discrepata
volvitur † in serie mundo non piata.
falso quoque veritas convincitur augurio,
nec altus est in Israel fidem dans centurio.
43
- Roma, die du deines Geists Normen hast vergessen,
spät erst zur Besinnung kommst, du bist wahnbesessen.
Deine Lampe ohne Öl gibt kein festlich Funkeln,
tritt der Bräutigam herein, steht das Heil im Dunkeln,
und des Himmels Gnade kann dir sich nicht versöhnen,
wenn vor seinen Toren laut Unheilsrufe dröhnen. - Apostelsitz, so hochgebaut,
auf den der ganze Erdkreis schaut,
bekehre dich! bekehre dich!
Der Erde Greuel mehret sich. - Ordnung wankt,
Hohes schwankt,
alles krankt,
greift nach Todesgiften;
Hirten weichen,
Wölfe schleichen
und umstreichen
die Triften. - Ach, die heilge Kirche lahmt, die da ohne Haupt ist,
und darnieder liegt das Recht, das des Haupts beraubt ist.
Er, der Fürst der Finsternis, meinet hoch zu thronen
ob der Zeitlichkeit der Welt, dem die Toren fronen. - Zeichen uns und Deutungen Untergang verkünden,
wie in üblem Beispiel ihn mag Natur begründen.
Allen Staates Fundament, Senatoren kranken,
schlimmer Zeiten Rammstoß bringt seinen Halt zum Wanken,
wenn es birst, aus welchem Stamm wird es sich erneuen
und an wessen Enkeln wird sich der Thron einst freuen? - O höchsten Ruhmes Künderin,
o allen Heils Begründerin,
versöhne dich! versöhne dich!
Der Erde Unheil mehret sich. - Sei bereit:
aller Streit
dieser Zeit
sei durch dich zerstreuet,
und es werde
das begehrte
Recht der Erde
erneuet! - Glühnde Hoffnung schmachtete lang mit heißem Munde,
und es gehn Jahrhunderte schwach und krank zugrunde,
hoher Fürsten edler Stand, uneins und zerrissen,
findet heillos sich verstrickt in den Bitternissen.
Falschen Prophezeiungen die lautre Wahrheit unterliegt,
da nimmermehr ein Hauptmann in Israel durch Glauben siegt.

44
Initium sancti evangelii secundum marcas argenti
In illo tempore: dixit papa Romanis:
„Cum venerit filius hominis ad sedem maiestatis nostre, primum
dicite:
‚Amice, ad quid venisti?
At ille si perseveraverit pulsans nil dans vobis, eicite eum in tenebras
exteriores.”
Factum est autem, ut quidam pauper clericus veniret ad curiam s
domini pape, et exclamavit dicens:
„Miseremini mei saltem vos, hostiarii pape, quia manus paupertatis
tetigit me.
Ego vero egenus et pauper sum, ideo peto, ut subveniatis calamitati ,
et miserie mee.”
Illi autem audientes indignati sunt valde et dixerunt:
„Amice, paupertas tua tecum sit in perditione.
Vade retro, satanas, quia non sapis ea, que sapiunt nummi.
Amen, amen, dico tibi: non intrabis in gaudium domini tui, donec
dederis novissimum quadrantem.”
Pauper vero abiit et vendidit pallium et tunicam et universa que
habuit et dedit cardinalibus et hostiariis et camerariis.
At illi dixerunt:
„„Et hoc quid est inter tantos?”
Et eiecerunt eum ante fores, et egressus foras flevit amare et non Is
habens consolationem.
Postea venit ad curiam quidam clericus dives, incrassatus, impingua-
tus, dilatatus, qui propter seditionem fecerat homicidium.
Hic primo dedit hostiario, secundo camerario, tertio cardinalibus.
At illi arbitrati sunt inter eos, quod essent plus accepturi.
Audiens autem dominus papa cardinales et ministros plurima dona
a clerico accepisse, infirmatus est usque ad mortem.
Dives vero misit sibi electuarium aureum et argenteum, et statim
sanatus est.
Tunc dominus papa ad se vocavit cardinales et ministros et dixit eis:
„Fratres, videte, ne aliquis vos seducat inanibus verbis.
Exemplum enim do vobis, ut, quemadmodum ego capio, ita et vos
capiatis.”
44
Hier beginnt das Evangelium nach der Mark Silbers
Zu derselbigen Zeit sprach der Papst zu den Seinen in Rom:
„Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird zum Thron unserer
Herrlichkeit, dann saget zuerst:
‚Mein Freund, warum bist du gekommen?’
So aber jener fortfährt mit Pochen und gibt euch nichts, so werfet ihn
in die äußerste Finsternis hinaus.*
Und es begab sich, daß ein armer Kleriker kam in die Kurie des Herrn
Papstes und schrie ihnen nach und sprach:
„Erbarmet euch mein, ihr Pförtner des Papstes, denn die Hand Gottes
hat mich gerühret.
Gott, du weißest meine Torheit und meine Schulden sind dir nicht
verborgen, und deshalb bitte ich, daß ihr meiner Trübsal und
Angst abhelft.”
Aber da sie das höreten, wurden sie unwillig und sprachen:
„Mein Freund, daß du verdammt werdest mit deiner Armut.
Gehe hinter mich, du Satan, denn du meinest nicht, was das Geld meint,
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, du wirst nicht zu deines Herren
Freude eingehen, bis daß du den letzten Heller bezahlest.”
Aber der Arme ging hin und verkaufte Mantel und Rock und alles,
was er hatte, und schenkte es den Kardinälen, Pförtnern und
Kämmerlingen.
Die aber sprachen:
„Aber was ist das unter so viele?”
Und stießen ihn hinaus, und er ging hinaus und weinete bitterlich und
hatte dazu niemand, der ihn tröstet.
Danach kam zur Kurie ein reicher Kleriker, dick, fett und stark ge-
worden, der im Aufruhr einen Mord begangen hatte.
Der gab erst dem Pförtner, dann den Kämmerlingen und zum dritten
den Kardinälen.
Die aber meineten untereinander, sie würden mehr empfangen.
Da der Herr Papst hörete, die Kardinäle und Diener hätten viel Ge-
schenke von dem Kleriker empfangen, wurde er todkrank.
Der Reiche aber schickte Arzenei aus Gold und Silber, und alsobald
ward er gesund.
Da rief der Herr Papst zu sich die Kardinäle und Diener und sprach
zu ihnen:
„Sehet zu, lieben Brüder, lasset euch niemand verführen mit vergeb-
lichen Worten.
Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr nehmet, wie ich genom-
men habe.”
45
I.
Roma, tenens morem nondum satiata priorem
Donas donanti, parcis tibi participanti;
Sed miser immunis censetur, eum quia punis.
„Accipe” „sume” „cape” tria sunt gratissima pape;
„Nil do” „nil presto” nequeunt succurrere mesto.
Non est Romanis cure legatus inanis.
Si dederis marcas et eis impleveris arcas,
Pena solveris, quacumque ligatus haberis.
Ergo non nosco, quamvis cognoscere posco,
In quo papalis res distet et imperialis:
Rex capit argentum, marcarum milia centum;
Et facit illud idem paparum curia pridem.
Rex capit audenter, sed domnus papa latenter.
Ergo pari pena rapientes sic aliena
Condemnabuntur, quia Simonis acta secuntur.
II.
Curia Romana non curat ovem sine lana.
III.
Roma manus rodit, quos rodere non valet, odit.
45
I.
Roma, du wahrst deine Sitten, bist unermüdlich im Bitten,
Schenkende du beschenkest, Gedenkender du gedenkest;
Aber der Arme, der nicht gibt, ihm wird gezeigt, was man nicht
liebt.
„Nehmen” und Raffen” und „Rauben”, des Papstes dreifacher
Glauben;
„Keine Geschenke und Gaben”, dann lasse dich lieber begraben.
Nichts wird in Rom unternommen, bist ohne Geld du gekommen.
Zahlst du in Mark und Pfennig und füllst du den Schrein nicht zu
wenig,
Wirst du der Strafe entgehen, als wäre da gar nichts geschehen.
Darum auch kann ich nicht sagen, was gern ich würde erfragen,
Worin sich wohl die beiden, Kaiser und Papst, unterscheiden:
Stehet des Königs Begehr auch nach hunderttausend und mehr auch,
Hat doch der Papst schon genommen, der da zuvor ihm gekommen.
Offen zwar raubt es der Kaiser, der Papst bereichert sich leiser.
Gleicher Bestrafung verfallen diese Räuber an allen,
Welche da werden gerichtet, gleichwie einst Simon vernichtet.
II.
Päpstlicher Kammer Begehren ist es, die Schafe zu scheren.
III.
Ist was zu haben, Rom holt es, gibts nichts zu holen, so grollt es.
Die das Kreuz genommen haben
De cruce signatis
46
- Fides cum Ydolatria
pugnavit, teste gratia,
agresti vultu turbida,
mundi non querit tegmina,
sed forti fidens pectore,
dives una cum paupere. - Propheta teste misera
tu Babylonis filia,
beatus est, qui parvulos
petre collidit tuos.
prisci das penas sceleris
Chaldea nunc metropolis - Iohannes super bestiam
sedere vidit feminam
ornatam, ut est meretrix,
in forma Babylonis.
sed tempus adest calicis
ad feces usque sceleris. - Princeps vocatur principum,
qui colla premit gentium,
costam scandat tetragoni
sedentis ut eterni,
sub Herculis memoria
vexilla ponens rosea. - Navis in artemonem
quem Deus ponet hominem,
velum triangulatum
cuius regat pulcherrimum?
hoc militum tripudio
letetur Pacis Visio! - Confusionis civitas
decepit te, Gentilitas,
inniteris harundini
cladem lature manui;
revertere, revertere,
factoris opus respice! - Qui colunt cacodemones,
non funt illis similes,
qui fibris non utuntur,
dum illis insculpuntur,
nec vox inest nec ratio
nec locus in arbitrio? - Beati sunt mucrones,
quos portant Christi milites
suffulti crucis tegmine,
sub cuius gaudent robore,
quorum felix atrocitas
constringit te, Gentilitas. - De viis atque sepibus
et mundi voluptatibus
compellimur intrare,
nunc nuper epulare
gustu sepe medullitus;
quam suavis sit Dominus. - Nam panis filiorum
fit cibus catulorum
sub mensa pii Domini
de verbis evangelii;
gaude, Syrophenissa!
iam venit tua filia. - Forum est lerosolymis
in campo libertatis,
quod Rex regum instituit.
mercator prudens aderit;
qui vitam velit emere,
festinet illuc currere! - Non tamen ita properet,
quin coniugi provideat
de rebus necessariis
una cum parvis liberis;
quod quidem nisi faciat,
ignoro quid proficiat. - Sepulcrum gloriosum
prophetis declaratum
impugnatur a canibus,
quibus sanctum non dabimus,
nec porcis margarite
mittuntur deridende. - Ad multas mansiones
in domo patris stabiles
nummi trahit conventio;
nec gravet operatio:
pondus diei preterit,
merces perennis aderit. - Novissimus fit primus
et primus fit novissimus;
dispar quidem vocatio,
sed par remuneratio,
dum cunctis laborantibus
vite datur denarius. - Non hic mutatur sedes,
non corrumpuntur edes,
non maior hic minori,
non pauper ditiori,
non obstat alter alteri,
nec locus est opprobrii.
46
- Der Glaube wider Heidenschaft
stritt angesichts der Gnadenkraft
mit bieder drohendem Gesicht,
irdische Rüstung braucht er nicht;
so kämpfen arm und reich zugleich,
in ihrer Brust das Himmelreich. - Prophetenwort soll Zeuge sein:
weh, Babylon, der Tochter dein,
denn selig, wer die Kindlein dir
zerschmettert an den Steinen hier!
So büß für deine Missetat,
du, der Chaldäer stolze Stadt! - Johannes auf des Untiers Leib
sah sitzen dich, geschmücktes Weib,
das eine schöne Hure ist,
die, Babylon, du selber bist.
Die Zeit ist da, es leert dein Mund
des Abscheus Becher bis zum Grund. - Zum Fürst der Fürsten ist erwählt,
wer fest im Zaum die Heiden hält,
er geht am kaiserlichen Strand
des Byzantiners schon an Land;
sein rotes Banner weht indes
auch überm Tor des Herkules. - Wer aber wird vom Herrn der Welt
als Steuermann des Schiffs bestellt,
daß er auf dieser kühnen Fahrt
das Segel treu und gut bewahrt,
bis einst der Krieger Jubeltanz
sich deiner freue: „Friedensglanz”? - Der „Wirrnis-Stadt” verlorne Kraft,
sie täuschte dich, o Heidenschaft,
du stützt auf spitzes Schilf die Hand,
der Niederlage Unterpfand;
bekehre dich, bekehre dich,
im Werke zeigt der Schöpfer sich! - Wer da die Götzen so verehrt,
ist er denn mehr denn jene wert,
die niemals rühren je ein Glied,
wiewohl mans abgebildet sieht,
die ohne Sinn und ohne Wort
allewig stehn am gleichen Ort? - Gesegnet ist der Christen Schwert
und solcher Kämpfer wahrlich wert;
vertrauend auf des Kreuzes Bild
als ihren allerstärksten Schild,
sie mit des heilgen Zornes Kraft
dich fällen werden, Heidenschaft! - Aus Hecken, Zäunen hergeeilt,
wo wir der Erde Lust geteilt,
sind wir geheißen dieser Zeit,
daß wir zur Speisung gern bereit
erschmecken auch den innern Kern
der Süßigkeit in Gott dem Herrn. - Vom Tisch des Hausherrn fällt das Brot,
das dieser seinen Kindern bot,
dem Hündlein unterm Tisch anheim,
der frohen Botschaft erster Keim;
drum freu dich, Syrophoenissa,
geheilt ist deine Tochter ja! - Ein Markt ist zu Jerusalem,
dem höchsten König angenehm,
wo man die Freiheit sich erkauft.
Ihr klugen Käufer, dorthin lauft;
denn wer das Leben kaufen mag,
der eile sich, noch ist es Tag! - Doch eile er nicht zu geschwind
und sorge erst für Weib und Kind,
auf daß, zu steuern ihrer Not,
vorhanden sei ihr täglich Brot;
denn wer da ihrer nicht gedenkt,
dem wird auch kaum das Heil geschenkt. - Das Heilge Grab, des hehren Ruhm
verkündet einst Prophetentum,
von Hunden wird es wild berannt;
wir geben es nicht aus der Hand,
wir werfen doch nicht wie der Tor
den Säuen unsre Perlen vor. - Im Haus des Vaters wartet schon
als unser ausbedungner Lohn
die Wohnung für die Ewigkeit
nach diesem leichten Erdenleid:
des Tages Müh geht schnell dahin,
uns bleibt der dauernde Gewinn. - Der letzte wird der erste sein,
der erste geht als letzter ein;
zwar ungleich uns der Ruf ereilt,
doch gleicher Lohn wird zugeteilt,
denn jedem, der im Weinberg frönt,
wird seines Daseins Sold gegönnt. - Und jedem bleibt hier Bett und Schrein,
und nimmer stürzt sein Haus ihm ein,
und groß und klein, hier sind sie gleich,
und gleich sind hier so arm wie reich,
und keiner steht in andrer Licht,
und Streit und Zwietracht gibt es nicht.
47
- Crucifigat omnes
Domini crux altera,
nova Christi vulnera!
arbor salutifera
perditur; sepulcrum
gens evertit extera
violente; plena gente
sola sedet civitas;
agni fedus rapit hedus;
plorat dotes perditas
sponsa Sion; immolatur
Ananias; incurvatur
cornu David; flagellatur
mundus;
ab iniustis abdicatur,
per quem iuste iudicatur
mundus. - O quam dignos luctus!
exulat rex omnium,
baculus fidelium
sustinet opprobrium
gentis infidelis;
cedit parti gentıum
pars totalis; iam regalis
in luto et latere
elaborat tellus, plorat
Moysen fatiscere.
homo, Dei miserere!
fili, patris ius tuere!
in incerto certum quere,
ducis
ducum dona promerere
et lucrare lucem vere
lucis! - Quisquis es signatus
fidei charactere,
fidem factis assere,
rugientes contere
catulos leonum,
miserans intuere
corde tristi
damnum Christi
longus Cedar incola,
surge, vide, ne de fide
reproberis frivola!
suda martyr in agone
spe mercedis et corone!
derelicta Babylone
pugna
pro celesti regione,
aqua vite! te compone
pugna!

47
- Kreuziget euch alle
ob des Herren Kreuzesschmach,
Christi neuer Wunde, ach!
Da der Baum des Heils zerbrach,
nun erneut geschändet
wurde Christi Grabgemach,
das sie hassen; da verlassen
steht die einst so reiche Stadt:
Lammes Frieden Böcke hüten;
die ihr Gut verloren hat,
weinet, Zions Braut; neu stirbt da
Ananias; es verdirbt da
Davids Horn; wer rein, erwirbt da
Klagen;
jenen, der gerecht wird richten,
Ungerechte zu vernichten
wagen. - O der edlen Trauer!
Aller König herrscht nicht mehr,
Stab der Gläubigen, der Herr,
ja, die Schmach Ungläubiger
duldet er und leidet;
und der Heiden Teil wiegt mehr
als das Ganze; einst im Glanze,
dieses Land im Grame schweigt,
das erschauert und betrauert,
daß sich Moses ihm nicht zeigt.
Wolle Gottes, Mensch, gedenken!
Sohn, woll nicht den Vater kränken!
Laß im Unheil Heil dir schenken,
achte
auf den Herrn der Herrscherscharen,
nach dem Licht des Lichts, dem wahren,
trachte! - Der du wardst bezeichnet
und empfingst des Glaubens Gut,
Taten schaff dein Glaubensmut,
und des Löwenjungen Wut
und Gebrüll vernichte,
dich erbarmend nimm in Hut,
Gram im Herzen, Christi Schmerzen!
Der du lang zu Cedar wohnst,
komm und schaue, daß nicht laue
du dir selbst den Glauben lohnst!
Und als Martyr dir zum Lohne
ringe kämpfend um die Krone!
Laß von Babels wildem Hohne,
leide
für die Himmelsstadt hienieden,
für das Leben, für den Frieden
streite!
47a
- Curritur ad vocem
nummi vel ad sonitum;
hec est vox ad placitum.
omnes ultra debitum,
ut exempla docent,
nitimur in vetitum.
disce morem et errorem,
fac et tu similiter!
hac in vita nichil vita,
vive sic, non aliter!
cleri vivas ad mensuram,
qui pro censu dat censuram.
quando iacis in capturam
rete,
messem vides iam maturam;
et tu saltem per usuram
mete! - Si quis in hoc artem
populo non noverit,
per quam mundus vixerit,
omnia cum viderit,
eligat hanc partem
Drul
aut nichil decreverit:
quod vis, aude dolo, fraude,
mos gerendus Thaidi.
mundo gere morem, vere
nil vitandum credidi.
legi nichil sit astrictum,
iuri nichil sit addictum!
sanciatur hoc edictum
tibi.
ubi virtus est delictum,
Deo nichil est relictum
47a
- Hinterherzurennen,
wenn da lockt des Geldes Klang,
sein verlockender Gesang:
alle haben diesen Hang,
viele sind zu nennen,
die da folgen schlimmem Drang.
Ohne Glauben lern zu rauben,
mache es wies jeder macht!
Meide heute keine Freude,
lebe so wies angebracht!
So wie alle Pfaffen leben,
die da nur für Gaben geben,
nur ein volles Netz zu heben
strebe,
dir die Ernte zu verschaffen;
um dir Vorteil zu erraffen,
lebe! - Die nicht darauf achten,
wer die Kunst da nicht versteht,
wer nicht weiß, worum sichs dreht,
da er sieht, welch Wind hier weht,
der muß schleunigst trachten,
daß sein Stern nicht untergeht:
trau dem Glücke, List und Tücke
haben Thais reich gemacht!
Zeige deine Kunst, nicht meine,
solcher Handel bringt Verdacht!
Wolle dem Gesetz mißtrauen,
wolle auf das Recht nicht bauen,
woll dein heilig Selbstvertrauen
stützen!
Wo die Tugend keiner lernte,
da wird Gott auch keine Ernte
nützen.
48
I. Quod spiritu David precinuit,
nunc exposuit
nobis Deus, et sic innotuit.
Sarracenus sepulcrum polluit,
quo recubuit,
qui pro nobis crucifixus fuit.
quantum nobis in hoc condoluit,
quantum nobis propitius fuit,
dum sic voluit
mortem pati cruce, nec meruit!
Refl. Exsurgat Deus!
- Et dissipet hostes, quos habuit,
postquam prebuit
Sarracenis locum, quo iacuit,
quia nobis propitius fuit,
dum sic voluit
mortem pati cruce, nec meruit!
duo ligna diu non habuit
Sarreptina, quibus ut caruit,
semper doluit
et dolebit, dum rehabuerit.
Refl. Exsurgat Deus! - Sunamitis clamat pro filio,
qui occubuit,
nec Giezi sanare potuit;
Heliseus nisi met venerit,
non surrexerit,
et os ori recte coniunxerit.
Heliseus nisi nunc venerit,
ni peccata compassus tulerit,
non habuerit
ecclesia crucem, qua caruit.
Refl. Exsurgat Deus! - Et adiuvet in hoc exercitu
quos signaverit
signo crucis, qua nos redemerit!
iam venie tempus advenerit,
quo potuerit
se salvare, qui crucem ceperit.
nunc videat quisque, quid fecerit,
quibus et quot Deum offenderit!
quod si viderit
et se signet, his solutus erit.
Ref. Exsurgat Deus! - Exsurrexit! et nos assurgere
ei propere
iam tenemur atque succurrere.
Ierusalem voluit perdere,
ut hoc opere
sic possemus culpas diluere.
nam si vellet, hostes destruere
absque nobis et terram solvere
posset propere,
cum sibi nil possit resistere.
Refl. Exsurgat Deus!
48
- Was uns David dereinst geweissagt hat,
das hat Gott vollbracht
und uns allen auf einmal kundgemacht.
Sarazenen besudeln rings sein Grab,
drin begraben lag,
der für alle ans Kreuz geschlagen ward. Der für alle sich dieser Schmach ergab,
der uns allen
sein ewig Heil gebracht,
schuldlos Todes Macht
hoch am Kreuze sich ausgeliefert hat!
Auferstehe, Herr! - Er zerstreue der bösen Heiden Arg,
er, der seine Statt,
da er wohnte, den Sarazenen gab,
der uns allen sein ewig Heil gebracht,
schuldlos Todes Macht
hoch am Kreuze da ausgeliefert ward!
Ihren beiden vermißten Hölzern, ach,
klagte jammernd die Sarreptina nach,
leidend Tag für Tag,
bis die zwei sie dann endlich wieder hat.
Auferstehe, Herr! - Um den Sohn klagt die Sunamiterin,
der als Toter lag,
den Giezi zu heilen nicht vermag;
käm Elisa nicht auch an diesem Tag,
wird er nie mehr wach,
einte er nicht sich Mund auf Mund ihm, ach!
käm Elisa nicht auch an diesem Tag,
trüg auch er nicht mit uns der Sünde Gram,
bleibt die Kirche schwach,
wird ihr nimmer das Kreuz, das man ihr nahm.
Auferstehe, Herr! - Und er stärke sie alle, denen auf
dieser Heeresfahrt
durch das Zeichen des Kreuzes Gnade ward!
Sich, es nahet schon der Vergebung Tag,
da sich retten mag,
wer zum Heile das Kreuz da auf sich nahm.
Also prüfe ein jeder seine Tat,
wies gekommen, daß Gott er antat Gram!
Doch wer dies gewahrt,
Heil ihm, daß er des Kreuzes Zeichen nahm
Auferstehe, Herr! - Auferstanden ist unser Herr! Wir sind
all gehalten, blind
zu gehorchen, wies treuer Helfer Pflicht.
Gab nicht er auch Jerusalem dahin,
daß uns zum Gewinn
unsre Taten Erlösungshelfer sind.
Wenn er wollte, trieb er den Feind dahin,
der Befreier bedarf da unser nicht,
dem nichts widerstünd,
dessen Stärke
wir unterworfen sind.
Auferstehe, Herr!
48a
Horstu, uriunt, den wahter an der cinne,
wes sin sanch ueriach?
wir můzen uns schaiden nu, lieber man.
also schiet din lip nu jungest hinnen,
do der tach ůf brach
unde uns diu naht so fluhtechlichen tran.
naht git senfte, we tůt tach.
owe, herce lieb, in mach
din nu uerbergen niht.
uns nimit diu freude gar daz grawe lieht.
stand if, riter!
48a
Hörst du, Freund, den Wächter an der Zinne,
was sein Lied sagte?
Wir müssen uns jetzt trennen, geliebter Mann.
Ebenso schiedest du neulich von hier,
als der Tag anbrach
und uns die Nacht so fliegend zerrann.
Nacht gibt Lust, weh tut Tag.
Weh, Herzlieb, ich kann
dich jetzt auf keine Weise verbergen.
Uns nimmt das grauende Licht die Freude ganz.
Steh auf. Ritter!
Otto von Botenlauben
Pag. 7-134 (delen)
NACHTRÄGE
17*
Diu mukke můz sich sere mûn,
wil si den ohsen uber lůn.
Gienge ein hunt des tages tausent stunt
ze chirchen, er ist doch ein hunt.
Manich hunt wol gebaret,
der doch der leute varet.
Ez dunchet mich ein tumber sin,
swer waent den ouen obergin.
Swa ich waiz den wolues zant,
da wil ich hüten meiner hant,
daz er mich niht verwnde,
sein beizzen swirt uon grunde.
Der lewe sol auch nimmer lagen,
wellent in die hasen iagen.
Div fliug ist, wirt der sumer heiz,
der chünste uogel, den ich waiz.
Der bremen hohgezit zergat,
so der augest ende hat.
Die cheuern uliegen unuerdaht,
des uallet maniger in ein paht.
Die frösche túnt in selben schaden,
wellent si den storchen zu hůse laden;
di wisen chunnen wol uerstan,
waz ich tore gesprochen han.
Der lewe fürhtet des mannes niht,
wan ob er in höret und niht siht.
Der cheuer sich selb betriuget,
swenn er ze hohe fliuget.
Diu nahtegal diche mut,
swenn ein esel oder ein ohse lút.
Der hunt hat leder urezzen,
so man dienstes wil uergezzen.
Der hofwart vnd der wind
selten gůte friunde sind.
Swer schalchait lernt in der iugent,
der hat uil selten stacte tugent.
Man siht uil selten richez hůs
ane dieb und ane můs.
Von reht iz auf in selben gat,
swer dem andern geit ualschen rat.
Der esel und di nahtigal
singent ungelichen schal.
Swa man den esel chronet,
da ist daz land gehonet.
Minne, schatz, groz gewin
vercherent gůtes mannes sin.
Man minnet nu schatz mere
danne got, lyb, sel vnd ere.
So stæte friundin nieman hat,
er fürihte doch ir missetat.
Vremede scheidet herzelieb,
stat machet manigen dieb.
Swer lieb hat, der wirt selten urei
vor sorgen, daz ez unstæte sei.
Herzelieb hat manich man,
der doch gar uerniugeret dran.
17*
Die Mücke muß sich (schon) sehr anstrengen,
will sie den Ochsen überbrüllen.
Ginge ein Hund tausendmal am Tag
in die Kirche, er ist doch ein Hund.
Es gibt genug Hunde, die schön tun
und doch die Leute (von hinten) anfallen.
Das ist, meine ich, eine törichte Absicht:
wenn einer glaubt, er könnte das Maul weiter aufsperren als der Ofen.
Wo ich den Wolfszahn (verborgen) weiß,
da will ich auf meine Hand aufpassen,
daß er mich nicht verwunde,
sein Beißen schwärt gründlich.
Sogar der Löwe wird nicht mehr lauern können,
wenn es so weit kommt, daß ihn die Hasen jagen wollen.
Die Fliege ist, wird der Sommer heiß,
der kühnste Vogel, von dem ich weiß.
Der Bremsen Feiertag geht dahin,
wenn der August zu Ende ist.
Die Käfer fliegen ohne Vorbedacht,
deshalb fallen viele in den Dreck.
Die Frösche fügen sich den Schaden selbst zu,
wollen sie den Storch ins Haus einladen;
die Weisen können wohl verstehen,
was ich Tor gedichtet habe.
Der Löwe fürchtet den Menschen nicht,
außer er hört ihn, sicht ihn aber nicht.
Der Käfer betrügt (nur) sich selbst,
Wann immer er zu hoch fliegt.
Der Nachtigall macht es oft Verdruß,
wenn irgend ein Esel oder ein Ochse brüllt.
„Der Hund hat Leder gefressen” (sagt man),
wenn man dem (Heeres-) Dienst entgehen will.
Der Kettenhund und das Windspiel
sind selten gute Freunde.
Wenn einer Falschheit lernt in der Jugend,
dann kommt es selten vor, daß er beständige Tauglichkeit hat.
Kaum je sieht man ein reiches Haus
ohne Dieb und ohne Maus.
Nach Recht fällt es auf ihn selbst zurück,
wenn jemand dem andern mit Falschheit rät.
Der Esel und die Nachtigall
singen ungleichen Lärm.
Überall dort, wo man den Esel krönt,
da ist das Land in Schmach.
Minne, Schatz, großer Gewinn,
verkehren guten Mannes Sinn.
Man liebt jetzt Schatz mehr
als Gott, Leib, Seele und Ehre.
Eine so treue Freundin hat niemand,
er fürchte (nicht) dennoch ihre schlechte Tat.
Trennung scheidet Herzeliebe,
Gelegenheit macht viele Diebe.
Wer eine Liebste hat, der wird kaum je
die Sorge los, daß sie untreu sei.
Viele Leute haben ein Herzlieb,
die doch ganz die Lust daran verlieren.
p.808-811
