
DER ZIRKUS
Sag mir, Bruder, sag,
was bedeutet unser hündischer Streit?
Unser Herz ist verwirrt.
Alle schönen Worte – entflohen
wie Bienen aus einem Bienenstock, der von Rauch umgürtet ist.
Aber in einer Seitenstraße des Bewußtseins pocht
ein flackernder Nerv, vor der Vernichtung gerettet,
ein letztes Ächzen, trotzend der blinden Stille,
die von einem Berglein Erde besiegelt wird.
Wer sind wir?
Was ist der Sinn all unsrer Leiden?
Wenn nur: Opfer zu sein eines blutdurstigen Herrn –
dann sollen statt unserer Frösche geboren werden!
Die Zunge ist geschwollen von dem rostigen Trost:
Wolf und Lamm werden beisammen wohnen.
Und wie das Kind seinem Vater und seiner Mutter ähnelt –
so erben wir die Generationen-Plage,
geknechtete Kellner zu sein am gedeckten Tisch der Welt
und hündisch für die hingeworfene Münze zu danken.
Das ist die Kette, die goldne, zweitausend Jahre verbindend,
die Tränenkette, lastend auf unsern Seelen.
Es scheint, grad gestern verloren Formen ihr Maß,
Abgründe glichen die buckligen Nacken aus,
die unberuhigten Schädel von Generationen
mit Hoffnung bedeckend –
Und wir waren bereit,
die blühenden Wunden als Medaillen zu tragen,
uns ihrer brüstend in einer fröhlich-götzenhaften Parade:
Hoho, wir haben teil an der Plünderung der Träume,
mit unserm Blute zahlen wir Zins an die Revolutionen!
Wir. Wir.
Doch selbst der Löwe übersieht die belaubte Grube,
die auf den Gang seiner Pranken lauert.
Und heute — vorder Nacht, in einem Kreis,
rund urn die kupfernen Flügel des Feuers,
unter den Peitschen stählerner Wächter,
im Gelächter gestriger Gefährten,
nackt, mit gestriemten Rücken
tanzen wir: ich in der Mitte.
Und wir müssen mit unsern eigenen Händen
das silberne Pergament zerreissen,
ins Feu er werf en wie die eigenen Glieder
und fröhliche russische Lieder singen.
Und siehe! Zwischen Schwert und Scheide
ertönt die Stimme des Paradieses,
flattern Lettern von Babylon
und bleiben auf der Wand der Nacht.
Und weiter: aus Bergen von Papier
steigt es auf, das » Ich bin« der Gebote,
vom gierig verschlungenen Pergament,
und: Nichts auch Er ist fern.
Kreise, kreise, tanzendes Rund.
Hast du noch ein Gefühl – verbrenn es.
Falls in der Hölle ein Bad ist –
es wird sein wie dies
Und der Lahme ohne den Stock,
der Rabbi, der blinde Greis,
sie hüpfen im Kreise
zur Freude des Publikums.
Eine Bauernfrau jubelt:
Ein Zirkus – Gott ist einzig!
Und ein Nachbar: Zahle mit Steinen,
denn ein Zirkus kostet Eintritt.
Eine Hure zeigt der andern:
Sieh mal, die sind nackt!
Fallen Steine. Brennt das Feuer.
Kriecht ein Lümmel auf eine Leiter.
Fallen Steine. Fällt der Rabbi,
küßt die Funken in der Asche,
und sein »Höre Israel« verklingt
in der Kälte des Alls.
Und ich, der Clown in diesem schändlichen Spektakel,
hatte nicht das Herz, einen Fluch zu stammeln,
nicht die Kraft, mich in den Tod zu werfen,
wie meine Brüder zur Zeit Hadrians des Römers,
als der Glaube den Schmerz im Leibe erstickte
(obwohl mein Herz von Kohlenglut durchgiftet ist
und die Augen meines Geistes vom Rauch durchbohrt sind).
Schlimmer: Ich kniete nackt vor einem,
der meinen Vater im Grabe geschändet hat,
und mit Tränen wie schwarzen Pocken
bat ich um Gnade.
Verfluchter! Wo ist dein alter Schild,
der die Speere der Völker zerbrach?
Erreichen dich nicht die Farben des alten Bildes?
Und hat sich denn nicht deine Herkunft gezeigt?
Ist dies die Strafe: ächzend und sterbensmatt
das Todeskeuchen deiner Brüder hören…?
Hast dir die letzte Freude nicht verdient,
hier zu vergehn, das heißt auch: neu zu werden.
Geschrieben in einem Versteck, Anfang Juli 1941
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
EIN RUDEL MUSIK
Allein. Erfrorene reine Stille.
Unter der Stille –
mein nackter Leib.
Bloß zwei Ellen Erde sind mein,
da wo ich lieg, mit dem Mond als Decke.
Ich spitz meine Ohren, um zu hören
eine Freundesstimme,
eine Freundesstimme!
Doch wie mein Echo dringt von fern
Musik der Wölfe zu mir
aus einem erstaunlichen Halbkreis.
Ist dies mir geblieben – das Einzig-Getreue:
Musik der Wölfe –
über waldigem Schnee wie erfrornes Geheul?
Dann soll es sein!
Es drängt mir entgegen, stählern und scharf –
zu mir, gegen mich,
ein Rudel Musik!
Her meine Wölfe,
meine teuren Wölfe!
Laßt uns Freunde werden, zusammenstehn
gegen den feindlichen Menschen, gegen die Höllenkälte.
Rudel Musik,
umfange die Welt!
Wilne, Sakreter Wald, Dezember 1941
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
DIE GRAUE KRONE
E s hat nicht mehr gedauert als ein Zucken der Augenbrauen,
aberes war genug für den Weltuntergang. Am Schluß
zog sich über ihr schwarzes Mädchenhaar ein grauer
Schimmer, wie Wolken, die Sonnenwelle verdeckend im Fluß.
Danach ist in ihrem Lächeln die Welt wieder klar geworden,
als ich geküßt an ihrer Achsel die tödliche Wund,
wo die Kugel einschlug. Trotz weher Todesakkorde
schienes mir: es hat sie verschlungen mein Mund.
Stille kam wie von ausgeraubten Nestern,
und in der Mitte der Stille geschmiedet: Es ist wahr!
Nicht nur für sich allein, sie hat geliebt für alle Schwestern,
denn »anders kann es gar nicht sein, mein Lieber du,
mein Bester,
so wie sich nimmer schwärzen meine grauen Haar
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
DER FREMDE
Was jag ich dir hinterher ohne Sinn wie jene Nacht,
als du dich eingehüllt in die Sterne und hast gelacht?
Jetzt: wo bist du und auf meinen Lippen dein Atem heiss –
ich beneid das Skelett, das ich warm zu deinen Füßen wiess.
Mit Nimmerlippen saugt es statt meiner deinen roten Mohn,
mit toten Augen schmilzt es dir die Brust, mein Medaillon,
und all die unterlassne Zärtlichkeit, sie wird durch ihn erfühlt,
ein Maler, ungesättigt von der Farbe in seinem Bild.
Du bist beleidigt, weil ich deinen Weg nicht mitgegangen bin,
hast dich gerächt – auf ewig gabst du dich dem Fremden hin.
Trennt mich von dir auch nur die Rasenschicht,
bin ich dir fern wie eines Sterns erloschen Licht.
Den Schatten aber, raschelnd wie dein Seidenkleid,
hast du mir hergeschickt, da ist er mir zur Freud.
Er fließt, ein lebender Schatten, durch meinen Sinn,
ich schwimm in ihm zum Lächeln in deiner Stimme hin.
Nur dich berühren kann ich nicht.du tust es mir zur Straf –
der Fremde wie ein beinern Schwert bewachet deinen Schlaf,
dein Schweigen nun nach all s o vielem stürmischem Geschweb…
Und ich mul weiter sehnen ohne Sinn. Und sehne mch. Un leb –
Wilner Getto – Moskau 1941-1944
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
AUS EINEM VERLORENEN POEM
Mutter,
ich bin krank!
Meine Seele ist krätzig
und vielleicht noch schlimmer:
verrückt, aussätzig,
und der Balsam von deinem Munde
ein zu heiliger Trank,
als daß ich ihn begehr
für meine unheilbare Wunde.
Doch da ich weiß,
daß du mich liebst wie immer,
als Zweiten nach Gott –
ist mein Gebet und Geheiß:
Ersticke mich!
Erstick mich mit mütterlicher Hand,
die eben noch spielte
mit meiner weidenen Wiege.
Das wird heißen:
Deine Liebe ist stark wie der Tod.
Das wird heißen:
Die Liebe errettet von Not!
Und ich werd umkehrn,
zurücknehmen dein Gebärn
und werd sein und nicht sein
wie ein Stern
im Wasser.
Wilner Getto
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

AUS DEM POEM »DREI ROSEN«
1
Zerscherbter Sonnenuntergang – Warmer Hagel.
Die Zeit auf meiner Zunge hat den Sinn verloren.
Lauf ich und fall wie ein Stein
in einen Abgrund,
und stürzend will ich Erlösung finden?
Und fallend bete ich das Vergessen an,
es soll meine Erinnerung mit Säure versetzen.
Bis ich in der Tiefe eines Abgrunds liege,
auf zarten rosenweichen Schlangen
eines Traums.
Es scheint, die Schlangen saugen mein Gedächtnis aus,
löschen die Gerüche,
verdunkeln die Farben,
und das Messer Finsternis schneidet eine Ader auf,
daß nun die Zeit
aus meinem Schädel rieselt,
doch kann sich mein Sinnen
nicht von sich befreien:
Unter der Asche des gewesenen Lebens
(dort glühen die Splitter
der göttlichen Form)
erscheint meine Mutter
im geblümten Tuch,
mit Augen: zwei Schabbeslichten im Sturm.
2
Du hast dich versteckt, versteckt, versteckt,
eine Wand zerbrach und verschlang dich in ihren Rissen,
bis wurmartige Pech-Gestalten
deinen Atem suchten.
Suchten und fanden nicht, gingen betrunken fort.
Und plötzlich: wer bricht die Wand in Stücke?
Ein Jude, Davidsstern… Bist du es, Kind,
kommst du mich retten?
E
in Irrtum, ein Irrtum, der Jud hat verraten,
e r schleift an den Haaren, der Schlepp ist gelungen.
Und das Haar wird weiß, ganz plötzlich weiß,
mit Schnee überschüttet.
3
Eine Waage, unberührbar,
wiegt sich hin und her.
In der einen Schale: verkehrte Welt,
und ich, gekreuzigt auf einem Tor.
In der andern Schale: eine Träne.
Die Welt, bewürmt mit Menschen,
hat vom Menschen keinen Begriff.
Doch die Träne ist unteilbar,
sie kann vom Tod erzählen,
reißt die Schale in die Tiefe.
4
Wer läuft durch die tote Stadt mit schlagenden Flügeln
wie ein Vögelchen mit dem Messerschnitt im Hals,
losgerissen
aus den blutigen Händen des Schlächters?
Mit schwarzem Rauch
umhüllt ihn die Nacht,
daß e r unerkennbar wird.
Aber mein Herz,
den Geschehnissen vorauseilend,
es fühlt das Nicht-Erfühlte,
klopft im Rhythmus jenen Laufs
und läuft einen Augenblick schneller, schneller,
schon befreit von allen Maßen,
fünfmal,
zehnmal,
hundertmal
so schnell wie jenes Vögelchen,
bis es zu den Toren des Gettos flattert,
wo ein Schild hängt mit schreienden Lettern:
Achtung!
Pest.
Für Nicht-Juden verboten!
Und dort packt die Gestalt es a m Kragen
wie einen Dieb,
und im Licht der zerbrochenen Fensterscheiben
sieht es:
einen Menschen, klein wie ein Fingerhut
Und grösser als jeder.
Ohne Kleidung,
nackt wie der Wind.
Seine Haut aus blauem gewelltem Glas
ist durchsichtig
und macht – wie erschreckend, es zu glauben –
all das Innerste, Verborgene sichtbar:
Eine Schar von Gefühlen, alle in Ketten gefesselt
wie Verbrecher,
und über ihnen eine purpurrote Nagaika.
Jedes einzelne Gefühl
beißt das andere in die Gurgel:
Du bist schuld, du.
Und schreit auf Jiddisch…
Das rechte Auge: gold-blau,
Denkmal einer Kindheit
im Grab eines Diamanten.
Und das linke, das schon alles gesehen hat:
eine Wolke, von Blitzen entleert,
und auf der Wolke – ein Grauer Star,
ein gelber Davidsstern.
5
Ob mein Golem-Kopf die Erde durchbrechen will,
ob meine Fersen sich sehnen, die Sterne zu sehn,
mich zieht es, vom Dach aufzufliegen mit der Schärfe des
Schwertes
und aus Rache mich selber zu zerstören.
6
Nein, deine Rede ist zu gnädig, zu mütterlich,
Trost wird nicht heilen, wenn die Sünde allzu schwer ist.
Bin ich zu schwach, deinen Mörder zu erstechen –
dann muß ich in mir selber Rache nehmen.
Bezahlt muss sein. Und ich, von dir geboren,
Muss für mein eigenes Schicksal der Richter werden,
muß für mein eigenes Schicksal der Richter werden,
will sich mein Geist vom Gefängnis befrein.
Vielleicht ist meine Rechnung abgrundfalsch,
und meine Strafe ist: mich weiter quälen?
Vielleicht ist mir dafür deine Liebe geblieben
und läßt nicht zu, daß ich mich ganz befreie?
7
Ich öffne ein Fenster, Frost soll herein,
ich häng in der Schlinge des Mondlichts.
Mein Blut wird wärmer, wenn ich friere,
immer ferner vom Haus, immer näher zu dir.
8
Denn du warst schon über den Fluß geschwommen,
bist schon frei,
und deine Lebensfarbe
ging mit den Wellen fort.
Am andern Ufer
ist kein Erinnern.
Du weißt nicht einmal,
wie du dahin kamst,
denn du ließest den Tod
auf dieser Seite.
Auf dieser Seite bin ich,
mit deinem Sterben im Kopf,
das mich sättigt und nährt,
wie deine Milch zu Anfang.
Nur berühren, Mutter, kann ich dich nicht.
Denn du bist ein Nebel,
aus Tränen gesponnen,
und ich – ein Gewirr
zerschnittener Wörter
(wo ein Wort: Rache
noch immer flackert),
und ich warte, daß der Fluß
strömt und ausbricht
unter meinen Füßen
und daß meine Lebensfarbe
die deine erreicht.
9
Ich will einen Spaten nehmen, dich suchen gehn,
Felder durchpflügen und Gräber durchgraben.
Will die Gräser fragen und die Dornen schmecken
und fühle deinen Schatten auf meinem Arm.
Und kann ich dich nicht finden,
will ich in Wörtern graben, in Klängen schaufeln.
Bis ich die Rosen befreien werde
des dunklen Landes,wo sie vergingen.
Wilner Getto, Oktober 1942
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
ABEND
In Bataillonen ziehen sie lange.
Ich seh sie nicht, doch ich spür ihren Zug –
Gestalt um Gestalt mit eigenem Klange,
auch hinter den Wolken – wie Vögel im Flug.
Sie ziehen durch meine Phantasien,
finden dort ihre Träume und sich.
Es offenbart sich im Licht meiner Blindheit:
Aus wie vielen Seelen besteht mein Ich…
Wilner Getto, 10. Januar 1943
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

ZUM JAHRESTAG DES GETTO-THEATERS
…Spielt, ihr jüdischen Mimen, in Flicken, in Mauern,
wo das Leben sich krümmt wie angesengte Haare,
wenn auf Steinen das Blut unsrer Nächsten siedet,
und die Gasen zucken wie halb geschlachtete Vögel
und können sich nicht erheben, nicht fliegen, nicht entrinnen.
und man feiert Hochzeit auf herbstlichem Friedhof
Spielt, Freunde! Denken wir uns: Es ist ein Städtchen von einst,
mit jüdischem Sang und Tanzund hüpfenden Lichtern,
fröhlich in einem Kreis um Bräutigam und Braut!
Spielt! Und laßt aus eurem Munde Jiddisch erklingen,
rein und lauter, wie der Geist eines geschlachteten Kindes,
schroff und heiser wie die Stimmen unsrer Gewehre und Kugeln,
die morgen-übermorgen
auf den Dächern spielen…
Und ihr staunenden melancholischen Fiedler auch,
die sich nachts ins lauernde Draußen stahlen,
die Wände entlang, zu den früheren Häusern,
die Patrouillen meidend,
schlichen sie zu den alten zerstörten Heimen –
um eure Fiedeln aus der Erde zu graben,
die ihr dort einpflanztet vor dem Abmarsch ins Getto –
spielt auch ihr!
Und reißt hervor die allertiefsten Töne!
Sollen sie über eure Gebeine hin klingen
und schweifen weithin, wo noch ein Jude leuchtet…
Wo noch ein Herz erbebt in Erwartung einer Botschaft,
sollen sie tönen über Felder, über Fronten
rein und lauter, wie der Geist eines geslachteten Kindes,
schroff und heiser wie die Stimmen unsrer Gewehre und Kugeln,
die morgen-übermorgen
auf den Dächern spielen…
Wilner Getto, 31. Dezember 1942
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
KOL NIDRE
Erzählung eines Überlebenden
1
… trieb man uns in einen Käfig aus zwei-drei Gassen
und schleppte uns hinaus zu Hundert und Tausend
wie fiebriges rohes Fleisch,
und warf uns vor die Bestien.
Und wir lagen in den Kellern und Löchern
wie in unterirdischen Palastgewölben
mit Frau und Kind,
auch ungebornen Kindern,
ein wundes Geflecht,
ein Fieber,
ein Zerspringen.
Undes kam ein Tag –
o wer bringt ihn vor Gericht?
Ein blendender Tag
mit einem vagen Versprechen,
der Schein der Barmherzigkeit
blühte auf alten Scheiben
und zerbrochenen Steinen:
heut abend ist Jom-Kippur – Versöhnungsfest.
E s versammelten sich pergamentene Juden
von den Spinnweb-Böden,
aus Kellern, wie Brunnen tiet,
im leuchtenden Bethaus des Wilner Gaons,
versammelten sich zum Kol Nidre
wie zu einem Aufstand.
Und zwischen der gedrängten Festgemeinde,
siebenfarbig umflammt
von den Gebetslichtern,
war auch ich,
ich,
der Letzte meiner Familie.
Doch nicht ich schlug mir reuevoll ans Herz,
nicht ich erbettelte
Stückchen Tage und Bröckchen Glück –
weil ich schon nichts mehr brauche,
ein Beschützer ist überflüssig…
Doch leuchtete unter meinen Häuten
ein flackerndes Jahrzeitlicht
und, blinkend darin,
sprang mein Herz auf
für einen nahes Wesen,
das mit kalten Flügeln
meine Stirn versengte.
»Mit wieviel Schmerz denn noch willst du mich nähren?
Wieviel hungrige Gelüste tragen deine Zähne?
Schmeckt dir mein Leib, sind meine Tränen Honig?
Schlägst du da was raus, wie Funken aus dem Gestein?
Mit sieben stumpfen Schwertern trat mich deine Strate.
Mein alter kranker Vater mußt sich selbst die Grube graben.
Meine Frau, einen Enkel vor der Brust – ihre letzte Hoffnung -,
ging wie zum Freudenfest ins Königreich der Raben.
Fünf Söhne hatte ich, wie fünf getreue Finger,
ihnen traute ich zu, mein Leben weiterzuweben.
Dein Mitleid machte mir das Alter leichter:
Einzeln hast du sie weggehackt, und ließest mich bei Sinnen.
Die Schwerter, boshaft, zerschnitten mich nicht,
die Kugeln prallten ab, die Brände brannten mich nicht.
Je schärfer die Wunden, je weniger hab ich gelitten –
du selber hast dich, Gott, in meinen Wunden gespiegelt.
Warum bin ich geboren, wider meinen Willen?
Wes Weinen tränte mich ins Maß, ins menschlich-blinde?
Wenn wahr ist, daß du es so brauchst – wer braucht deine
Wahrheit?
Nicht ich schlag mich reuig ans Herz – der Sünder bist du.
Was kann ich noch verlieren, was kann ich gewinnen,
wenn mein erloschnes Auge nicht mehr tränt noch glänzt.
Oh, ich bin blind geworden, kann meinen Tod nicht finden
und nicht meinen ältesten Sohn, den seit zwanzig Jahren
verschollnen.
Wo auf der Welt find ich das Licht, ihn noch einmal zu sehen,
zu wissen, es bleibt ein Sproß nach meinen grauen Jahren…
Ich hätte freudig die Gassen der Hölle geküßt,
und stille Ruhe könnte blühn, statt kalkharten Zorns.«
Die Worte wie Glut
atmeten mir im Leib,
da hör ich: ein Sturm von Geheul
windet sich und wirbelt über Dächer,
zerbirst und fällt herab,
herab,
herab
wie Steine in einen Abgrund.
Und vom Synagogenhof
dringt ein zerschnittener Schrei
her ins Bethaus,
erstickt die Lichter,
zerwogt die Gebetsmäntel,
und hinter ihm im Strom
ein zerschlagener Kopf,
kreiselnd im Strudel,
mit Armen eines Schwimmers,
ertrinkt, versinkt,
nur sein Schrei
hängt wie ein Schlachtmesser in der Luft:
Gefahr!
Auf verbrannten Lippen
bei Jung und Alt
erstarren
die Gebete
zu Eis.
Im glasigen Licht
des zersplitternden Mondes
springt die Bestie
Gefahr herein.
Ein Rif in die Lippen,
ein Biß in die Hand –
Gefahr in Kupfer,
Gefahr in den Wänden.
Die Glieder verraten
die alten Leiber.
rüder –
getrennt. Allein. Allein.
Leib an Leib.
Gewühl. Gedränge.
Unterm Tisch hervor
springt die Gefahr
in die Gesichter.
Und jäh
brennt die Gefahr
im wächsernen Licht,
brennt,
stürzt,
ertaßt den Bau.
Im Bethaus: Gefahr,
noch größer im Hof.
Und Raubtierklauen
schlagen und töten.
Lauf, rette dein Leben
wie ein Hund seinen Knochen.
Sie jagen dir nach
und wollen dich töten!
Im Bethaus blieb von der ganzen Gemeinde
ein störrischer Alter – nur dieser eine
schlug immer noch feurig an sein Herz:
… wir haben gesündigt… verraten… geraubt…
Einer in messerweißen Gewändern
ist weiter am Betpult zu Gott geschwommen.
Ein dritter kauert in Freude und Wahn
am Stuhl,wo einst der Gaon saß,
beißt hinein, und bleibt dort liegen.
Und siehe: ein Kind, kaum aus der Wiege,
wohl von Flüchtenden verlassen,
es schlucht » Kol Nidre« und schluchzt »Oj mame!«
Auch ich war am Ort, wie angeschmiedet,
auch ich war da, der geschworene Hüter.
Ich hörte nicht die Jagd auf den Stiegen,
nicht das Gemetzel – nur den kindlichen Singsang.
Damals sehnte ich mich nach dem Tod –
beim Schluchzen des Kleinen sah ich die eignen Kinder.
Doch als die Meute mit Lärm und Gewehren
in den Vorraum der Synagoge drang,
riß eine wilde Kraft mich aus wie einen Baum,
ril mich zum heiligen Thoraschrein,
dort nahm ich schnell die Thora heraus,
hab statt ihrer das Kind geborgen.
2
Da ist ein Trank – du trinkst ihn und kennst nicht
seine schreckliche Kraft.
Und wenn dich seine Trunkenheit einfängt,
dich ausbrennt, deine nackten Sinne erblinden macht,
dann fühlstdu dich brennend nüchtern
und spürst nicht:
du selber bist der fleischerne Becher
und trinkst deine eignen, entfesselten Säfte.
Und was du siehst, das ist die Ordnung
von ewig her:
Freiwillig gehn sie in Reihen zum Tode,
begleitet von Bajonetten wie von Beschützern.
Denken dabei: Der Geist wird bleiben…
Irgendwo lebt noch ein Sohn, ein Verwandter…
Gut, daß du auch jetzt nicht allein bist,
Häuser begleiten dich – versteinte Gedanken,
auch Gassen,
und Frauen mit hügligen Bäuchen.
Du träumst, bald wird mit dir ein Wunder geschehn,
ein Umzug
in eine andere Wohnung
mit Fenster
in einen stillen, reifen Garten.
Doch als plötzlich ein eiserner Augenblick
meine trunken-tauben Glieder befällt –
so wie ein Sperber mit scharfen Fängen
die aus dem Schlaf geschreckte Taube schlägt –
bin ich meinem eignen Schädel begegnet…
und gebrochene Finger strecken sich fragend,
und wie dem Ezechiel im Tal der Gebeine
springt mir machtvoll eine Vision entgegen.
Eisenwände gegen Eisensterne
umfangen ein eisernes Gefängnis,
und wie ein eiserner wirrer Gedanke
knäueln sich Menschen in eiserner Agonie.
Wer brachte sie in die Nacht des Kol Nidre?
Wer kann ihnen helfen, den Arm hinstrecken?
Mir schien, ein Erdstoß auf einem Friedhof
hat sie aus wurmigen Gräbern geworfen.
Sind das Leichen? Sie reden doch, lächeln
im eisigen Milchstraßenlicht,
und im Winkel zittert ein Säugling,
drängt sich hin zur Milch seiner Mutter.
auf Schädelsplittern, verhängte Vernichtung?
Wen es nicht Leichen sind – was warten sie ruhig
Wie Spinnweben sind die Eisenwände –
Juden, verschwört euch gegen den Tod!
Verstreute Gebeine, findet zusammen!
Tut euern Schlag, verbundene Ströme!
Die letzten im Leben, die ersten im Tod.
Laßt nicht die mächtige Saat zertreten!
Morgen, wenn rot die Zerstörung kräht,
werden die Gruben sich öffnen wie Türen.
Juden, ein Zauber narrt euch von fern –
verbrennt ihm die Augen, überrennt ihn!
3
Inmitten der Nacht, als zu den Sternen
Hunderte Atem stiegen,
wie Knechte auf den Knien,
und die Menge lag erstarrt, die Gesichter
dem gekreuzigten Schicksal zugewandt –
schwebte ich zwischen sich windenden Leibern,
die sich wie ein
Spiegelrad drehten,
jeder für sich und
als Teil von mir.
Der Greis im Gebetsschal,
betend wie zuvor –
statt Seufzer hört e r
Gesang der Engel.
Die Mutter drückt ein Nichts an ihr Herz.
Ein umschlungnes Paar,
wohl Bräutigam und Braut.
Ein Jude, der am Haken hängt
wie auf dem Fleischmarkt.
Und einer, der sein Gold ins Tuch knotet.
Ein Mann mit einem Rasiermesser in der Hand.
Ein junger Kerl, der singt:
»Das wird schon der Letzte sein…«
Und die Frau mit dem offenen, pochenden Leib,
der sich epileptisch
dem Mond entgegenbäumt.
Mir schien, ich war
jeder von ihnen,
mit jedem der Leiber
blutig verschmolzen.
4
Doch schon war mein scharfer Blick gefesselt
von einem Gesicht – schon pfeift und rieselt
die Sehnsucht – Flamme unter dem Eis.
Aus dem Dunkel quillt ein vertrautes Antlitz.
Mond, komm aus den Wolken, komm näher!
Schneller, beleuchte mir diese Züge!
Es leuchtet der Mond, und ein Funkenwirbel
dreht sich in mir, immer tiefer ins Hirn,
und bohrt die Gestalt hinein.
Meine Seele springt auf wie ein Fenster:
Er ist’s, mein verschwundener Sohn, mein Jome!
Wie hab ich begehrt, ihn zu sehn.
Begehrt – und jetzt: Mein Gebet erhört,
jetzt vor dem Ende, er weils es nicht,
ich seh, wie ruhig er dämmert.
Die Wangen verdorrt, zernagt von Schmerz,
dunkel und bleich wie Schatten im Schnee.
Vom Winde struppig der Bart.
Wie einsam die Falte auf seiner Stirn.
Die spitze Mütze mit dem blutroten Stern.
Und sein Leib im zerschlissenen Mantel.
Lippen im Fieber,
irre vor Freude.
Schreckt ihn nicht auf
mit eurer Rede –
soll er noch dämmern.
Soll er kaum spüren,
wie liebend zart
ihr seine blutigen
Füße berührt
mit ungesagten Wörtern.
Woher? Wer hat ihn
hier hergebracht?
Wie rein ist sein Atem,
beflügelt die Nacht,
die Nacht des Kol Nidre!
Stiller, nicht fragen.
Ich bin wieder allein.
Die Nacht sägt an mir
mit scharfem Weinen,
schon sind mir die Worte zersägt.
Ich schau auf meinen Nachbarn im Kerker:
alles so offen, und alles geheim.
Die Augen zucken
wie Lichter im Nebel,
es beben die breiten Nasenflügel,
sie wittern
Heimisch-Vertrautes.
E r kann meine steinerne Maske zerbrechen
und die brennenden Blicke spüren!
Nein!
Er darf seinen Vater nicht erkennen.
Tausendmal schwerer wäre der Abschied.
Ich muß das Geheimnis in einer Form verschließen.
enn es gibt eine Freude, so giftige Freude,
die größten Leiden sind ein Spiel dagegen.
Ich:
5
Ich:
Verzeiht mir, darf ich Euch helfen? Die Nacht
ist blendendweiß, als hätt soeben einer
den Mond zu euren Füßen ausgegossen.
In seinem Lichte aber seh ich deutlich
ein Schnürchen Blut, ich seh es schwärzlich rinnend
von den offnen Wunden an den Füßen.
Mein Freund, ich will euch helfen, sie verbinden.
Mein Sohn:
Ach, danke, aber besser: lasst es rinnen.
Sich eignen Willen vor dem Schikcksal retten
Ist besser als durch sie…
Ich:
Da ist kein Besser.
Sein Morgen hat noch keiner in der Hand.
So war es immer schon, so ist es jetzt.
Und Ihr – seid stark, jagt nicht den Willen fort:
Ihr lebt, und also dürft Ihr nicht verbluten.
Denn Blut, es ist
Gefangensein gewohnt,
im Gegensatz zu uns…
Und was der Morgen bringt,
ist ein Geheimnis,
das e r selbst nicht weiß.
Mein Sohn:
So dunkel denken bin ich nicht gewohnt.
Klar ist mir das Geheimnis, und der Morgen offen.
Denn wenn ein Bergstrom in die Tiefe stürzt,
wird er danach nicht in die Höhe strömen.
Ich fürchte keinen Tod. Ihr seht, ich bin
ein Krieger, und bin Rotarmist,
und ständig haben Tode mich begleitet
wie den berittnen Jäger seine Hundemeute.
Mein Körper hier, e r war zu allen Zeiten
wie eine feste Rüstung, gut geschmiedet,
und wenn des Feindes Kugel ihn durchschlägt,
dann kämpft man weiter, mit dem blanken Schwert.
Und fällt das Schwert, so kämpft man mit den Händen,
es wird ein jeder Finger hier zum Messer.
Und brechen diese Messer, bleibt: ein Sprung
mit deinen Zähnen an des Feindes Kehle.
Das hab ich alles damals eingebüßt,
bin stillgelegt, und kann mich nicht erheben.
Jetzt ist der Wille knechtisch, ohne Kraft.
Ich liege in der Stadt, woher ich kam,
die Füße sind verwundet, und ich warte…
Ich:
Ihr stammt aus Wilne?
Mein Sohn:
Ja, ich bin geboren
in Sawls Hof, man ruft mich Jome Kagan.
Und ach, wie glücklich wäre ich, wenn hier
ein Gruß von Vater-Mutter mich erreichte,
ein Gruß zu mir, nicht umgekehrt wie jetzt.
Die Liebe, mir im Leibe fast erloschen –
sie glüht mir wieder auf in frischen Farben.
Ich:
Kann sein, dein Vater lebt, wart nur, ich kenn ihn…
Ich hab im selben Hof gewohnt, mit ihm zusammen.
E r heißt Sacharja, nicht?
Mein Sohn:
Jaja, so ist es…
So habt Ihr ihn gesehn? Da hat sich wohl
seine Gestalt in Eure eingegraben.
So kommt doch näher, laßt mich ihn erfühlen.
Und hat er, wenn e r sprach…
Ich:
Er hat so oft
von seinem Sohn, dem Altesten, erzählt.
Wie lang habt Ihr den Vater nicht gesehn?
Mein Sohn:
Vor zwanzig Jahren bin ich weggelaufen
in die Ukraine, mit Petljura kämpfen.
Der wurd erschlagen. Und dann blieb ich dort.
Hab mir ein Haus gebaut und eine Frau gesucht,
hab dann studiert, in der Akademie,
nie den Soldatenmantel abgelegt.
Daß man mich »Schid« ruft, hab ich ganz vergessen,
vergaß, daß man noch nicht vergessen durfte.
Und dann, es ist erst ein paar Wochen her,
da hinter Kiew, in der großen Schlacht
hat mich der ekelhafte Feind verwundet,
hat mich in meine Heimatstadt getrieben.
Hier hat mich dann ein Denunziant entdeckt
und hat mit seinem Stock auf mich gezeigt:
Der Mann ist nicht von unserm Stamm! Man nähte
mir spitze Flicken auf den nackten Leib
und hat mich dann verwundet hergebracht
zusammen mit der großen blinden Judenmenge,
die meinen Leib auf ihren Armen trug,
weil ich schon selber nicht mehr gehen konnte.
Und jetzt, was kann ich tun? Ich weiss, schon morgen
wird mir der letzte Atem kühl wie Blei.
Und ich bin stolz, zu sterben als ein Jude,
gemeinsam mit den Meinen… Doch warum
hab ich mich fangen lassen wie ein Tier –
und wenn mir auch der Leib zerschossen war –
warum nicht mehr gekämpft,
mit eignem Willen
und wählte: Gnade –
das ist ganz entsetzlich!
Ich:
Nicht immer tut uns der Gedanke gut.
Denn manchmal wankt der Wille wie ein Strohhalm,
und Schrecken ist so grundlos wie die Freude.
Warum, mein Lieber, sucht Ihr nicht das Wort,
das all das Sterben hier in sich hineinsaugt
von zehn, von tausend, vielen tausend Juden –
die man nicht in der Schlacht verwundet hat -,
noch rüstig lebend gehen sie gehorsam
zum Totental, wie ich, wie sie, wie alle.
Doch Ihr seid auserwählt? Doch Ihr seid besser?
Mein Sohn:
Als erstes bin ich Kämpfer, bin ich Krieger…
Einstmals hat sich, in gutem Augenblick,
der Vater mir gezeigt, in Nebelschwaden.
Sah aus wie Ihr, und war im selben Alter,
und hat geredet ganz wie Ihr – ein Zufall!
Da bat ich ihn: mein Vater, lieber Vater,
ein Messer nimm und öffne mir die Brust,
und laß mein Leben frei, o laß es fliegen
so wie den Vogel aus dem Feuerkäfig.
Jetzt will ich Euch, den Fremden, darum bitten…
6
Glassplitter zerschnitten meine Zunge,
und ihre Schärfe zerschnitt meine Worte in Schande.
Sein Blick riß mir die Haare aus wie Büschel Gras.
Ich bin verstummt, stumm hörte Gott mein stilles Wehgeschrei:
»Sättigst du dich wieder an meinem geheimen Jammer?
Webst aus mir heraus das unendliche Leid?
Warum bin ich nicht roher Lehm, als Teil von deinem Lehm?
Warum ist dir mein Geist ein totes Aug, im Sturm gefangen?
Gebetet hab ich – du hast mein Gebet in Fleisch verwandelt.
Ich fand den letzten Sohn, ich fand ihn vor dem Sterben.
Zum Schatten wurde ich, an dem die Hunde nagen,
sie lecken ihn mit Lust wie Kandiszucker.
Bin ich für dich denn nichts als ein Exempel?
In deine große Weisheit spei ich Galle.
Rette mein Kind – sonst muß ich ihn erstechen,
aus Rache, mit Gesang und einem Lächeln.
O rette! Hundertmal bin ich bereit zu sterben!
Verkleide dich als Wächter, brich durchs Tor!
Zeig, du bist da, hör meinen Schädel splittern.
Meine zerborstne Trauer wird dich sonst verfluchen!
Ich reck die Faust hochauf zu den Planeten:
Du bist ein Schurke, deine Güte, deine Gnade – Lüge!
Dein Welthaus stürzt von all den Flüchen ein,
und beide liegen wir, verbrannt zu Asche.«
7
In Fieberschrecken lauert das Gehör
auf eine kleinste Antwort. Tritte. Zeichen.
Ich fühl den Abgrund einer kleinen Träne. Und die Nacht,
wie ein Schlachtmesser liegt sie auf meinem Gesicht…
Der Mond saugt sich in Wände, in die Ziegel ein.
Der Osten glüht mir wie ein Stahl entgegen.
Ich faß nach meinen Schultern: Wuchsen Flügel?
(für ihn – da hätt ich sie mir abgerissen…)
und werfe mich mit einemmal
zur Erde: wird da keine Stimme laut,
ein Wort, ein Name?
Die Erde lebt, doch ist sie ohne Zunge.
Der glühendweiße Stahl zerfließt in Strömen.
Die Schläfe klopft, das Ohr, es wird zur Falle.
Und das Gefängnis schmilzt, als wär es Wachs?
Kann nicht ein Wunder durch die Mauer brechen?
Kann nicht das Gras ins Riesenhafte wuchern,
ein wilder Wald, in dem man keinen fängt?
Still.
Wild jagen die Gefühle mir voraus,
erspüren
den Ruch des schwebenden Erlösers, und zugleich
kommt mir die Erlösung entgegen
wie ein stiller Fluß
zwischen klagenden Ufern.
Ich streck die Hand, nach meinem Gott zu tasten…
Ein Augenblick, ein Griff… ich hab ihn, da!
Und durch den Hot, in brauner Unitorm,
die Hände edelsteineüberwuchert,
mit Ehrenkreuzen auf dem rechten Arm
und seinen Blick der Erde zugewendet,
zeigt sich der Deutsche. Seine Stiefel glänzen
in echtem Arierglanz.
Die Menschenmaske völlig ungerührt,
versteinert. Nicht das kleinste Fältchen.
Und einen Kalbfuß mit dem langen Ende
wippender Drähte hält e r in der Faust.
Damit ist er gewohnt, ganz marmorkalt
mit Peitschenschlägen pfeifend aufzuwecken
die Opfer, kaum noch lebend vorm Erschießen.
Er hat sie eigentlich doch lieb, gewiß.
Die neue Goldmedaille ist ihm das Gewissen.
Und sieht e r an der Seite Mädchenbeine,
weiten sich ihm die Nasenlöcher: bald
wird sie ihm ganz gehören. Erst einmal
die Kugel – da, jetzt wankt das Mädchen, fällt,
und fallend – wie bezaubernd ist die Szene!
Zupacken!…. aber gleich beherrscht er sich –
es könnte jemand die Gedanken hören.
Die seltne Sammlung Blut gehört nur ihm allein,
sonst hat kein Lebender ein Recht daran.
Mit einemmal ein peitschendes Geheul:
»Jetzt alle aufstehn!« Und die müden Juden,
sie springen auf aus all dem grauen Knäuel,
als wollt sie jemand Hand an Hand verschmieden.
Und nin durch das erstarrende Spalier
marschiert der Herr, das Antlitz morgendlich:
»Und ich bin euer König, kniet vor mir,
und schreit dabei: Es lebe unser König!«
Die Masse – wie erstarrt. Man sieht sich heimlich an.
Still. Und sogar die Stummgeborenen
bekommen Sprache, und man schreit: »Er lebe. «
Sie fallen auf die Knie, und jeder sucht
dem König zu gefallen: Wenn… Vielleicht…
Und er allein, von keinem noch begleitet,
kühl steigt er auf die Rücken, seine Peitsche
pfeift in das lachende Gewimmer.
Und auf ächzende Knochen tretend
mit sicherem, gebieterischem Tritt,
bemerkt e r mitten im Gewühl, da – einer
hat das Gebot des Königs nicht erfüllt.
Am Boden liegt er, und die Sonne brennt
in seine Wunden wie in frischen Morgentau.
Und wie an seine Füße angebunden
ein alter Mann, schon grau und sehr gebrechlich –
der Vater bei dem Sohn. Und im Gesicht des Königs
schwillt das Geäder an, als säße insgeheim
dort eine Spinne, ihre Fäden webend.
Will jemand seinen Thron ihm streitig machen?
Und mit dem Kalbsfuß jetzt ein Peitschenschlag:
»Ist da wer, der sich mir entgegenstellt?
Das lieb ich… Solche Juden kenn ich nicht.«
Und ihre Blicke kreuzen sich – elektrisch –
erst einen Augenblick, dann sind es zehn…
Der König hält’s nicht aus und schreit in Wut:
»Wer bist du, Hund, wo hast du das gelernt?
Ein roter Stern sogar? So laß mich sehn,
wie du dich trotzdem vor mir beugen wirst.«
Doch plötzlich: Plopp! Den König trifft ein Stein,
ein Stein der Schande, trifft ihn auf sein Maul.
Und das von der gebrechlichen Gestalt,
die ihrem Tod entgegensieht, ganz kalt und offen.
Der Herr ist bleich, verstört, die Finger zucken.
Es fällt die Krone. Er will schreien: Wächter!
und hält das Wort zurück. Man hört ein Kreischen,
gemischt mit Furcht und Gier, und mit Gelächter.
Die bleichen Lippen werden blau wie Milz.
Doch kämen Bajonette ungerufen
aus allen Ecken hergeflogen – er
würd beide Opfer mit den Armen schützen.
E r ist noch Herr, und seine Ehre wiegt,
und die Gewalttat wird er selber tun.
Nicht nur mit einem Schlag und einem Schuß.
Schnell schlängeln sich die blutigen Gedanken:
Den trifft die Folter bald in vollem Maß…
»Euch beiden schneide ich die Zungen ab,
dann hört nur noch ihr selber eure Stimme…«
Dann kommt Barmherzigkeit in seine Rede,
und all sein Grimm verwandelt sich in Gnade:
Aus einer Silberscheide zieht er einen schmalen,
geschliffnen Dolch, beugt sich zu mir herüber
und gibt ihn mir gelassen: »Tu es du,
es wird dein Kopf dafür mit nichts bezahlen!«
Und da… im Augenblick, sobald der Dolch
hier diese Hand berührte, hat ein anderer,
aufleuchtend tief in mir, die Kraft gegeben,
mich hochgehoben wie auf eine Leiter.
Und ich erblickte im metallnen Spiegel
die Augen meines Sohnes, blutverschleiert.
Ach, kein Erlöser kam. Und keine Flügel wuchsen.
Die blutigen Glieder sah ich zittern, zucken.
Und ihm zukopfe, lächelnd, stand der Henker
und pfif sich was – ein Voger in den Zweigen.
Bald wird er meinem Sohn die Haare teeren,
und mit Skalpellen wird er ihn zerschneiden…
Gott hat mir all mein Beten nicht erhört,
er macht gemeine Sache mit dem Schinder.
Abfasten wolln sie nach dem Schlußgebet.
Vier meiner Söhne, und e r ist nicht satt…
Mit einem Sprung stieß ich das blanke Eisen
dem lieben letzten Sohn in seine Brust:
Das kann dein Vater tun. Das kann er zeigen
vor ihm, der so voll Gier ist, dich zu quälen.
8
Und was geschah? Die Erde, sie zerbarst nicht.
Die Sonne stürzte nicht herab, den Kopf aufs Pflaster.
Nur Totenwagen haben uns wie Wolken eingeschlossen,
eingeschlungen,
und fuhren uns dorthin,
w o Krähen sich mit Abscheu erhoben
und sich wie schwarze Früchte
an die gelben Zweige hängten
in Erwartung des neuen, reichen Festmahls.
Als der Wespenschwarm der Kugeln
mich wieder verschmähte –
war er zu satt
oder mein Fleisch zu bitter? –
überfiel mich, den Überlebenden,
eine schwarze Krähe,
und mich, der noch atmete,
hackte sie in die Stirn.
So hat er selbst, ein Jahr danach, erzählt
im Getto, zu Kol Nidre, er persönlich,.
der hiobhafte Jude, und er schälte
vor mir sein Schicksal ab bis auf die Knochen.
Ruhig die Stimme,
ein Quell im Tal,
von Mondlicht übergossen.
Ich hab gelacht:
»Wer gewinnt die Schlacht?«
hab sein Los in mein Herz eingeschlossen.
Beendet am 6. Februar 1943 im Wilner Getto
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

MEINE RETTERIN
Wer bist du, lichte Greisin, erzähle –
versteckst einen Fremden in heimlicher Höhle
und bringst mir Milch, die heimisch süße,
den Schafspelz für die erfrorenen Füße,
und Brot und Traum, warm und vertraut,
und Lächeln – Gesang deiner faltigen Haut.
Der Wind hat Zelte aus Schnee gewoben –
ich bin wie ein Wind hindurchgestoben,
und hinterm Rücken jagte die Welt,
eine Welt, die sich gegen Welten stellt.
Im vielen Schnee hab ich, einsam, verhärmt,
am Wolfsfeuer mein Gebein gewärmt.
Eine Mutter war, eine Wiege auch.
Heut erstickt die Welt in Krieg und Rauch.
Ich schwor mir: Was auch immer geschehe,
ich werd in die siebente Hütte gehen
und hoffe dort auf tröstende Worte
und klopfe an. – Schon knarrt die Pforte.
Du kamst mir entgegen im Kranz von Licht.
Ganz unerwartet war ich nicht,
da dich mein eisiger Bart nicht erschreckte
und das Messer, das mir im Gürtel steckte.
Du sahst in meinem weißen blanken
Gesicht all meine wirren Gedanken.
Unter der Diele grubst du die Höhle
fürs Bett, für ein Lämpchen mit gutem Öle,
Luft, weich wie mütterliches Haar,
wie Kindheit ohne Ort und Jahr.
Für mein Gedicht brachtest du mir
ein kirschblütenweißes Blatt Papier.
Dann spie ich Blut in der heimlichen Grube.
Du trugst mich auf Händen hinauf in die Stube,
hast mich gebettet, und nachts, verstohlen,
gelang es dir, einen Arzt zu holen.
Und hast – ich sah es, von Fieber durchglüht –
mit dem Kreuz vor meinem Bett gekniet.
Dann ward mir deine Güte leid.
Der Schnee hat die Schatten nicht zugeschneit.
Kinder würgten mich in der Nacht:
»Was hast du aus unsern Tränen gemacht?«
In eisiger Mondnacht bin ich entwichen,
hab mich ins Getto zurückgeschlichen.
Du hast mir meine Flucht vergeben
und halfst mir weiter beim Überleben.
Dann hast du ein ander Verlangen erfüllt:
Heilig Brot, das heilt und den Hunger stillt.
Du brachtest mir, worum wir baten:
im Brotlaib fand ich die Handgranate.
Und als ich auf den Feind gezielt,
da hab ich mich dir nahe gefühlt.
Auf Händen trugst du mein Gewicht
die Treppe hinauf ins Sonnenlicht.
Ich seh deine Hand, die auf meiner liegt –
ein Riß, und die Granate fliegt!
Wilner Getto, 5. März 1943
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
AUF DEN TOD MEINER RETTERIN
Dem Andenken von Janowa Bartoschewitsch
Ohne dich, meine Retterin,
hätt ich doch nie und nie
Jerusalem gesehn.
Meine Gesänge hätten,
unterm Schnee, wie das Blut Sacharjas’ zu den Sternen geschrien,
und die Sterne hätten sie nicht gehört.
(Sie auch waren jüdisch
in grünen Fensterscheiben meiner Stadt,
und sie verwesen jetzt ohne Grabstein.)
Ohne dich, meine Retterin,
hätt ich das Leben, das voll Leben war,
selber zerschneiden müssen.
Und mein schläfriges Töchterchen, mein Trost,
hätt nie den Vater so wunderbar fragen gekonnt:
Wieviel Jahre war ich, eh ich geboren war?
Jetzt ist Regenzeit,
und bis zum Hals bin ich in der Menge –
mit Quellenhänden hängen sie an mir,
über Abgründe soll ich sie hinübertragen.
Und siehe: Da kommt eine Wolke, in der Wolke ein Keller,
und du, im Kopftuch, eine Wiese zwischen Galgen,
gebeugt über mich – einen Berg von Wunden.
Meine Retterin, nach Jerusalem kommst du als Regen.
Für deine Seele zündet ein Regenbogen.
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
WEIZENKÖRNER
Höhlen, so öffnet euch!
Ich hack und hack.
Eh mich die Kugel trifft, bringe ich
Gaben im vollen Sack.
Alte Handschriften-Blätter
mit Purpur und Silberhaar,
pergamentene Wörter
durch Tausende grausige Jahr.
Wie einen zarten Säugling
beschütz ich das jiddische Wort,
schnuppre in jeden Berg Papier,
rette den Geist vor Mord.
Ich streck die Arme ins Feuer –
was ich da retten kann:
von Worms, Livorno, Madrid,
Jiwo und Amsterdam!
Das heilige Blatt beschwört mich,
es verweht in Rauch und Wind.
Gedichte drängen: Birg uns
im heimlichen Labyrinth!
Grab ich und pflanz Manuskripte,
und geht mir der Mut verlorn,
dann denk ich an Ägypten –
die Geschichte vom Weizenkorn.
Und ich erzähle den Sternen:
Einst baute ein Pharao
seine Pyramide am Nil
und fand nach seinem Tode
da sein ewiges Domizil.
Man hat auch einen goldnen
Sarg hineingestellt
voll Weizen – zum Gedenken
an unsere Erdenwelt.
Neuntausend Jahre lang haben
Wüstensonnen gebrannt,
wo man, erst vor kurzem,
die Weizenkörner fand.
Nun hat man nach all den Zeiten
die Körner ausgestreut,
und mit sonnigen Ähren
blühen sie erneut.
Auch in unseren Wäldern
geht das Licht seinen Lauf,
und zu guter Stunde
blüht Vergrabenes wieder auf.
Wie es uraltem Weizen
wieder zu blühen gelang,
also nähren die Wörter,
also gehören die Wörter
dem Volk bei seinem ewigen Gang.
Wilner Getto, März 1943
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
JEHOASCH
Die Erde – ein blinder stockender Fluß,
und auf dem Fluß – ein Bündel kranker Hauser
wie Reste eines Schiffs…
In ihrer Tiefe –
die Seelen ausgehauchter Stunden.
Und Kinder in den Winkeln –
graue Tauben im Sturm,
verklammert in ihre letzte Müdigkeit.
Das Bündel Häuser treibt stromab,
entgegen kocht ein Strudel,
bei jedem Blick immer näher.
Abschied.
Zerberstende Frühe.
Wörter scheiden von den Dingen, vor ihrem Ende.
Noch ein Augenblick,
noch,
und
mit einemmal –
ein Name, heilig geschmiedet aus altem Gold:
Jehoasch.
Und schon vergeht mit den Kirschblüten
die ohnmächtige Trauer.
Blaue Quellen, mit Sonne auf dem Grund,
ziehen vorbei an nächtlich-flatternden Scheiben
und warten, daß man sie öffnet.
Und statt der Gruben und Keller
türmt sich zwischen Zedern ein Tempel
mit Säulen, modelliert
aus den Gebeinen der Generationen.
So ein machtvoll erwachter Festtag!
So eine leuchtend-richtige Erkenntnis!
Jedes der sterbenden Kinder in den Winkeln
ist jetzt in einen jungen Propheten verwandelt,
gewaschen im ersten Tau
der schneeweißen Rosen.
Und auf den Lippen –
Segen und Prophetie,
verwoben mit Gesichten
von erlöster Freude
und von jubelndem Volk.
Der Tod selber erschrickt vor der Schönheit
und vertreibt
seinen schlammig-blakenden Strudel – –
Wilner Getto, 6. April 1943
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

DER FIEDLER VOM GETTO
Da seine Lieder nimmer klangen,
die ihm das Leben einst beseelt,
sind Traum und Wahrheit ihm vergangen:
Die Fiedel hat ihm sehr gefehlt.
Mit ihrem Klingen ging verloren
sein Feuergeist, der nun verschwelt.
Nie wird ein Wunder mehr geboren,
die Fiedel hat ihm sehr gefehlt.
Er hat sie in geheimer Trauer
vergraben wie ein Fläschel Wein
jenseits von Tor und Gettomauer,
sollt nicht mit ihm gefangen sein.
Jedoch was ist er ohne Geige:
ein Bündel Knochen ohne Sinn.
Es rinnt die Zeit und geht zur Neige,
und wie sie kommt, so geht sie hin.
Die Träne ist nurmehr ein Tropfen,
ein Wort ist wie ein Staub im Wind.
Die Abendröte ihm zukopfe
wird grau, noch ehe sie zerrinnt.
Die Menschen leben wie in Spiegeln.
Man lebt und weiß nicht, was man tut.
Und Blut auf Steinen und auf Ziegeln
weiß nicht, daß es genannt ist: Blut.
Mit einem Spaten, spät am Abend,
schlich er sich zum zerstörten Haus
und hoffte, nach der Fiedel grabend,
gräbt er am End die Hoffnung aus.
Wie giert er nach der Fiedel: trinken
Will er aus ihrem Quell das Licht.
Er wühlt und gräbt, und sieht sie blinken,
sie drängt sich aus der Erdenschicht,
er beugt sich, greift mit beiden Händen:
Daß er die Fiedel wieder hat!
schleicht leise an den Häuserwänden
zurück in seine Judenstadt,
und vor denselben grauen Steinen
spielt er in heißem Überschwang.
Da regt es sich in den Gebeinen,
und wie ein Herrscher geht der Klang.
Und Wörter freuen sich wie Kinder,
und Kinder werden gar Musik.
Sie ist ein Todesüberwinder –
aufsteht, wer lange schon entschwieg.
Und Massen kommen aus den Gruben,
Gefährten, angetan mit Tau.
Er findet seinen toten Buben,
und dort ist auch die tote Frau.
Und jeder wird von diesen Tönen
gestärkt und innerlich erhellt,
und Tränen sind nun keine Tränen –
in jeder läutert sich die Welt.
Und alle gehen, alle gaffen
und sehen sich zum erstenmal.
Der Klang hat alle neu erschaffen
zu neuer Freude, neuer Qual.
Und Blut auf Steinen wird zu Stürmen,
als Flagge wird das Wort gehißt.
Wie Keller sich zum Himmel türmen!
Und jeder Mensch ist – der er ist.
Wilner Getto, 17. Juni 1943
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
DAS MÄNNLEIN AUS BROT
Die Sonne geht. Es brennt nun immer heller
des Hungers Licht.
Die Finger kneten, formen sich im Keller
ein Brotgesicht.
Und dies Figürchen hab ich mir erkoren
zum hohen Mann.
Ein kleiner Mensch aus Brot, ganz neu geboren,
er guckt mich an.
Und nun: wir sehen schon, da schwebt er
aus meiner Hand,
wir sehn: sein kleiner Schatten, schon belebt er
die tote Wand.
Und dieses Menschlein, höret nur, d a spricht’s:
»Mächtiger Held,
dir ist jetzt so ein kleines Nichts
zum Herrn bestellt.
Wie blinde Hunde werf ich deine Sinne
in den Sack.
Ich streck die Faust zu deinem Mund: Werd inne,
welch Geschmack!
Ich will – mein Lächeln kann dich zwingen,
daß du, mein Knecht,
vor mir auf Knien liegst, um mir zu singen:
Du hast ja recht.«
Ich springe auf: »Du wirst mich nicht versklaven.«
Denn mein Gebiß,
das beißt janicht, was ich mir selbst erschaffen.
Doch sich? Gewiß.
Die Brotfigur wird satter, immer satter,
je mehr ich beiß,
nimmt meine Seele auf in ihr Geflatter –
für sich zur Speis.
Wilner Getto, August 1943
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
HEUT ODER MORGEN –
kommt schon der Friede,
mit Sternen und Wein
tanzen die Schenken.
Wer wird sich entsinnen
des letzten Zigeuners,
gefesselten Adlers
Aleko?
Und tot ist mein Mädchen,
mein Pferd – gefangen,
sein goldenes Eisen
hat man gestohlen.
Es weiß doch nicht einer,
daß du auch, mein Messer,
zerbrachst –
zwischen den Rippen des Feindes…
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
ICH TRAG MIT MIR EINEN ROTEN ZIEGEL,
der schwarz beschrieben ist mit Ruß:
Schon brennt der Turm an beiden Flügeln,
verflogen ist mein letzter Schufs.
Es bleibt mir nur der Sprung vom Dach.
Du siehst mich, Volk, in letzter Glut –
o halte mein Gedächtnis wach,
ich heiß: Der unbekannte Jud.
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
DER DU VORBEIGEHST, STEH! BEI DIESER WAND
hab ich verteidigt dich, du Unbekannter,
und schrieb dir dies, vom Tode kaum ein Haarbreit
entfernt. Berühr die Worte mit der Hand,
denn sie sind Adern. Trittst du ganz zur Wand her,
hörst du: in ihnen pocht die heiße Wahrheit.
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
MEIN SOHN AWIGDOR SCHARF IN TEL-AVIV:
Ich schreib rasch vor dem Ende diesen Brief
da auf das Pergament hin, das ich trag,
um meinen Hals gebunden.
Hör, was ich sag:
Nicht klag,
doch grab die Erde auf, bis du gefunden
ein Schädelstück. Als wäre ich’s im ganzen,
nimm diesen Knochen mit, ihn einzupflanzen
im Garten dort, wo deine Kinder tanzen.
Wilner Getto – Moskau – Lodz, 1943-1946
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
UNTER DEINEN WEISSEN STERNEN
Unter deinen weißen Sternen
streck mir deine weiße Hand.
Meine Verse, die sind Tränen,
suchen Ruh in deiner Hand.
Sich, ihr Funkeln wird schon dunkel
hier von all dem Kellerblick.
Und ich finde keinen Winkel,
gäb sie dir so gern zurück.
Und ich gäb dir, Gott, getreuer,
alles, was ich nur vermag.
Denn es mahnt in mir ein Feuer,
und im Feuer – jeder Tag.
In den Kellern, in den Löchern
klagt die mörderische Ruh.
Lauf ich höher – über Dächer,
und ich suche: Wo – bist – du?
Seltsam jagen mich die Stufen
und die Höfe mit Geschrei.
Ach, ich bitte: Hör mich rufen,
meine Saite riß entzwei:
Unter deinen weißen Sternen
streck mir deine weiße Hand.
Meine Verse, die sind Tränen,
suchen Ruh in deiner Hand.
Wilner Getto, 1943
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
STRASCHUN -STRASSE 12
1
Durch Gassen jagt das Militär –
sie brennen, rauben und morden.
Verstecken hundert sich in der Erd,
wissen nicht: was ist droben geworden.
Sie liegen müde, sie liegen grau,
und keiner hat ein Licht,
hundert Nachbarn liegen erstarrt,
und man sieht kein Gesicht.
Jeder Schattengeist trägt den Funken in sich,
sichtbar nur für den Geist,
der Funke ist weißer als der Schreck,
der sie alle zusammenschweißt.
Beleuchtet der Funke den Herzensgrund,
so wie im Brunnen ein Stern.
Im Herzen ein Weinen, tiefer jedoch
ist eine Weise zu hörn.
Wenn Leben stark ist wie der Tod,
wozu ist der Glaube gut?
Es verstecken sich hundert in der Erd,
wissen nicht: was sich oben tut.
Da oben jagt das Militär.
Man schleppt des Volk zum Gemetzel.
Es wehren sich dort für ihr Volk
Juden von Lite, die letzten.
in Mädchen wirft die Granate hin,
die Deutschen sind verwundert.
Doch eine Zündschnur raucht schon bald,
ein Haus begräbt die hundert.
2
Und die Erstarrten hatten gehofft,
der Schreck geh vorbei an ihnen.
Umsonst der Trost, denn als Henker kam
der Hunger n die Malinen.
Der Henker Hunger zeigt den Strick,
will Zins von den Schatten der Gruft,
verschließt die Rippen mit einem Reif
und verbreitet Bratenduft.
Er zwingt dich: da isst du feuchten Sand.
Er wird deinen Schlaf zerstümmeln.
In Honig verwandelt er den Gestank,
malt dem Auge ein Brot mit Kümmel.
Und zuckt auch nur ein einziges Wort,
erstickt er’s mit schwarzem Geifer.
Der mundet jedem nach seiner Art,
dann – haßt er die Freunde mit Eifer.
Keiner hört es, auch nicht die Nacht,
was niemand hören darf:
Er speist die Nase mit Menschenfleisch,
macht die dumpfen Zähne scharf.
Scharren und Rascheln und Schattentritt,
sie kriechen auf Bäuchen und Steilsen,
und ihre Zähne vornean,
wo sich Münder in Münder verbeißen.
Da oben flackert die alte Stadt,
samt dem Sommer vom Feuer verschlungen.
Und in der Asche liegt der Prophet
mit ausgebrannter Zunge.
Narotscher Wälder, 10. November 1943
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

SING KEIN TRAUERLIED
Sing kein Trauerlied,
entehre die Trauer nicht.
Worte verraten.
Namen wandeln sich
ins Gegenteil.
Blick auf den Schnee,
beleuchte mit seiner Ruh
dein Erinnern.
Licht ist die Sprache deines Herzens.
Und du
bist neugeboren.
Streck deine Finger zum Schnee,
zu den kalten
Geweben.
Wecke in ihnen
das verborgene
Leben.
Narotscher Wälder, 5 . Februar 1944
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
IZIK WITENBERG
1
Seh ich dich wieder
wie einst am 16. Juli, im Morgengrauen,
auf einer Erde, die sich hoch und nieder schwingt
als geschlechteralte, beinerne Waage,
dann sage ich:
er wiegt schwerer, dein heutiger Tag.
2
Zwanzigtausend
Letzte,
Müde,
gewaltsam wecken sie ein Wunder.
Hundert proben den Aufstand
Nacht und Tag.
Da kommt der Satan
und bietet den zwanzigtausend
solches an:
»Sucht ihn unter euch, den Stolzen,
findet ihn in geheimer Festung,
ihn, der das Getto verschmolz,
um gegen mich aufzustehn,
er, der nicht aus meinem Pokal
das schwarze Feuer
des Irrsinns trank.
Zwanzigtausend
hoch und nieder,
zwanzigtausend
für einen Kopf.
Zeit –
bis die Sonne aus dem Tag verschwindet.«
Und es schwingt sich die Erde hoch und nieder
als geschlechteralte, beinerne Waage.
3
Seh ich dich wieder,
gelehnt auf ein Gewehr wie eine leuchtende Schwinge,
zwischen deinen Brüdern und Genossen
hinter den Ziegeln
der Barrikade.
Und beim barfüßigen Jungen das Maschinengewehr
ist jeden Augenblick
auf dem Sprung,
undes lauert das Mädchen mit heißer Granate,
sie dem Henker entgegenzuschleudern.
4
Mitten im Lärm, im Gewirr
bleiben die zwanzigtausend stehen,
die Verzweiflung wie ein Lavastrom
hält die Gebeine umschlossen,
der Atem stockt. Und keiner
bewegt sich, der Schreck nimmt sie gefangen.
Alle werden wie Steine
mit Menschengesichtern.
Und alle staunen sie dir entgegen,
das ganze Leben hängt ab von dir.
Und nur die Schatten bewegen sich
auf den Wänden wie Schicksalszeichen.
5
Und du,
auf das Gewehr gelehnt,
rufst sie nicht mehr zur Gegenwehr.
Im Sonnenuntergang flackern die innigsten Worte,
aus deinem grünen Augenwinkel schießt ein Blitz,
und aufgeschnitten werden die Gedanken
bei ihnen,
die du zu Rebellen und Befreiern gesalbt hast.
Die zwanzigtausend klopfen dir im Herzen, in den Gedanken,
die Verzweifelten, sie kommen dir immer näher,
und wenn dir nicht beschieden ist, das Volk
in der Schlacht zu sehn,
muß das Volk in dir seine Kraft erkennen.
Du überwältigst ein ganzes Geschlecht mit deinem Opfer
und sendest dem Morgenkind die Botschaft:
Ich gab alles,
meinen Traum, mein Leben.
6
Durch Säulen von Purpurstaub
wandert noch die Sonne in den Scheiben.
O bleibe, Liebe, bleibe noch.
Es wiegt sich die Gasse, das Tor –
zwanzigtausend
hinauf und hinab,
zwanzigtausend
für einen Kopf,
und der Eine bist du.
Und dir zu Füßen
eine Frau,
bereit, gevierteilt zu werden
für ihre erprobte Liebe.
Lippen und Hände
wärmen und liebkosen dich zum letzten Mal:
Du wirst nicht vergehen, denn du bist der Gerechte.
Du drängst dich
durch die zwanzigtausend,
und eine Taube begleitet dich wie ein Licht
zum Schlächter.
7
Dein Großvater, im Martyrium,
bis zu dir, mit seinem brennenden Leib,
hat all die Geschlechter eingefärbt,
und hier, am Rand der Generationen,
in der eisernen Zwinge –
nicht für Gott,
für das Volk bist du ein Opfer!
Die Hände nach hinten gebunden,
zerbrochen,
die Augen
ausgestochen mit dem
gleißenden Spieß.
Nur im Schein der letzten Funken,
die in der feuchten Asche der Höhlen zucken,
wiegen schwerer
als alle Qualen
junge Truppen –
wie Löwen im Sturm
durch Wälder und Städte,
über Ruine und Gefängnis
und bringen dir Freude
auf schwitzenden Schultern
und verbeißen sich mit den Zähnen
in dies Wilne.
8
In der befreiten Stadt
ist jetzt wiederum Abend
und 16. Juli.
Ich komme wie ein Echo
ferner Seelen
und scharre mit dem Gewehr
die verbliebene Asche weg.
In der befreiten Stadt,
wo sich Straßen vor Schmerz krümmen,
im dumpfen Gewühl,
da Hakenkreuz-Leiber
hingeworfen liegen,
von Reitern zertreten,
seh ich dich weiterhin,
o Bruder,
mein Bruder.
Aus den eben erloschenen Feuern,
unter Gebeinen im qualmenden Abgrund hervor
steigst du,
in wärmenden Atem gehüllt –
ein Name für all die Gefallenen.
Du bist ein Ring um die Säule des Stammes,
ein Ring, der am Wanken hindert,
bist der Wind, der das Gift wegtrinkt.
Und von heute an ist dein Name: Alle-in-Einem.
Wilne, 16. Juli 1944
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
ABSCHIED
1
Oh, nicht beweinen will ich dich, Stadt meines Gesangs.
Noch ist deine Erde feucht, obwohl dein Gesicht verbrannt ist.
Ich will in dich eingehn wie in eine Nacht, von Sternen
entflammt,
hineinleuchten in alle Fenster,
Brunnen,
Malinen.
Hineinleuchten in Gaons Bethaus, wo vom HGRA*
das H weggerissen wurde und das Grau übrigblieb.
Wo ist der Buchstabe H geblieben,
wandert er jetzt in meiner Seele?
Hineinleuchten auch in die große Synagoge, allein noch übrig
im Synagogenhof,
mit Festungswänden, hütend das Vergangene, das Schweigen,
und in die Straschun-Straße 6 –
die allerletzte Barrikade,
und in die Kanäle unter der Erde,
wo Juden auf Befreiung hofften und den Ersten Mai begingen.
Ich will in dich eingehn wie in eine Nacht, von Sternen
entflammt,
hineinleuchten in jedes Haus – sei es unzerstört oder sei es
zertrümmert.
In Gesichter, die leben – ja oder nein – , für mich leben sie!
Denn wie ein Mensch seinen abgehackten Arm noch fühlt
und sieht den Ring, den goldnen, an seinem abgeschnittenen
Finger –
so fühle ich mich verbunden
mit Häusern,
mit Gefährten.
2
Du bist meine erste Liebe, und dies wirst du bleiben.
Ich trag deinen Namen durch die Welt,
wie mein ferner Stammvater den Tabernakel
durch die Wüstenglut auf seinen Schultern trug.
O mein Stammvater, du hofftest doch auch, ein Ufer zu sehn!
Und wo immer ich wandere –
es werden alle Städte
sich anverwandeln in deine Gestalt.
Ich werde mich nicht verwurzeln,
in keinerlei andrer Erde,
so wie die Wasserlilie nie mehr wurzelt,
losgerissen von ihrer langen Nabelschnur,
nie zurückkehrt in ein Stück Boden unter lastendem Wasser –
und schaukelt verloren über dem Abgrund der Wellen,
und keiner, keiner sieht, daß die Schnur zerrissen ist – –
3
Und kostbar wie nie zuvor ist mir dein Jiddisch –
der flackernde Docht
eines verwaisten Ewigen Lichts:
Denn nur in Mameloschn hat ein winziges Kind geschrien:
-Foter,
von allen Wörtern der Welt fehlt mir das eine: Mame!
4
Ich bin das Kind, das einen Grashalm trägt,
während man es zur Erschießung führt.
Ich bin die Frau, versteckt in den Kanalröhren,
allein mit dem Neugeborenen, das noch nicht vom Leib der
Mutter getrennt ist,
allein, wo das Elend so unendlich ist,
dass du denkst, wenn Mäuse im Schlamm platschen,
du hörest Engel singen!
Ich bin der Greis, grau und runzlig wie eine Walnuß,
der, um sein Alter zu verstecken, aussehen muß wie zwanzig.
Ich bin der Junge »Jünger-als-man-sein-muß«,
der sein Gesicht zerfurcht, und steht auf Zehenspitzen.
Ich bin das letzte Wort eines Gefallnen in der Grube.
Ich bin die Hilflosigkeit eines Gelähmten,
der die Hand nicht zum Hals strecken kann –
um sich zu befrein.
Ich bin, der von der Stadt zurückkehrt mit Schieß-
pulver in den Stiefeln,
und erschaffe daraus einen Retter,
wie der MAHARAL* einen Golem erschuf.
Ich bin der wild Verliebte auf knarrendem Galgen
(meine Augen schlürfen von weitem eine lächelnde Frau).
Ich bin ein schon Verbrannter,
ein Erfrorener,
Geköpfter,
doch mit der strömenden Wilje schwimmt zu dir
mein Gesang.
5
Nicht denen, die dich geschändet haben, wirst du gehören.
Und Dornen werden ihre Blindheit noch einmal zerstechen.
Die Wolke über Ponar wird kein Erbarmen haben,
gibt mit rostigen Blitzen Antwort auf die Gebete.
Grabsteine werden sich selbst aus der Erde reißen,
und jeder einzelne Buchstabe springt dir ins Gesicht,
und auch die St. Anna-Kirche, rot wie unser Blut,
wird gnadenlos ihre schmalen Türen verriegeln.
Und wie ein Fluch, in Kupfer geschmiedet,
läuten für sie die alten Glocken in meiner dämmernden Stadt.
Wenn dann in meiner Stadt auch keine Juden mehr leben –
ihre Seelen werden in den Gassen wohnen.
Und wer meint, daß ein Haus leer sei,
wird hineingehn,
einen Götzen aufstellen, einen Tisch, und ein Lager bereiten,
schlüpft in ein verlassenes Hemd,
ein Kleid
oder ein Umhängetuch –
nachts wird er ein Weinen kleiner Kinder hören,
und das Hemd, wie ein Reibeisen, wird ihm den Leib
zerschrammen,
bis e r verwirrt aus dem Haus läuft,
als wär sein Gewissen,
in eine Krähe verwandelt,
nun wieder in sein Hirn zurückgekehrt.
Und rennen wird er, daß sein eigner Schatten ihn nicht erjagen
kann.
6
Aus der ganzen Welt werden barfüßige Kundschafter kommen
mit grünen Weidenzweigen in deinen des Goldes beraubten
Tempeln.
Und jeder wird von deinem Herzen
eine Handvoll Asche schöpfen
und sie nach Hause nehmen,
seinen langen Schlummer zu erleuchten.
Doch ich, der ich aufwuchs im Schatten deines Glanzes,
trage dich ganz – wie eine blutige Schriftrolle.
Wilner Getto – Narotscher Wälder, 1943-1944
*Akronym für Ha Gaon Rabbi Elijahu, den Gaon von Wilne. Das »H« steht für
»Haschem« als Gottesbezeichnung
*Rabbi Löw von Prag
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

FRAGMENT
O Lite, Heimatland, du Schlangenbiß im Herzen.
Meine Erinnerung wölbt sich über deine schwarzen Wälder,
Störche wie Kabbala-Zeichen vergolden die Ränder,
und dort rauschen deine Fichten bei der Wilje.
Die Leichen-Brenner sind deine feurigen Zeugen.
Die Leichen-Brenner. Tag und Nacht klirren mir in den Knochen
ihre schlenkernden Ketten und mahnen: Gib mir Erlösung.
Zusammen mit dem Kettenklirren sind meine Worte
festgeschmiedet in Kupfer-Labyrinthen des Traums
und haben schon keine Wirklichkeit mehr – zu träumen, zu
gedeihen.
Ich, ein Wiedergänger der Leichen-Brenner von Ponar.
Mein Brot ist aus Asche gebacken, und jedes Brot: ein Gesicht.
Die Sonne wird zum Gedächtnis-Licht für sie, und keiner weiß es.
Und wenn ich in Jerusalem im Regen wandle,
seh ich in seinem diamantenen Spiegel ihre Seelen
in Wundfarben: Lebendiger Bruder, gib mir Erlösung.
Und ich bete zum Papier: Sei kalt und felsig.
Zeig mir ein Wunder: Solln meine glühenden Silben,
wenn sie auf dir wandern, dich nicht verbrennen.
1950
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
DU BIST GEKOMMEN: NACKT
Du bist gekommen: nackt
und ganz im Feuer.
Deine Kleider –
von mütterlichen Fingern genäht,
wie Pianospiel auf Samt und Seide –
verbrannt sind sie in den Schatten gefallen.
Die Nadeln, die Nadeln –
sie hast du behütet.
Du bist gekommen: nackt,
und deine Einsamkeit
verkörperlicht die Einheit des Vielen.
In einem Auge – ein Wolf,
im andern – deine Mutter.
Kannst du die beiden
voneinander scheiden?
Wer bekleidet
deine gewaltige Nacktheit?
Selbst Jesaja, wenn e r dir begegnen würde –
brächte mit gesenkten, bleiernen Wimpern
und mit verschämten Lippen
seine Prophetien dar.
Verlange nicht Trost
vom eigenen Bruder.
Zwischen euch beiden liegt ein Warschauer Aufstand
wie ein ewiger Flammen-Sambation,
der jüdisches Schicksal
schleudert –
sogar a m Schabbes.
Wie können dir dann die Menschen glauben,
daß du in Warschau
das Kastell verteidigt hast?
Daß du im Totenland
das lebendig-heimische
junge Land entworfen hast?
Glauben wird dir der vulkanische Herzschlag
des Landes,
jener Herzschlag, den du hörtest,
als dein Herz für eine Weile zu schlagen aufhörte.
Und wenn dein Ohr dich ihm hinneigen wird,
so wie ein Segel dem Geheimnis der Wogen –
wird sich eine Stimme erheben
wie ein sanfter Vers aus der Frauenbibel:
- Du bist mein,
du und dein Kommen sei gesegnet.
Deine Schafe sind dein,
mein Garten ist dein Garten.
So grausam du mit dem Gewehr geschossen hast,
so zärtlich pflanze hier deinen Weinstock.
Tel-Aviv, 1948
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
DIE KIRSCHE DER ERINNERUNG
… Und so geschah es:
In einer Minute des Nicht-Erinnerns,
als ich eine Kirsche zu den Lippen nahm –
hat sich die Kirsche
in eine heiße Kohle verwandelt und Wörter gezündet.
Und als die Wörter in mir aufflammten wie Teer,
sprangen von den Lippen zwei Gestalten
mit feurigen Kronen auf den Köpfen.
Tanzten beide
in meine Augen hinein,
zwangen mich
mitzutanzen,
mitzuleben,
mitzusterben,
wieder eins mit ihnen.
Denn nie stirbt man genug…
Und nur ein Stern, aufgegangen mit ihnen zugleich,
sah, wie mein Leib, mein Geist in beide strömte,
und blitzte die Vision auf Silberpapier:
Wer bist du, junger Mensch, nackt, barfuß im Schnee,
in Ketten geschmiedet, von stählernen Gespenstern bewacht?
Erinnerst du dich nicht Alexander? Lasest du nicht
für mich die Jugendlieder auf einem Floß an der Wilje?
Beide merkten wir nicht, wie es sich losrif
vom schleimig langen Strick, das Floß, und wegschwamm
zum Sonnenuntergang.
Aber deine Klänge haben wie Hände
uns vor dem diamantenen Strudel gerettet.
Erinnerst du dich?
Und du, wer bist du, mit rasiertem Kopt, und Augenflecken
wie in Eis gebrannte Löcher? Versteck dich nicht, sag den
Namen!
Ich bin Mirjam, die vor dir tanzte, einst im Wald
zwischen dünngeschliffenen Birken, als der Frühling
den Schnee über uns wie lächelndes Silber schmolz.
Und du schworst mir zu erinnern
dreierlei Weiß: das Weiß einer Birke, des blanken Schnees
und das meines Leibes, des spiegelnden, heißen.
Und leise sagtest du mir ins Ohr: Du bist wie eine Saite,
zitternd, doch nicht vor Angst – –
Kannst du dich jetzt erinnern?
- Ich erinnere mich an euch beide, ihr Lieben,
und bin jetzt nicht ich:
Die Vision verknappt mich zu einem fernen Stern.
Und wenn aus dem Herzen ein Ich hervorstürzt,
ist es nur ein andrer Name für meinen Schmerz.
Und wenn es ein Fluch ist, daß ich mit Haut und Gebein
das Höllenfeuer erleide – dann segne ich den Fluch.
Meine Kinder!
Musik der liebenden Jugend!
Vielleicht ist es ein Trost,
daß euch beide im letzten brennenden Schicksal
meine Liebe vereinte,
jene erste Liebe – –
Nicht Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Nein,
in der Welt ist eine fünfte Jahreszeit, sehr unbekannt,
eine Art Todes-Schöpfung: Kind und Frau und Mann,
in den Scheiterhaufen zu Funken zerglüht.
Sie lagen tot. Ein Skelett, zusammengeschweißt
aus hunderttausend; aber es ist nicht zu spät,
ein zweites Mal zu sterben im Feuerbett…
Wenn man einmal geboren ist, da nimmt das Nichts seine Kache.
Jedoch die Menschenfunken, angefacht,
haben die Vielheit der Toten nicht zerstört.
Und auch die Liebenden, zwei Gestalten im Schnee,
haben das Leben noch nicht beendet.
In Ketten geschmiedet, s o schreiten sie mit Toten auf den Armen
zum Scheiterhaufen wie zu Tempelwänden.
Hin zum Feuer, wo ein Engel mit seiner Fiedel brennt
und wo sogar die Stille im Wahnsinn tobt.
Sie beide – die letzten der Stadt – die Schlange fand sie
versteckt in der Höhle des Mondes vor kurzer Zeit.
Sie lagen dort wie ein Gesang im Herzen –
kann Feuer das Metall der Liebe schmelzen?
Nein, das sind keine Toten,
nur archaische Skulpturen,
aus dem Salz gehackt im geheimen Riesentempel
und mit dem Tempel in der Erde versunken,
oben mit Sternen bedeckt, den blind herabgestürzten.
Laßt sie an die Sterne pochen.
Laßt sie.
Laßt sie.
Sterne zerstieben in Funken,
und die Erde ist offen.
Da sind die Skulpturen,
die Erde hat sich schon an ihnen gesättigt
und hatte an der Schau ihr Vergnügen.
Jetzt sättigt sich daran das rote Feuer.
Mit Schabbeskerzenfingern auf den Augen schaukelt sich eine Mutter.
Jemand preist ein Messer in der Faust.
Wen will e r töten?
Da – ein Mädchen, im Traum küßt sie den Geliebten;
und daneben ein Greis, mit einem Finger im Bart,
als wär der Moses des Michelangelo dort verschüttet gewesen.
Kinderköpfchen ohne Leiber.
Segnende Hände.
Silbergefäße.
Fiedeln.
Eine Braut im Schleier,
der aus grauen Funken gewebt ist.
Dort ist auch die Melodie
des Riesentempels: eine skeletthaft lange Weise…
Und die Schatten von alledem,
kalt, von der Sonne verraten,
umklammern sich im Tode und ersehnen ein Wunder.
Wen trägst du auf den Händen zum Feuer,
weiße Mirjam?
Ist es nicht mein Leib, der aus seinem Kreis schon lang
verschwundene?
Meine kalten Marmorglieder spüren deine Hände.
Und dein Atem, wie Gottes Geist auf dem Wasser,
schwebt auf meinen wogenden Rippen,
auf meinem Herzen.
Wen trägst du auf deinen Händen zum Feuer,
weiße Mirjam?
Tanz den Tanz des Feuers
nackt, stumm.
Es tanzt auch dein Liebster,
in Ketten geschmiedet.
Im Feuer zersägen
Sägen seinen Stamm,
während dir aus den Flammen
Fiedeln entgegentanzen.
Kinderchen im Feuer
tanzen miteinander,
klettern in den Flammen
in ein andres Land.
Ist es Atlantis?
Jene Welt? O nein,
dieses Rätsel
kann nur die Asche lösen.
Mirjam, an diesem Feuer
tanz mit mir zusammen!
Es tanzt dein Liebster
in das andere Land…
Eine ganze Nacht hat ein siedender Scheiterhaufen geflackert.
Zog hinauf zum Blaugewölbe, erreichte die Engel,
nahm im Steigen die Gestalt einer Leiter an –
mit Holmen aus glänzendem, gehämmertem Gold.
Und seine Sprossen –
ziseliert aus glühenden Rubinen.
Jede Sprosse zeigt eine andre Vision:
Unten, beim Feuer, blitzen Opferungsbilder.
Messerscharfe Gier.
Zappeln und Zucken.
Ferner Widerschein –
letzter Blick des Rabbi Akiba,
messend den Raum zwischen dem Schmerz und dem Einzigen.
Und da eine Sprosse, und eine Vision wie ein Gesang,
erloschen auf den kalten Lippen des Sängers.
Und weiter, weiter –
es lassen sich hier nicht alle nennen –
quillt ein Bild der Inquisition in Kastilien herauf.
Kol Nidre-Stimmen.
Weiße Flamme auf schwarzen Augen.
Und da eine Sprosse,
noch blitzender,
aus der Vision erstrahlt die flammende Freude König Salomos.
Und so Stufe um Stufe:
Widerschein von Gesichtern, Gestalten,
ausgehaucht von all den rubinroten Sprossen.
Aber ganz oben,
an das Tor des Mondes gelehnt
und klarer als alle,
spritzt die letzte Sprosse Galle aus
und wirft das Bild eines Gettos mit brennendem Pergament –
ein Bild, das die Nacht wie zorniges Kupfer schmilzt.
Und siehe:
Aus jeder Holmspitze der Leiter, in der Höhe,
wächst in der Einöde des Himmels ein Geschöpf hervor –
auf der einen Spitze: ein roter Löwe,
auf der andern: ein Zicklein.
Es brüllt der Löwe.
Die Augen – zweimäuler eines Vulkans – sprühen
in alle Welten gewitternde Diamanten.
Seine Löwenmähne, in einer Krone von Sonnenaufgang,
erschüttert Felsen auf der Erde,
und wie Gesang von wilden Blitzen
rollt vom zornigen Löwenmaul sein Gebrüll.
Und das Zicklein, zitternd und weiß wie Milch –
es schreit nicht,
meckert leise dem brüllenden Löwen entgegen
und – seltsam! –
das »Mäh«, wie Weinen aus allen Zeiten,
besiegt das Löwengebrüll –
den Zorn des Königs.
Und auf der Leiter
mit den Holmen, geschmiedet von Gold,
die sich vom Scheiterhaufen erheben –
klettern die Toten,
angetan mit Feuerflügeln wie leuchtende Engel.
Alle, alle klettern und steigen auf den Sprossen,
wiederbelebt von den Wegefeuern,
als fänden sich in den Flammen die Seelen wieder,
die kurz von den Menschen geschieden waren.
Und auch die toten Schatten
-und die Melodie von alledem –
steigen wiederbelebt
mit den Menschen zusammen – –
Und auf dem kühlen Sammet der Asche
träumen die Verliebten, zusammenverleibt.
Und die Ketten verkünden:
Eine Sprosse der Leiter flammt noch.
Auf der Sprosse schattet ein Fuß –
bis er in einer Wolke vergeht.
Und Mirjam sagt: Meine Mutter! Ja, sie lebt,
hinaufgestiegen ist sie auf der Leiter.
Und Alexander umarmt sie im Glück:
-Deine Mutter lebt. Im Leben unser Glaube.
Auch meine Schwester lebt in jenem Land,
von oben wirft sie dir ihren Hochzeitsschleier.
1950
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
SCHWARZE TAUBEN
1
Du hast mich geschaffen, so wie ein Kind
sich einen Schneemann baut, seinem Traum zu Ehren.
Das Kind, es ist nicht mehr da.
Und ich bin jetzt schon
älter als du, der mich geschaffen hat.
Je kälter die Eisigkeit meine Gebeine schmiedet,
so rosenhafter glüht die Sonne in der Erinnerung.
Die Sonne kann das Eis nicht schmelzen,
das Eis kann die Sonne nicht löschen –
ein Zwillingspaar aus leiblichen Feinden.
Sie führen eine Schlacht auf meinem Gesicht.
2
Euch beide hab ich liebgehabt. Mein Herz war
ein verlorener Stein in der Einöde.
Und der mir bestimmte Gesang
lag dort zusammengekrümmt wie ein Blitz in Ketten,
ereilt zur Unfähigkeit, zu leuchten und zu singen.
Wie lebendige Wellenwesen, Kinder eines Mythos,
habt ihr euch mit den Lippen meinem Herzen aufgedrängt,
ihr Gottgesegneten und Sonnengebornen,
und habt mit einem Flüstern meinen Gesang befreit.
3
Weil sie zu mir gehören wollte,
vollkommen in ihrer Schönheit, nach meinem Tod –
nie soll die Zeit ihre Haut zerknittern,
ihre Tränen sollen nicht welken –
ist sie vergangen wie Musik
im heimischen Mondtal. Und da
wie einst beim Erschauern im Garten.
schimmert noch die Liebe in ihrem Blick,
Wenn mein Herz von Gesängen zerspringen wird,
werde ich, ein Müder,
an ihre Schwelle kommen,
und sie wird mir begegnen, jung wie einst.
Mit einem Lächeln wie silberne Salben
wird sie Leben in tote Schwalben hauchen.
4
Nicht aus Kupfer ist die Wand zwischen uns gehämmert –
Hämmer und Meissel hätten sie nie erschüttern können.
Erbaut ist sie aus Luft, ihr Erbauer unbekannt,
und mein Schatten liegt zerschmettert bei ihrem Licht…
5
Dich haben nicht Vater und Mutter geboren,
doch wir, die Rauch-Legionen, die wir wandern,
wir sind mit Blitzen und mit Hagel geladen.
Wir, die Toten, im Tode lebend,
haben dich mit unserer Liebe geboren.
Fliehst du? Doch wir, die Rauch-Legionen, schweben
wie Heuschrecken, mehr als die berühmten 600 000…
Wir haben unsre Zeit für dich gelassen,
unaufgeschnittene Blätter in einem Buch. Und später –
aufgelöst in einem Funken-Klettern,
haben wir uns verstreut in kalte Welten.
Du hast unsre Zeit aufgeschnitten und weisst es nicht.
Wir sind der Gedanke, den du nicht verstehst.
Und sagen dir aufs Geratewohl ins Ohr, ganz ohne Töne:
Deine Lust, dein Gesang gehören zu uns.
Sogar deine Liebste ist nicht dein,
nicht einmal deine Tränen sind dein eigen.
6
Heute beim Brotschneiden
hab ich mich in den Finger geschnitten
(dies allein wäre kein Anlaß
für einen Gesang),
aber das Mädchen wurde bleich,
zuckte,
und ein blauer Engel verwölkte sich in ihrem Blick:
»Laß das Blut zurückfliessen,
ich kann das nicht sehn…«
Mein Kind,
wie schlicht, kindlich-groß und poetisch
hast du dein Verlangen ausgemalt!
Es ist auch meins, aber ich konnte
es in meinen Gesängen lange nicht sagen
wie du.
Darüber weinte ich in den Nächten,
schlug meinen Kopf an den Traum,
Kopf ohne Klänge,
ohne Farben.
Antworte du,
d u hast doch neuere Wörter –
wie läßt man wirklich das Blut
in all unsre Nächsten zurückfließen?
8
Sonnenrosen am Fenster, mit gelben Bläterkronen,
Gesichter, die nur aus Augen gehäkelt sind –
welches Wunder hat sie geboren, welches Mirakel?
Nein, das sind Heim-Phantome, die in Tränen zittern.
Ich hab die Sonnenrosen aut meinem Balkon verlassen,
ließ sie im gelb-septembrigen Erlöschen allein.
So verlässt man Kinder in einer wirren Panik,
wenn ein Brand die schwelenden Gedanken spiegelt.
Sonnenrosen auf einem Fuss, und in den Kronen Sterne,
ich will fortan in eurem Schatten wohnen.
8
Vorahnungen picken sich gegenseitig
wie schwarze Tauben:
Jemand will deinen geretteten
Glauben zerstäuben.
Vorahnungen schälen die Masken ab
und zeigen
Gesichter von Eisen.
Vorahnungen schrecken und erwecken.
»Leb, als würden dich Totenaugen
Tag und Nacht überwachen.«
1951
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

SELBSTPORTRÄT
Die Stadt –
als hätte ein See
sich aufgebäumt, und im Schrecken
sich mit Eisschuppen überzogen –
zitterten ihre grau-violetten Runzeln,
als ich mit meinen Fingern
ihr gläsernes Gesicht in Falten legte.
Echo der Schatten.
Gekreuzigte Klänge.
Und ich ging und ging.
Säulen von Licht,
wie zerbrochene Ahren.
Und ich ging und ging.
Wohin?
Einen menschlichen Atem zu finden,
ein lebendiges Wort von lehmigen Lippen,
ein Gesicht, dem ich ein Guten-Morgen sagen kann!
»Mit dir zusammen hat die Welt noch Sinn,
und keine Schlangen kriechen aus den Ärmeln…«
Und ich ging und ging.
Einmal hat mich wie Lilit der Hunger verblendet,
und auf dem Dachboden hab ich eine Schwalbe gegessen.
Jetzt, sich erinnernd, hat die Schwalbe aus meinen Augen
ihre Schwalbenrache gezwitschert.
Meine Tränen sind fort,
der Vogel
hat alle weggepickt
mit wirrem Gezwitscher.
Einmal, als ich in einem Keller lag,
bei einer Leiche wie einem Bogen Papier,
beleuchtet vom phosphornen Schnee der Zimmerdecke –
schrieb ich mit einem Stück Kohle
einen Gesang auf den papiernen Leib meines Nachbarn.
Jetzt ist da nicht einmal mehr ein Toter –
beleidigtes Weiß,
mit Russ verhängt.
Und ich ging und ging.
Ein lang schon gefallener Schnee ist gefallen.
Winzige Flämmchen erschienen –
mein Heim,
wie ein Tempel,
von Blitzen zernagt…
Ich erkannte es wieder nach meinem Kindheitstraum.
Hinter meinem Rücken verriegelte sich ein Atem
wie ein Türschloß.
Und die eiserne Stummheit
schlug Nägel in meinen Leib.
Über den Schnee im Tempel irrend,
erschien ein behaarter Mann,
gebeugt wie ich,
zerzaust und knochig,
beleuchtet von einem sehr verrotteten Mond.
-He, Wanderer, wer bist du?
Und dumpf heulte der behaarte Mann:
Wer bist du?
Erkennst du mich?
Und er, die Frage erwidernd:
Erkennst du mich?
Seele?
Und der behaarte Mann tanzte heran:
Seele?
Doch als ich die Runzeln sah auf seinem Gesicht,
als ich mich sieghaft auf ihn stürzte, oweh!
Jemand verbrannte mir den Schädel,
und ich fiel an der Grenze des Glases.
1951
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
AUF DEN TOD MEINER RETTERIN
Dem Andenken von Janowa Bartoschewitsch
Ohne dich, meine Retterin,
hätt ich doch nie und nie
Jerusalem gesehn.
Meine Gesänge hätten,
unterm Schnee, wie das Blut Sacharjas’ zu den Sternen geschrien,
und die Sterne hätten sie nicht gehört.
(Sie auch waren jüdisch
in grünen Fensterscheiben meiner Stadt,
und sie verwesen jetzt ohne Grabstein.)
Ohne dich, meine Retterin,
hätt ich das Leben, das voll Leben war,
selber zerschneiden müssen.
Und mein schläfriges Töchterchen, mein Trost,
hätt nie den Vater so wunderbar fragen gekonnt:
Wieviel Jahre war ich, eh ich geboren war?
Jetzt ist Regenzeit,
und bis zum Hals bin ich in der Menge –
mit Quellenhänden hängen sie an mir,
über Abgründe soll ich sie hinübertragen.
Und siehe: Da kommt eine Wolke, in der Wolke ein Keller,
und du, im Kopftuch, eine Wiese zwischen Galgen,
gebeugt über mich – einen Berg von Wunden.
Meine Retterin, nach Jerusalem kommst du als Regen.
Für deine Seele zündet ein Regenbogen.
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
GRAU
Sie werden grau, die Getto-Partisanen,
sie werden grau wie Sterne in der Frühe.
Über jungen Marmor
fällt ihre müde Grauheit
im Abglanz der Ruinen.
Und graue Augen schwimmen zu einer Stadt,
wo von allem ein Denkmal geblieben ist,
eine Wunde im Himmel.
Weh,
am Denkmal winden sich wie Schlangen
rote Kränze
von barmherzigen Mördern, Deutschen,
die jetzt kommen, um die Steine zu schänden.
Mir schien:
Jetzt öffnen sich die Steine und schießen
über Warschau eine Salve: Rache
für die Jungen in den Marmorfriesen.
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
PEREZ MARKISCH
Am Puschkin-Denkmal, bei den Stufen,
sind wir uns dann zuletzt begegnet.
Dies Moskau hatte unsre Köpfe
mit roten Sternen zugeregnet.
Und als wir voneinander schieden,
die Lippen zuckten ein »Mach’s gut«,
sahn wir: der bronzne Alexander
verbarg die Wunde und das Blut.
Noch einmal deine Hand in meiner,
die Augen grau, von Trauer tief.
-Ich will nicht leben wie Zigeuner –
sprachst du, und zogst die Lippen schief.
Du Dichter, stets umhergetrieben,
wo unser Staub sich widersetzt…
Wir sahn: der bronzne Alexander
verbarg, was ihn so schwer verletzt.
Ich sagte: Eine schwarze Chupe
ist meine Stadt, gewebt vom Tod.
Wir, Text zu deinem »Leichenhaufen«,
sind Auserwählte fürs Schafott.
Gewiss, der Schnee, er ist mir nahe –
und richtet sich auf ewig ein!
Ich aber stelle mir zu Kopfe
den jüdischen, den weichen Stein.
In Moskau die Trompeten schwiegen
am großen Platz auf einmal still.
Ich sah die Träne wie in Ketten,
die Träne, wenn sie heimwärts will.
Wo bist du, Freund? Nun sing die Wahrheit,
sing aus dem Grab und rebellier:
Mein Land, ich schenkte dir Poeme,
und eine Kugel gabst du mir.
1956
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
EIN GEDICHT OHNE NAMEN
Rotfüßig –
weil du tot-lang zu mir gegangen bist
zwischen feuchten Waldbeeren,
durch dunkle hohe Wälder –
nahst du mir ohne Gesicht, ohne Gesicht…
Ein brennender Spiegel ergießt sich aus meinem Erinnern.
Ich trink meinen eignen Tränentrunk, den du gebraut hast.
Jeder Tropfen hat sein besondres, festliches Aroma.
Der gärende Schmerz vom Grund kommt näher, näher.
Ich trink meinen eignen Tränentrunk und –
bin ich verrückt? Betrunken?
Das Auge gebiert ein Auge,
die Lippe eine Lippe –
Guten Morgen, Gesicht!
Der kleine Tropfen Blut, mein Kuß, hinter dem Fensterladen
der Zeit
so lebendig und todverwandt.
Vernabelt bin ich
dem süßen Tropfen Wärme,
mein erster Mord im Leben,
begangen an einem schmalen Fluß am Tor des Paradieses.
Später hat sich der Fluss selber ertränkt.
Eine erschrockene Welle ist entronnen,
herausgerollt aus ihrem strengen Strom. Und nie
wird sie älter in meinem Herzen als ihre sechzehn Jahre.
Meine Sprache ist deine Stummheit, die ich in Wörter
zerschneide.
Die Beschwornen, ich schick sie zum Ursprung zurück.
Und nur die klopfende Ader in der Schläfe – hast du sie
wahrgenommen? –
belohnt meine sterbende Freude mit Untod.
Doch die Wörter kehren nicht zum Ursprung zurück.
So verschwindest du ohne Gesicht, ohne Gesicht.
Rotfüßig –
denn tot-lang bist du zu mir gegangen
zwischen feuchten Waldbeeren,
durch dunkle hohe Wälder.
Doch auf dein Grab bin ich eifersüchtig – –
1961
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

EINE WINTERNACHT
Ausgesondert, abgetrennt von allen ihren Schwestern,
heult die Winternacht – ein ganzes Wolfsorchester.
Violette Nessel – der Schnee schwelt und friert,
mein Henker mit dem Galgengesicht galoppiert.
Rudre ich über den Schnee, das Minenfeld,
bin ich vom Fichtenwald umpanzert, als ein Held.
Wölfe mit abgerißnen Pfoten. Sündengewimmer.
Irgendwo stirbt mundlos eine einsame Menschenstimme.
»Ihr, meine Schritte«, sage ich, »wißt ihr nicht,
wo die Mine liegt unterm Schnee? Ich male ein Gedicht,
folgt seinen Spuren – Zeichen für Zeichen gefühlt,
damit man nicht wegen der Füße die Seele verspielt…«
Auf zum Wald, wo Gesang die Spuren schleift,
wo mein vagabundierender Fuß tanzt und schweift.
Unterm Gras – ein Liederfeld. Zur gleichen Melodie
such ich zwischen Gesängen, und wo finde ich sie?
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
BEIM LESEN SHAKESPEARES
»Dies ist der Fluch der Zeit: wenn sich die Blinden
von lauter Geisteskranken führen lassen. «
Heutige Zeilen von König Lear,
schaurige Zeilen von mir zu dır.
Es gibt für sie kein Nah und Weit –
wo willst du bleiben?
Das Echo: dieser »Fluch der Zeit« –
es will dich einverleiben.
Und außerhalb der Zeit?
Noch bitterer. In jenen dumpfen Schlössern
schmerzt nicht mehr die Qual von all den Messern.
Es wird uns in den Wahnsinn treiben.
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
SCHLIESS DAS FENSTER
Gott bewahre, nicht enden! Es ist nicht die Zeit für Vollendung.
Ewiger als Marmor sind lose Blätter.
Schließ das Fenster. Solln Schatten sich in Säcke kleiden,
wenn Gespenster Carmen und Rigoletto spielen.
Laß eine leere Zeile, einen Fleck –
des Gettos zu gedenken.
1965
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
IN BLAUEN HEMDEN
Mit blauen Hemden angetan wie Glocken – bis zu den Fersen,
an den Händen mit Stricken aneinandergebunden –
marschieren wir durch die Höllengasse meines Erinnerns,
vorbei an der Grünen Brücke,
an gekrümmten, galle-zerborstenen Hütten,
zwischen blonden Gewehren und kreuzschlagenden Christen –
so marschieren Jahre Jahre Jahre
vom Irrenhaus zum Getto – kranke Juden, Verrückte.
Ein Stiefel stieß mich zwischen sie, so war ich
Gebein von ihrem Gebein. Ein Traum aus ihren Hirnen.
Jetzt ist mir gut. Gut-Morgen. Wohl denen, die ohne Tadel leben.
Ich, angetan mit demselben blauen Hemd. Und an den
Händen –
ein Strick, der uns alle
zu neuen Toren, neuen Wänden führt.
Mit Juden so eng zusammensein ist Gewinn.
Nie hab ich so im Schmerz die Judenfreude gefühlt.
Endsommerliches Blau. Auch unser Herr Messias
marschiert wie alle im selben Hemd, so blau wie die Wilje.
Unsere Köpfe geschoren, rasiert.
Nur das Gesicht – Palette eines wilden, toten Malers.
Noch atmen die eingetrockneten, ungenutzten Farben.
Der Schatten eines Pinsels tanzt auf den Schädeln.
So marschieren durch die Höllengasse meines Erinnerns
vom Irrenhaus zum Getto – Verrückte, in einer tremden
Jenseitigkeit. In langen blauen Hemden.
Und so marschieren Jahre Jahre Jahre.
Ich danke heut wie einst für Privileg und Ehre,
mit den Verlorensten verkettet,
auf der Straße marschierend ins Getto und ins Feuer
irgendwie weiter,
irgendwie weiter weg
von den Deutschen.
1966
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
ICH KANN IHN NICHT VERGESSEN
Ich kann ihn nicht vergessen, den Vergessenen.
Ich kann ihn
nicht einmal erinnern: mit dem Gebetsschal aut dem Gesicht
ein Sterbender, ein Zertretener auf dem Pflaster der
Straschun-Straße.
Bis sich die Mondstraße zur Sonnenstraße verwandelt.
Ich kann ihn nicht vergessen, den Vergessenen.
Und wieviel
Erinnern ist mir beschert unter den Nägeln von Tagen
und Nächten?
Versunken schon sein Rippenschiff mit dem Herzen im Schiff.
Auch seine Hand, die eine Wolke kneift, die läßt sich nicht
vergessen.
Ein Volk, zusammengesteckt in weißhaariger Wirrnis
mit göttlichen Sicherheitsnadeln des Schreckens! Und die
Schöpfung
versteckt sich in den pechfinsteren Schmutzkanälen.
Eine Hand, die vagabundierend nach oben klettert
und eine Wolke kneift –
will sich nicht von der Wolke trennen:
Juden, bleibt ein Weilchen stehn, zu heiligem Handschlag,
daß keiner für mich Kaddisch sagen wird.
Ich kann ihn nicht vergessen, den Vergessenen.
Eine Weile
stehen zwei Getto-Pflöcke gebeugt daneben:
Warum nicht Kaddisch? fragen ihn beide die schwierige Frage.
Seine Hand, die eine Wolke kneift, entgegnet ihnen:
Wartet, wartet doch –
Ich – will – noch – leben…
1966
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
WAS ICH SAGEN WOLLTE – UND KAM ZU SPÄT
Was ich sagen wollte und kam zu spät –
unter so viel besonderen Du
gerade zu dir,
was ich schrecklich sagen wollte und kam zu spät –
winziger wär es gewesen als Zwillingswörter,
winziger hätt es gedauert als knappe Sekunden.
Was ich sagen wollte und kam zu spät –
sag ich schon Buch um Buch, und bin verwirrt,
gequält von Sonnenuhren,
die gefüllt sind mit Sand und sandiger Zeit.
Was ich sagen wollte und kam zu spät –
sag ich in einem Gebet an ein Gebet von dir,
bis du mir ein Zeichen gibst
wie von einem fernen Planeten.
Winziger noch: einen Reim,
nur ein »Oj« laß mich sagen:
Die Sprache der Saat, die sich selber
einen Garten Eden erschafft.
Was ich sagen wollte –
werd ich schweigen für beide.
1966
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
LESEN, SCHREIBEN
1
Ich will dein Leser sein und das schwere
Sanskrit deiner Brauen lesen, dem wenig fehlt,
ein Haar, nicht mehr, am Zusammenwachsen, Einswerden.
Ich will der Leser deiner Tränen sein.
Und deine Stille lesen will ich, wie bei der Pappel
den Futterstoff der silbern zitternden Blätter,
wenn unten die Axt sich heranwagt, im Glanze des Verrats.
Ich will der Leser deiner Adern, deines Nabels sein.
Ich will dein Leser sein, der allein dich versteht.
So versteht der Wolf das tote Geheul der Wölfin,
von einer Kugel ward sie durchbohrt hinter dem Abendschleier
des Schnees, inmitten von warmer Freude.
2
Statt Papier ein Blatt dünner Frühlingsluft. Ich schreib,
ununterbrochen, mit Zähnen statt mit Blei,
wie Feuer das Wasser fürchtend, nicht das Feuer.
Ich schreib eine Sekunde für eine Ewigkeit.
Ich schreib für den Bettler, eine Münze für ihn.
Ich schreib für den Klang, daß er nicht vergeblich sei.
Ich schreib für meine Kindheit im beflügelten Schnee.
Ich schreib für das Gras, das aus mir wachsen wird, grün.
Ich schreib für die Seidenraupe, sie soll ihre Seide spinnen.
Für den Selbstmörder schreib ich, seine Qualen zu lindern.
Ich schreib für den Sterbenden, wen ihm die Zeit zu leiden fehle.
Ich schreib für den Spiegel, wie die Hand Leonardos.
1967
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

DENKMAL FÜR EIN PFERD
So ein Pferd mit roter Seele
und mit Augen wie Nachtigallen,
wie ein Erzengel stand es im Wald
und lag ohne Atem im Schnee.
Laßt uns des Pferdes gedenken,
ehe der Schnee vergeht.
Wölfe erjagten es nicht.
Der Schnee konnt es nicht blenden.
Bis den Reiter, den nackten Jungen,
es vom Feind herwieder brachte.
Laßt uns des Pferdes gedenken,
ehe der Schnee vergeht.
Der Reiter kniet beim Retter,
so als wollten beide träumen…
Dann hat man ihm ein Denkmal
aus weißem Schnee geknetet.
Laßt uns des Pferdes gedenken,
ehe der Schnee vergeht.
Und alle sahen das Wunder,
wie die rote Seele des Toten
unter die schneeige Haut kroch –
in das Pferd, aus Schnee geknetet.
Laßt uns des Pferdes gedenken,
ehe der Schnee vergeht.
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

LEGENDE
Als Rochel Sutzkever, die sanfte Malerin
aus unserm Jung-Wilne und Jung-Leben,
durch die verwundeten Gettogassen barfuß
dem Mahlstrom näher kam, dem Getto-Tor –
stakte aus ihrem Rucksack auf dem Mädchenrücken
ein Zwilling: zwei Pinsel, die sie vorher
in ihre schwarzen Augen getaucht hatte.
Ich sah: die Pinsel – sahen,
da sie zum Tor hin schwammen, Abschied nehmend
von Blätterfall, Balkonen, Treppen, den Puppen,
von ihren Modellen in der versinkenden Stadt.
Noch eine Weile, und das Pinselgold unsrer Malerin
wird zur Legende werden.
Ich flüsterte: Rochel, Rochel, du hast doch
im Rucksack mitgenommen
Leinwand und Farbtuben,
oder wirst du
mit einer einzigen Farbe malen: rot?
Doch ich, der ich sowieso
atemlos
in deine Bilder-Ausstellung kommen werde,
persönlich, werd selber sehen und bewundern –
ein entsetzliches Stilleben.
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt

Bronnen:
Sutzkever, Abraham, Geh über Wörter wie über ein Mienenfeld. Lyrik und Prosa, Einleitung von Heather Valencia. Auswahl, Übersetzung und Anmerkungen von Peter Comans, Frankfurt/New York 2009 (Campus Verlag)
Sutzkever, Abraham, Gesänge vom Meer des Todes, Zürich 2009, (Ammann Verlag)
Spiegel van de moderne Jiddische poëzie, samengesteld en vertaald uit het Jiddisch door Willy Brill, Amsterdam 2007 (Meulenhoff)
https://www.poetryfoundation.org/poets/abraham-sutzkever#tab-poems
https://jewishreviewofbooks.com/articles/8590/with-a-wolf-in-one-eye-sutzkever-in-israel/#
Poems by Abraham Sutzkever
https://blog.despinoza.nl/log/abraham-sutzkever-1913-2010-a-nakht-mit-shpinozn-shpinoze.html
https://www.dbnl.org/tekst/_gid001196801_01/_gid001196801_01_0037.php
http://www.yiddishpoetry.org/postwar/Lid fun togbukh 1974.pdf
Poems by Abraham Sutzkever
