Else Lasker-Schüler: Gedichtbuch für Hugo May

Lasker-Schüler, Else, Gedichtbuch für Hugo May. Faksimile-Edition. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung herausgegeben von Andreas Kilcher und Karl Jürgen Skrodzki, Bd 1 Faksimile, Bd 2 Text und Kommentar, Göttingen 2019, (Wallstein Verlag)

An Gott

Du wehrst den guten und den bösen Sternen nicht;
All ihre Launen strömen.
In meiner Stirne schmerzt die Furche,
Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht.

Und meine Welt ist still —
Du wehrtest meiner Laune nicht.
Gott, wo bist du?

Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,
Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,
Wenn goldverklärt in deinem Reich
Aus tausendseligem Licht,
Alle die guten und die bösen Brunnen rauschen.

Else Lasker-Schüler aus dem Buch: Hebräische Balladen


Die Erkenntniss

Unaufhörlich fällt ein frischer Regen
Auf das durstige Erdreich und auf meine Haut.
Ich will mich mitten in der Weltenmitten legen,
Bevor der Mensch und auch das Tier wird laut.

Und wachse wie das Blatt im Wassersegen
Und ehe noch der frühe Morgen graut,
Bin ich ein Wald – und Sonne säumt auf meinen Wegen,
Da ich auf ewigen Wandel mich hab aufgebaut.

—So ungeklügelt, ohne zu erwägen,
Wächst gottentsprossen selbst das ärmste Wegekraut.
Nur die »Erkenntniss« liegt im menschlichen Vermögen.
Doch sie zur letzten Deutlichkeit zu pflegen —
Vermag man, wenn der Zapfen aller Überhebung taut.

Else Lasker-Schüler (Berliner Tageblatt.)


Gebet.

Oh Gott, ich bin voll Traurigkeit …
Nimm mein Herz in deine Hände,
Bis der Abend geht zu Ende
In steter Wiederkehr der Zeit.

Oh Gott, ich bin so müd, o Gott; —
Der Wolkenmann und Wolkenfrau,
Die spielten mit mir — himmelblau
Im Sommer immer, lieber Gott.

Und glaube unserm Monde, Gott,
Denn er umhüllte mich mit Schein,
Als wär ich hilflos noch und klein,
—Ein Flämmchen Seele. —

O Gott, und ist sie auch voll Fehle,
Nimm sie still in deine Hände….
Damit sie leuchtend in dir ende.

Else Lasker-Schüler. (Berliner Tageblatt.)


Ergraut kommt seine kleine Welt zurück….

In meinem Herzen spielen Paradiese ….
Ich aber kehre aus versunkenem Glück,
In eine Welt trostlosester Entblätterung zurück.

Ein Grübchen lächelt ahnungslos aus einer Wiese,
Ein Bach, doch auf dem Grunde dürstet sein Geschick.

Ich leide sehr um sein verflüchtend Glück —
Darum ich mich des Tauchens heller Lust verschliesse.
Aus meinem Herzen fallen letzte Grüsse
Vom Lebensfaden ab — dir schenk ich diese.

Die Sonne heftet im Crystal der Kiese,
Noch scheidend ihren goldenen Augenblick.
Gott weint …. Ergraut kommt seine kleine Welt zurück,
Die Er in Seiner Schöpfung schnitt aus himmlischen Türkise.

—Es lehren Flügelmenschen, die des Wegs ein Stück,
Mich meines Amtes wegen, stärken und begiessen,
Und wieder jenseits in die Lüfte fliessen —
Dass ich für unerfüllte Gottesweisung büsse.

Else Lasker-Schüler. Journal: (Die Sammlung) und: Neue Zürcher Zeitung


Hingabe

Ich sehe mir die Bilderreihen der Wolken an —
Bis sie zerfliessen und enthüllen ihre blaue Bahn.

Ich schwebte einsamlich die Welten all hinan,
Entzifferte die Sternoglypben und die Mondeszeichen um den Mann.

Und fragte selbst mich scheu, oh oder wann
Ich einst geboren wurde und gestorben dann?

Mit einem Kleid aus Zweifel war ich angetan,
Das greises Leid geweiht für mich am Zeitrad spann.

Und jedes Bild, das ich von dieser Welt gewann,
Verlor ich doppelt und auch das, was ich ersann.

Durch stille Lüfte ruhend in Gottvaters Kahn,
Hingleite ich nun über allen Wahn.

Else Lasker-Schüler (Journal: Die Sammlung)


Die Verscheuchte

Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich —
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild…
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
—Komm, bete mit mir — denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?…
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend—ja — ich liebte dich.

Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
—Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich
Und ich — vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Bald haben Tränen alle Himmel weggespühlt,
An deren Kelchen – Dichter ihren Durst gestillt,
Auch du und ich.

Und deine Lippe, die der meinen glich ….
Ist wie ein Pfeil nun blind auf mich gezielt.

Else Lasker-Schüler (Journal: Die Sammlung.)


Preisgekröntes gedicht von Else Lasker-Schüler. Bücher hebr Balladen, Kuppel.

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspffanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.


Abendzeit

Erblasst ist meine Lebenslust —
Ich fiel so einsam auf die Erde.
Von wo ich kam — hat nie ein Mensch gewusst.
Nur du, da ich vereint einst mit dir werde.

Ich bin von Meeresbuchten weit umstellt;
Jedwedes Ding erlebe ich im Schaume.
Der Mensch, der feindlich mich erreicht, zerschellt !
Und ich weiss nur von ihm im Traume.

Und so erlebe ich die Schöpfung dieser Welt
—Auf Erden schon, entkommen ihrer Schale.
Und du — der Stern, der hoch vom Himmel fällt,
Vergräbt sich tief in meines Herzens Tale.

Die Abendzeit verdüstert sehr mein Blut,
Durchädert qualvoll meine müde Seele.
Nackt steigt sie wieder aus der vorweltlichen Flut
Und hangt, dass sie — »verkörpert« hier auf Erden fehle.

Und was der Tag, noch ehe er erwacht,
Versäumte morgenrötlich in mir zu erleben,
Reicht ihm das träumerische Bilderspiel der Nacht,
In lauter bunterlei Geweben.

Es bringen ferne Hände mir nach Haus,
Aus gelben Sicheln einen frommen Strauss.
—Der Zeiger wandelt leise um das Zifferblatt
Der Sonnenuhr, die Gold von meinem Leben hat.

Sie glüht vom Pochen überwacht
Und läutet zwischen Nacht und Mitternacht ….
Da wir uns sahen in der rätselhaften Stunde.
Dein Kuss blüht — tausendschön auf meinem Munde.

All meine Lebenslust entfloh
Im dunklen Gewande mit der Abendzeit.
Ich suchte unaufhörlich einen Himmel wo —
—Nur in der Offenbarung ist der Weg zu ihm nicht weit.

Und weisss, da meine Mutter mein
Es war — die mir erschien im Engelkleid.
Bald ruht mein Herz zeitlos im Immersein —
Geweihter Talisman für alle Ewigkeit.

(Eise Lasker-Schüler) [Stern]


Else Lasker-Schüler

Abendzeit (Manuscript)

1

Erblasst ist meine Lebenslust …..
Ich fiel so einsam auf die Erde.
Von wo ich kam — hat nie ein Mensch gewust —
—Nur du, da ich vereint einst mit dir werde.

Ich bin von Meeresbuchten weit umstellt;
Jedwedes Ding erlebe ich im Schaume.
Der Mensch, der feindlich mich ereilt, zerschellt!
Und ich weiss nur von ihm im Traume.

Und so erlebe ich die Schöpfung dieser Welt
Auf Erden schon, entkommen ihrer Schale.
Und du der Stern, der hoch vom Himmel fällt,
Vergräbt sich tief in meines Herzens Tale.

2

Die Abendzeit verdüstert sehr mein Blut,
Durchädert qualvoll meine müde Seele.
Nackt steigt sie wieder aus der vorweltlichen Flut
Und hangt, dass sie verkörpert hier auf Erden fehle.

Und was der Tag, noch ehe er erwacht,
Versäumte morgenrötlich in mir zu erleben,
Reicht ihm das träumerische Bilderspiel der Nacht,
In lauter bunterlei Geweben.

Es bringen ferne Hände mir nach Haus,
Aus gelben Sicheln einen ticken frommen Strauss.
Ticken Der Zeiger wandelt leise um das Zifferblatt
Der Sonnenuhr, die Gold von meinem Leben hat.

Sie glüht vom Pochen überwacht
Und läutet zwischen Nacht und Mitternacht ….
Da wir uns sahen in der rätselhaften Stunde —
Dein Kuss blüht – tausendschön …. auf meinem Munde.

3

All meine Lebenslust entfloh
Im dunklen Gewande mit der Abendzeit.
Ich suchte unaufhörlich einen Himmel wo …..
Nur in der Offenbarung ist der Weg zu ihm nicht weit.

Leise Und weiss es nicht, ob da meine Mutter mein … . . . .
Es war, die mir erschien im Engelkleid … .
Bald ruht mein Herz zeitlos im lmmersein ….
Geweihter Talisman für alle Ewigkeit.


Letzter Abend im Jahr

Es ist so dunkel heut,
Man kann kaum in den Abend sehen.
Ein Lichtchen loht,
Verspieltes Himmelchen spielt Abendrot
Und weigert sich in seine Seligkeit zu gehen.
—So alt wird jedes Jahr die Zeit.
Und die vorangegangene verwandelte der Tod.

Mein Herz blieb ganz für sich
Und fand auf Erden keinen Trost.
Und bin ich auch des Mondes Ebenich,
Geleitetest auch du im vorrigen Leben mich
Und sah ich auch den blausten Himmel im Gottost.

Und trank ich auch von seinem klaren Most—
O Gott, wie kann der Mensch verstehen
—Das Weltall spaltet sich doch nicht —
Es leben Rand an Rand einträchtig Land und Seeen
Warum der »Mensch« haltlos vom Menschtum bricht,
Sich wieder sammeln muB im höheren Geschehen?!


Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen grossen Flügel
Gebrochen, schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel. (verte) )

Und wandele immer in die Nacht …..
—Ich habe – Liebe in die Welt gebracht!!. ….
Dass blau zu blühen jedes Herz vermag.
Und hab ein Leben müde mich gewacht
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag. (verte)

Gott, schliess um mich deinen Mantel fest;
Ich weiss, ich bin im Kugelglas der Rest.
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergiesst,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt,
Und sich ein neuer Erdball urn mich schliesst.


Moses und Josua.
(hebräische Ballade)

Als Moses im Alter Gottes war,
Nahm er der wilden Juden Josua
Und salbte ihn zum König seiner Schar.

Da ging ein Sehnen weich durch lsrael —
Denn Josuas Herz erquickte wie ein Quell.
Des Bibelvolkes Judenleib war sein Altar.

Die Mägde mochten den gekrönten Bruder gern
Wie heiliger Dornstrauch brannte süss sein Haar;
Sein Lächeln grüsste den ersehnten Heimatstern,

Den Mosis altes Sterbeauge aufgehn sah,
—Als seine müde Löwenseele schrie — zum Herrn.


Abendlied

Auf die jungen Rosensträucher
Fällt vom Himmel weicher Regen —
Und die Welt wird immer reicher.

O mein Gott mein, nur alleine,
Ich verdurste und verweine
In dem Segen.

Engel singen aus den Höhen:
Heut ist Gottes Namenstag,
Der allweiss hier vom Geschehen.

Und ich kann es nicht verstehen,
Da ich unter Seinem Dach
Oft so traurig erwach.


Ein Lied an Gott.

Es schneien weisse Rosen auf die Erde,
Warmer Schnee schmückt milde unsere Welt;
Die weiss es, ob ich wieder lieben werde,
Wenn Frühling sonnenseiden niederfällt.

Zwischen Winternächten liegen meine Träume
Aufbewahrt im Mond, der mich betreut —
Und mir gut ist wenn ich hier versäume
Dieses Leben, das mich nur verstreut.

Ich suchte Gott auf innerlichsten Wegen
Und kräuselte die Lippe nie zum Spott.
In meinem Herzen fällt ein Thränenregen;
Wie soll ich dich erkennen, lieber Gott ….

Da ich dein Kind bin, schäme ich mich nicht,
Dir ganz mein Herz vertrauend zu entfalten.
Schenk mir ein Lichtchen von dem ewigen Licht!! …
Zwei Hände, die mich lieben, sollen es mir halten.

So dunkel ist es fern von deinem Reich —
O Gott, wie kann ich weiter hier bestehen. —
Ich weiss, du formtest Menschen hart und weich,
Und weintetest gotteigen, wolltest du wie Menschen sehen.

Mein Angesicht barg ich so oft in deinem Schoos —
Ganz unverhüllt — du möchtest es erkennen.
Ich und die Erde wurden wie zwei Spielgefährten gross!
Und dürfen »du« dich beide Gott der Welten nennen.

So trübe aber scheint mir gerade heut die Zeit
Von meines Herzens Warte aus gesehen;
Es trägt die Spuren einer Meereseinsamkeit
Und aller Stürme sterbendes Verwehen.

Else Lasker-Schüler

(Dieses Gedicht eine Beichte, die man bewahren soll.)


Else Lasker-Schüler

Wo mag der Tod mein Herz lassen?

Immer tragen wir Herz vom Herzen uns zu.
Pochende Naht
Hält unsere Schwellen vereint.

Wo mag der Tod mein Herz lassen?
In einem Brunnen, der fremd rauscht —

In einem Garten, der steinern steht?
Er wird es in einen reissenden Fluss werfen.

Mir bangt vor der Nacht,
Daran kein Stern hängt.

Denn unzählige Sterne meines Herzens
Vergolden deinen Blutspiegel.

Liebe ist aus unserer Liebe vielfältig erblüht.
—Wo mag der Tod mein Herz lassen?


Frühling

Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen.
Wir wollen wie zwei Kinder sein.
Du hüllst mich in dein Leben ein
Und lehrst mich so wie du zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb
Und Vaterwort und Frühlingsspielen,
Den Fluch, der mich durchs Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen »Feind« zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein
Und Liebe duftet von den Zweigen.
Du musst mir Mutter und Vater sein —
Und – Frühlingsspiel und Schätzelein
Und – ganz mein Eigen.


Spruch.

O Ich wollte, dass ich
wunschlos schlief —
Wüsst ich einen Strom
Wie mein Leben — tief —
Flösse mit seinen Wassern.

Else Lasker-Schüler


Joseph wird verkauft.
(hebräische Ballade)

Die Winde spielten müde mit den Palmen noch,
So dunkel war es schon urn Mittag in der Wüste.
Und Joseph sah den Engel nicht, der ihn vom Himmel grüsste —
Und weinte, da er für des Vaters Liebe büsste,
Und suchte nach dem Cokus seines schattigen Herzens doch.

Der bunte Brüderschwarm zog wieder nach Gottosten,
Und er bereute seine schwere Untat schon.
Hart auf den Sandweg fiel der schnöde Silberlohn.
Die fremden Männer aber ketteten des Jakobs Sohn,
Bis ihm die Häute drohten mit dem Eisen zu verrosten.

So oft sprach Jakob inbrünstig zu seinem Herrn
Sie trugen gleiche Bärte, Schaum von einer Eselin gemolken.
Und Joseph glaubte jedesmal — sein Vater — blicke aus den Wolken.
Und eilte über heilige Bergeshöhen ihm nachzufolgen,
Bis er dann ratlos einschlief unter einem Stern

Die Käufer lauschten dem entrückten Knaben ….
Des Vaters Andacht atmete aus seinem Haare.
Und sie entfesselten die edelblütige Waare.
Und drängten sich zu tragen: Kanaans Prophet auf einer Bahre,
Wie die bebürdeten Kameele durch den Sand zu traben.

Egypten glänzte feierlich in goldenen Mantelfarben,
Da dieses Jahr die Ernte auf dem Salbtag fiel.
—Die kleine Karrawane — endlich nahte sie dem Ziel.
Sie trugen Joseph in das Haus des Potiphars am Nil.
—An seinem Traume hingen aller Deutung Garben.


Else Lasker-Schüler

Im Anfang
(hebräische Ballade)
(Urscherzo)

Hing an einer goldnen Lenzwolke,
Als die Welt noch Kind war
Und Gott noch junger Vater war.
Schaukelte hei!
Auf dem Ätherei!
Und meine Wollhärchen flitterten ringelrei.
Neckte den wackelnden Mondgrosspapa,
Naschte Sonne der Goldmama,
In den Himmel sperrte ich Satan ein,
Und Gott in die rauchende Hölle.
Die drohten mit ihrem grössten Finger
Und haben »klumbumm, klumbumm« gemacht,
Und es sausten die Peitschenwinde!
Doch Gott hat nachher zwei Donner gelacht
Mit dem Teufel über meine — Todsünde.
Würde 10,000 Erdglück geben,
Noch einmal so gottgeboren zu leben,
Und Gott geborgen und offenbar.
Ja— ah—
Als ich noch Gottes — Schlingel war!!


Esther.
(hebräische Ballade)

Esther ist schlank wie die Feldpalme,
Nach ihren Lippen duften die Weizenhalme
Und die Feiertage, die in Juda fallen.

Nachts ruht ihr Herz auf einem Psalme,
—Die Götzen lauschen in den Hallen.

Der König lächelt ihrem Nahen entgegen —
Denn überall blickt Gott auf Esther.

Die jungen Juden dichten Lieder an die Schwester,
Die sie in Säulen ihres Vorraums prägen.


Else Lasker-Schüler

In meiner Stirne ….

In meiner Stirne leuchtet
Der erblasste Stern wieder —

Und sehe dich nur in der Welt
Dein Lächeln immerfort.

Unsere himmelweissen Herzen
Erglühen im Schlaf.

O wir möchten uns küssen,
Aber es wäre wie — Mord.

Ich stehe ganz bunt am Granatbaum
In einem — Bilderbuch.

Manchmal schaust du auf mich —
Dann singen die Julivögel …


Ich habe zu Hause …..

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spieken Sternenhände vier,
Die Mondin sang im Boote.
—Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerhrochen ist die Klaviatür —
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir,
—Ich ass vom bitteren Brote —
Mir lebend schon die Himmelstür?
Auch wider dem Verbote.


Abigail
(hebräische Ballade)

Im Kleid der Hirtin schritt sie aus des Melechs Haus
Zu ihren jungen Dromedarenheerden ….
Im edlen Wettlauf mit den wilden Pferden,
Trieb sie die Silberziegen vor die Stadt hinaus.
Bis sich die Abendamethysten reihten urn die Erden,
Sich nach der Tochter bangte König Saul.

Sie setzte das verirrte Tier nicht aus
Der Wüste hungernder Schakale,
Und trug am Arme blutiger Bisse Male;
Entriss das Böcklein noch der Löwin Maul.
—Der blinde Seher sah es jedesmal voraus ….
Die Gräser zitterten im Judatale.

Im Schoss des Vaters schlief die kleine Abigail,
Wenn über Juda lauschte Israels Gebieter,
Hinüber zu dem feindlichen Hethiter.
—Der Skarabäus seiner Krone wurde faul …
Treu aber hütete der Mond des Melechs Güter,
Und seine Krieger übten sich im Pfeil.

Bis der Allmächtige blies den goldenen Hirten aus.
»Den Vater Abraham« …. Erklärte ernst der Melech seinem Kinde:
»Der blieb in seinem ewigen Scheine ohne Sünde.«
Und auch sein spätes Sternlein glitzerte ganz heil und weiss;
Man konnte es noch funkeln sehen im Winde:
»Einst trug sein Vater es, ein Osterlämmlein hin auf seines Herrn Geheiss.«

Als auf den Feldern blühte jung der Reis,
Schloss Saul die mächtigen Judenaugen beide,
Und seiner Abigail begegnete ein Engel auf der Weide,
Der kündete: »Jehovah blies die Seele deines Vaters aus« ……..


Gott hör …..

Um meine Augen zieht die Nacht sich
Wie ein Ring zusammen.
Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen
Und doch war alles grau und kalt um mich.

O Gott und bei lebendigem Tage,
Träum ich vom Tod.
Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot.
Für meine Traurigkeit giebt es kein Mass auf deiner Waage.

Gott hör … In deiner blauen Lieblingsfarbe,
Sang ich das Lied von deines Himmels Dach —
Und weckte doch in deinem ewigen Hauche nicht den Tag.
Mein Herz schämt sich vor dir fast seiner tauben Narbe.

Wo ende ich? — O Gott!! Denn in die Sterne,
Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal.
Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal!
und überall — die Bitterniss — in jedem Kerne.


Mein Volk.
(hebräische Ballade)

Der Fels wird morsch
Dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe ….
Jäh stürz ich vom Weg
Und riesele ganz in mir
Fernab, allein über Klagegestein
Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt
Von meines Blutes
Mostgegorenheit —
Und immer, immer noch der Widerhall
In mir,
Wenn schauerlich gen Ost
Das morsche Felsgebein,
»Mein Volk«,
Zu Gott schreit.


Der Versöhnungstag
(hebräische Ballade)

Es wird – ein grosser Stern in meinen Schoss fallen. —
Wir wollen wachen die Nacht;

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüss.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins —
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein grosser Stern in meinen Schoss fallen.


Hagar und Ismaël.
(hebräische Ballade)

Mit Muscheln spieken Abrahams kleine Söhne
Und liessen schwimmen die Perlmutterkähne;
Dann lehnte Isaak bang sich an den Ismaël.

Und traurig sangen die zwei schwarzen Schwäne
Um ihre bunte Welt ganz dunkle Töne
Und die verstossne Hagar raubte ihren Sohn sich schnell.

Vergoss in seine kleine ihre grosse Träne,
—Und ihre Herzen rauschten wie der heilige Quell; —
Und übereilten noch die Straussenhähne.

Die Sonne aber brannte auf die Wüste grell —
Und Hagar und ihr Knäblein sanken in das gelbe Fell
Und bissen in den heissen Sand die weissen harten Negerzähne.


Jakob
(hebräische Ballade)

Jakob war der Büffel seiner Heerde,
Wenn er stampfte mit den Hufen
Sprühte unter ihm die Erde.

Brüllend liess er die gescheckten Brüder;
Rannte in den Urwald an die Flüsse,
Stillte dort das Blut der Affenbisse.

Durch die müden Schmerzen in den Knöcheln
Sank er vor dem Himmel fiebernd nieder,
Und sein Ochsgesicht erschuf das – Lächeln.


Ouvertüre.

Wir trennten uns im Vorspiele der Liebe,
An meinem Herzen glitzerte noch hell dein Wort —
Und still verklangen wir im Stadtgetriebe,
Im Abendschleier der Septembertrübe
In einem schluchzenden Akkord.

Doch in der kurzen Liebesouvertüre,
Entschwanden wir von dieser Erde fort,
Durch Paradiese bis zur Himmelstüre,
Und es bedurfte nicht der ewigen Liebesschwüre,
Und nicht der Küsse blauer Zaubermord.

Und meiden doch seitdem uns wie zwei Diebe —
Und nur geheim betreten wir den Ort,
Wo uns vergoldete — die Liebe.

Bewahren wir sie, dass sie nicht erfriere,
Oder im Alltag blinder Lust verdorrt.
Ich weinte bitterlich — wenn ich es einst erführe.


Else Lasker-Schüler

Ich liege wo am Wegrand übermattet ….

lch liege wo am Wegrand übermattet —
Und über mir die finstere kalte Nacht
Und zähl schon zu den Toten längst bestattet.

Wo soll ich auch noch hin vom Grauen überschattet — ?
Schutzengel haben nur auf Kinder acht.
Doch glaubt ich, daB ihr Menschen lieb mich hattet.

Die ich vom Monde euch mit Liedern still bedacht
Und weite Himmel blauvertausendfacht.

Die heilige Liebe, die ihr blind zertratet,
Ist Gottes Ebenbild! Ihr habt es umgebracht.

Darum auch lebten du und ich in einem Schacht
Und doch im Paradiese hold versunken.
Bis wir erlagen, goldene Funken
Blumumblattet.


Aus der Ferne.

Die Welt, aus der ich lange mich entwand,
Ruht kahl, von Glut entlaubt, in dunkler Hand.
Die Heimat fremd, die ich mit Liebe überhäufte,
Aus der ich lebend in die Himmel reifte.

Es wachsen auch die Seelen der verpflanzten Bäume,
Auf Erden schon in Gottes blaue Räume,
Um inniger von Seiner Herrlichkeit zu träumen.

Der grosse Mond und seine Lieblingssterne,
Spielen mit den bunten Muschelschäumen
Und hüten über Meere Gottes Geist so gerne.

So fern hab ich mir nie die Ewigkeit gedacht …..
Es weinen über unsere Welt die Engel in der Nacht.
Sie läuterten mein Herz, die Fluren zu versüssen,
Und liessen euch in meinen Versen grüssen


Klein Sterbelied

So still ich bin,
All Blut rinnt hin.

Wie weich umher —
Nichts weiss ich mehr.

Mein Herz noch klein,
Starb leis an Pein.

War blau und fromm!
O Himmel, komm.

Ein tiefer Schall —
Nacht überall


O Gott

Überall Verblühen und Verfall
Im Mensch, im Grün, im Kelch der Winde.
Alles kehrt in sein totes Herz heim.

Früher war eine grosse Frömmigkeit am Himmel,
—Gaben sich die Sterne die Bibel zu lesen.
Könnte ich einmal Gottes Hand fassen
Oder den Mond an seinem Finger sehn!

O Gott, o Gott, wie weit bin ich von dir!


Es kommt der Abend …..

Es kommt der Abend und ich tauche in die Sterne
Dass ich den Weg zur Heimat im Gemüte nicht verlerne,
Umflorte sich auch längst mein mich vertriebenes Land.

—Ich weiss du hältst wie früher meine Hand …..
Und lieben uns verwunschen aus der Ferne.
Ach meine Seele rauschte, als dein Mund es mir gestand.

Es ruhten unsere Herzen liebverwandt,
Gepaart in »einer« Schale: Weisse Mandelkerne.

Else Lasker-Schüler


Erwartung

Aber du kamst nie mit dem Abend —
ich sass im Sternenmantel.

…. Wenn es an mein Haus pochte,
War es mein eigenes Herz.

Das hängt nun an jedem Thürpfosten,
Auch an deiner Tür.

—Ich färbte dir den Himmel brombeer
Mit meinem Herzblut.

Aber du kamst nie mit dem Abend—
…. Ich stand in goldenen Schuhen.


David und Jonathan
(vierzehnjährig)
(hebräische Ballade)

In der Bibel stehn wir geschrieben
Buntumschlungen.

Aber unsere Knabenspiele
Leben weiter im Stern.

Ich bin David,
Du: mein Spielgefährte!

O wir färbten
Unsere weissen Widderherzen rot!

Wie die Knospen an den Liebespsalmen
Unter Feiertagshimmel.

Deine Abschiedsaugen aber —
Immer nimmst du still im Kusse — Abschied.

Und was soll mein Herz
Noch ohne deines —

Deine Süssnacht
Ohne meine Lied


David und Jonathan
(hebräische Ballade)

O Jonathan, ich blasse hin in deinem Schoos —
Mein Herz fällt feierlich in dunklen Falten,
In meiner Schläfe pflege du den Mond,
Des Sternes Gold sollst du erhalten,
Du bist mein Himmel mein, du Liebgenoss.

Ich hab so säumerisch die kühle Welt
Fern immer nur im Bach geschaut …
Doch nun, da sie aus meinem Auge fällt,
Von deiner Liebe aufgetaut —
O Jonathan, nimm du die königliche Träne,
Sie schimmert weich und reich wie eine Braut.

O Jonathan, du Blut der süssen Feige,
Duftendes Gehang an meinem Zweige, 
Du Ring in meiner Lippe Haut.


Lasker-Schüler, Else, Gedichtbuch für Hugo May. Faksimile-Edition. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung herausgegeben von Andreas Kilcher und Karl Jürgen Skrodzki, Bd 1 Faksimile, Bd 2 Text und Kommentar, Göttingen 2019, (Wallstein Verlag)