Die 36 verborgenen Gerechten in der jüdischen Tradition
Mit der Veröffentlichung des Romans von André Schwarz-Bart, »Der Letzte der Gerechten«, der durch seine Themenstellung und Ausführung so viele Leser ergriffen hat, ist die Aufmerksamkeit auch auf die dem Aufbau des Buches zugrundeliegende jüdische Volkslegende gerichtet worden. Diese Legende, die in der jüdischen Folklore weit verbreitet ist, spricht von den 36 Zaddikim oder Gerechten, auf denen, wenn sie auch unbekannt oder verborgen sind, das Schicksal der Welt ruht. Der Verfasser jenes Buches gibt dieser Überlieferung eine sehr phantasiereiche Wendung. Nach einigen Talmudisten geht sie, sagt er, bis auf die ältesten Zeiten zurück. Als Romancier ist Schwarz-Bart nicht an die Konventionen der Gelehrten gebunden und kann seiner spekulativen Phantasie freien Lauf lassen. Viele Leser des Buches dürften sich aber gefragt haben, was eigentlich die Quelle und welches die Belege für diese Legende sind, die gerade auf jüdische Schriftsteller der letzten Generationen, vor allem solche, die Hebräisch und Jiddisch schrieben und schreiben, eine besondere Anziehungskraft ausgeübt hat.
Welches sind die historischen Ursprünge dieser Legende und wie entwickelte sie sich in späterer Zeit? Es ist merkwürdig, daß trotz der Popularität dieser Idee in weiten jüdischen Kreisen keinerlei gelehrte Studien über ihre Entwicklung vorliegen. Freilich ist dies weniger überraschend als es auf den ersten Blick scheinen möchte. Denn als eine Vorstellung der jüdischen Volksreligion gewann sie erst zu einer recht späten Zeit feste Gestalt, und man würde sie in den vielen Bänden vergeblich suchen, in denen die jüdische Erbauung- und Moralliteratur des Mittelalters die Botschaft des Judentums dem gewöhnlichen Juden nahezubringen suchte.
In den alten jüdischen Quellen der Überlieferung ist das Motiv der 36 Gerechten durchaus von dem des Vorhandenseins verborgener Gerechter getrennt. Daß der Gerechte das Fundament der Welt sei, also sozusagen die Welt trage, sagt schon ein Wort in den Sprüchen Salomons in der Bibel. Talmudische Überlieferung kennt verschiedene Äußerungen, wonach in jeder Generation es eine Anzahl von Gerechten gibt, die in ihrer Würde dem Range Abrahams, Isaaks und Jakobs entsprechen. Am häufigsten ist dabei die Rede von 30 Gerechten, welche Zahl aus einer zahlenmystischen Deutung eines Wortes in Genesis 18: 18 herausgelesen wurde. Danach habe Gott dem Patriarchen Abraham geschworen, die Welt würde nie ohne 30 Gerechte wie er selber sein. Aussprüche dieser Art wurden verschiedenen palästinensischen und babylonischen Gelehrten des 2. bis 4. Jahrhunderts zugeschrieben, vor allem dem berühmten Rabbi Simon ben Jochai. Einer dieser Schriftgelehrten, Josua ben Lewi, gab der Meinung Ausdruck, daß, falls Israel dessen würdig sei, 18 unter diesen 30 Gerechten im Lande Israel leben würden und 12 außerhalb. Andere wiederum kannten die Vorstellung, daß gerade die nichtjüdischen Völker durch diese 30 Gerechten, die aus ihnen selber hervorgehen oder aber in ihrer Mitte wohnen, bestehen. Diese Gerechten beschützen die Welt, wie Abraham zu seiner Zeit. Andere Traditionen im babylonischen Talıud kennen die Zahl von 45 Gerechten, die diese Funktion ausüben.
Nur der babylonische Lehrer Abbaji im 4. Jahrhundert führte hier die Zahl 36 ein: »Die Welt ist niemals ohne 36 Gerechte, die das Antlitz der Gottheit an jedem Tage empfangen. « Hier ist das Motiv von der Erhaltung der Welt durch das andere von der Schau der Gottheit, deren diese Gerechten gewürdigt sind, ersetzt. Die Begründung der Zahl 36 ist ebenfalls zahlenmystisch und beruht auf der Deutung des Zahlenwertes eines Wortes in Jesaja 30: 18: » Wohl denen, die auf ihn hoffen«, wobei der Zahlenwert des hebräischen Wortes »ihn« – im Hebräischen hat jeder Buchstabe zugleich auch einen Zahlenwert – eben 36 ist, so daß man den Vers auch verstehen könne, als ob er sagen wolle: »Wohl denen, die auf die 36 hoffen«, das heißt auf diese 36 Gerechten sich verlassen. Die Exegese, aus der diese später so populär gewordene Ziffer der 36 Gerechten heraussprang, ist evidenterweise so künstlich, daß es unwahrscheinlich ist, daß Abbaji sie in Wirklichkeit aus dem Jesaja-Vers herausgelesen hat. Vielmehr dürfte er einen Gedanken, der ihm aus anderen Quellen oder Anschauungen her bekannt war, auf diese Weise in die Schrift hineingelesen haben, um auch dort für sie einen Anhalt zu entdecken. Zofia Amaisenowa hat zuerst die Vermutung ausgesprochen, die vielleicht nicht von der Hand zu weisen ist, daß diese Ziffer aus der antiken Astrologie stammt. Dort wurde der Himmelskreis von 360 Grad in 36 Dekaden eingeteilt, sogenannte Dekane, und über jeden Abschnitt des so eingeteilten Zodiakalkreises regierte eine Dekan-Gottheit, die zehn Tage des Jahres oder, in anderer Entwicklung, zehn Grade des Tierkreises beherrschte. Über diese Dekane und Dekan-Götter haben wir eine reiche Literatur, vor allem aus ägyptisch-hellenistischen Quellen. Die Dekane wurden hier auch als Wächter und Hüter des Universums angesehen, und es ist durchaus denkbar, daß die Ziffer 36, wie sie Abbaji in die Schrift hineinlas, eine Verwandlung dieser kosmologischen Mächte oder Kräfte in humane Gestalten vollzog.
Daß im Mittelalter solche Beziehung der beiden Sphären aufeinander dem Bewußtsein mancher jüdischer Autoren nicht fremd war, wird durch ein hebräisches Manuskript in München erwiesen, das astrologische Losfragen an die Figuren des Tierkreises enthält. Jedes Tierkreiszeichen ist hierbei in drei »Gesichter« geteilt, wobei sich die klassische Zahl der 36 Dekane ergibt, und jedem Dekan ist hier der Name einer von 36 biblischen Figuren zugeordnet, von Adam und Henoch bis Daniel und Esra. Jedenfalls verdrängte im Mittelalter diese Zahl 36 alle anderen älteren Ziffern und wurde auch in das kabbalistische Schrifttum übernommen. Aber weder die alte jüdische Legende noch die spätere rabbinische und kabbalistische Literatur vor dem 18. Jahrhundert wissen etwas davon, daß diese 36 Zaddikim unbekannt und verborgen seien. Auch wo von Frommen erzählt wird, die ihr Tun ganz im verborgenen vollbringen, wird kein Zusammenhang zu dem Motiv der Welterhaltung durch die 36 Gerechten hergestellt.
Solche Legenden über Gerechte oder Fromme, deren gute Taten ihren Mitmenschen unbekannt bleiben oder die ihre Tugenden unter mehr oder weniger paradoxen Verkleidungen praktizieren, sind schon sehr alt. Die älteste Legende dieser Art stammt aus dem 3. Jahrhundert und wird im palästinensischen Talmud, im Traktat von den Fasttagen, erzählt: »Rabbi Abbahu sah im Traume, daß, wenn ein gewisser Pentakaka beten würde, Regen fallen würde. Der Rabbi ließ ihn kommen und fragte ihn: Was ist deine Beschäftigung? Ich begehe an jedem Tag fünf Sünden [daher wohl der Name Pentakaka, in welchem das griechische Wort Penta-Kaka, fünf schlechte Taten, steckt]. Ich vermiete Huren, reinige das Theater, trage den Huren die Kleider ins Badehaus und tanze und schlage dabei die Pauke vor ihnen. Der Rabbi fragte: Und was hast du Gutes getan? Er antwortete: Einmal machte ich das Theater rein, da kam ein Weib, stellte sich hinter die Säule und weinte. Ich fragte sie: Was fehlt dir? Sie antwortete: Mein Mann ist im Gefängnis, und ich möchte ihn gerne freikaufen. Da verkaufte ich mein Bett und meine Decke und gab ihr den Erlös mit den Worten: Hier hast du Geld, kaufe deinen Mann los und werde keine Hure. Der Rabbi sprach zu ihm: Du bist in der Tat würdig, zu beten und erhört zu werden.« Diese alte Legende ist der Prototyp für viele Geschichten, wie sie dann im Mittelalter erzählt werden, etwa in der Legendensammlung des Nissim ben Jakob, die im 1e. Jahrhundert in Kairawan in Nordafrika verfaßt wurde, oder in dem »Buch der Frommen« des Rabbi Juda des Frommen, der im 12. Jahrhundert in Regensburg und Speyer lebte. Nirgends aber findet sich bei solchen Geschichten eine Andeutung darauf, daß deren Helden zu einer besonderen Kategorie von Gerechten gehören, deren Verborgenheit für die Erfüllung ihrer Funktion wesentlich ist. Es ist aber sehr wohl möglich, daß diese Vorstellung schon sehr früh aufgekommen ist und in populären Fassungen der Legende von den 36 Gerechten überliefert wurde, auch wenn sie nicht schriftlich auf uns gekommen sind. In der Tat tritt sie, worauf zuerst Rudolf Mach hingewiesen hat, in der islamischen mystischen Tradition gerade an Stellen auf, die diese jüdische Vorstellung übernommen und in eigener Weise weiterentwickelt haben. Hiernach hat Gott die Heiligen zu den Lenkern der Welt bestimmt. Schon im 10. und 11. Jahrhundert finden wir bei islamischen Mystikern, daß es unter diesen Heiligen 4000 gibt, die verborgen sind und einander nicht kennen, ja nicht einmal der besonderen Auszeichnung ihres Rangs bewußt sind, sondern vielmehr unter allen Umständen sich selbst und der Menschheit verborgen sind, wie es in einem aus dem 11. Jahrhundert stammenden Traktat des persischen Mystikers Hudschwiri heißt. Noch ältere islamische Quellen erwähnen die Ziffer von 40 Heiligen, die eine besondere Kategorie bilden, deren Angehörige unerkannt unter ihren Mitmenschen leben und durch ihre guten Taten mit zum Bestand der Welt beitragen. Wir können vorläufig nicht bestimmen, ob diese Vorstellung zuerst aus jüdischer Tradition stammte, die schon, als sie in islamische Kreise eindrang, eine neue Wendung genommen hatte, oder ob sie im Islam entstanden ist und dann in dieser neuen Metamorphose zu einer noch unbestimmten Zeit ins Judentum zurückgewandert ist. Gerade in jüdisch-orientalischen Quellen, die ihrer Nähe zum Islam nach am ehesten solchen Einfluß widerspiegeln würden, haben wir keinerlei Belege für das Vorkommen dieser Idee. Es gibt Gerechte, die ihren Wandel verbergen, aber nirgends heißt es, daß gerade sie es sind, von denen das Bestehen der Welt abhängt.
Andrerseits wäre es auch durchaus denkbar, daß die Vorstellung von den verborgenen Gerechten aus der volkstümlichen Erbschaft der großen religiösen Bewegung stammt, die das deutsche Judentum im 13. Jahrhundert ergriffen hatte und als deutscher Chassidismus (im Unterschied zu dem viel späteren polnischen) bezeichnet wird. Zu der ganzen Lebenseinstellung dieser Gruppe würde die Kristallisation der Idee durchaus passen. Jedenfalls tritt sie unter dem deutschen und polnischen, dem sogenannten aschkenasischen Judentum des Ostens zum erstenmal ans Licht. Die jiddische Sprache hat sogar ein eigenes Wort für diese verborgenen Gerechten geprägt, welche im populären Sprachgebrauch »Lamedwowniks« heissen. Lamed = Waw ist die hebräische Ziffer für 36. Als im 18. Jahrhundert in Polen die chassidische Bewegung hochkam, fand sie diese Vorstellung schon weit verbreitet. Die chassidischen Autoren sprechen häufig von den zwei Kategorien von Zaddikim, solchen, die verborgen sind und sich zu sich selber halten, und solchen, die ihren Mitmenschen bekannt sind und gleichsam unter dem kritischen Auge der Öffentlichkeit ihre Aufgabe erfüllen. Der Gerechte der ersten Kategorie heißt »Nistar«, das heißt verborgen, der der letzteren »Mephursam«, das heißt berühmt. Die verborgenen Zaddikim gehören einer höheren Ordnung an, weil sie der Versuchung der Eitelkeit, die von einer öffentlichen Laufbahn fast untrennbar ist, nicht unterliegen. Manche von ihnen wenden besondere Mühe daran, ihren Mitmenschen ein Bild von sich zu bieten, das im schärfsten Gegensatz zu ihrer eigenen Natur steht. Andere wiederum mögen nicht einmal dieser ihrer Natur bewußt sein und ihre Heiligkeit und Gerechtigkeit in verborgenen Taten ausstrahlen, ohne auch nur zu wissen, daß sie zu jenen erkorenen 36 gehören. Die jüdische Folklore des 18. und 19. Jahrhunderts gerade des Ostjudentums war unermüdlich in der Ausarbeitung dieser Seiten der Vorstellung, und je paradoxer, desto besser. Aus dieser Überlieferung stammen zum Beispiel mehrere der Geschichten, wie sie in Ernst Blochs »Spuren« von solchen verborgenen Gerechten erzählt werden. Nach manchen dieser Legenden ist einer der 36 Verborgenen der Messias. Wäre das Zeitalter dessen würdig, würde er als solcher offenbar werden. Nach anderen stirbt ein verborgener Gerechter in dem Moment, wo er als solcher erkannt wird. In den Schriften des großen hebräischen Erzählers S. J. Agnon finden sich einige wunderbare Geschichten dieser Art. Von einem der berühmtesten chassidischen Heiligen des 18. Jahrhunderts, dem Rabbi Leib Sores (das heißt dem Sohn der Sara), hieß es allgemein, daß er in geheimer Verbindung mit den verborgenen Gerechten stünde und für ihre dringendsten leiblichen Bedürfnisse sorge. Noch später wurde dieses Motiv dann auf den Gründer der chassidischen Bewegung selber, Israel Baal-Schem, übertragen.
Wir kennen mindestens zwei kabbalistische Bücher aus dem 18. Jahrhundert, deren Autoren im Rufe standen, zu den verborgenen Gerechten gehört zu haben, Rabbi Neta aus Szinawa und Rabbi Eisik, der als Schächter in dem kleinen Dorf Zurawitz bei Przemyśl lebte. Ihre Schriften wurden natürlich erst nach ihrem Tode gedruckt, und in den Einleitungen erzählen die Zeitgenossen von den Gerüchten, die über ihren wahren Charakter umgingen. Als vor etwa fünfzig Jahren einige begeisterte Chassidim in Rußland eine ganze Korrespondenz des Rabbi Israel Baal-Schem fälschten, um sozusagen authentisches Material für die Legenden um ihn zu liefern, vergaßen sie auch nicht, mehr oder weniger rührende Briefe zu produzieren, die zwischen dem Meister und einigen der verborgenen Gerechten gewechselt wurden. Überhaupt haben uns die Sammlungen chassidischer Legenden aus dem 19. Jahrhundert eine beträchtliche Anzahl solcher Überlieferungen und Anekdoten über die Lamedwowniks aufbewahrt. Nichts natürlich konnte dieser Tradition ferner liegen als die Vorstellung, die sich Schwarz-Bart in poetischer Lizenz zurechtgelegt hat, wonach dieser Zustand der Zugehörigkeit zu den 36 Gerechten ein Familienerbe sein könne, das (und noch dazu bewußt) vom Vater auf den Sohn übergehen könnte. Familien verborgener Gerechter gibt es nicht. Der verborgene Gerechte, wenn er irgend etwas ist, ist eben dein und mein Nachbar, dessen wahre Natur uns ewig unergründlich bleibt und über den kein moralisches Urteil abzugeben uns diese Vorstellung ermahnen will. Es ist eine von einer etwas anarchischen Moral getragene, aber eben deswegen um so eindrucksvollere Warnung. Der Mitmensch mag der verborgene Gerechte sein.
Gershom Scholem, Die 36 verborgenen Gerechten in der jüdischen Tradition, in: Judaica, Frankfurt am Main 1963 (Suhrkamp)
