Rien où poser sa tête

Pogrom

Der 10. November 1938 war der denkwürdige Tag des grossen Pogroms in ganz Deutschland.
Als sich durch die Abendzeitungen die Nachricht vom Tod des deutschen Legationssekretärs in Paris, vom Rath, in Berlin verbreitete, begriff jeder, dass sich Furchtbares ereignen würde. Man wusste, dass die Partei im voraus »gewaltige Repressalien« vorbereitet hatte.
Ich hatte den Abend bei Freunden verbracht. Wir waren traurig und besorgt. Als ich sehr spät nach Hause kam, hörte ich im Hof das laute Stimmengewirr einer grossen SA-Versammlung.
Ich ging ins Bett, ohne Licht zu machen. Geweckt wurde ich durch ein seltsames Geräusch, das von der Strasse kam. Auf meiner kleinen Wanduhr war es vier. Das ungewöhnliche Geräusch wurde lauter und schien näher zu kommen. Ich erkannte den Rhythmus einer Wasserpumpe.
Rasch zog ich mich an, mit dem Gedanken, es könnte ein Feuer geben in der Nachbarschaft. Ich ging hinaus.
Gegenüber von mir und die ganze Strasse entlang waren Feuerwehrmänner im Einsatz. Das Geschäft des Pelzhändlers brannte. Drei Häuser weiter, ein Papierwarenladen; noch ein Stück weiter erglühten andere Brandherde in der Nacht. Ich blieb draussen, niedergeschmettert.
»Die Synagoge steht in Flammen«, wurde in einer Gruppe geflüstert.
Ich überquerte die Fahrbahn. Tatsächlich, die Synagoge, im Hof eines grossen Gebäudes gelegen, loderte. Die Feuerwehrmänner bespritzten die Nachbarhäuser, um die Ausbreitung des Brandes zu verhindern.
»Die Synagoge ist verloren!«, entschied eine autoritäre Stimme im Dunkel.
Es war entsetzlich heiss. Beim Verlassen des Hofes stolperte ich über einen Metallgegenstand. Es war ein siebenarmiger Kerzenleuchter aus Silber, zerbrochen und verbogen, dort hingeworfen.
Auf der Fahrbahn lag überall am Boden verstreut Papier herum. »Bekanntmachungen«, ging mir durch den Kopf, während ich mich bückte, um ein Exemplar aufzuheben.
Wie gross war mein Erstaunen, als ich feststellte, dass es sich um ein Fragment der Thorarolle handelte, deren Überreste in den Wind gestreut worden waren.
In diesem Augenblick näherte sich ein Greis dem Tempel. Ausgerüstet mit einem Korb, begann er die mit hebräischen Schriftzeichen bedeckten Pergamentblätter einzusammeln. Seine Lippen bewegten sich. Er schien ein Gebet zu sprechen. Es war der Hüter des Tempels.
Andere Leute aus dem Viertel kamen schweigend hinzu, um zusammen mit ihm die geschändeten Reliquien aufzulesen, eine Gruppe schmerzerfüllter, pathetischer Schatten.
Der Morgen begann zu grauen.
Müde ging ich nach Hause.
In diesem Augenblick hörte ich einen Schrei aus einem Fenster dringen:
»Da, jetzt kommt die zweite Mannschaft.«
Zwei Gestalten im Gleichschritt tauchten auf, bewaffnet mit langen Eisenstangen. Sie blieben vor bestimmten Schaufenstern stehen und schlugen sie ein. Die Glasscheiben zerbarsten. Nun sprang einer in die Auslage, stiess mit den Füssen die Waren herunter und zertrampelte sie. Dann zogen sie weiter.
Ich sah sie näher kommen, in meine Richtung.
Ich stand auf den Stufen zur Buchhandlung. Mein Herz pochte wild, meine Nerven waren entsetzlich angespannt. Ich spürte in mir eine immer grösser werdende Kraft.
Sie blieben stehen.
Einer buchstabierte mein Ladenschild, während der andere auf seine Liste schaute.
»Warte Warte! Die steht nicht drauf.«
Sie gingen weiter.
Ich stand immer noch da. Ich spürte, wäre es notwendig gewesen, ich hätte jeden einzelnen Band mit aller Kraft verteidigt, ia, sogar mit meinem Leben, nicht nur aus Anhänglichkeit an meine Buchhandlung, sondern vor allem aus einem ungeheuren Ekel vor dem Leben und vor der Menschheit, aus grenzenloser Sehnsucht nach dem Tod.
Auf den Stufen meines Geschäfts sitzend, wartete ich …
Die Brände knisterten, und die Feuerwehrmänner arbeiteten immer noch.
Die Trottoirs und die Fahrbahn waren übersät mit den unterschiedlichsten Dingen.
Jemand nahm mich am Arm und führte mich hinein ins Haus.
Ein neronischer Tag fiel über die Stadt.
Die aus den Fenstern geworfenen Waren wurden von der Menschenmenge fortgetragen. Wer auch immer versuchte, sich zu verteidigen oder sein Hab und Gut zu retten, wurde misshandelt.
Diesmal kam es zu blutigen und tödlichen Zusammenstössen. Das alles geschah vor den Augen einer gleichgültigen Polizei.
Unweit der Plünderungsszenen fuchtelten Schutzmänner mit den Armen, um den Verkehr zu regeln.
Die ganze Stadt sah unbeschreiblich aus. Möbel, Klaviere, Lüster, Schreibmaschinen, Berge von Waren lagen auf den Trottoirs; Glas- und Spiegelscherben bedeckten buchstäblich die Fahrbahn.
Man plünderte Juweliere genauso wie bescheidene Läden der Armen. Ausser ein paar Handelsunternehmen, die ausländischen Juden gehörten, wurde auf diese schaurig organisierte Weise alles liquidiert.
Hunderte Meter Stoff hingen aus Kaufhausfenstern, wie Wahrzeichen von Schändlichkeit und Bestialität.

Pag. 36-39

Kamp Westerbork

Nizza

Kurz danach wurde eine neue Massnahme verlautbart: Jüdische Kinder sollten ihren Eltern weggenommen werden. Man warf sie auf Lastkraftwagen, zerriss ihre Papiere an Ort und Stelle. Die Behörden kennzeichneten sie mit einer Matrikelnummer.
Diese Massnahme liess sich nicht ohne tragische Szenen vollstrecken. Mütter schnitten sich die Pulsadern auf, andere warfen sich vor die Autobusse, wenn diese losfuhren mit ihrer tragischen Fracht. In einem Hotel an der Côte d’ Azur stürzte sich eine Frau, die den Razzien entgangen war, mit ihrem Kleinen aus dem Fenster. Sie wurde mit gebrochenen Beinen aufgehoben. Das Kind war tot, durch den Aufprall zerschmettert.
Polizisten und Gendarmen waren mit unermüdlicher Gewandtheit und Tatkraft auf der Jagd. Sie vollstreckten die Vichy-Verordnungen entschlossen, unerbittlich. Bei diesen unterjochten Männern war die nach der Niederlage angestaute Wut gewaltig, und offenbar wollten sie sich an noch Ärmeren und noch Schwächeren abreagieren. Diese Vertreter der Obrigkeit hatten nichts Heldenhaftes an sich, weder in ihrer Aufgabe noch in ihrer Haltung.
Ein sadistischer Kern muss wohl in jedem Menschen stecken, und er tritt zutage, wenn die Gelegenheit sich bietet. Es genügte, dass man diesen durchaus friedlichen Burschen die abscheuliche Macht verliehen hatte, wehrlose Menschen zu jagen und zu hetzen, und schon erfüllten sie diese Aufgabe mit einer seltsamen und wilden Gier, fast etwas wie Freude.
War es auf Befehl oder aus Schamgefühl? Man hörte sie behaupten, diese Methoden seien nützlich und notwendig, denn sie seien eine der Voraussetzungen für die Kollaboration mit den Deutschen und in dieser Kollaboration liege das Heil Frankreichs.
Die endgültigen Entscheidungen über die festgenommenen Flüchtlinge jüdischer Rasse liessen nicht lange auf sich wanen. Acht Tage lang konnten Freunde sie aufsuchen und ihnen ein paar lebenswichtige Dinge, ein bisschen Trost bringen. Doch eines Tages, ohne Vorwarnung schaffte man sie in französische Konzentrationslager, von wo sie gruppenweise in die Lager nach Polen, in die Tschechoslowakei und nach Deutschland weiterbefördert wurden.

Pag. 123-124

Uit:

Françoise Frenkel, Nichts, um sein Haupt zu betten. (Rien où poser sa tête). Mit einem Vorwort von Patrick Modiano. Dossier von Frédéric Maria. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl, München 2016 (Carl Hanser Verlag)



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