GLANZ UND ELEND DER ÜBERSETZUNG
Ortega y Gasset, J., Gesammelte Werke (6 Bd.), Augsburg 1996 (Bechtermünz Verlag), Bd 4, pag. 126-151
Miseria y esplendor de la traducción
1937
I
DAS ELEND
In einer Gesellschaft, an der Professoren des College de France, der Universität und andere diesem Kreis nahestehende Personen teilnahmen, sprach jemand davon, daß es unmöglich sei, gewisse deutsche Denker zu übersetzen, und schlug, die Frage verallgemeinernd, vor, eine Untersuchung darüber anzustellen, welche Philosophen übersetzt werden könnten und welche nicht.
Der Vorschlag schien von der Annahme auszugehen, und zwar aus vollster Überzeugung, daß es Philosophen oder, allgemeiner gesagt, Schriftsteller gebe, die wirklich übersetzt werden könnten. „Ist das nicht eine Täuschung”, erlaubte ich mir einzuwerfen. „Ist das Übersetzen nicht ein hoffnungslos utopisches Bemühen? Tatsächlich neige ich jeden Tag mehr zu der Meinung, daß alles, was der Mensch unternimmt, utopisch ist. Er bemüht sich um Erkenntnisse, es gelingt ihm aber nicht, etwas vollständig zu erkennen. Wenn er Gerechtigkeit ausübt, begeht er am Ende unfehlbar eine Schändlichkeit. Er glaubt zu lieben und wird schließlich gewahr, daß es bei dem Gelöbnis verblieb, es zu tun. Was ich hier sage, ist nicht in einem satirisch-moralistischen Sinne zu verstehen, als ob ich etwa meine Fachgenossen kritisieren wollte, weil sie nicht täten, was sie zu tun vorgäben. Meine Absicht ist vielmehr, genau gesagt, das Gegenteil: statt ihnen ihr Scheitern zur Last zu legen, will ich zum Ausdruck bringen, daß keines dieser Vorhaben wirklich ausgeführt werden kann, daß sie an sich unmöglich sind, daß sie sich im bloßen Anspruch, im eitlen Projekt und in wirkungsloser Gebärde erschöpfen. Die Natur hat jedem Tier ein Programm von Lebensakten mitgegeben, die es ohne weiteres befriedigend ausüben kann. Aus diesem Grunde kommt es so selten vor, daß das Tier traurig ist. Nur bei den höheren Tieren – beim Hund, beim Pferd – bemerkt man zuweilen etwas wie Traurigkeit, und gerade dann erscheinen sie uns näher und menschlicher. Vielleicht ist das um der Ähnlichkeit willen erschreckendste Schauspiel, das die Natur bietet – im geheimnisvollen Grunde des Urwalds – die Melancholie des Orang-Utan. Normalerweise sind die Tiere glücklich. Unser Los ist dem entgegengesetzt. Die Menschen bewegen sich immer melancholisch, von Wahnideen getrieben, von all den Krankheiten gequält, die Hippokrates göttliche nannte. Und der Grund hierfür liegt darin, daß die menschlichen Vorhaben und Verrichtungen nicht zu verwirklichen sind. Das Schicksal – das Privileg und die Ehre – des Menschen ist es, niemals ganz zu erreichen, was er sich vornimmt, und bloßer Anspruch, lebendige Utopie zu sein. Immer schreitet er der Niederlage entgegen, und schon ehe er in den Kampf eintritt, trägt er die Wunde an der Schläfe.
So verhält es sich auch bei der bescheidenen Beschäftigung, die wir übersetzen nennen. In der geistigen Ordnung gibt es kaum eine geringere Arbeit. Am Ende jedoch erweist sie sich als außerordentlich. Die Tätigkeit des Schriftstellers bringt es mit sich, daß er fortwährend kleine Einbrüche in das Gefüge der Grammatik, des festgelegten Gebrauchs und der gültigen Norm der Sprache vornimmt. Es ist ein Akt dauernder Rebellion gegen die Umwelt, eine Art Umsturz. Das Schreiben verlangt eine gewisse radikale Unerschrockenheit. Nun aber pflegt der Übersetzer eine zur Unterordnung neigende Persönlichkeit zu sein. Aus Schüchternheit hat er eine derartige Beschäftigung, die geringste, gewählt. Da steht er nun vor dem gewaltigen Polizeiapparat der Grammatik und ihrer schwerfälligen Anwendung. Was wird er mit dem rebellischen Text beginnen? Ist es nicht zuviel von ihm verlangt, daß auch er, und dazu noch für fremde Rechnung, rebellisch sein soll? Der Kleinmut wird ihn überwinden und, statt den Vorschriften der Grammatik zuwiderzuhandeln, wird er gerade das Gegenteil tun: er wird den übersetzten Autor in das Gefängnis der normalen Sprache sperren, das heißt er wird ihn verraten – traduttore, traditore.”
„Aber Werke der exakten und der Naturwissenschaften lassen sich doch übersetzen”, wandte mein Gesprächspartner ein. »Ich bestreite nicht, daß die Schwierigkeit hier geringer ist, wohl aber, daß sie überhaupt nicht vorhanden sei. Der Zweig der Mathematik, der im letzten Vierteljahrhundert am meisten im Vordergrund stand, war die ‚Mengenlehre’, die Teoria de los Conjuntos. Nun denn: ihr Schöpfer, der deutsche Mathematiker Cantor, bezeichnete sie mit einem Ausdruck, für den es keine Möglichkeit der Übersetzung in unsere Sprachen gibt. Was wir conjunto nennen mußten, nannte er Menge’, ein Wort, dessen Bedeutung sich nicht mit der von conjunto deckt. Wir dürfen daher die Übersetzbarkeit der mathematischen und physikalischen Wissenschaften nicht überschätzen. Aber mit dieser Einschränkung bin ich bereit, zuzugeben, daß die Übersetzung in diesen Wissenschaften ihrem Ziel weit näher kommen kann als in den übrigen Fächern.”
„Sie erkennen danach an, daß es zwei Klassen von Schriftwerken gibt, diejenigen, die übersetzt werden können, und die anderen, die nicht übersetzt werden können?” „Grosso modo gesprochen, wird man diese Unterscheidung annehmen können; aber wenn wir das tun, verschließen wir uns den Zugang zu dem wirklichen Problem, das jede Übersetzung stellt. Weil wir, wenn wir uns fragen, aus welchem Grund gewisse wissenschaftliche Bücher leichter übersetzt werden können, sofort einsehen werden, daß in ihnen der Autor selber damit begonnen hat, sich aus der echten Sprache, in der er ‚lebt, webt und ist, in eine Pseudosprache zu übersetzen, die aus Fachausdrücken und sprachlich künstlich gebildeten Wörtern besteht, die er selbst in seinem Buch erklären muß. Kurz, er übersetzt sich selbst aus eine Sprache in eine Terminologie.”
„Aber eine Terminologie ist eine Sprache wie jede andere auch. Ja noch mehr: nach unserem Condillac ist die beste Sprache, die, wohlgebildete’ Sprache, die der Wissenschaft.” »Verzeihen Sie mir, daß ich in diesem Punkt radikal von Ihnen und Ihrem guten Abbate abweiche. Eine Sprache ist ein System von Wortzeichen, mit dessen Hilfe die einzelnen Menschen sich ohne vorherige Vereinbarung verständigen können, während eine Terminologie nur verständlich ist, wenn derjenige, der sie schreibt oder spricht, und derjenige, der sie liest oder hört, sich zuvor und individuell über die Bedeutung der einzelnen Zeichen geeinigt haben. Deshalb nenne ich sie eine Pseudosprache und sage, daß der Mann der Wissenschaft damit beginnen muß, seine eigenen Gedanken in diese Pseudosprache zu übersetzen. Sie ist ein Volapük, ein Esperanto, die durch eine besondere Übereinkunft unter denen, die ein bestimmtes Fach pflegen, festgelegt wurde. Daher kommt es, daß solche Bücher leichter aus einer Sprache in die andere übersetzt werden können. In Wirklichkeit werden Bücher dieser Art in allen Ländern schon fast vollständig in der gleichen Sprache geschrieben. Aus diesem Grunde erscheinen sie auch den Menschen, die die echte Sprache reden, in der die Bücher scheinbar geschrieben sind, als unzugänglich, unverständlich oder zum mindesten sehr schwer verständlich.”
„Ehrlich gesprochen, sehe ich keinen anderen Ausweg mehr, als Ihnen recht zu geben und Ihnen darüber hinaus zu sagen, daß ich anfange, gewisse Geheimnisse der sprachlichen Beziehung von Mensch zu Mensch zu ahnen, die ich bisher noch nicht wahrgenommen hatte.
„Und ich, für meinen Teil, habe das Gefühl, dai Sie eine Art letzter Abencerrage sind, ein letzter Überlebender einer ausgestorbenen Fauna, da Sie einem anderen Menschen gegenüber fähig sind, zu glauben, daß der andere und nicht Sie selbst recht haben. In der Tat führt uns das Problem der Übersetzung, wenn wir ihm auch nur ein wenig nachgehen, zu den abgründigsten Geheimnissen des wunderbaren Phänomens, das die Sprache darstellt. Auch wenn wir uns an das Allernächstliegende halten, was unser Thema bietet, werden wir genug zu tun haben. In dem, was ich bisher sagte, habe ich mich darauf beschränkt, den utopischen Charakter des Übersetzens auf die Annahme zu gründen, daß der Autor eines nicht mathematischen oder nicht physikalischen oder, wenn Sie wollen, nicht biologischen Buches ein Schriftsteller im guten Sinne des Wortes ist. Das bedeutet, daß er seine Muttersprache mit vollendetem Takt gebraucht und dabei zwei Dinge erreicht: ohne weiteres verständlich zu sein und gleichzeitig von dem gewöhnlichen Sprachgebrauch etwas abzuweichen. Dieses doppelte Unternehmen ist aber schwieriger auszuführen, als auf dem Drahtseil zu gehen. Wie können wir das von den üblichen Übersetzern verlangen? Aber hinter dieser ersten Schwierigkeit, die eine Übersetzung des persönlichen Stils mit sich bringt, tauchen neue Schichten von Schwierigkeiten auf. Der persönliche Stil besteht zum Beispiel darin, daß der Autor von dem herkömmlichen Sinne eines Wortes leicht abweicht und es dazu zwingt, daß der Bereich von Dingen, den es bezeichnet, nicht genau mit dem Bereich übereinstimmt, den dasselbe Wort in seiner üblichen Anwendung zu bezeichnen pflegt. Die allgemeine Tendenz solcher Abweichungen ist das, was wir bei einem Schriftsteller seinen Stil nennen. Nun verhält es sich aber so, daß jede Sprache im Vergleich mit einer anderen ebenso ihren besonderen sprachlichen Stil besitzt, das, was Humboldt ihre‚innere Form’ nannte. Aus diesem Grunde ist es utopisch, zu glauben, daß zwei Wörter, die zwei verschiedenen Sprachen angehören und die uns das Wörterbuch als ihre wechselseitige Übersetzung darbietet, genau die gleichen Dinge bedeuteten. Da die Sprachen in verschiedenen Landschaften und unter dem Einfluß verschiedener Lebensumstände und -erfahrungen gebildet wurden, ist ihre Inkongruenz ganz natürlich. So ist es zum Beispiel falsch, anzunehmen, daß das, was der Spanier bosque nennt, das gleiche sei, was der Deutsche , Wald’ heißt, und doch sagt uns das Wörterbuch, daß Wald bosque bedeutet. Wenn ich Lust hätte, wäre hier eine vortreffliche Gelegenheit, eine ‚Bravour-Arie’ einzulegen, die den deutschen Wald im Gegensatz zu dem spanischen Wald beschriebe. Ich schenke Ihnen das Lied, bestehe aber auf seinem Schluß, das heißt auf der klaren Einsicht in den ungeheuren Unterschied, der zwischen diesen beiden Wirklichkeiten besteht. Er ist so groß, daß nicht nur die Wirklichkeiten selbst in höchstem Maß inkongruent sind, sondern auch fast alle ihre geistigen und gefühlsmäßigen Resonanzen und Spiegelungen.
Die Profile beider Bezeichnungen stimmen so wenig überein wie die Photographien zweier Personen, die übereinander kopiert wurden, und wie in einem solchen Fall unser Blick hin und herirrt und unsicher wird, ohne daß er bei dem einen oder anderen Profil verweilen oder sich ein drittes bilden könnte, stellen wir uns die peinliche Unsicherheit vor, die uns die Lektüre von Tausenden von Wörtern hinterläßt, bei denen sich dieselbe Erscheinung einstellt. Es sind also ungefähr die gleichen Ursachen, die in dem sichtbaren Bild und in der Sprache das Phänomen des flou (Französischer Ausdruck für die Unschärfe bei photographischen Aufnahmen) hervorrufen. Die Übersetzung ist der dauernde literarische flou, und wie andererseits das, was wir Blödheit zu nennen pflegen, nichts anderes ist als der flou des Denkens, so werden wir uns nicht darüber wundern, daß ein übersetzter Autor uns immer ein wenig blöde vorkommt.”

II
DIE BEIDEN UTOPISMEN
Wenn eine Unterhaltung nicht in einem bloßen Austausch von Wortmechanismen besteht, bei dem sich die Menschen wie Grammophone verhalten, sondern wenn die Gesprächspartner wirklich über eine Angelegenheit sprechen, stellt sich eine merkwürdige Erscheinung ein. Mit dem Fortschreiten der Unterhaltung spaltet sich die Persönlichkeit jedes einzelnen in zunehmendem Maße: der eine Teil von ihr merkt auf das, was gesagt wird, und arbeitet beim Sprechen mit, während der andere, von dem Thema selbst angezogen wie der Vogel von der Schlange, sich immer mehr in seinen innersten Grund zurückzieht und über den Fall nachdenkt. Wenn wir uns unterhalten, leben wir in Gesellschaft, beim Denken bleiben wir allein. Nun liegt der Fall aber so, daß wir bei dieser Art von Unterhaltungen beides zugleich tun, und in dem Maß, wie das Gespräch fortschreitet, tun wir es mit wachsender Intensität. Wir merken fast mit dramatischer Hingabe auf das, was gesagt wird, und zu gleicher Zeit versenken wir uns immer mehr in die abgründige Einsamkeit unserer Betrachtung. Diese wachsende Entzweiung kann nicht in dauerndem Gleichgewicht erhalten werden. Daher ist für solche Unterhaltungen charakteristisch, daß ein Augenblick kommt, in dem eine Synkope eintritt und dichtes Schweigen herrscht. Jeder Gesprächspartner ist in sich selbst versunken. Vor lauter Nachdenken kann er nicht sprechen. Das Gespräch hat eine Stille hervorgerufen, und die ursprüngliche Gesellschaft zerfällt in Einsamkeiten.
Das ereignete sich auch bei unserer Gesellschaft nach meinen letzten Worten. Warum? Ohne Zweifel: diese Springflut des Schweigens, die das Gespräch zudeckt, tritt ein, wenn die Entwicklung des Themas in einer ihrer Richtungen an ihrem Ende angelangt ist und die Unterhaltung eine Kehrtwendung machen und eine andere Richtung einschlagen muß.
„Dieses Schweigen”, sagte jemand, »das sich zwischen uns erhob, hat einen etwas leichenhaften Charakter. Sie haben uns die Übersetzung getötet, und schweigend folgen wir nun ihrer Beerdigung.” „Aber nein!” erwiderte ich, „keineswegs! Es kam mir zwar viel darauf an, das Elend des Übersetzens deutlich zu machen, vor allem lag mir daran, seine Schwierigkeit und seine Unwahrscheinlichkeit zu erklären, aber nicht, um es dabei bewenden zulassen, sondern im Gegenteil, um uns von hier aus wie von einer ballistischen Feder gegen das Ziel des möglichen Glanzes der Kunst des Übersetzens schleudern zu lassen. Es ist also der Augenblick gekommen, um zu rufen: ‚Die Übersetzung ist tot! Es lebe die Übersetzung!’ Wir müssen jetzt in entgegengesetzter Richtung rudern und, wie Sokrates bei ähnlichen Gelegenheiten sagte, Widerruf leisten.”
„Ich fürchte”, sagte Herr X, „daß Ihnen das viel Mühe machen wird, denn wir vergessen Ihre einleitende Behauptung nicht, die uns die Arbeit des Übersetzens als eine utopische Beschäftigung und ein unmögliches Vorhaben darstellte.”
„Richtig, das sagte ich, und noch mehr: daß alle dem Menschen eigentümlichen Betätigungen einen ähnlichen Charakter haben. Fürchten Sie aber nicht, daß ich jetzt beabsichtige, zu sagen, warum ich so denke. Ich weiß, daß man in einer Unterhaltung mit Franzosen immer die Hauptsache vermeiden muß und daß es sich empfiehlt, in der gemäßigten Zone der Nebenfragen zu bleiben. Es ist schon liebenswürdig genug von Ihnen, daß Sie mich anhören und mir sogar diesen verkappten Monolog auferlegen, obwohl der Monolog vielleicht das schwerste Verbrechen ist, das man in Paris begehen kann. Aus diesem Grunde rede ich auch ein wenig gehemmt und in einem Bewußtsein, das unter dem Eindruck steht, als ob ich so etwas wie eine Notzucht beginge. Dabei beruhigt mich einzig und allein die Überzeugung, daß mein Französisch sich nur schleppenden Fußes vorwärts bewegt und sich nicht den behenden Kontertanz des Dialogs leisten kann. Aber kehren wir zu unserem Thema der wesentlich utopischen Beschaffenheit alles Menschlichen zurück. Statt diese Behauptung auf allzu feste Gründe zu stützen, möchte ich Sie nur einladen, sie einmal aus reinem Vergnügen am geistigen Experiment als Grundprinzip anzunehmen und in ihrem Lichte das Streben und Mühen des Menschen zu betrachten.”
„Aber in Ihrem ganzen Werk”, bemerkte der liebe Freund Jean Baruzi, „ist der Kampf gegen den Utopismus häufig.” „Häufig und wesentlich! Es gibt einen falschen Utopismus, der das strikte Gegenteil dessen ist, den ich jetzt im Auge habe, einen Utopismus, der darin besteht, zu glauben, daß, was der Mensch wünsche, plane und sich vornehme, ohne weiteres auch möglich sei. Gegen nichts empfinde ich einen stärkeren Widerwillen, und in ihm sehe ich die wichtigste Ursache für all das Elend, das sich gegenwärtig auf dem Planeten ausbreitet. An dem bescheidenen Einzelfall, der uns gerade beschäftigt, können wir den entgegengesetzten Sinn der beiden Utopismen bestimmen. Der schlechte Utopist ebenso wie der gute halten es für wünschenswert, die natürliche Wirklichkeit zu korrigieren, die den Menschen auf den Bereich verschiedener Sprachen beschränkt und sie dadurch in ihrer Verständigung behindert. Der schlechte Utopist glaubt, daß, weil das wünschenswert ist, es auch möglich sei, und von da ist nur noch ein Schritt zu dem Glauben, daß es leicht sei. In dieser Überzeugung wird er die Frage nicht lange prüfen, wie man übersetzen muß, sondern wird ohne weiteres mit seiner Arbeit beginnen. Daher kommt es, daß fast alle vorhandenen Übersetzungen schlecht sind. Der gute Utopist dagegen glaubt, daß, obwohl es wünschenswert wäre, die Menschen von der Distanz zu befreien, die ihnen durch die Sprache auferlegt wird, es nicht wahrscheinlich sei, daß das gelingen könne, daß es vielmehr nur in annäherndem Maße möglich sei. Diese Annäherung kann aber größer oder geringer sein… bis zur Unendlichkeit, und das erschließt unseren Bemühungen eine unbegrenzte Betätigung, die immer neue Verbesserungen und Vervollkommnungen, mit einem Wort: ,Fortschritt’ in sich birgt. Aus Betätigungen dieser Art besteht die ganze menschliche Existenz. Stellen Sie sich das Gegenteil vor: daß Sie sich verurteilt sähen, sich nur mit dem zu beschäftigen, was möglich ist, was von selbst erreicht werden kann. Welche Beschränkung! Sie würden Ihr Leben wie völlig ausgehöhlt empfinden. Gerade weil Ihre Bemühung das erreichte, was Sie sich vornahmen, würde es Ihnen vorkommen, als ob Sie nichts getan hätten. Die Existenz des Menschen hat einen sportlichen Charakter der Anstrengung, die in sich selbst ihre Befriedigung findet und nicht in ihrem Ergebnis. Die Weltgeschichte läßt uns die unaufhörliche und unerschöpfliche Fähigkeit des Menschen erkennen, Projekte zu erfinden, die nicht verwirklicht werden können. In dem Bemühen, sie zu verwirklichen, erreicht er vieles, erschafft er unzählige Realitäten, die die sogenannte Natur unfähig ist, aus sich selbst hervorzubringen. Das einzige, was der Mensch niemals erreicht, ist gerade das, was er sich vornimmt – zu seiner Ehre sei es gesagt. Diese Vermählung der Wirklichkeit mit dem Inkubus des Unmöglichen schafft dem Universum die einzigen Erweiterungen, deren es fähig ist. Darum ist es so wichtig, zu unterstreichen, daß alles – selbstverständlich alles, was der Mühe wert ist, alles, was wirklich menschlich ist – schwierig, sehr schwierig ist, so sehr, dass es unmöglich ist.
Wie Sie sehen, ist es kein Einwand gegen den möglichen Glanz der Arbeit des Übersetzens, daß man ihre Unmöglichkeit erklärt. Im Gegenteil, dieser Charakter verleiht ihr den höchsten Adel und läßt uns mutmaßen, daß sie von Bedeutung ist.”
„Danach”, unterbrach ein Professor der Kunstgeschichte, »neigen Sie ebenso wie ich zu der Ansicht, daß die eigentliche Aufgabe des Menschen, das, was seinen Bemühungen Sinn verleiht, darin besteht, der Natur zuwiderzuhandeln.”
„In der Tat neige ich sehr zu dieser Ansicht, nur darf man niemals – was für mich fundamental wichtig ist – die vorherige Unterscheidung zwischen den beiden Utopismen, dem guten und dem schlechten, vergessen. Ich sage das, weil das wesentliche Merkmal des guten Utopisten darin besteht, daß er, wenn er sich der Natur radikal widersetzt, mit ihr rechnet und sich keinen Täuschungen hingibt. Der gute Utopist ist mit sich selbst darüber im reinen, daß er zuerst ein unerbittlicher Realist sein muß. Erst wenn er sicher ist, daß er die Wirklichkeit, ohne sich der geringsten Täuschung hinzugeben, in ihrer äußersten Nacktheit ins Auge gefaßt hat, wendet er sich mit Anstand gegen sie und bemüht sich, sie im Sinne des Unmöglichen, was das einzig Sinnvolle ist, umzugestalten.
Die umgekehrte Haltung, die die übliche ist, besteht darin, zu glauben, daß das Wünschenswerte wie eine wildwachsende Frucht der Wirklichkeit schon da sei. Dies hat uns den Weg zum Verständnis der menschlichen Angelegenheiten a limine versperrt. So wünschen zum Beispiel alle, daß der Mensch gut sei, aber Ihr Rousseau glaubte, daß dieser Wunsch ohne weiteres schon verwirklicht sei, daß der Mensch von sich aus und von Natur gut sei. Das hat uns anderthalb Jahrhunderte europäischer Geschichte verkrüppelt, die herrlich hätten sein können, und wir haben unendliche Nöte, ungeheure Katastrophen – und diejenigen, die noch kommen werden – gebraucht, um die einfache Wahrheit wieder zu entdecken, die fast allen vorausgegangenen Jahrhunderten bekannt war, nach der der Mensch von sich aus nichts anderes als eine üble Bestie ist.
Um aber endgültig zu unserem Thema zurückzukommen: wenn wir die Unmöglichkeit des Übersetzens betonen, so sprechen wir damit dieser Tätigkeit ebensowenig einen Sinn ab, wie es niemand einfallen wird, für absurd zu halten, daß wir uns miteinander in unserer Muttersprache unterhalten, und doch handelt es sich auch hier um ein utopisches Bemühen.”
Diese Behauptung rief rundum eine Woge von Widersprüchen und Protesten hervor. „Das ist ein Superlativ oder noch besser das, was die Grammatiker ein ‚Übermaß’ nennen”, meinte ein bis dahin schweigsam gebliebener Philologe. „Mir scheint es zu viel gesagt und etwas paradox”, rief ein Soziologe aus.
»Ich sehe, daß das kühne Schifflein meiner Doktrin Gefahr läuft, in diesem plötzlichen Sturm Schiffbruch zu erleiden, ich verstehe, daß für französische Ohren, auch wenn sie so wohlgeneigt sind wie die Ihrigen, die Behauptung, daß Sprechen ein utopisches Bemühen sei, hart klingt. Aber, was soll ich tun, wenn das unausweichlich die Wahrheit ist?”

III
ÜBER DAS SPRECHEN UND SCHWEIGEN
Nach dem Abflauen des Sturms, den meine letzten Worte hervorgerufen hatten, konnte ich fortfahren: »Ich verstehe Ihre Entrüstung gut. Meine Behauptung, daß Sprechen ein trügerisches Bemühen und eine utopische Handlung sei, hat ganz das Aussehen einer Paradoxie, und die Paradoxie ist immer aufreizend, ganz besonders für Franzosen. Vielleicht führt uns der Fortgang dieser Unterhaltung zu einem Punkt, an dem wir aufklären müssen, weshalb der französische Geist so sehr ein Feind der Paradoxie ist. Aber Sie werden anerkennen, daß es nicht immer in unserem Belieben steht, sie zu vermeiden. Wenn wir versuchen, eine ganz grundlegende Auffassung, die wir für sehr irrig halten, zu berichtigen, so ist es unwahrscheinlich, daß unsere Worte sich einer gewissen paradoxalen Frechheit enthalten könnten. Wer weiß, wer weiß, ob der Intellektuelle nicht durch eine unerbittliche Bestimmung und gegen seinen Gefallen oder Willen dazu berufen worden ist, in dieser Welt die Paradoxie zu vertreten! Wenn es sich jemand hätte angelegen sein lassen, uns ein für allemal zu erklären, warum der Intellektuelle existiert, wozu er da ist, seit er da ist, und uns einige einfache Angaben darüber gemacht hätte, wie die Alten – zum Beispiel die archaischen Denker Griechenlands, die ersten Propheten Israels usw. – ihre Aufgabe aufgefaßt hätten, so würde sich dieser mein Verdacht vielleicht als eine allgemein einleuchtende und triviale Angelegenheit erweisen. Weil letzten Endes δόξα die öffentliche Meinung bedeutet und es nicht gerechtfertigt erscheint, daß eine Klasse von Menschen existiere, deren spezieller Auftrag darin bestünde, etwas zu meinen, wenn ihre Meinung mit der öffentlichen Meinung übereinstimmen müßte. Wäre das nicht eine Überschwängerung oder, wie unsere spanische Sprache, die mehr von Maultiertreibern als von Kammerherren geschaffen wurde, sagt: ,ein Sattel auf den anderen Sattel gepackt? Erscheint es nicht glaubwürdiger, daß der Intellektuelle da ist, um das Gegenteil der öffentlichen Meinung, der δόξα zu vertreten, indem er gegenüber dem Gemeinplatz die wahre Meinung, die παράδοξα, entdeckt und aufrechterhält? Es könnte sich erweisen, daß die Aufgabe des Intellektuellen in ihrem Wesen unpopulär ist.
Sehen Sie in diesen Anregungen nicht mehr als meine Verteidigung gegenüber Ihrer Entrüstung. Aber nebenbei möge doch gesagt sein, daß ich glaube, mit Ihnen einige Fragen erster Ordnung, wennschon in bisher ärgerniserregendem Maße unberührte Fragen gestreift zu haben. Im übrigen stelle ich fest, daß Sie es sind, die für diese neue Abschweifung die Verantwortung tragen, da Sie sich gegen mich empört haben.
In Wirklichkeit ist meine Behauptung, ungeachtet ihres paradoxalen Gepräges, eine ziemlich einfache und einleuchtende Sache. Unter Sprechen pflegen wir die Ausübung einer Tätigkeit zu verstehen, mittels deren wir unsere Gedanken dem Nebenmenschen zu offenbaren vermögen. Selbstverständlich ist die Sprache noch vieles andere außerdem, aber alles setzt diese grundlegende Funktion des Sprechens voraus oder enthält sie. So versuchen wir zum Beispiel, indem wir sprechen, einen anderen zu überzeugen, ihn zu beeinflussen, zuweilen ihn zu täuschen. Die Lüge ist eine Sprache, die unsere echten Gedanken verheimlicht. Es ist aber einleuchtend, daß die Lüge unmöglich wäre, wenn das primäre und normale Sprechen nicht aufrichtig wäre. Die falsche Münze läuft im Schutze der echten Münze um. Zu guter Letzt erweist sich der Betrug als bescheidener Parasit der Unbefangenheit und Aufrichtigkeit.
Wir sagen also, daß der Mensch, wenn er sich zu sprechen anschickt, es tut, weil er glaubt, das sagen zu können, was er denkt. Nun, gerade das ist trügerisch. So viel leistet die Sprache nicht. Sie gibt, mehr oder weniger, einen Teil von dem wieder, was wir denken, und setzt der Übermittlung des Restes einen unübersteiglichen Damm entgegen. Sie genügt in ausreichendem Maße für mathematische Begriffe und Beweise, doch beginnt schon die Sprache der Physik zweideutig und ungenügend zu werden. In dem Maße aber, wie die Unterhaltung sich mit wichtigeren, menschlicheren‚ realeren’ Themen befaßt, steigert sich ihre Ungenauigkeit, ihre Schwerfälligkeit und ihre Neigung zur Verwirrung. Entsprechend dem eingewurzelten Vorurteil, daß wir uns durch Sprechen verständigen, reden wir und hören in so gutem Glauben zu, daß wir uns schließlich mehr miß verstehen, als wenn wir stumm wären und uns bemühten, uns zu erraten. Ja, noch mehr: da unser Denken in hohem Maße der Sprache zugeordnet ist – obwohl ich mich weigere, zu glauben, daß diese Zuordnung, wie man zu behaupten pflegt, eine absolute sei -, ergibt es sich doch, daß Denken ein Mitsichselbst-Sprechen und konsequenterweise ein Sich-selbst-Mißverstehen ist und daß man dabei große Gefahr läuft, in Verwirrung mit sich selbst zu geraten.”
„Übertreiben Sie nicht ein wenig?” fragte Mr. Z. ironisch. »Vielleicht, vielleicht. Aber es würde sich dann in jedem Falle um eine heilsame und dem Verständnis dienende Übertreibung handeln. Im Jahre 1922 fand eine Sitzung in der Société de Philosophie in Paris zur Diskussion des Problems des Fortschritts in der Sprache statt. An ihr nahmen neben den Philosophen von der Seine die großen Meister der französischen linguistischen Schule teil, die in gewissem Sinne, zum mindesten als Schule, die berühmteste der Welt ist. Nun denn: als ich den Bericht über die Diskussion las, stieß ich auf einige Sätze von Meillet, dem obersten Meister der zeitgenössischen Sprachforschung, die mich verblüfften: ‚Jede Sprache’, sagte er, ,drückt so viel aus, wie für die Gesellschaft nötig ist, deren Organ sie ist … mit jedem beliebigen Lautsystem, mit jeder beliebigen Grammatik kann man jede beliebige Sache ausdrücken.’ Haben Sie nicht den Eindruck, daß bei allem gebührenden Respekt vor dem Andenken Meillets in diesen Worten eine offenbare Übertreibung liegt? Wie hat sich Meillet von der Wahrheit einer so absoluten Feststellung vergewissert? Sicher nicht in seiner Eigenschaft als Sprachforscher. Als Sprachforscher kennt er nur die Sprachen der Völker, aber nicht ihre Gedanken, und seine Behauptung setzt voraus, daß er diese mit jenen verglichen und als übereinstimmend befunden hätte, wofür es nicht genügte, zu sagen: jede Sprache kann jeden Gedanken ausdrücken, sondern ob alle Sprachen es mit der gleichen Leichtigkeit und Unmittelbarkeit können. Die baskische Sprache mag so vollkommen sein, wie Meil-let will, aber es ist doch so, daß sie vergaß, in ihren Wortschatz ein Wortzeichen aufzunehmen, um Gott zu bezeichnen, und deshalb genötigt war, etwas zu Hilfe zu nehmen, was ‚Herr von oben’ – Jaungoikua – bedeutete. Nachdem vor Jahrhunderten die herrschaftliche Obrigkeit verschwand, bedeutet heute Jaungoikua unmittelbar Gott; wir müssen uns aber in die Zeit zurückversetzen, in der man sich genötigt sah, Gott als eine politische und weltliche Obrigkeit, als eine Art Zivilgouverneur oder Gerichtsbarkeit zu denken. Gerade dieser Fall offenbart uns, daß es die Basken, in Ermangelung eines Namens für Gott, viel Mühe kostete, ihn zu denken: darum brauchten sie auch so lange, sich zum Christentum zu bekehren, und die Vokabel sagt, daß die Polizei nötig war, um den reinen Begriff der Göttlichkeit in ihre Köpfe zu bringen.
Aber wenn dieser Fall der baskischen Sprache auch bestreitbar sein mag, was gibt es in der baskischen Sprache Unbestreitbares? Nehmen wir dieses andere Beispiel: Die Negritos der Philippinen haben nur für die Zahlen ‚eins’ und ‚zwei’ Wörter. Die übrigen Zahlen werden mit den Fingern bezeichnet: ,und das und das’. Hier haben wir neben der Abwesenheit der Wörter die unzweifelhafte Gegenwart des Begriffs, eines Begriffs, den die Sprache ausgelassen hat, der aber doch so klar ist, daß er in die Hände und, wenn diese nicht ausreichen, in die Zehen der Füße eingegangen ist. So daß die Sprache nicht nur Schwierigkeiten für den Ausdruck gewisser Gedanken bereitet, sondern auch die Empfängnis anderer behindert und unseren Verstand in gewissen Richtungen lähmt.
Wir wollen jetzt nicht in die wirklich grundlegenden – und höchst anregenden – Fragen eintreten, die das ungeheuerliche Phänomen der Sprache aufwirft. Nach meiner Meinung sind diese Fragen noch nicht einmal undeutlich erkannt worden, gerade weil uns der Blick für sie durch die Zweideutigkeit getrübt wurde, die in der Vorstellung liegt, daß die Sprache uns zur Offenbarung unserer Gedanken diene.”
„Welche Zweideutigkeit meinen Sie? Ich verstehe nicht recht”, fragte der Kunsthistoriker. „Jener Satz kann zwei grundverschiedene Dinge bedeuten: daß wir durch die Sprache versuchen, unsere Gedanken oder inneren Zustände auszudrücken, aber nur soweit, als uns das gelingt, oder aber, daß die Sprache dieses Ziel vollkommen erreiche. Wie Sie sehen, erscheinen hier die beiden Utopismen wieder, auf die wir bei der Beschäftigung mit der Übersetzung gestoßen sind. Und dasselbe wird in jedem anderen menschlichen Tun zum Vorschein kommen, entsprechend der allgemeinen These, die ich Sie einlud, zu erproben: ,Alles, was der Mensch unternimmt, ist utopisch.’ Nur dieser Grundsatz öffnet uns die Augen für die grundlegenden Fragen der Sprache. Weil wir uns, wenn wir uns tatsächlich einbilden, daß die Sprache alles ausdrücken könne, was wir denken, Rechenschaft darüber geben werden, was uns wirklich und offensichtlich andauernd geschieht, das heißt, daß wir beim Sprechen oder Schreiben beständig darauf verzichten, viele Dinge zu sagen, weil die Sprache es uns nicht erlaubt. Aber dann ist ja die Tätigkeit des Sprechens nicht nur ein Sagen und Kundtun, sondern auch zu gleicher Zeit und unerbittlich ein Verzichten auf Sagen, ein Schweigen und Verschweigen! Die Erscheinung könnte nicht häufiger und fragloser auftreten. Erinnern Sie sich daran, was Ihnen geschieht, wenn Sie in einer fremden Sprache sprechen müssen. Wie betrüblich ist das! Das fühle ich gerade jetzt, während ich französisch spreche: die Betrübnis, vier Fünftel von dem verschweigen zu müssen, was mir einfällt, weil diese vier Fünftel meiner spanischen Gedanken sich nicht gut französisch sagen lassen, obwohl die beiden Sprachen einander so sehr nahe stehen. Nun glaube man aber nicht, daß nicht das gleiche geschähe, wenn auch in geringerem Maße, wenn wir in unserer eigenen Sprache denken: lediglich die vorgefaßte gegenteilige Meinung verhindert uns, es zu bemerken. Damit sehe ich mich in der schrecklichen Lage, einen zweiten, noch viel größeren Sturm heraufzubeschwören als den vorherigen. In der Tat: alles Gesagte läuft unumgänglich auf eine Formel hinaus, die herausfordernd ihren frechen Bizeps der Paradoxie zeigt. Sie besagt: Man versteht im Grunde die staunenerregende Wirklichkeit der Sprache nicht, wenn man nicht anfängt, zu bemerken, daß die Sprache vor allem aus Stillschweigen besteht. Ein Wesen, das nicht fähig wäre, darauf zu verzichten, viele Dinge zu sagen, wäre unfähig zu sprechen. Und jede Sprache ist eine von den andern verschiedene Gleichung zwischen Äußerungen und Stillschweigen. Jedes Volk verschweigt einige Dinge, um andere sagen zu können. Weil alles zu sagen unmöglich wäre. Daher die ungeheure Schwierigkeit des Übersetzens: bei ihr handelt es sich darum, in einer Sprache gerade das zu sagen, was diese Sprache zu verschweigen pflegt. Gleichzeitig aber beginnt man zu ahnen, welch herrliches Unternehmen das Übersetzen sein kann: die Offenbarung der gegenseitigen Geheimnisse, die Völker und Zeiten voreinander wahren und die so viel zu ihrer Trennung und Feindschaft beitragen – kurz, eine kühne Vereinigung der Menschheit, denn, wie Goethe sagte: ,Nur in der Gemeinschaft aller Menschen ist das Menschliche vollkommen lebendig’.”

IV
WIR SPRECHEN NICHT IM ERNST
Meine Voraussage erwies sich als irrig. Der Sturm, mit dem ich gerechnet hatte, brach nicht aus. Die paradoxale Behauptung drang in den Sinn meiner Zuhörer ein, ohne Erschütterungen oder Krämpfe hervorzurufen, wie eine geglückte Einspritzung, die auf keinen Nervenstrang trifft. Es war daher eine vorzügliche Gelegenheit, den Rückzug anzutreten.
„Während ich von Ihrer Seite die heftigste Empörung erwartete, sehe ich mich von einer Zone des Friedens umgeben. Sie werden sich nicht wundern, daß ich mir das zunutze mache, um einem andern das Monopol der Rede abzutreten, das ich gegen meinen Wunsch bisher ausgeübt habe. Fast alle von Ihnen verstehen von diesen Dingen mehr als ich. Vor allem ist unter Ihnen ein großer Meister der Sprachforschung, der der neuen Generation angehört, und es wäre für alle von großem Interesse, wenn er uns seine Gedanken über die bisher behandelten Themen zu erkennen geben wollte.”
„Ein großer Meister bin ich nicht”, begann der Linguist. „Ich bin nur ein begeisterter Vertreter meines Faches, von dem ich glaube, daß es seiner ersten großen Zeit, der Stunde der reichsten Ernte entgegengeht, und ich schicke gern voraus, daß das, was Sie gesagt haben, und noch mehr, was ich ahne und zwischen Ihren Worten spüre, im allgemeinen weithin mit meinen Gedanken und mit dem übereinstimmt, was nach meiner Ansicht die unmittelbare Zukunft der Sprachwissenschaft beherrschen wird. Natürlich hätte ich das Beispiel der baskischen Vokabel für Gott vermieden, weil es sich hier um eine sehr umstrittene Frage handelt. Die ältesten Urkunden sprechen von Urtzi, was Donner und Gott bedeutet und darum als Name für Gott nicht mehr und nicht weniger ursprünglich und unmittelbar ist als der jeder andern beliebigen Sprache. Aber im allgemeinen stimme ich Ihnen zu. Untersuchen wir also genau, was das Grundlegende ist, aus dem jede Sprache besteht.
Der moderne Mensch fühlt sich allzu stolz auf die Wissenschaften, die er geschaffen hat. Gewiß erlangt die Welt durch sie ein neues Angesicht. Aber diese Erneuerung geht verhältnismäßig wenig tief. Sie besteht aus einer dünnen Haut, die wir über andere Weltbilder gespannt haben, die andere Zeitalter der Menschheit schufen und die von unserer Erneuerung vorausgesetzt werden. Jede Stunde machen wir uns diesen ungeheuren Reichtum zunutze, wir geben uns aber keine Rechenschaft darüber, weil wir ihn nicht selbst geschaffen, sondern geerbt haben. Wie gute Erben pflegen wir ziemlich kurzsichtig zu sein. Das Telephon, der Explosionsmotor und die Bohrmaschine sind wunderbare Erfindungen, aber sie wären unmöglich gewesen, wenn nicht der menschliche Geist vor zwanzigtausend Jahren die Kunst des Feuermachens, die Axt, den Hammer und das Rad erfunden hätte. Das gleiche geht bei der wissenschaftlichen Erklärung der Welt vor sich, die sich auf andere vorausgegangene Erklärungen stützt und sich von ihnen nährt, vor allem von der ältesten, der ursprünglichsten -der Sprache. Die heutige Wissenschaft wäre unmöglich ohne die Sprache, nicht nur und nicht so sehr aus dem Grunde der Binsenwahrheit, daß Wissenschaft treiben sprechen heißt, sondern umgekehrt, weil die Sprache die urtümliche Wissenschaft ist. Gerade weil das so ist, lebt die moderne Wissenschaft in dauerndem Streit mit der Sprache. Hätte das einen Sinn, wenn die Sprache nicht an sich eine Erkenntnis, ein Wissen wäre, das wir zu steigern versuchen, weil es uns ungenügend erscheint? Wir pflegen diese so offensichtliche Tatsache nicht klar zu sehen, weil die Menschheit, zum mindesten die westliche, seit langer, langer Zeit ,nicht im Ernste spricht’. Ich verstehe nicht, warum die Sprachforscher sich nicht gebührend bei diesem überraschenden Phänomen aufgehalten haben. Wenn wir heute sprechen, sagen wir nicht das, was die Sprache, in der wir sprechen, sagt, sondern indem wir in konventioneller Weise und wie im Scherz das verwenden, was unsere Worte an sich sagen, sagen wir mit diesem Sagen unserer Sprache, was wir sagen wollen. Damit sind wir schließlich in eine erstaunliche Sprachverwirrung geraten. Nicht wahr? Ich will mich deutlicher erklären: wenn ich sage, daß , die Sonne im Osten aufgeht’, so sagen meine Worte, also die Sprache, in der ich mich ausdrücke, nach ihrem eigentlichen Sinn, daß ein Wesen männlichen Geschlechts (el sol) und spontaner Handlungen fähig – der sogenannte ,Sol’ – die Handlung des ‚Aufgehens’ ausführt und daß es das tut von einem Ort aus, von dem aus die Aufgänge der Gestirne sich vollziehen – im Osten. Nun denn: all das will ich im Ernst nicht sagen, ich glaube nicht, daß die Sonne ein Mann sei oder ein Wesen, das spontaner Handlungen fähig sei, noch daß dieses sein , Aufgehen’ eine Sache sei, die sie von sich aus mache, noch daß in diesem Teil des Raumes in besonderer Weise Aufgänge von Gestirnen vor sich gingen. Wenn ich diesen Ausdruck meiner Muttersprache gebrauche, so verhalte ich mich ironisch und setze das, was ich sagen will, auf scherzhafte Art herab. Die Sprache ist heute ein reiner Scherz. Aber es ist klar, daß es eine Zeit gab, in der der indoeuropäische Mensch wirklich glaubte, daß die Sonne ein männliches Wesen sei, daß die Naturerscheinungen spontane Handlungen willensbegabter Wesen seien und daß das wohltätige Gestirn jeden Morgen in einem Teil des Raumes geboren und wiedergeboren werde. Weil er es glaubte, erfand er Wortzeichen, um es zu sagen, und schuf so die Sprache.
Das Sprechen war also in jener Zeit etwas sehr Verschiedenes von dem, was es heute ist: es war ein Sprechen im Ernst. Die einzelnen Vokabeln, der Aufbau, die Syntax hatten noch vollen Sinn. Die Worte sagten über das Weltbild das aus, was als Wahrheit erschien, sie drückten Erkenntnisse und Wissen aus. Sie waren ganz das Gegenteil einer Reihe von Scherzen. Man versteht, daß in der alten Sprache, aus der das Sanskrit herkommt, und selbst im Griechischen die Vokabeln , Wort’ und ‚Sagen’ – brahman, logos – eine sakrale Bedeutung bewahren.
Die Eigenart der indoeuropäischen Redeweise gibt eine Deutung der Wirklichkeit wieder, nach der das, was sich in der Welt abspielt, immer die Handlung eines geschlechtsbegabten Handelnden ist. Daher verbindet man sie mit einem männlichen oder weiblichen Subjekt und einem tätigen Verbum. Es gibt aber andere Sprachen, deren Ausdrucksweise eine ganz verschiedene Struktur aufweist und ganz verschiedene Deutungen des Wirklichen voraussetzt.
Die Welt, die den Menschen umgibt, stellt sich eben ursprünglich nicht in unzweideutigen Formen und Gliederungen dar, oder deutlicher gesagt: die Welt, so, wie sie sich uns darbietet, ist nicht aus‚Dingen’ zusammengesetzt, die von Grund aus getrennt und voneinander verschieden sind. Wir finden in ihr unendliche Verschiedenheiten, aber diese Verschiedenheiten sind nicht absoluter Art. Strenggenommen ist alles von allem verschieden, aber alles gleicht auch ein wenig allem. Die Wirklichkeit ist ein ,Kontinuum von unerschöpflicher Verschiedenheit’. Um uns nicht in ihm zu verlieren müssen wir in ihm Einschnitte und Abgrenzungen vornehmen, abgetrennte Räume schaffen, kurz, Unterscheidungen absoluten Charakters vornehmen, die in Wirklichkeit nur relativer Art sind. Darum sagte Goethe, daß die Dinge Verschiedenheiten seien, die wir selbst feststellten. Das erste, was der Mensch in seiner geistigen Gegenüberstellung zur Welt getan hat, war, die Erscheinungen in Ordnung zu bringen, das, was er vor sich sah, in Klassen einzuteilen. Jeder dieser Klassen wurde ein Lautzeichen zugeordnet, und das ist die Sprache. Aber die Welt bietet uns unzählige Möglichkeiten der Einteilung und zwingt uns keine auf. Daher gibt es so verschiedene Sprachen mit verschiedener Grammatik und verschiedenem Wortschatz. Diese ursprüngliche Einteilung ist die erste Vorstellung, die man sich von dem machte, was die Wirklichkeit der Welt ist; sie ist deshalb die erste Erkenntnis. Und daraus erklärt sich, weshalb Sprechen im Anfang ein Erkennen war.
Der Indoeuropäer glaubte, daß der wichtigste Unterschied zwischen den ,Dingen’ das Geschlecht sei, und gab jedem Gegenstand, etwas unanständig, eine geschlechtliche Kennzeichnung. Die andere große Teilung, die er der Welt auferlegte, bestand in der Annahme, daß es, solange sie besteht, entweder eine Handlung gibt – daher das Zeitwort – oder einen Handelnden – daher das Nennwort.
Gegenüber unserer höchst armseligen Unterscheidung der Nennworte – in männliche, weibliche und sächliche – weisen die afrikanischen Völker, die die Bantusprachen sprechen, einen anderen Reichtum auf: in einer von ihnen gibt es 24 Unterscheidungszeichen, das heißt gegenüber unseren drei Geschlechtern nicht weniger als zwei Dutzend. Die Dinge, die sich bewegen, werden zum Beispiel unterschieden von den ruhenden, das Pflanzliche vom Tierischen usw. Wo eine Sprache kaum Unterschiede feststellt, wirft eine andere überreiche Unterscheidungen auf. Im Arabischen gibt es 5714 Benennungen für das Kamel. Es leuchtet ein, daß es für einen Nomaden der arabischen Wüste nicht leicht sein wird, sich mit einem Fabrikanten aus Glasgow über das bucklige Tier zu verständigen. Die Sprachen trennen und veruneinigen uns nicht, weil und insofern, als es verschiedene Sprachen sind, sondern weil sie von verschiedenen seelischen Bildern, von ungleichen geistigen Systemen und – in letzter Instanz-von widersprechenden Philosophien ausgehen. Wir sprechen nicht nur in einer festgelegten Sprache, sondern denken, indem wir uns geistig in vorherbestimmten Gleisen bewegen, denen wir durch unser Geschick zugeteilt wurden.”
Der Sprachforscher schwieg, die Spitze seiner scharf geschnittenen Nase auf einen bestimmten Ausschnitt des Himmels richtend. Zwischen seinen Lippen schien ein Lächeln aufzukeimen und sich zu entfalten. Ich verstand sofort, daß dieser scharfsinnige Geist einer von denen war, die dialektisch vorgehen, indem sie einer Seite einen Stoß versetzen und einen anderen der entgegengesetzten. Da ich aus demselben Stall komme, machte ich mir ein Vergnügen dar- aus, das Rätsel zu lösen, das seine Rede uns aufgab.
„Heimlich und mit hinterlistiger Taktik”, sagte ich, „haben Sie uns vor den Abgrund eines Widerspruchs geführt, ohne Zweifel, um ihn uns besonders lebhaft empfinden zu lassen. In Wirklichkeit haben Sie zwei entgegengesetzte Thesen aufgestellt. Eine: daß jede Sprache einen bestimmten Rahmen, ein Gefüge von Kategorien, von Denkbahnen aufstellt; die andere: daß die Gefüge, die die einzelnen Sprachen formten, keine Lebenskraft mehr besitzen, daß wir sie in konventioneller Weise und wie im Scherz gebrauchen und unser Sagen nicht mehr im eigentlichen Sinne ein Aussagen dessen ist, was wir denken, sondern nur ‚Redensarten’. Da beide Thesen überzeugend sind, legt uns ihr Zusammenstoß nahe, ein Problem aufzustellen, das der Sprachforscher bisher noch nicht studiert hat, das heißt: was ist an Lebendigem und was an Totem in unserer Sprache vorhanden; welche grammatikalischen Kategorien bestimmen auch weiterhin unser Denken und welche haben ihre Lebenskraft verloren? Denn von allem, was Sie uns gesagt haben, ist das Einleuchtendste diese ärgerniserregende Behauptung, die Meillet und de Vendryes die Haare sträuben würde: unsere Sprachen sind ein Anachronismus.”
»Ganz richtig”, rief der Linguist aus, „das ist die Frage, die ich aufwerfen wollte, und das ist mein Gedanke darüber. Unsere Sprachen sind anachronistische Werkzeuge. Wenn wir sprechen, sind wir bescheidene Geiseln der Vergangenheit.”

V
DER GLANZ
„Die Zeit schreitet voran”, sagte ich zu dem großen Sprachforscher, »und unsere Gesellschaft muß sich auflösen. Ich möchte aber nicht darauf verzichten, zu wissen, was Sie über die Arbeit des Übersetzens denken.”
„Ich denke wie Sie”, entgegnete er, „ich denke, daß sie sehr schwierig, daß ihre Lösung unwahrscheinlich ist, daß sie aber eben deshalb von großer Bedeutung ist. Ja, noch mehr: ich glaube, daß wir jetzt zum erstenmal dahin kommen, sie großzügig und gründlich in Angriff zu nehmen. Auf alle Fälle empfiehlt es sich, zu beachten, daß das Wesentliche über diese Angelegenheit vor mehr als einem Jahrhundert von dem Theologen Schleiermacher in seinem Essay über die verschiedenen Methoden des Übersetzens gesagt wurde. Nach ihm ist die Übersetzung eine Bewegung, die in zwei entgegengesetzten Richtungen ausgeführt werden kann: entweder wird der Autor in die Sprache des Lesers gebracht oder wird der Leser zur Sprache des Autors geführt. Im ersten Fall übersetzen wir in einem uneigentlichen Sinn des Wortes: wir stellen strenggenommen eine Nachahmung oder eine Umschreibung des Originaltextes her. Nur wenn wir den Leser von seinen sprachlichen Gewohnheiten losreißen und ihn zwingen, sich in die des Autors zu versetzen, kommt eine eigentliche Übersetzung zustande. Bis heute sind fast nicht mehr als Pseudoübersetzungen hergestellt worden.
Hiervon ausgehend, möchte ich gewisse Grundsätze aufstellen, die die neue Arbeit des Ubersetzens näher erklären sollen, der man sich mehr als je aus Gründen, die ich nachher, wenn noch Zeit ist, sagen werde, widmen sollte. Man muß damit beginnen, daß man die Vorstellung von dem, was eine Übersetzung sein kann und sein soll, von Grund aus berichtigt. Versteht man sie als eine magische Handlung, mittels deren das in einer Sprache geschriebene Werk plötzlich in einer anderen auftritt, dann sind wir verloren, weil eine solche Transsubstantiation unmöglich ist. Die Übersetzung ist kein Duplikat des Originaltextes; sie ist nicht dasselbe Werk mit verändertem Wortschatz, noch darf sie das sein wollen. Ich möchte sagen: die Übersetzung gehört nicht einmal zu der gleichen literarischen Gattung wie das übersetzte Werk. Man müßte das mit besonderem Nachdruck sagen und bekräftigen, daß die Übersetzung eine besondere, von allen anderen verschiedene literarische Gattung mit ihren eigenen Normen und Zwecken ist. Aus dem einfachen Grund. weil die Übersetzung nicht das Werk, sondern ein Weg zu dem Werk ist. Wenn dieses ein dichterisches Werk ist, so ist es die Übersetzung nicht, sondern vielmehr ein Hilfsmittel, ein künstliches Gebilde, das uns jenem näherbringen soll, ohne die Absicht, es jemals zu wiederholen oder sich an seine Stelle zu setzen.
Wenden wir uns, um Verwirrungen zu vermeiden, der Gattung von Übersetzungen zu, die für uns die wichtigste wäre und die nach meiner Ansicht am meisten drängt: die der Griechen und Lateiner. Diese haben für uns den Charakter von Vorbildern verloren. Vielleicht ist es eines der seltsamsten und ernstesten Symptome unserer Zeit, daß wir ohne Vorbilder leben, daß unsere Fähigkeit, etwas als Vorbild zu betrachten, im Absterben begriffen ist. Im Falle der Griechen und Lateiner erweist sich unsere gegenwärtige Respektlosigkeit vielleicht am Ende als fruchtbar, denn während sie als Normen und Vorbilder untergehen, erstehen sie wieder vor uns als der einzige Fall eines von dem unsrigen völlig verschiedenen Menschentums, in das wir uns – dank dem vielen, was uns erhalten blieb – vertiefen können. Griechenland und Rom sind die einzige wirkliche Reise in die Zeit, die wir unternehmen können, und Exkursionen dieser Art sind das Wichtigste, was heute für die Erziehung des westlichen Menschen unternommen werden kann.Zwei Jahrhunderte mathematischer, physikalischer und biologischer Unterrichtung haben durch ihre Auswirkungen gezeigt, daß diese Fächer nicht genügen, um den Menschen zu entbarbarisieren. Die physikalisch-mathematische Erziehung muß in eine echte historische Erziehung einbezogen werden, die nicht darin besteht, Verzeichnisse von Königen und Beschreibungen von Schlachten und Statistiken von Preisen und Löhnen in diesem oder jenem Jahrhundert kennenzulernen, sondern die eine Reise in die Fremde, in die absolute Fremde einer anderen, weit zurückliegenden Zeit und einer ganz verschiedenen Zivilisation verlangt.
Gegenüber den Naturwissenschaften müssen heute die ,humanistischen’ wiedererstehen, wenn auch unter anderem Zeichen, als sie immer trugen. Wir müssen uns von neuem dem Griechen und dem Römer nähern, nicht als Vorbildern, sondern im Gegenteil als Beispielen von Fehlern, von Irrenden. Denn der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, und jede geschichtliche – und deshalb nicht endgültige – Wirklichkeit ist zunächst ein Fehler. Geschichtliches Bewußtsein von sich selbst erwerben und lernen, sich als einen Fehler zu sehen, ist ein und dasselbe. Und da dieses – vorläufig und relativ immer ein Fehler, ein Irrender sein – die Wirklichkeit des Menschen ist, kann nur das geschichtliche Bewußtsein ihn in seine Wirklichkeit einsetzen und ihn erlösen. Aber es ist eitel, zu verlangen, daß der heutige Mensch, wenn er sich selbst betrachtet, sich ohne weiteres als einen Fehler erkennen soll. Es gibt kein besseres Mittel, seine Sehschärfe für die menschliche Wirklichkeit, für den echten Humanismus zu stärken, als ihn aus der Nähe den Fehler sehen zu lassen, der die anderen waren, und vor allem den Fehler, der die Besten waren. Darum bin ich seit vielen Jahren von der Idee besessen, daß es notwendig sei, das ganze griechisch-römische Altertum durch die Lektüre wieder zu Ehren zu bringen – und dafür ist eine gigantische neue Übersetzungsarbeit unerläß-lich. Denn nun handelt es sich nicht nur darum, diejenigen Werke in unsere Sprache zu übertragen, die in ihrer Art als Vorbilder galten, sondern unterschiedslos alle. Sie interessieren uns und haben für uns Bedeutung – ich wiederhole es – als Fehler, als Irrende, nicht als Lehrer. Wir müssen von ihnen weniger aus dem lernen, was sie sagten, dachten, sangen, sondern einfach, weil sie waren, weil sie existierten, weil sie als arme Menschen wie wir in dem dauernden Schiffbruch des Lebens ebenso verzweifelt mit den Armen um sich schlugen wie wir.
Darum ist es wichtig, die klassischen Übersetzungen in diesem Sinne auszurichten. Weil zu dem, was ich vorher sagte: daß die Wiederholung eines Werkes unmöglich und die Übersetzung nur ein Hilfsmittel sei, das uns zu ihm hinführt, noch hinzukommt, daß von einem und demselben Text verschiedene Übersetzungen möglich sind. Es ist unmöglich, zum mindesten ist es das fast immer, sich gleichzeitig allen Dimensionen des Originaltextes anzunähern. Wenn wir eine Vorstellung von seinen ästhetischen Qualitäten geben wollen, werden wir den Stoff des Textes fast ganz außer acht lassen müssen, um seine formalen Reize wiederzugeben. Darum wird es notwendig sein, die Arbeit aufzuteilen und von einem und demselben Werk verschiedene Übersetzungen herzustellen, je nach den Gesichtspunkten, die wir mit aller Sorgfalt im Auge behalten wollen. Aber im allgemeinen überwiegt d– Interesse an jenen Texten in ihrer Eigenschaft als Symptome des antiken Lebens so sehr, daß man von ihren übrigen Qualitäten ohne ernstlichen Verlust absehen kann.
Wenn wir eine Übersetzung von Plato, auch die neueste, mit dem Text vergleichen, überrascht und erregt uns nicht, daß die berauschenden Schönheiten des platonischen Stils sich beim Übersetzen verflüchtigt haben, sondern daß drei Viertel der Dinge verlorengingen, eben der Dinge, die in den Sätzen des Philosophen zum Nachdenken reizen und auf die er im Flusse seines lebendigen Denkens stößt, die er andeutet oder im Vorbeigehen streichelt. Darum, nicht, wie man zu glauben pflegt, wegen der Verstümmelung seiner Schönheit, interessiert er den heutigen Leser so wenig. Wie soll er sich interessieren, wenn der Text vorher ausgeleert und nur ein dünnes Profil ohne Stärke oder Schwächen übriggelassen wurde. Und ich stelle fest, daß das, was ich hier sage, keine bloße Vermutung ist. Es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß nur eine Übersetzung Platos wahrhaft fruchtbar gewesen ist. Und diese Übersetzung war gerade die von Schleiermacher, und sie war es gerade darum, weil er aus wohl überlegter Absicht darauf verzichtete, eine gefällige Übersetzung herzustellen und in einer ersten Annäherung das tun wollte, was ich zu sagen im Begriffe bin. Diese berühmte Übersetzung ist von großem Nutzen, auch für Philologen, gewesen. Denn es ist falsch zu glauben, daß diese Art von Arbeiten nur denen diene, die nicht Griechisch und Lateinisch verstehen.
Ich stelle mir also eine Art von Übersetzung vor, die unschön ist, wie es die Wissenschaft immer ist, die keine literarische Anmut für sich in Anspruch nimmt, die nicht leicht zu lesen ist, die aber ganz klar ist, auch wenn diese Klarheit eine Menge von Fußnoten erfordert. Es ist nötig, daß der Leser im voraus wisse, dal, wenn er eine Übersetzung liest, er kein vom literarischen Standpunkt aus schönes Buch liest, sondern daß er ein ziemlich beschwerliches Hilfsmittel benützt, das ihn aber in Wahrheit in den armen Menschen Plato eindringen läßt, der vor vierundzwanzig Jahrhunderten sich auf seine Art bemühte, sich auf der Woge des Lebens zu behaupten.
Die Menschen anderer Zeiten hatten die Alten in einem pragmatischen Sinne nötig. Sie mußten von ihnen viele Dinge lernen, um sie in ihrer vollen Wirklichkeit anzuwenden. Es ist verständlich, daß die Übersetzung damals versuchte, den alten Text zu modernisieren, ihn der Gegenwart anzupassen. Aber was wir brauchen, ist etwas völlig anderes. Wir benötigen sie gerade, insoweit sie verschieden von uns sind, und die Übersetzung muß ihren fremden und abgelegenen Charakter betonen, indem sie ihn als solchen verständlich macht.
Ich verstehe nicht, wie nicht jeder Philologe sich verpflichtet fühlen kann, in dieser Weise ein antikes Werk zu übersetzen. Ganz allgemein sollte ein Schriftsteller die Tätigkeit des Übersetzens nicht gering schätzen und sein persönliches Werk durch irgendeine Übersetzung aus dem Altertum, dem Mittelalter oder der Neuzeit vervollständigen. Es ist nötig, daß das Ansehen dieser Tätigkeit erneuert und daß sie wie eine geistige Arbeit ersten Ranges geschätzt wird. Wenn das geschähe, käme man dahin, das Übersetzen in eine Wissenschaft sui generis zu verwandeln, die, dauernd gepflegt, eine eigene Technik herausbilden würde, die unser geistiges Wegenetz in fabelhafter Weise erweitern würde. Wenn ich mich im besonderen denÜbersetzungen aus dem Griechischen und Lateinischen zugewandt habe, so ist das nur geschehen, weil die allgemeine Frage an diesem Fall deutlicher sichtbar wird. Aber in dem einen oder anderen Maße sind die aus dem Fall zu ziehenden Schlüsse, auf irgendeine andere Epoche oder ein anderes Land bezogen, die gleichen. Das Entscheidende ist, daß wir uns beim Übersetzen bemühen, aus unserer Sprache heraus- und in die fremden einzugehen und nicht umgekehrt, was man gewöhnlich zu tun pflegt. Zuweilen, vor allem, wenn es sich um zeitgenössische Autoren handelt, wird es möglich sein, daß die Übersetzung neben ihren Vorzügen als Übersetzung auch einen gewissen ästhetischen Wert besitzt.”
„All das höre ich mit großem Vergnügen”, sagte ich zum Abschluß. „Es ist klar, daß das Publikum eines Landes eine im Stile seiner eigenen Sprache gehaltene Übersetzung nicht besonders schätzt, denn das besitzt es im Überfluß in der Produktion der einheimischen Autoren. Was es schätzt, ist das Gegenteil: daß die dem übersetzten Autor eigentümliche Ausdrucksweise in einer Übersetzung durchscheint, in der die Möglichkeiten der eigenen Sprache bis zur äußersten Grenze der Verständlichkeit ausgenutzt wurden. Die deutschen Übersetzungen meiner Bücher sind ein gutes Beispiel dafür. In wenigen Jahren sind mehr als fünfzehn Auflagen erschienen. Der Fall wäre unverständlich, wenn er nicht zu vier Fünfteln der gelungenen Übersetzung zuzuschreiben wäre. Meine Übersetzerin (Frau Helene Weyl, † 1948). hat nämlich die grammatikalische Toleranz der deutschen Sprache bis an ihre Grenze gezwungen, um genau das zu übertragen, was in meiner Art zu reden nicht deutsch ist. Auf diese Weise sieht sich der Leser mühelos geistige Gebärden ausführen, die in Wirklichkeit spanische sind. Er erholt sich so ein wenig von sich selbst, und es belustigt ihn, sich einmal als ein anderer zu fühlen.
Aber in der französischen Sprache ist das sehr schwer zu erreichen. Ich bedaure, daß meine letzten Worte in dieser Gesellschaft unfreiwilligerweise aggressiv klingen; aber das Thema, über das wir sprechen, nötigt sie uns auf. Sie besagen: von allen europäischen Sprachen ist diejenige, die die Arbeit des Übersetzens am wenigsten erleichtert, die französische.”
