Notities van Paul Valéry…

Paul Valéry, Windstriche

Die Vorstellungskraft des Wunsches erfasst immer nur einen Ausschnitt, ein vorteilhaftes Bruchstück der Wirklichkeit. 

Pag. 10


MORALIA

Selbstmorde.

Selbstmörder tun sich entweder Gewalt an, oder sie geben sich selber nach und scheinen einer verhängnisvollen Kehre ihres Schicksals zu folgen. Die einen stehen unter dem Zwang der Begebenheiten; die andern bezwingt ihre eigene Natur; und alle äußere Gunst, die ihnen das Schicksal erweist, wird sie nicht davor zurückhalten, den kürzesten Weg zu wählen. 

Noch eine dritte Art des Selbstmordes lasst sich aber denken. Es gibt Menschen, die ihr Leben so kühl betrachten und von ihrer Freiheit eine so unbedingte, so eifersüchtig gehütete Vorstellung haben, dass sie nicht gewillt sind, die Umstände ihres Todes dem Zufall der Geschehnisse oder der Wechselgeschicke ihres Organismus zu überlassen. Alter, Verfall, Überraschung widern sie an. In der Antike findet man einige Beispiele und das Lob solch unmenschlicher Standhaftigkeit.

Wogegen der von den Umstanden erzwungene Selbstmord, den ich zuerst erwähnt habe, von seinem Urheber zu einem bestimmten Zweck erdacht wird. Er erklärt sich aus der Unmöglichkeit, ein bestimmtes Übel genau auszumerzen. Der Teil kann nur über die Vernichtung des Ganzen getroffen werden. Man hebt das Ganze und die Zukunft auf, um das Einzelne und die Gegenwart zu zerstören. Man löscht das Bewusstsein überhaupt aus, weil man es nicht versteht, nur den einen Gedanken auszulöschen; das ganze Empfindungsvermögen, weil man mit einem bestimmten, unbesiegbar anhaltenden Schmerz nicht fertig wird.

Herodes lässt alle Neugeborenen erwürgen, weil er den einzigen nicht zu erkennen vermag, auf dessen Tod es ihm ankommt. Ein Mensch, verärgert durch eine Ratte, die sein Haus unsicher macht und sich nicht fangen lasst, brennt das ganze Gebäude nieder, weil er es nicht von diesem einen Tier zu reinigen weiß. Die Erbitterung über eine unerreichbare Stelle unseres Wesens reißt so das Ganze zur Selbstvernichtung hin. Der Verzweifelte wird dazu geführt oder gezwungen, ohne Unterscheidung zu handeln

Diese Art des Selbstmords ist eine grobe Lösung. Es ist nicht die einzige. Die Geschichte der Menschheit ist voll grober Losungen. Alle unsere Ansichten, die Mehrzahl unserer Urteile, die meisten unserer Handlungen sind bloßer Notbehelf.

Zur zweiten Art von Selbstmord werden Menschen getrieben, die der dusteren und grenzenlosen Trauer, der Besessenheit, dem Taumel der Nachahmung, der Benommenheit von einem unheilvollen und seltsam gehätschelten Bild widerstandslos verfallen. 

Die so Gearteten sind gleichsam empfänglich geworden für die Vorstellung oder den Begriff der Selbstzerstörung. Sie gleichen Rauschgift betäubten, denn in ihrer Verfolgung des Todes stellt man dieselbe Hartnäckigkeit fest, dieselbe Beklommenheit, List und Verstellung, wie bei Rauschgiftsüchtigen, die sich ihre Droge verschaffen wollen. Einige suchen nicht wirklich den Tod, sie wollen eine Art von Trieb befriedigen. Manchmal ist es die Todesart selbst, die sie fasziniert. Wer sich am Galgen sieht, der wird sich nie in den Fluss werfen. Der Tod durch Ertrinken inspiriert ihn nicht. Ein Schreiner verfertigte einmal eine sehr klug entworfene Guillotine um der Wollust willen, welche die reinliche Trennung des Kopfes vom Körper gibt. Dieser Selbstmord hat etwas Ästhetisches an sich und die Sorge um die gewissenhafte Ausführung der letzten Handlung. 

All diese zweimal Sterblichen scheinen im Schatten ihrer Seele einen nachtwandlerischen Mörder, einen unversöhnlichen Träumer, einen Doppelgänger zu bergen – Vollstrecker einer unbeugsamen Weisung. Sie haben oft ein leeres, geheimnisvolles Lächeln: das Zeichen ihres immer gleichen Geheimnisses. Es bezeugt (wenn man dies überhaupt schreiben kann) die Anwesenheit ihrer Abwesenheit. Vielleicht gilt ihnen ihr Leben als vergeblicher oder mühseliger Traum, der ihnen immer mehr zur Last wird und aus dem sie immer lieber erwachen mochten. Alles scheint ihnen trauriger und nichtiger als das Nichtsein.

Ich will diese Betrachtungen mit der Untersuchung eines nur erdachten Falles beschließen. Man könnte sich einen Selbstmord aus Zerstreutheit vorstellen, der kaum von einem Unfall zu unterscheiden wäre. 

Ein Mann handhabt eine Pistole und weiß, dass sie geladen ist. Er hat weder Lust noch die Absicht, sich zu toten. Aber er ergreift die Waffe mit Vergnügen, seine Handflache umfasst den Kolben, sein Zeigefinger umschließt den Abzugbügel mit einer Art von Wollust. Er stellt sich die Handlung vor. Allmählich wird er zum Sklaven der Waffe. Sie bringt ihren Besitzer in Versuchung. Beiläufig richtet er die Mündung gegen sich. Er nähert sie seiner Schläfe, dann seinen Zähnen. Nun ist er beinah in Gefahr, weil der Gedanke an das Funktionieren, der Zwang einer vom Körper entworfenen und vom Geist vollzogenen Handlung ihn übermannt. Der Kreislauf des Impulses strebt sich zu schließen. Das Nervensystem erzeugt sich selber eine geladene Pistole, und der Finger will sich plötzlich krümmen. 

Eine kostbare Vase am Rand eines Tisches; ein Mann, der auf einer Brüstung steht, befinden sich in vollkommenem Gleichgewicht. Und doch sahen wir sie lieber etwas weiter von der Senkrechten des leeren Raumes entfernt. Wir haben die quälende Empfindung, wie wenig es braucht, um das Schicksal des Menschen oder des Dinges zu beschleunigen. Dies Wenige – wird es dem fehlen, dessen Hand bewaffnet ist? Falls er sich vergisst, der Schuss ihm entfahrt, der Gedanke an die Handlung siegt und sich verwirklicht, bevor er die Bremsvorrichtung ausgelost und die Selbstbeherrschung wiedererlangt hat – dürfen wir dann, was daraus folgt, einen Selbstmord aus Unachtsamkeit nennen? Das Opfer hat es geschehen lassen, und sein Tod ist ihm wie ein unüberlegtes Wort entfahren. Unmerklich hat es sich in eine gefährliche Zone seines Willensbereichs vorgewagt. Seine Willfährigkeit gegen irgendwelche Tast- und Machtgefühle hat es in ein Gebiet geführt, wo die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe sehr groß ist. Es hat sich einem Lapsus, einem geringfügigen Vorfall des Gewissens oder der Übertragung anheimgegeben. Es tötet sich, weil es allzu leicht war, sich zu töten. 

Ich habe ziemlich lange bei diesem erdachten Model einer halb zufälligen, halb vorbestimmten Handlung verweilt, um die Unwägbarkeit der Unterschiede und Gegensatze anzudeuten, die zwischen den Wahrnehmungen, den Bestrebungen, den Bewegungen und deren Folgen – zwischen Tun und Geschehen lassen, Handeln und Erdulden – zwischen Wollen und Können zu bestehen scheinen. (Im eben ausgeführten Beispiel geht das Können aus dem Wollen hervor.) 

Die ganze Spitzfindigkeit eines Kasuisten oder eines Schülers von Cantor wäre erforderlich, damit sich vom Gewebe der Zeit aussondern ließe, was der Wirkung der einzelnen Machte unseres Schicksals zuzuschreiben ist. Unter dem Mikroskop erscheint der Faden, den die Parzen abspulen und durchschneiden, als ein Seil, dessen vielfarbige Fasern, einander ablösend, bald verschwinden, bald wieder hervortreten, während die Windung sie zieht und mit sich reißt.

*

Der Tod ist eine Überraschung, die das Unvorstellbare dem Vorstellbaren bereitet. 

*

Welches Maß an Vorwänden, an Fehlschlüssen, an Ausreden – an Fruchtbarkeit, an Findigkeit -, um weiterzuleben! Um die einschneidenden Grunde zur Vernichtung, die von all überall her auftauchen, niederzuhalten – die dem Individuum jeden Augenblick das Gefühl – der Nutzlosigkeit oder des Versäumten oder Überholten vermitteln.

Man rettet sich in das Unbekannte. Man verbirgt sich in ihm vor dem Bekannten. Das Unbekannte ist die Hoffnung der Hoffnung. Im Unbestimmten hatte das Denken ein Ende. Die Hoffnung ist jener innerste Akt, der Unwissenheit schafft die Mauer zur Wolke wandelt – und kein Skeptiker, kein Zweifler zerstört Urteil und Vernunft, Evidenz und Wahrscheinlichkeit, wie dieser rasende Damon Hoffnung Immer allein, meist schweigsam zuhöchst auf dem höchsten und äußersten Turm, halt die Hoffnung Ausschau, hinweg über Körper und Geist. 

*

Die Hoffnung blickt in den Spiegel und sieht sich mit Siegesflügeln.

*

Jede Moral prophezeit.

Pag. 15-19



Kürze.

Handeln ist eine kurze Tollheit. 

Das Kostbarste des Menschen ist eine kurze Epilepsie. 

Das Genie hängt an einem Augenblick. 

Liebe entsteht auf einen Blick; und ein Blick genügt, ewigen Hass hervorzubringen. 

Und wir sind nichts, wenn wir nicht imstande waren und imstande waren, einen Augenblick außer uns zu sein. 

Dieser kurze Moment, da ich außer mir bin, ist ein Keim oder drangt wie ein Keim hervor. Die übrige Zeit lässt ihn sich entwickeln oder zugrunde gehen.

Eine zum Erstaunen mächtige Spannkraft drängt sich in den Samen und in einzelnen Minuten zusammen. Es gibt Teilchen der Zeit, die sich voneinander wie ein Pulverkorn von einem Sandkorn unterscheiden. Nach außen sehen sie fast gleich aus, doch ihre Bahnen sind nicht zu vergleichen.

Pag. 19


Macht und Geld haben den Zauber des Unbegrenzten; es ist nichts Genaues eigentlich, nicht eine bestimmte Fähigkeit des “Handelns, die “man ausdrücklich zu besitzen wünscht. Niemand begehrt leidenschaftlich nach einer vernünftigen Macht; auch nicht nach der Ausübung der Staatsgewalt als eines klar umgrenzten, regelmassigen Berufs; noch nach Geld als dem Gegenwert genau bestimmter Dinge.

Hingegen ist es das Unbestimmte der Macht, dem mein Wunsch gilt – weil ich nie weiß, was ich vielleicht einmal begehren konnte. Ich gehe nicht dem Bemessenen nach und will nur das kaufen, was nicht im Handel ist. 

Drum sieht die Welt in einem sehr mächtigen oder sehr reichen Menschen immer den Spieler, der Gluck hat. Man halt einen außerordentlichen Glücksfall für den Ursprung solcher Vermögen. Keine Anstrengung, keine einzelne Leistung scheint jemals zu solcher Große fuhren zu können, der etwas gleichsam Transzendentes anhaftet. 

So ist es denn also den Trieb zum Missbrauch der Macht, der so leidenschaftlich an die Macht denken lässt. Macht ohne Missbrauch verliert an Reiz.

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Schande umgibt den, der die allernotwendigsten Arbeiten verrichtet. Der Vornehmste findet am meisten Hilfe.

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Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

*

Ich kannte einen merkwürdigen Menschen, der alles glaubte, was er in der einen Zeitung las, und nichts, was in den andern stand. – Es war ein Original; seither im Gefängnis.

Pag. 21-22

Keine Neigung ist naiver als diejenige, die alle dreißig Jahre zur Entdeckung der »Natur« führt. 

Es gibt keine Natur. Oder genauer: was man als gegeben annimmt, ist allemal, früher oder später, hergestellt worden. Der Gedanke, dass man Dinge wieder in ihrer Ursprünglichkeit erfasst, ist von erregender Kraft. Man stellt sich vor, es gebe ein solches Ursprüngliches. Doch das Meer, die Baume, die Sonnen – und gar das Menschenauge -, all das ist Kunstgriff.

Die Veredelung und das Bedürfnis nach Edlem bei den Klassikern liegt nicht fern vom Hang zum Natürlichen. Beide Neigungen (ungleich an Scharfsicht und Wahrhaftigkeit) setzen voraus, dass die Ursprünge hinlänglich vergessen sind.

Ein Spieß ist edler – und mehr Natur als ein Gewehr. 

Ein Paar Stiefel sind vornehmer als ein Paar Stiefeletten. Dass der Mensch vergisst; dass er nicht mehr weiß; dass er untätig ist; dass ihm alte Bedingungen des Menschseins entfallen sind – führt zum »Edeln« und zur »Natur«, und . . zum sogenannten »Humanen«.

Pag 23-24


In jeder Gesellschaftsordnung tritt einer auf, der als Verwalter der vagen Dinge eingesetzt ist. Er destilliert sie, gliedert sie, versieht sie mit Verordnungen, Methoden, Einweihungsriten, mit Gepränge, Symbolen, Versmaßen, »geistlichen « Übungen – bis sie die Gestalt ursprünglicher Gesetze annehmen. – Es ist der Priester, der Magier, der Dichter, der Geheime Zeremonienmeister; auch der Demagoge und der Held. Aus Dampfen errichten sie Gebäude, die nicht fest, doch ewig stehen. Jeder Angriff vertreibt sie, keiner zerstört sie. 

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Das Geschäft der Intellektuellen ist es, mittels Zeichen, Namen, Symbolen alles aufzurühren, ohne das Gegengewicht realer Handlungen. Das macht ihre Reden verblüffend, ihre Politik gefährlich, ihr Vergnügen oberflächlich. 

Es sind soziale Reizmittel, mit den Vorteilen und Gefahren aller Reizmittel.

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Der Redner und der Sophist: Salz der Erde. Götzendiener sind alle übrigen, die Wörter für Dinge, Sätze für Handlungen halten. 

Aber die ersteren nehmen ihre ganze Gruppe wahr, in ihnen ist das Reich des Möglichen. 

Daraus folgt, dass der Mann der klaren, großen, kühnen Tat nicht sehr verschieden ist von diesen meisterlichen und freien Gestalten. Sie sind innerlich miteinander verbrüdert. 

(Napoleon, Cäsar, Friedrich – Literaten, ungemein begabt, um Menschen und Dinge zu manipulieren – durch Worte.)

Pag. 25


Ich sehe den »modernen Menschen« mit einer Idee von sich und der Welt einhergehen, die nicht länger eine bestimmte Idee ist. – Er kann nicht mehr ohne eine Vielzahl von Ideen auskommen; ohne diese Vielfalt widerstreitender Sichtweisen konnte er schwerlich leben; es ist ihm unmöglich geworden, ein Mensch mit einem einzigen Gesichtspunkt zu sein und tatsächlich einer einzigen Sprache, einer einzigen Nation, einer einzigen Konfession, einer einzigen Physik anzugehören. 

Dies sowohl infolge seiner Lebensweise als aufgrund der gegenseitigen Durchdringung der verschiedenen Losungen. 

Außerdem büßen die Ideen, selbst die grundlegenden, den Wesenscharakter allmählich ein und nehmen den Charakter von Werkzeugen an.

Pag. 25-26


Die Unmenschliche.

Die Wissenschaft hat das gute Gewissen des Gemeinsinns und des gesunden Menschenverstandes zerstört. Beide behaupten ihr Ansehen nur noch im Bereich des Unbestimmten. Sie hat das Denken dazu gebracht, immer mit Überraschungen zu rechnen, auf allen Gebieten, wo Sprache und Gespräch nicht alles bedeuten. Sie entwertet unsere naiven Bilder und selbst unsere Vorstellungskraft, die von unseren körperlichen Erfahrungen und Gewohnheiten herrührt. Sie lässt uns glauben, dass unendlich viel Unvorstellbares sich abspielt, wovon das Vorstellbare einen winzigen, völlig untergeordneten Bruchteil ausmacht; und sie entzieht dem Menschen sogar seinen Begriff von Wissen: Wesenheiten, Prinzipien, Kategorien, Deduktionen – diese Trugbilder der Ordnung und absoluten Zentralisation einer Erkenntnis, die ihre Reichweite im Voraus zu errechnen strebt und behauptet. Sie führt zur Formulierung von Aussagen, die dem Gemeinsinn unerträglich sind, weil sie sich in den Formen der herkömmlichen Sprache, denen jener aufs engste verhaftet ist, absonderlich ausnehmen. 

Dies alles ist höchst unangenehm für den gesunden Menschenverstand, der ja ein statistisches Gefühl ist, eine Erwartung oder Wahrscheinlichkeit, die auf verworrenen Erfahrungen beruht; auf den Vorstellungen, die verwendbar sind; auf der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, sich etwas vorzustellen; auf einer Logik, die nur folgert und die Voraussetzungen für gesichert halt. Die Evidenz ist nur das Erschauen eines naiven Bildes. Was ist evidenter, als dass es keine Antipoden gibt? Doch welches Bild ist nicht naiv?

Mit dem Einwand des gesunden Menschenverstandes weicht der Mensch vor dem Unmenschlichen zurück, denn im gesunden Menschenverstand liegt nichts als der Mensch, seine Vorfahren, die Maßstäbe des Menschen und die menschlichen Fähigkeiten und Beziehungen. Doch die Forschung und selbst die Machte rücken vom Menschen ab. Die Menschheit wird sich daraus retten, so gut sie kann. Die Unmenschlichkeit hat vielleicht eine große Zukunft…

*

Niemand kann mehr ernsthaft vom Universum reden. Dieses Wort sucht seine Bedeutung. Auch der Name Natur wird seltener. Das Denken überlässt ihn der Sprache. All diese Wörter sind für uns, mehr und mehr, nur noch Wörter. Denn der Abstand zwischen dem Wörterbuch der Umgangssprache und dem Verzeichnis der klaren, zur Fixierung und Kombinierung präziser Erkenntnisse sorgfältig zubereiteten Begriffe beginnt fühlbar zu werden.

Schon liegt Dämmerung über dem Vagen, tagt das Reich des Unmenschlichen, das hervorgehen wird aus der Klarheit, Strenge und Reinheit in den menschlichen Dingen. 

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Die Sprache ist unbedacht – vergesslich. Die sukzessiven Bedeutungen eines Wortes wissen nichts voneinander. Sie stammen von Assoziationen ohne Erinnerung ab, und die dritte weiß nichts von der ersten.

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Höflichkeit ist geregelte Gleichgültigkeit.

Lächeln ist ein System.

Rücksicht ist Voraussicht.


Pag. 26-27

Es gibt die Wissenschaft von den einfachen Dingen und die Kunst der komplizierten Dinge. Wissenschaft, wenn die veränderlichen Größen aufgezählt werden können und ihre Zahl geringfügig ist, wenn ihre Kombinationen klar und deutlich unterschieden sind.

Man strebt dem Zustand der Wissenschaftlichkeit zu, man wünscht ihn herbei. Der Künstler erzielt gute Ertrage für sich. Der Vorteil der Wissenschaft beruht in der Kunst, Wissenschaft zu erzeugen

Pag. 27-28


Alle Kritik, aller Tadel läuft auf den Satz hinaus: Ich bin nicht du. Deshalb spielt eine Grausamkeit mit, das heißt eine Unempfindlichkeit, eine wesentliche Ungleichheit – wie zwischen einem fallenden Stein und dem von ihm erschlagenen Tier. 

Man kann unmöglich verstehen und zugleich strafen. Wenn der Richter sich nicht in den Schuldigen versetzt, wird er selbst gerichtet durch die Abgründe des Schuldigen, die die gleichen sind wie die seinen. Dringt er aber ein in das Innerste der Schuld – wo ist dann der Schuldige, wo der Richter?

Pag. 28

Schreiben heisst voraussehen.

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Wie wenig man sich kennt, ermisst man, wenn man sich wieder liest.

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Viele Schriftsteller betrachten ihre Kunst nicht als etwas, das man beherrschen muss – sine qua non -, sondern als Hasardspiel, in dem man sein Glück versuchen darf. Sie verlassen sich ganz auf das Gluck und geben sich den Wert, den es ihnen zu verleihen geneigt ist. (Sie’. werden sogar noch ein wenig hinzugeben.) 

So gibt es zwei Klippen, zwei Arten irrezugehen und zu scheitern: die allzu genaue Anpassung an das Publikum; die zu enge Treue zum eigenen System.

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Entwurf zu einem Vorwort. 

Seht da, unsere Mythen, unsere Irrtümer, die wir mit solcher Mühe gegen die frühern aufgerichtet haben! . . .

Pag. 30


Paradox

Es gibt nur ein Mittel, um einem Swerk Einheit zu geben: es unterbrechen und wieder aufnehmen.

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Dichter ist, wer durch die eigentümliche Schwierigkeit seiner Kunst auf Einfälle kommt – und der ist es nicht, bei dem sie ihretwegen ausbleiben.

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Dichter. – während er seine Verse macht, weiß er eine Zeitlang nicht, ob er ganz nah am Ziel ist oder noch nichts getan hat. Beides trifft zu; und dieser Zustand dauert oft fast so lang wie die ganze Arbeit.

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Mancher Dichter gleicht einem, der mühsam und wie besessen auf der ganzen Erde nach Felsen sucht, die zufälligerweise eine menschenähnliche Form haben.

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Die Pythia vermochte kein Gedicht zu diktieren. Wohl aber einen Vers – das heißt eine Einheit – und dann wieder einen. Diese Göttin der Kontinuität ist selber außerstande fortzufahren. 

Und die Lücken füllt die Diskontinuität.

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Mögen uns die Götter vor prophetischem Delirium bewahren! 

In solcher Verzückung sehe ich vor allem die schlechte Leistung einer Maschine – die unvollkommene Maschine. 

Eine gute Maschine ist geräuschlos. Die vom Zentrum entfernten Teile versetzen die Achse nie in Schwingung. – Sprecht, ohne zu schreien. 

Also keinerlei Verzückung – denn sie befördert schlecht.

Pag. 32


Inspiration.

Angenommen die Inspiration wäre das, wofür man sie hält – was absurd wäre, weil es besagen wurde, dass unter dem Diktat einer Gottheit ein ganzes Gedicht entstehen könnte -, so folgte mit ziemlicher Genauigkeit daraus, dass der Inspirierte, ebensogut wie in der eigenen, in einer fremden Sprache schreiben konnte, die er gar nicht zu kennen brauchte.

(So sprachen einst die Besessenen, die dabei gänzlich unwissend sein konnten, in ihren Anfällen hebräisch oder griechisch. Und ebendies munkelt man auch von den Dichtern …)

Der Inspirierte brauchte ebensowenig Kenntnis zu haben von seiner Zeit oder vom Stand des Geschmacks in seiner Zeit oder von den Werken seiner Vorgänger und Rivalen – es sei denn, man verstünde unter Inspiration eine so bewegliche, geordnete, scharfsinnige, unterrichtete und berechnende Kraft, dass man sie ebensogut Intelligenz oder Kenntnis nennen könnte.

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Wer »Werk« sagt, sagt: »Opfer«.

Das große Problem ist zu entscheiden, was zu opfern ist: man muss wissen, wer, was gefressen wird.

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Was mich – gegebenenfalls – interessiert, ist nicht das Werk, ist nicht der Autor – ist das, was ein Werk zu einem solchen macht.

Jedes Werk ist das Werk von ganz anderen Dingen als einem »Autor«.

Pag. 32-33


Was man an Können in seiner Kunst erwirbt, verliert man an »Persönlichkeit« –  zunächst . . . Jeder Zuwachs von außen wird mit einer Einbüße am (ursprünglichen) Selbst bezahlt.

Der Mittelmäßige findet den Weg zu seiner eigenen Natur nicht mehr; einige aber kehren zurück, bewaffnet mit Werkzeugen, die zu Organen geworden sind, und stärker denn je, ganz sie selber zu sein.

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Ich bewunderte dieses Werk. Ich fühlte mich dazu nicht imstande, gedemütigt … Und dabei fühlte ich, dass ein gewisses Maß von Dummheit nötig war, um es zu schreiben – um es auszudenken.

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Originalität. – Es gibt Leute – ich habe solche gekannt -, die ihre »Originalität« bewahren wollen. Dadurch werden sie zu Nachahmern. Sie gehorchen denen, die ihnen den Glauben an den Wert der »Originalität« beigebracht haben.

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Ein Schnabelvoll.

. . . Dieses ist eines jener Bücher, aus denen die Dummen holen, was der Autor geistreichen Leuten verdankt.

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Worin ein Mensch nicht nachgeahmt werden kann, darin kann er sich selber nicht nachahmen. Wo ich unnachahmlich bin, bin ich es für mich.

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Die Nachahmung, die man von einem Werk herstellt, entlastet es von dem, was nachahmbar ist.

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Sich selber nachahmen.

Es ist für den Künstler wichtig, dass er sich selber nachzuahmen versteht. Nur so kann er ein Werk aufbauen – das heißt ein Unternehmen wagen, das sich notwendig gegen die Beweglichkeit und Unbeständigkeit des Geistes, des Lebens, der Stimmung richtet. 

Der Künstler nimmt seinen glücklichsten Zustand zum Vorbild. Das Beste, was er nach seinem Urteil gemacht hat, dient ihm als Maßstab.

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Es ist nicht immer gut, man selber zu sein.

Pag. 34-35


Die Verwendung des Todes in der Literatur stellt eine Bequemlichkeit dar. Sie beweist einen Mangel an Tiefe. Aber die meisten verlegen das Unendliche in das Nichts.

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Eine reizende, rührende, »tief menschliche« Idee (wie die Esel sagen) entspringt manchmal dem Bedürfnis, zwei Strophen, zwei Partien miteinander zu verknüpfen. Es galt, eine Brücke zu schlagen oder Faden zu spinnen, die den Fortgang des Gedichts sichern. Und weil zum Menschen selbst oder zum Menschenleben gehört, dass jederzeit eine Fortsetzung möglich bleibt, erhalt dieses formale Bedürfnis eine Antwort – für den Autor, der nicht darauf gefast war, eine zufällige und glückliche Antwort -, und eine lebendige (wenn einmal an der rechten Stelle eingesetzt) für den Leser.

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Die große Anziehungskraft der klassischen Kunst liegt vielleicht in der Folge der Verwandlungen, welche für die Darstellung unter den auferlegten Bedingungen sine qua non nötig sind.

Probleme der Versifikation. Dies zwingt, was man zu sagen hat, von sehr hoher Warte aus zu betrachten. 

Pag 39


Das Urteil eines Gläubigen über einen Ungläubigen und umgekehrt zählt nicht.

– Ein empfänglicher Musikhörer und einer, der sie nur als Lärm vernimmt, können bis morgen früh diskutieren.

Die Debatte über das Religiöse findet nicht mehr zwischen Religionen statt, sondern zwischen denen, die glauben, dass glauben etwas bedeutet, und den anderen.

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Auf die Spitze getrieben oder mit letzter Gründlichkeit verfolgt, führt jede Meinung, These, Empfindung unweigerlich zur Zerstörung des Menschen.

Würden die Verbrecher den Widerstand leisten, der ihrem Wagnis entspricht . . . Wären die ersten Christen mit letzter Kraft Christen gewesen, so gäbe es keine Christen mehr; – und wäre ihnen jedermann gefolgt, so bliebe niemand mehr auf Erden.

*

Die beiden spiegelbildlichen Lehren, die eine, die vom ewigen Leben handelt, und die andere, die uns ein für allemal zugrunde gehen lässt, führen zum selben Ergebnis: beide sprechen den menschlichen Erfindungen und Schöpfungen jegliche Bedeutung ab. Die eine vergleicht die endlichen Werke mit dem Unendlichen und macht sie dadurch zunichte. Die andere lässt uns auf null zustreben und mit uns alles übrige. Wären allesamt echte Christen oder allesamt echte Heiden, so wären alle tot, tot, ohne irgend etwas geleistet zu haben. 

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Man spricht am liebsten von dem, was man nicht weiß. Denn daran denkt man, darauf richtet sich die Tätigkeit des Geistes, sie kann sich nur darauf richten.

Pag. 44-45


Typologie des Geistes

Die einen Denker haben das Verdienst, klar zu sehen, was alle übrigen undeutlich sehen; die andern, undeutlich zu sehen, was noch keiner sieht. Sehr selten findet man diese Verdienste vereint.

Die einen werden schliesslich von jedermann eingeholt.

Die andern gehen in diesen auf oder werden völlig vernichtet, spurlos und für immer. Die einen verschwinden in der Menge, in der sie sich auflösen; die andern in diesen oder einfach in der Zeit. 

Das ist das Los der Geistesmenschen. 

*

Das Banale überwinden heisst nicht viel. Auf Torheiten reagiert man mit Tollheiten. Das geschieht ganz mechanisch. Die ganze moderne Geistesgeschichte, Kunst, Politik usw., ist so einfach wie die Reflexe eines Frosches. Ich hasse dieses Spiel einfacher Reaktionen, Automatismus äusserster Gegensätze, symmetrische Gegenstösse; Glaube an den Wert des Neuen, weil es neu, des Alten, weil es alt ist; Glaube an die Intensität usw. 

Aber es gibt einen Standpunkt, von dem aus weder das Fremde noch das Banale, weder das Neue noch das Alte mehr sichtbar sind. 

*

Dialog. 

» Wie war lhnen damals zumute?« 

»Wie einem Menschen, der nicht weiss, was man empfinden soll. Oder vielleicht empfand ich, dass ich nicht empfand, was man hätte empfinden sollen … 

So dass mein Zustand an nichts erinnerte und ich recht eigentlich niemand war.« 

*

Die Herausforderung. 

»Sie sind nicht praktisch« – (nicht gut, nicht ernsthaft usw.). – » Nein, mein Herr, denn ich bin nichts – in meinem gewöhnlichen Zustand. – Untätig bin ich weder dies noch das … Aber Sie sollten nicht bezweifeln, dass ich gut und praktisch und alles übrige bin … Machen Sie, dass ich es sein muss.« 

*

Man muss viele Verbrechen begangen haben, reale oder auch imaginäre, und die Last einer schweren und bunten Vergangenheit mit ihren seelischen und äusseren Missgeschicken tragen, um eines Tages eine gute Tat zu erkennen, zu wagen und zu vollbringen; um ein wenig Gutes zu tun, ohne sich zu zu irren. 

Pag. 45-46


»Ich bin ein Gentleman«, sagt er – » denn ich stehe zu den meisten meiner Taten.«

*

Ich finde es unwürdig, zu verlangen, dass die andern unserer Meinung seien. 

Der Bekehrungseifer überrascht mich. 

Seine Gedanken verbreiten? 

Verbreiten – seine Gedanken – ohne die Wiederholungen, ohne das Absurde, das sie erfüllt und umgibt-ohne ihre eigenen Bedingungen …

Verbreiten, was ich als falsch, unsicher, unvollständig, bloss hingesagt erkenne;. was ich nur mit vielen Verbesserungen, Anmerkungen, Klammern, Unterstreichungen ertrage; – im Gedanken, es vielleicht zu verbessern und später fortzuführen … 

Und dann auch: mein Bestes weggeben . .. 

Oder: zunächst mit warmen und klaren Worten reden — plötzlich, beim Widerhall meiner Worte — ihre Ohnmacht wahrnehmen, ihre Sinnlosigkeit, die jäh sichtbar wird — und mich dann unterbrechen oder … fortfahren. Mich anlügen oder mich widerrufen? … 

—Wie können sie es aushalten, bei ihrer Meinung zu bleiben, sobald sie ertönt und sich von ihrem Schöpfer ablöst? 

Pag. 47


Seltsam, der Wahn, sich mitzuteilen —

Seine Krankheit – seine Ansicht mitzuteilen – sein Leben. Unsere »Ansichten« und »Überzeugungen« sind für uns unerbittliche Notwendigkeit. Unsere Natur will, dass wir von allen Dingen eine Meinung haben. Die politische Verfassung zwingt uns dazu. Gott verlangt, dass wir uns über seine Existenz und seine Eigenschaften äussern. 

Da unsere Natur fordert, dass wir auf alle Fragen antworten, von denen sie uns glauben macht, sie würden uns ge stellt, verlangt sie auch, dass uns unsere Antworten teuer seien, weil sie von uns kommen. Das Gegenteil wäre sinnvoller.

Pag. 47-48


Wie könnte ein Genie zu sich selber sagen – so bin ich also ein Kuriosum … Und was mir so natürlich erscheint, das Bild, das mir da einfiel, diese plötzliche Evidenz, jenes Wort, das mich nichts gekostet hat, dies flüchtige Ergötzen meines inneren Auges, meines heimlichen Hörens, meiner Stunden, und dann die Einfälle beim Denken und Reden … machen sie aus mir ein Ungeheuer? – Seltsam ist meine Seltsamkeit. So wäre ich nur eine Rarität? Und ohne dass ich mich im geringsten zu ändern brauchte, genügten hunderttausend meinesgleichen, und ich würde nicht mehr auffallen … Und bei einer Million wäre ich gar irgendein Trottel … Ein Millionstel meines früheren Wertes … 

*

Weder das Neue noch das Genie verführen mich—sondern die Beherrschung seiner selbst. Und sie läuft darauf hinaus, sich mit der Höchstzahl an Ausdrucksmitteln auszustatten, um zu diesem Selbst vorzustossen, es zu erfassen und die angeborenen Kräfte nicht verlorengehen zu lassen, aus Mangel an ihnen dienenden Organen.

*

Traum. – Ich war, was ich sein will, und starb fast vor Verlegenheit.

Ich war, was ich sein will, und starb beinahe, weil ich’s war. 

Pag. 48


Wer hat dich gequält? Wo ist denn die Ursache der Schmerzen und Schreie? Wer hat dich so tief gebissen, wer sass so schwer auf dir, ununterscheidbar von deinem Fleisch, so wie das Feuer eins ist mit der Kohle, wer zerrte und bog dich und verbog dabei in dir alle Ordnung der Welt, alle Gedanken, den Himmel, die Akte und die geringste Ablenkungen? 

Ist’s ein Ungeheuer, ein erbarmungsloser Herrscher, ein allmächtiger Kenner der Ressourcen des Schreckens und deiner Nervenlandschaft? 

Ein kleiner Gegenstand war’s, ein Steinchen, ein fauler Zahn Der hat dich ganz zum Singen gebracht, so wie die Düse den Damp zum Pfeifen bringt.

Pag. 48-49



Lied.

          So grosse Qualen gibt es nicht, 

          Dass nicht ein Nichts sie unterbricht 

          Für eine flüchtige Frist. 

*

Die Mängel unseres Geistes sind das eigentliche Herrschaftsgebiet des Zufalls, der Götter und des Schicksals. 

Wüssten wir auf alles eine Antwort – ich meine: eine treffende Antwort -, so gäbe es diese Mächte nicht. 

Aber unsere richtigen Antworten sind überaus selten. Die meisten sind schwach oder nichtig. Wir spüren das so genau, dass wir uns zuletzt gegen unsere Fragen wenden. Damit aber sollte man gerade beginnen. Man sollte eine Frage in sich ausbilden, die allen andern vorausgeht und jede auf ihren Wert hin befragt. 

*

Der grösste Ruhm, der sich denken lässt, bleibt dem, den er auszeichnet, auf immer verborgen. 

Man wird im geheimen von einem Unbekannten angerufen, angeschaut und in seine geheimsten Gedanken eingeführt, um ihm als Zeuge, Richter, Lehrer, Vater und als heilige Bindung zu dienen. So steht es um diesen mystischen Ruhm, und ich weiss, dass es ihn gibt, da ich ihn einigen verliehen habe, unter denen selbst die Lebenden nichts davon ahnten. 

*

Die Mittelmässigen werden immer gewandter, da sie nicht aufhören, ihren mittelmässigen Bereich zu durchmessen. Wer aber seine Gewandtheit aufgibt, um linkisch zu werden … der ist ein Mensch. 

Pag. 49


lch arbeite mit Hingabe, gediegen und eingehend, harre unendhch der kostbaren Augenblicke; überdenke stets erneut meine Entscheidungen; ich arbeite mit meinem Ohr, mit meinen inneren Auge, met meinem Gedächtnis, mit meiner Glut, mit meiner Schlaffheit; ich arbeite an meinem Arbeiten, ich gehe durch Wüsteneien, durch uppige Auen, durch Sinai, durch Kanaan, durch Capua, ich kenne dieZ eiten des zuviel und die Zeiten des Aussiebens, um mit meinen besten Kräften etwas zustande zu bringen, wovon ich weiss, dass es doch nichts sein wird- Anlass zur Langeweile, zum Vergessen, zu Unverständnis, was mir morgen missfallen, mich morgen verletzen wird – denn morgen werde ich dem, der heute sein Bestes tut, notwendig unterlegen oder überlegen sein. 

Was ich wert bin, bemisst sich nach dem, was mir fehlt, denn ich habe ein deutliches, tiefes Wissen von dem, was mir fehlt, und weil das nicht eben wenig ist, verhilft es mir zu beachtlichem Wissen. 

Ich habe versucht, mir zu schaffen, woran es mir mangelte. 

*

Ich liebe den Gedanken wie andere den nackten Körper, den sie ein Leben lang abzeichnen könnten. 

Ich sehe ihn für das Nackteste an, das es gibt; wie ein Wesen, an dem alles Leben ist-wo man das Leben der Teile und des Ganzen sehen kann. 

Bei einem Lebewesen übertrifft das Leben der Teile das Leben des Ganzen. Meine Elemente selbst die meines Geistes, sind älter als ich. —meine Wörter kommen von weit her. 

—Meine Gedanken aus dem Unendlichen. Unendlichkeit solcher Verbindungen.

*

Am schönsten wäre es, in einer selbsterfundenen Form zu denken. 

*

Wie selten denkt man zu Ende, ohne zu seufzen.

Am äussersten Ende jedes Gedankens wartet ein Seufzer 

*

Was man am Leben vermisst, ist das, was es nicht gebrach hat – und niemals gebracht hätte. Beruhige dich.

Pag 49-50


WEITERE WINDSTRICHE 

TRÄUME

Traum. 

Vor etwa dreissig Jahren hatte ich diesen Traum: 

Ich befand mich auf einem Kai in Rouen, vor einbrechender Nacht. Glühendes, mildes rosafarbenes Licht über dem Fluss, über den Steinen, Kanten und Stegen, über den Bauchungen und Winkeln der ankernden Schiffe. 

Aber ich hatte nur eines im Sinn. 

Zehn Schritte von mir war ein kleiner Kohlenhaufen. Davon ging eine Macht aus, eine unbestimmbare Kraft, die ich seltsam auf mir lasten fühlte. 

Ich fühlte mich angezogen, gelähmt, zum Nachdenken genötigt und in meinem ganzen Wesen von dieser dunklen, funkelnden Masse innerlich gelenkt. Dieser schwarze Haufe, schwarz von Diamanten, kam mir vor wie der Magnetberg in den arabischen Märchen. 

Und etwas in mir gab dieser sonderbaren Wirkung, ohne auch nur zu zweifeln, einen Namen. Etwas in mir wusste aus sicherem, unmittelbarem Wissen, da8 das der Blick Napoleons war. 

*

Der Selbstmord ist der verzweifelten Bewegung eines Träumers vergleichbar, der seinen Alptraum beenden möchte. Wer durch eine Anstrengung sich von einem schlechten Schlaf befreit, tötet; er tötet seinen Traum, er tötet sich als Träumer

Pag. 51


VERLORENE POESIE

Herz der Nacht.

Unterbrochene Nacht, fast zu schön, mit zuviel Schwärze vermischt und zu scharfen Lichtern; Wunder an Besitznahme und Abwesenheit, Nacht ganz aus herrlichen Abständen; 

kein Augenblick, der nicht alles oder nichts wäre.

Im Innersten der Nacht, im Herzen der Nacht. 

Das Erwachen des Geistes klar entgegengesetzt der Substanz der Nacht:

Bemerkenswert allein, abgehoben, ausgeruht. 

Von der Nacht geschieden, ihre Kräfte klar scheidend! 

Dann erleuchten ihn die Finsternisse. 

Das Schweigen spricht zu ihm ganz nah. 

Der Körper dann, gewichtslos in der Stille,

Der sich bis zu den Finger- und Fußspitzen fühlt;

Und die Sprache ganz gegenwärtig,

Das Gedächtnis ganz gegenwärtig,

Alle Bewegungen und Operationen des Geistes

Spürbar und sichtbar;

Die Idole wohlgeordnet

Auf allen Stufen, in jeder Ordnung und Klasse oder Kategorie

Die Erkenntnis selbst erleben, und keine Gegenstände…

*

Das Gehör.

Merk auf dieses feine, unaufhörliche Geräusch; es ist die Stille. Horch auf das, was man hört, wenn man nichts mehr vernimmt.

Pag. 52


MORGEN

Erwachen.

Wie mild das Licht, wie schon das lebendige Blau beim Erwachen!

Das Wort »rein« öffnet meine Lippen. Dies ist der Name, den ich dir gebe.

Hier, eins mit dem Tag, der noch nie war, sind die vollkommenen Gedanken, die niemals sein werden. Im Keim, der für immer Keim bleibt, der höchste umfassende Grad von Dasein und Tat.

Das Ganze ist Keim – das Ganze, noch nicht in seinen Teilen empfunden-, das Ganze, das beim Erwachen sich golden entwirft, noch durch keine bestimmtere Regung verstört. Ich entstehe von überall her, weit weg von diesem Selbst, in jedem Punkt, wo das Licht funkelt, an diesem Rand, in dieser Falte, auf diesem Faden eines Fadens, in dieser klaren Wasserlache. Noch bist du, mühelos, nur eine köstliche Wirkung des Lichts und des Lärms, ein Wunder aus Feuer, Seide, Schiefer und Dampf, Ineinander zusammenfließender einfacher Laute, Vergoldung und Murmeln, o Morgen!

*

Warum kann ich den Augenblick nicht hinauszögern, da ich zu mir komme, nicht säumen im umfassenden Zustand? Warum sollte ich diesen Morgen gerade mich wählen? Was zwingt mich, meine Freuden und meine Leiden wieder an mich zu nehmen? Und wenn ich nun meinen Namen, meine Wahrheiten, meine Gewohnheiten, meine Ketten wieder fahrenließe gleich Traumen der Nacht – wie einer, der verschwinden und ein neuer Mensch werden will, am Ufer des Meers sorgfältig seine Kleider und Papiere zurücklässt? Werde ich nicht jetzt von den Träumen belehrt, vom Erwachen ermahnt? Und der Sommermorgen, ist er nicht der Augenblick, nicht der gebieterische Rat, ein anderer zu werden? Der Schlaf hat das Spiel durcheinandergebracht, die Karten gemischt; und die Träume haben alles vermengt, alles von neuem in Frage gestellt…

Das Erwachen kennt eine Zeit der Geburt, der Geburt aller Dinge, bevor irgendeines entsteht. Da ist eine Nacktheit, ehe man sich wieder ankleidet.

Pag. 52-53


BAUM

Der Baum singt wie der Vogel.

Plötzlich ein Windstoß. – Heftiger Wind.

Das kommt, beruhigt sich, kommt wellengleich wieder.

Der Wind bringt dem großen Baum eine Fülle von Gedanken, er überrascht ihn, verwirrt ihn, greift ihn von allen Seiten an, erschüttert ihn. Bekleidet ihn mit der Rückseite seiner abertausend zahlreichen Blätter. Vermählt sich mit ihm, verwandelt ihn in ein Rauschen, das anschwillt und abflaut und ihn zu einem verlorenen Bächlein macht. Das führt zum reinen Traum vom Bach.

Der Baum träumt ein Bach zu sein; 

Im Winde träumt der Baum ein frischer Quell zu sein

Und wird, mehr und mehr, zum Gedicht, zum reinen Vers.

Pag. 53-53


*

WIEDERERLANGUNG I

Vom goldenen Dunst des Horizonts hebt sich das Meer allmählich ab; und von den geröteten Bergen, vom sanften, verlassenen Himmel, vom Gewirr der Blätter, von den Mauern, den Dächern und Dämpfen, von der Welt endlich, die sich neu erwärmt und die ein Blick umfasst – Bucht, Fluren, Morgenrot, bezaubernden Feuern -, wendet mein Auge sich ungern ab und wird wieder zum Sklaven meines Tischs. Eine ganze andere Welt, eine ganz andere Welt ist da, die Welt der Zeichen auf dem Tisch! – Möge die Arbeit mit uns sein! Welche seltsame Verengung des Gesichtskreises, Parenthese im Raum Monolog im Weltall ist diese Seite, bedrängt von Schriftzeichen, mit Streichungen und Zusätzen übersät! Ich sehe Linien zwischen anderen Linien, und endlos einander folgende Versuche sind gleichsam auf dem Papier entworfen. Hier kettet sich der Geist an sich selbst. Die Gaben, die Fehler, die Verbesserungen, die Rückfälle: erscheint nicht auf diesem Blatt, das den Flammen bestimmt ist, der ganze innere Mensch? Er hat sich versucht, sich berauscht, sich befreit, sich erschreckt, sich verstümmelt, er fasst sich wieder, er liebt sich und wird sich zum Gott.

Pag. 54


*

WIEDERERLANGUNG II

Geist. Reine Erwartung, ungewisse Ewigkeit, Bedrohung all dessen, was ich wünsche. Schwert, das einer Wolke entfahren kann, wie spüre ich sein Nahen! Ein unbekannter Gedanke ruht noch in den fallen und borgen meiner Stirn. Noch bin ich allem Denken entrückt; von allen Wörtern, von allen Formen, die in mir sind, gleich entfernt. Mein unbewegtes Auge spiegelt einen leblosen Gegenstand; mein Ohr hört nicht, was es hört. O meine Gegenwart ohne Gesicht, welcher Blick ist der deine, ohne Dinge, ohne Menschen, welche Macht, unbestimmbar wie die Gewalt in der Luft vor dem Gewitter! Ich weiß nicht, was sich bereitet. Ich bin Liebe und Durst und ohne Namen. Denn es ist kein Mensch im Menschen und kein Ich im Ich. Aber ein Geschehen ohne Sein, eine Wirkung ohne Ursache, ein Akzidens, das meine Substanz ist, naht. Das Ereignis ohne Dauer und Form greift jede Dauer und Form an. Es macht das Unsichtbare sichtbar, das Sichtbare unsichtbar. Es verzehrt, wer es anzieht, es erleuchtet, wen es zerbricht … Da bin ich, bin bereit. Triff mich. Da bin ich, den heimlichen Blick auf den blinden Punkt meiner Erwartung gerichtet . . . Dort bricht manchmal ein großes Ereignis hervor, das mich erschafft.

Pag. 54-55



MEERE

INSCHRIFT AUF DAS MEER

Einzig Unberührtes, Ältestes auf dem Erdball,

Was es berührt, zerfällt;

Was es verlässt, ist neu;

Das sich zurücknimmt zwischen zwei Zeiten der Hingabe,

Das sich hingibt und zurückzieht meeressalzen.

*

Wellen.

Der Wind riffelt die große Welle mit kleinen schrägen Wellen. Die Haut der großen Grundwelle wird regelmäßig gefurcht durch die oberflächliche Wirkung der Brise, die die Wasserfläche leicht erregt; und die mächtige rollende Form, die von weit her kommt, vervielfältigt sich, wird eine facettenreiche Masse, eine solide Kristalline Gestalt in ständiger Verwandlung, von wo das Geräusch siedender Materie ausgeht, durch zahllose tiefinnere Schreie, Zerreißen und Zerknittern, Fälteln und Durchwirbeln der Wasser unter sich. 

*

Wiederholte Beobachtung.

Menge bedeutet dem Geist nichts, den Sinnen alles. Dem Geist nichts; der Geometer beachtet sie nicht und lässt sie in den Formen die er hervorbringt, aufgehen.

Aber die Sinne: das Ohr, das Auge, aber die empfindende Seele sind aufgeregt, außer sich, zermalmt von dieser ewigen Wiederholung.

Der Geist verabscheut die unzählbare Wiederkehr, und nun grüßen ihn die Wellen, die immer wieder zugrunde gehen, den ganzen Tag…

Pag. 55- 56


PHÄNOMEN

26. September 

Sonnenuntergang. Klarer Himmel, die organgefarbene Scheibe berührt den Horizont. 

Die Menschen am Strand schweigen, ohne zu wissen warum. Drei Minuten Stille. 

Eindruck des Feierlichen bei diesem Vorüberziehn. Das Gefühl einer Enthauptung liegt in der Tiefe, die dieser Dauer innewohnt. Langsam fällt das Haupt dieses Tages. 

Die Scheibe ertrinkt. Als sie deutlich verschwunden ist, ruft ein Kind: » Zu Ende!« Jedermann scheint betroffen, einen seiner Tage enthauptet vor sich zu sehen. 

Ich bewahre eine Zeitlang in meinen Augen das Nachbild dieses wunderbaren Vorgangs. Aufs stärkste empfinde ich das Notwendige, das Unabwendbare,, den unbeugsamen Zeitlauf, eine genaue und träge Kraft. 

Der seltsame Zustand des Lebenden, der ungeheure Grössenunterschied, der Unterschied in der Natur, in der Dauer, der augenfällig zwischen den beiden Ordnungen besteht, die dem Augenblick beiwohnen und ihn ausmachen, der unmittelbare Eindruck einer ungeheuren Rangordnung drängen sich dem Denken auf und prägen sich eine Zeitlang seinem empfänglichen Stoff ein, wie ein allzu intensives Bild im Auge haftenbleibt und in gegensätzlichen Farbstufen allmählich erlischt. So antwortet das Denken (0der scheint es zu antwortren) diesen allzu starken »Naturerscheinungen « mit blasseb und vornehmen Gegenbildern und entwickelt vertraute Gegensätze. Es besinnt sich auf seinen Eigenwert, auf die Überschreitung der Erkenntnisfähigkeit, und wird den naiven Automatismus dieser Reaktionen nicht gewahr. Das Gegenteil zu äussern mag genügend sein zur Verteidigung, aber auch nur genügend. 

Das Denken musste sich ja vor dem betrachteten .Gegenstand schützen. Dessen Fülle von Leben und Erkennen, die der Bewegung eines Körpers gehorcht! Sein Dasein, sein Tod gleichsam mitgerissen, wie ein Stern, der in das Blickfeld eines Fernrohrs gerät; die Vernichtung seines Wesens als unmittelbare und geringfügigste Folge der Forderungen des Zeitplans erkannt und auferlegt! Alles Menschliche herabgewürdigt, entwertet, zunichte gemacht im Augenblick, da das Gestirn die Seele gestreift hat, die Abhängigkeit ohne Widerpart … Ich lasse meinen Satz in der Schwebe. Ich will damit sagen, dass alle diese Subjekte keine Attribute dulden … 

Das Meer scheint jetzt eine Masse treibenden und klatschenden grün-violetten Glases zu tragen. Das Kind von vorhin verzehrt eine geröstete, mit Sand bestäubte Brotschnitte, die ich zwischen meinen Zähnen knirschen höre. 

*

Schwimmen. 

Ich glaube mich wiederzufinden und wiederzukennen, wenn ich erneut in dieses allumfassende Wasser tauche. Ich verstehe nichts von der Kornernte, nichts von der Weinlese. In den Georgica findet sich nichts für mich. 

Aber sich stürzen in die Masse und Bewegung· noch mit den äussersten Gliedern spielen, vom Nacken bis zur Zehe; sich drehen und wenden in dieser reinen und tiefen Substanz· die göttliche Salzigkeit trinken und ausatmen, dieses Spiel gleicht für mich der Liebe, die Tätigkeit, bei der mein Körper sich ganz in Zeichen und Kräfte verwandelt, wie eine Hand sich öffnet und schliesst, spricht und handelt. Hier gibt sich der ganze Körper der Wassermasse hin, holt sich zurück, begreift sich, verausgabt sich und will seine Möglichkeiten erschöpfen. Sie rührt er auf, sie will er fassen, um armen, er überbordet an Leben und liebt sie in seiner freien Beweglichkeit, sie besitzt er, mit ihr erzeugt er tausend seltsame Gedanken. Durch sie bin ich der Mann, der ich sein will. Mein Körper wird das unmittelbare Werkzeug des Geistes und dabei der Urheber aller seiner Gedanken. Alles erhellt sich mir. Ich verstehe bis ins letzte, was Liebe sein könnte. Übermass an Wirklichem! Die Liebkosungen sind Erkenntnis. Die Gebärden des Liebenden wären die Vorbilder für Werke.

Also schwimme! wirf dich kopfüber in diese Welle die zu dir rollt, mit dir, sich bricht und dich trägt! 

*

Während einiger Augenblicke habe ich geglaubt, ich könnte niemals wieder aus dem Meer emportauchen. Es warf mich zurück nahm mich wieder in seine unwiderstehlichen Windungen auf. Der Rückzug der ungeheuren Welle, die mich auf den Sand ausgespuckt hatte, verschluckte den Sand wieder zusammen mit mir. Ich konnte noch so sehr meine Arme in diesen Sand tauchen, er versank mit meinem ganzen Körper. Wie ich noch ein wenig kämpfte, kam eine viel mächtigere Welle, die mich wie ein Wrack an das goldene Ufer der kritischen Region auswarf.

Endlich betrete ich den ungeheuren Strand, fröstelnd, den Wind trinkend. Es ist ein Schlag aus Südwesten deer die Wellen von der Seite erfasst,  sie streift, zerknittert, mit Schuppen bedeckt, mit einem Netz von Zweitwellen belädt, die sie vom Horizont bis zum Streifen des Bruchs und Schaums transportieren. 

Ich glücklicher Mensch mit nackte Füssen schreite trunken vom Schreiten auf dem von der unendlich dünnen Flut stets wieder geglätteten Spiegel.

Pag. 56-58


Psalm

Der freie und rege Gang singt von selbst. Es ist unmöglich, beim Gehen nicht zu schaffen. Im Gehen zu schaffen ist so einfach und natürlich, wie in der scheinbaren Freiheit des Rhythmus der Glieder voranzukommen. Man soll diese gänzlich individuellen Schöpfungen nicht festhalten. Ich habe diese nur festgehalten, mit einigen andern zusammen, um sie als Dokumente zu nutzen. 

Pag. 59


WIE AM UFER DES MEERS…

Wie am Ufer des Meers

An der trennenden Front,

An der Grenze des Pendelschlags

Die Zeit gewahrt und entzieht,

Anstößt, ausbreitet,

Auswirft und verschluckt,

Ausliefert, beklagt,

Anrührt, fällt, küsst und stöhnt

Und wieder zur Masse,

Wieder zur Mutter kehrt,

Und immer neu sich besinnt!

An der gepeitschten Front des Meers

Verliere ich mich im Tal zwischen zwei Wellen

Diese Zeit, ach, begrenzt

Und unendlich . . .

Was umschließt diese Zeit?

Was verengt, was brüstet sich?

Was bemisst und verweigert und entzieht mir diese Zeit?

O Welle, wuchtige,

Zu überfluten machtlos!

Der Verlauf deines Gangs: immer neu dich gewinnen,

Noch einmal hinabrollen, nicht zu zerschellen

Den unversehrten Leib des Wassers!

Das Meer bleiben, niemals verlieren

Die Macht der Bewegung!

Hinabrollen,

Knirschend, wider Willen,

Sich begrenzen, sich sammeln,

Sich vereinen mit unveränderlicher Zahl,

Also kehrt die Idee in den Körper,

Also sinkt der Gedanke zurück

Von dem Punkt, wohin wagend sein Grund

Ihn heimlich erhoben hat,

Er kann nicht anders, er muss zuweilen

Zurück zur reinen, einfachen Gegenwart,

Zu allen Dingen außer ihm selber,

Obwohl er’s nicht selber ist,

Nie lange Zeit er selbst,

Nie Zeit genug,

Mit den Dingen allen zu Ende zu kommen,

Und nicht, eine neue Zeit zu beginnen …

Nur immer ein anderes Mal,

Das nächste und wieder das folgende Mal,

Unendliche Male!

Unübersehbare Male!

Unendlich vernimm und horche

Auf das Leid der Erwartung, den Ruck der Zeit,

Das ständige Wiegen der Zahlen,

Die Einheit, die Größe,

Vergeblich und heftig die Schattenstimme,

Die wuchtige Stimme des Meers,

Sie wiederholt nur immer:

Mein Gewinn und Verlust, mein Verlust und Gewinn.

Oh! Wirf eine Zeit aus der Zeit!’

Mehr als einsam am Ufer des Meers

Wie die Welle geb’ ich mich hin

Eintöniger Verwandlung

Von Wasser in Wasser

Von mir in mich.

Pag. 59-60

Wallfahrt

Kapelle auf der Insel C

…Zuhinterst in der Kirche, wo etwas undeutliches sich abspielt. Geheimnis, Albernheit; Nichts oder Wunder.

Ich fühle mich von einem Andern überwältigt. Man umhüllt mich mit einem Urschauder. Ein Wehen fahrt mir über die Haut, und ich fühle, wie ein Entsetzen sie heuchlerisch bedeckt und eine Wand zwischen Kalt und Warm aufrichtet. 

Der Priester, der den Messkelch hält und die rätselhafte Nahrung von Mund zu Mund trägt, erinnert mich unweigerlich an ein ungeheures goldenes Insekt, das eintönig immer neue Reihen von Weibchen befruchtet. Mit einem kleinen, flackernden und zittrigen Licht besucht er die vielen dunklen, gereihten Gestalten, die sich bei seinem Durchgang gewiss öffnen, empfangen und sich wieder schliessen; wenn der Deckel geschlossen ist, erdrücken sie sich und vernichten sich, stellen sich tot, kommen wieder zu sich und gehen fort, ganz verwandelt, verschlossen, vertieft; kehren schweigend zurück, erstarrt, blicklos, jede mit ihrem Geheimnis, das für alle dasselbe ist. 

Alle vereinigt und in sich verkapselt. Ich muss an jenes ganz einfache Meerestier denken, das sich wie ein Handschuh umdreht, das Innere nach aussen wendend. 

Was also liegt diesem Reflex zugrunde? 

Welches ist im einzelnen der Plan und welches sind die Gestalten, die Zeitmasse, das physische Zusammenspiel dieses Grauens und dieser heiligen Vertraulichkeit? 

Denn ich selbst gewahre und stelle in mir den Durchgang einer kühlenden Welle fest, die an meinen Schultern spürbar wird, als wäre ich ein Wellenbrecher, an dem die Flut sich überschlägt, weiss und brausend wird und sich anzeigt. Ich spüre und beobachte es an meiner Haut, wie es aufsteigt, verweilt, vorübergeht; ich entwickle daraus keinen Gedanken, setze es keinem entgegen, verknüpfe es auch mit keinem. Es ist eine Tatsache. Für mich: eine vereinzelte Tatsache … Lehne ich damit die Gnade ab? 

Ist es die Gnade, der Geist, die innere Fremdartigkeit? Oder wirken die Stille, die Schatten, die Stätte und die von Vergangenheit durchtränkte Gegenwart zusammen auf mich ein? 

Ich trete hinaus. Plötzlich wird alles von Nebeln umhüllt, ausser den ersten Spitzen, den Felsköpfen. 

Alles Gefühlshafte ist stumpf, dachte ich. Gefühlshaft ist alles, was uns auf einfachen Wegen erreicht, mit Hilfe von Organen, denen die Feinheiten und die vielfältigen Verknüpfungen der einzelnen Sinnesorgane fehlen. 

Aber wir suchen diese groben, mächtigen, undeutlichen Werte mit den klaren Erkenntnissen und den geordneten Wahrnehmungen zu vergleichen. Dies gelingt uns nicht, wir stehen davor wie der Mathematiker vor den irrationalen oder transzendenten Grössen, wenn er das Kontinuum in Zahlen auszudrücken versucht. 

Pag. 60-62


LITERATUR

Das Werk verändert den Autor. 

Bei jeder Bewegung, die es aus ihm herausholt, erfährt er eine Veränderung. Ist es vollendet, wirkt es nochmals auf ihn. Er wird dann etwa derjenige, der fähig war, es zu erzeugen. Hinterher wird er irgendwie zum Erbauer des verwirklichten Ganzen – das ein Mythos ist. 

Ebenso bringt es ein Kind schließlich fertig, seinem Vater die Idee und gleichsam die Form und Gestalt der Vaterschaft zu geben.

*

Der Gegenstand der Literatur ist so unbestimmt wie der des Lebens.

*

Ach, sagt der große Künstler, dieses Werk, das ich geschaffen habe. dieses für bewundernswert erachtete Werk, das die Gemüter erregt, von dem man spricht, das man in den Himmel hebt, dessen Schönheiten man untersucht, ich bin der einzige, der es nicht genießt! 

Ich habe den Plan dazu entworfen, ich habe es in allen Teilen durchdacht und ausgeführt. Aber der unmittelbare Eindruck des Ganzen, der Schock, die Entdeckung, und am Ende die Geburt des Ganzen, die vielfaltige Stimmung … all das ist mir verwehrt, all das ist für die, die dieses Werk nicht kannten, die nicht mit ihm gelebt haben, die nichts wissen von den Stockungen, von den Tastbewegungen, vom Überdruss, der einen heimsucht, von den Zufallen…, sondern die das Gebilde sehen als einen herrlichen Entwurf, der mit einem Schlage Wirklichkeit wurde. Auf einem Berg habe ich Stein um Stein eine Masse aufgehäuft, die ich dann, zu einem einzigen Block geformt, auf sie hinunterfallen lasse. Es auf dem Gipfel aufzutürmen hat mich fünf Jahre, zehn Jahre gekostet, und sie trifft der Schock auf einmal, in einem Augenblick.

Pag. 63


Die Kunst und die Langeweile.

Ein leerer Ort und leere Zeit sind unerträglich. 

Die Ausschmückung dieser Leere entsteht aus der Langeweile – wie das Bild des Essbaren von der Leere des Magens herrührt – Wie die Handlung aus der Untätigkeit kommt und das Pferd stampft und die Erinnerung entsteht im Intervall zwischen den Handlungen, und der Traum. 

Die Müdigkeit der Sinne ist schöpferisch. – Die Leere ist schöpferisch. Die Finsternis … Die Stille … Der Zwischenfall … Alles ist schöpferisch, außer dem, der das Werk signiert und auf sich nimmt. 

Das Kunstwerk, kostbares Exkrement, wie es so viele Exkremente und Abfälle sind: Weihrauch, Myrrhe, grauer Amber…

*

Zur Kenntnisnahme.

Wir sind alle dazu bestimmt, langweilig zu werden.

Nicht alles ist falsch an dem, was aufgegeben wurde. Nicht alles ist wahr an dem, was sich offenbart.

Pag.64

Die Vernunft will, dass der Dichter den Reim der Vernunft vorziehe. 

*

Poesie. 

Ich suche ein Wort (sagt der Dichter), ein Wort, das feminin sein muss, 

zweisilbig, 

mit P oder F, 

stummer Endsilbe 

und ein Synonym von Bruch, Auflösung

und nicht gelehrt, nicht ausgefallen. 

Sechs Voraussetzungen – mindestens! 

Merke: Schriebe jemand wirklich für sich selber, so bräuchte er lediglich dieses Wort erfinden, das durch sechs Voraussetzungen bestimmt wird. Das Ausbleiben erfundener Wörter beweist, dass niemand für sich selber schreibt, sich mit sich selbst darin einig ist, seine eigene Sprache zu sprechen. 

*

Ein episches Gedicht ist ein Gedicht, das man nacherzählen kann. Erzählt man es nach, so erhält man einen zweisprachigen Text. 

*

Das Sonett ist für die Gleichzeitigkeit gedichtet. Vierzehn gleichzeitige Verse, deutlich als solche bezeichnet durch die Verflechtung und Beibehaltung der Reime; Typus und Bauform eines statischen Gedichts. 

In Versen philosophieren hiess und heisst immer noch, nach den Regeln des Damespiels Schach spielen zu wollen. 

Ein Plagiator ist, wer die Substanz der andern schlecht verdaut hat: er erbricht die wiedererkennbaren Stücke. 

Originalität ist eine Sache des Magens. 

Es gibt keine originellen Schriftsteller, denn diejenigen, die diesen Titel verdienen würden, sind unbekannt; und sogar unerkennbar. 

Aber es gibt solche, die so tun, als–wären sie es. 

Werke. 

Die Form ist das Skelett eines Werkes; es gibt Werke, die keines haben.

Alle Werke vergehen; aber die ein Skelet behaupten sich dank diesem Rest viel länger als die übrigen, die nur aus Weichteilen bestanden.

Die Werke hören auf anzuregen, zu ergötzen. — Vielleicht leben sie ein zweites Mal, wenn man sie um der Belehrung willen befragt – und ein drittes Mal, wenn es  wegen der Tatsachen geschieht.

Erst sind sie zur Freude da, dann zur Unterweisung, zuletzt als Dokument. 

*

Der Gegenstand eines Werks ist das, worauf ein Werk, wenn es schlecht ist, zusammenschrumpft. 

*

Man muss Steine in die Geister werf en, dass sie wachsende Kreise in ihnen erzeugen; und sie auf den zentralsten Punkt werfen, und in harmonischen Intervallen. 

*

Nicht verwenden, was leicht nachzuahmen ist und dessen Nachahmung leicht verleugnet werden kann. 

Nur diejenigen Schriftsteller schätze ich und kann ich schätzen, denen auszudrücken gelingt, was ich selber nur schwer hätte ausdrücken können, falls diese Aufgabe sich mir gestellt oder aufgedrängt hätte. 

Nur in diesem einzigen Fall kann ich einen Wert mit absoluten Einheiten messen – das heisst: mit meinen eigenen

In andern Fällen kann ich bewundern; aber bloss auf Grund eines Eindrucks. 

Ich möchte hinzufügen, dass ich die Leistung eines Schriftstellers nur insofern schätze, als sie mir ihrem Wesen und ihrer Kraft nach ein Fortschritt im Bereich der Sprache zu sein scheint. 

*

Ein modernes Ohr ein modernes Auge ist so beschaffen, das ihm eine zufällig gefundene Klang- oder Farbverbindung weit eher gefallen wird als einem unmodernen Ohr.

Beim modernen Menschen scheinen die Fähigkeit an jeder beliebigen Sache Gefallen zu finden, und die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein, Hand in Hand zu gehen. 

Dieser Befund hängt aufs engste mit der Entwicklung der Wissenschaften zusammen, die zu einer unüberwindlichen Häufung von Fakten entartet. 

*

Kunst. 

Das Schöne erfordert möglicherweise sklavische Nachahmung dessen, was an den Dingen unbestimmbar ist. 

*

Wenn ein Werk sehr kurz ist, gewinnt das geringste Detail die Grössenordnung des Ganzen. 

Der Anteil, den Rücksicht und Schönheit an einem Sonett haben, muss sehr gross sein. * 

Pag. 65-66


Dramatis personae.

Der Autor, der Leser, die Sprache, der Gegenstand des Werks, die Zeichnung, das Ideal, das Unvorhergesehene. Die Gesamtheit der »großen Philosophen« oder der verschiedenen Schriftsteller, die mir als wichtig in Erinnerung blieben, erscheint mir manchmal wie ein Register von Klangfarben

Keinen von ihnen kann ich mir einzeln vorstellen; und dabei hat sich doch jeder verzehrt, damit keiner neben ihm bestehe. – Sie haben sich aus Momenten ihres Lebens aufgebaut, die jede andere Art zu denken, zu sehen oder zu schreiben ausgeschlossen hätten.

*

Der Gedanke bewohnt die Prosa; aber fördert, überwacht, lenkt die Dichtung.

Pag. 67


MORALIA

Der Mensch, der sich weh getan hat. 

Man stösst an: Schmerz und Wut. Auf den Anprall folgen Schmerz und Raserei, eines ans andere gebunden, das eine Welle, das andere Schaum; das eine die Kraft des anderen. Man stürzt sich auf das schuldlose Ding, um es zu zerstören. Es hat durch seine Trägheit geschadet, man leiht ihm Gedächtnis, Willen, Empfindungsvermögen (ein zutiefst realer Irrtum). 

Ein ganzes Drama spielt sich ab, das die Wirklichkeit ersetzt, aber aus ihr hervorgeht. Es beruhigt sich, indem es sich immer schwächer wiederholt. Allmählich zeigt sich die ganze Dummheit dieses heftigen Anfalls, zeigt sich die schlechte Laune. Manchmal auch das Lachen. Man kann nicht daran zurückdenken, ohne den ganzen Verlauf der Krise in abgekürzter Form von neuem zu erleben. Zuletzt hat man gelitten, hat etwas zerbrochen, Zeit und Kraft verloren, man ist sich in seiner Dummheit begegnet und vernichtet nun gründlich, was sich ereignet hat und was sich bei Gelegenheit wieder ereignen wird. 

Eine Grundwelle hat sich erhoben, hat verheerend gewirkt und den stillen Uferbewohner überrascht. Jede grosse Entfesselung begleitet ein Traum, denn es ist ein Traum, das Ganze und den Zufall in Übereinstimmung bringen zu wollen: um so eher ein Traum, je grösser die Entfesselung ist; er folgt den Schwankungen, findet sich wieder und löst sich auf. Er nährt sich mit allem: Einfalt. Das gereizte Gehirn tut, was es zu tun weiss: es personifiziert, sieht sich selbst als Fremden, erkennt sich nicht wieder. 

Zyklus. Die Seele macht einen Rundgang im Nervensystem: Schmerz, Wahrnehmung, Rückblick auf den Zustand vor dem Anprall, ohnmächtige Wut, begangene Dummheit, Dummheit in Tätigkeit. Dummheit im Zustand grausamer Wahrnehmung, Dummheit dieser Wut und dieser Reue, neue Raserei: die aufeinanderfolge de Glieder nehmen trotz ihrer Periodizität an Einsicht in die Dummheit zu: a dümmer als a2,  dürmmer als a3 usw. 

Pag. 68-69


Alles, was von uns gesagt wird, ist falsch; aber nicht falscher, als was wir darüber denken. Jedoch auf eine andere Weise falsch.

*

Die meisten Verdrießlichkeiten, die wir kennen, sind unsere ureigenen Schöpfungen.

*

Der Augenblick, da sich das Kind der Macht seiner Tränen bewusst wird, fällt zusammen mit jenem andern, da es sie als Druckmittel verwendet und durch sie zu herrschen sucht. 

*

Schmeicheleien ist man in dem Maß zugänglich, wie man

sich selber schmeichelt. 

*

Mit der Zeit bewerten wir unsere Freunde nach der Feinheit

ihres Taktgefühls.

Ich gab dir mit der Handflache einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, aber gerade dort verbarg sich eine Wunde, unter dem Stoff.

Pag. 69


Natürliches Licht

Im Lichte des Neides, im Lichte des Abscheus, im Lichte des Hochmuts: welche Klarheit! 

Aber jede starke Leidenschaft hat ihr eigenes Licht, mit dem sie erhellt und hervortreten lässt, was aus der Gesamtheit der gegenwärtigen Dinge sie beunruhigen oder steigern kann. 

Die Leidenschaft ist ein Wesen, das von seinen Bedürfnissen lebt. Sie lässt in höchstem Glanz erstrahlen was in den gewöhnlichsten Handlungen der anderen ihre Beute ist. Fehler,  Beleidigungen, Unaufmerksamkeiten funkeln. Rücksicht aus Konvention wird zu hohem Lob. Die Begierde erhellt seltsam verborgene Wege. Der Hass bewohnt den Gegner, erforscht seine Tiefen und zergliedert die feinsten Wurzeln der Absichten, die er in seinem Herzen hegt. Wir erkennen ihn besser als uns selbst und besser, als er sich selber erkennt. Er vergisst sich, wir vergessen ihn nicht. Denn wir nehmen ihn durch eine Wunde wahr, und keiner unserer Sinne ist so stark, keiner vergrössert so sehr und bestimmt so genau, wovon er getroffen wird, wie ein verletzter Teil unseres Wesens. Eine solche Wunde kann nie lange schlummern. Sie weckt uns am Morgen durch eine erste, noch unbestimmte Qual, durch ein Leiden, das noch kein Gesicht hat, aber sogleich ein allzu vertrautes annehmen muss, dessen Gegenwart blendet . . . Grell deutliches, graues Licht des Abscheus, metallisches Licht des Neides, rotes Licht des  Hochmuts. Und alle die Schatten, die sie werfen … 

Pag. 69-70


Manchmal ist der Hochmut gezwungen, nachzugeben und sich zusammenzuziehen – doch nur wie es eine Feder tut. Von seiner Kraft kann er nicht verlieren. Und schon bald wird er seine alte Form wiedergewinnen, im Treppenhaus oder unten auf der Strasse. 

*

Liebe ist Traum und Bewegung. 

*

Man nennt den andern einen Sophisten, wenn man fühlt, dass man dümmer ist als er. Wer das Denken nicht angreifen kann, greift den Denkenden an. Dieses Gesetz gleicht jenem, nach welchem man sich ganz vernichtet, um ein bestimmtes Übel auszumerzen, das mit dem Guten verwachsen ist: Gesetz des Notbehelfs

*

Der Philosoph weiss in Wirklichkeit nicht mehr als seine Köchin, ausser in Sachen des Kochens, auf die sie sich in Wirklichkeit (meist) besser versteht. 

Aber die Köchin stellt sich (meist) keine allgemeinen Fragen. Also machen die Fragen den Philosophen. Was freilich die Antworten betrifft…Leider steckt in jedem Philosophen ein böser Geist, der antwortet – der auf alles antwortet.

*

Der staat is ein riesengrossen, furchtbares und schwaches Wesen. Ein Zyklop von berüchtigter Kraft und Ungeschicklichkeit, das missgestaltete Kind der Gewalt und des Rechts, die es aus ihren Widersprüchen gezeugt haben. Er lebt nur dank der unzähligen Menschlein, die linkisch seine trägen Hände und Füsse bewegen, und sein grosses Glasauge sieht nur Pfennige und Milliarden. 

Der Staat ist jedermanns Freund und jedes Einzelnen Feind. 

*

Die grossen Schmeicheleien sind stumm.

Pag. 70-71


Tief sein, auf den Grund gehen, heisst nicht viel. Jedermann kann tauchen. Aber die einen hält ihr Abgrund, wo sie sich im Gras verfangen haben, leblos zurück, während er die anderen, die von ihrer eigenen inneren Tiefe gleichsam zu leicht befunden wurden, verwirft. 

Im Menschen wie im Meer steigt der hilfreiche Taucher, der Bewunderung verdient, zu seinem Gegenstand nieder, um eine Weile fern von seinem natürlichen Leben zu arbeiten, in das er aber, wenn es nötig wird, augenblicklich zurückkehren kann.

*

Tiefe; tiefer Gedanke. 

»Tief« ist ein Gedanke, der scheinbar nur ausserhalb der natürlichen Zeit entstehen und gefasst werden konnte. Er zwingt uns etwas auf, das die von einem einfachen Austausch herrührenden Gedanken nicht kennen. 

»Tiefe«? – im vagen Sinn dieses Wortes scheinen mir die Begriffe zweier Grössen zusammenzukommen: des Ausmasses einer bestimmten Transformation, die der Gegenstand unseres Denkens erfährt, und der Grösse der Anstrengung, die wir für notwendig halten, um diese Transformation durchzuführen – oder sie zu ermöglichen. 

Die Transformation, von der ich spreche, wirkt zweifellos auf die Tragweite eines Wortes, einer Aussage, eines Bildes ein, die uns blosse Zeichen waren, Elemente des Übergangs, gut oder auch nur genügend für den Austausch (jene natürliche Zeit, von der die Rede war), und die plötzlich irgendwie eine Kraft und einen Wert er halten, von denen

wir annehmen müssen dass sie ganz nah an dem unaussprechlichen

Existenzpunkt geschöpft wurden, wo das Denken trifft und die grösstmögliche Anzahl der Kräfte eines Lebens fesseln kann. 

Aber dieser Wert ist nur innerlich. Nichts versichert uns, dass das Denken das in dieser »Tiefe« transformiert wurde, sich besser als ein anderes der Erfahrung anpasst, und dass es, weil es bis ans äusserste Ende der Dauer einer Bewusstseinseinheit aufrechterhalten wurde, deshalb ein notwendiges Gewicht erlangt im Bereich dessen, was nicht Gedanke ist. 

*

Noch der unbedeutendste Gegenstand kann Vorwand und Anlass sein zu überaus mühsamen Gedankengängen. 

Der Gegenstand, dem grösste Bedeutung zugeschrieben wird, erlaubt oft nur die »oberflächlichsten« Erörterungen. Der Tod zum Beispiel kann nur in der Illusion bedacht werden, wenn man ihn nämlich dem Leben gegenüberstellt, aus dessen Bedingungen er sich ergibt. Wenn ich deshalb lese oder daran denke, dass ein Schriftsteller sich beim Tod aufhält und sich darein vertieft, habe ich bald den Eindruck, dass wir nicht dasselbe meinen … 

Pag. 72-73


Noch der unbedeutendste Gegenstand kann Vorwand und Anlass sein zu überaus mühsamen Gedankengängen. 

Der Gegenstand, dem größte Bedeutung zugeschrieben wird, erlaubt oft nur die »oberflächlichsten« Erörterungen. Der Tod zum Beispiel kann nur in der Illusion bedacht werden, wenn man ihn nämlich dem Leben gegenüberstellt, aus dessen Bedingungen er sich ergibt. Wenn ich deshalb lese oder daran denke, dass ein Schriftsteller sich beim Tod aufhält und sich darein vertieft, habe ich bald den Eindruck, dass wir nicht dasselbe meinen …

Pag. 73


Es gibt Menschen, die wahrheitsliebend sind, weil sie keinen Grund haben, zu lügen.

*

Man ist mit sich selbst nie zufrieden genug, um sich ganz zu eröffnen.

*

Ihr Redner und Pamphletisten, ihr Heftigen und Rasenden, sagt spurt ihr nie, dass jeder Schreiende im Begriff ist, nur noch so zu tun, als schrie er?

*

Die Haltung gewohnheitsmäßigen Empörung ist das Zeichen einer großen Armut des Geistes. Die »Politik« zwingt ihre Anhänger dazu. Man sieht ihren Geist von Tag zu Tag armer werden, von einem gerechten Zornanfall zum anderen. Jede Partei hat ihr Empörungsprogramm, ihre überlieferten Reflexe.

*

Jede Partei prophezeit. Die ganze Politik würde sich ändern, fanden alle nur schon die Tatsache, dass man verspricht und voraussagt, unerträglich und unanständig.

Pag. 74


Die Freude, die uns das Verstehen schwieriger Gedanken bereitet, macht uns geneigt, ihren Schlußfolgerungen Glauben zu schenken.

*

Die richtigen Gedanken sind immer unerwartet. Jeder unerwartete Gedanke ist einige Augenblicke lang richtig.

*

Wer das Relative nicht beachtet, dem geschieht wie einem, der seine Gäste zählt und vergisst, sich selbst mitzuzählen; der sich nicht für einen Menschen hält, da ein Mensch etwas ist, das er sieht, und sich selbst sieht er nicht. 

*

Das Recht ist das Intermezzo der Kräfte.

Pag. 77


Das Falsche verleiht dem Wahren Leben und Farbe.

Die Kinder und die kindlichen Völker sind es, die den Erwachsenen und den gealterten Völkern erzählen, was bezaubert und erregt. 

*

Das Denken ist brutal, es kennt keine Schonungen, Was ist brutaler als ein Gedanke?

*

Der Mensch schiesst einen Pfeil in die Zukunft, an dem sein Seil befestigt ist. Der Pfeil bohrt sich in ein Bild, und der Mensch lässt sich an diesen Gegenstand heranschleppen.

*

Seit den x-tausend Jahren, da es Menschen gibt, Menschen die denken, sind sie immer höchst überrascht darüber, dass sie denken, überrascht und verlegen, im Grund auch sehr verärgert. 

*

Gleichgewicht. 

Während der Seiltänzer dem labilsten Gleichgewicht ausgeliefert ist, tun wir einen Wunsch. 

Und dieser Wunsch ist merkwürdig doppelt und nichtig

Wir wünschen, dass er stürzt, und wir wünschen, dass er sich hält. Und dieser Wunsch ist notwendig; wir können nicht anders als ihn hegen, aufrichtig und in seiner ganzen Widersprüchlichkeit. Denn er schildert ehrlich unsere Seele in diesem Augenblick. 

Sie fühlt, dass der Mann stürzen wird, dass er stürzen muss, dass er bald schon stürzt. Und in sich vollendet sie seinen Sturz und erwehrt sich ihrer Erregtheit, indem sie ersehnt, was sie voraussieht. 

Für sie ist er schon gestürzt. Sie traut ihren Augen nicht, ihr Blick würde ihm nicht auf dem Seile folgen, ihn nicht mehr hinabstossen in jedem Augenblick, wenn er nicht schon gestürzt wäre … 

Aber sie sieht, dass er sich noch hält, und sie muss sich damit abfinden, dass es also Gründe gibt, die ihn oben halten, sie ruft diese Gründe an und beschwört sie fortzudauern. 

Manchmal erscheint uns das Dasein aller Dinge und auch unser eigenes in dieser Perspekttve. 

Schau zu, wenn im Blick der Menschen manchmal der Verstand vorüberzieht, mit seinem Gefolge von Albernheiten und vertrauten Tieren. Selten ist er allein, nie auf lange Zeit. Sieh, wie schön und rein er ist, wenn er zur Quelle schreitet. Affe und Schwein erwarten ihn auf dem Rückweg. 

Aussagen haben stets mehrere Bedeutungen, deren bemerkenswerteste sicherlich der Grund selber ist, warum die Aussage getan wurde. 

So bedeutet Quia nominor Leo durchaus nicht » Denn Löwe heisse ich «, sondern: » Ich bin ein grammatikalisches Beispiel «.  

»Le silence éternel etc.« sagen heisst deutlich verkünden: » Ich will euch mit meiner Tiefe erschrecken und mit meinem Stil in Verwunderung setzen. «  

Der Engel unterscheidet sich vom Dämon bloss durch eine Überlegung, die ihm noch bevorsteht. * 

Pag. 78-79


Abfälle.

a) Zwei große, geheimnisvolle Abfälle hat es gegeben.

Abfall der Engel, Abfall des Menschen: homothetische Katastrophen, wie der Mathematiker sagen würde.

Alles, was ER machte, musste also fallen;

b) Jede auf der Vorstellung eines anfänglichen Abfalls begründete Religion ist den Schmerzen der Diskontinuität ausgesetzt.

c) Eine Schöpfung aber ist ein erster Bruch. Am Ursprung der Welt, zwei Akte: ein Akt des Schöpfers, ein Akt des Geschöpfes. Der eine begründet den Glauben und der andere . . . die Freiheit.

Pag. 79


Echte Tradition in grossen Werken besteht nicht darin, dass man wiederholt was die anderen gemacht haben, sondern dass man den Geist wiederfindet, der jene grossen Werke schuf und in anderen Zeiten ganz andere hervorbringen würde. 

Was nicht festgehalten wird, ist nichts. Was festgehalten wird, ist tot. 

Zwei Menschen begegnen sich. Ihr Lächeln wird gleichsam gegenseitig hervorgerufen und eine Zeitlang bewahrt. Dann ruht es sich aus und macht einigen ernsthafteren Sätzen Platz. Es erscheint wieder und verlässt das andere Lächeln. Sich selbst überlassen, verändert es sich und löst sich auf. Die getrennten Gesichter gehen wieder auf null zurück. 

Es gibt eine Art Liebe, die sich sowohl von der Leidenschaft als auch vom Vergnügen unterscheidet, sie aber verbindet und aus der Energie der einen und der Freiheit des anderen mit viel Geist, Zärtlichkeit und Takt eine Art Werk, ja Meisterwerk erschaffen kann … zwischen zwei Spiegeln. 

Er sprach und sprach … 

Und ich sah als Sinn und Ergebnis all seiner Reden nur den Umriss eines Menschen, der irgendwie auf Fensterscheiben trommelt, während der Regen von der anderen Seite klatschend auf sie fällt. 

Dieses Sprechen hatte zum Sinn seine Sinnlosigkeit, dazu kam meine Reaktion: die Langeweile. Und die Resultante beider war ein Bild der Langeweile. 

Der seltsame Blick, der auf den Dingen ruht, dieser Blick eines Menschen, der nicht wiedererkennt, der ausserhalb dieser Welt steht, als ein Auge, das sich Grenze ist zwischen Sein und Nichtsein – er gehört dem Denker. Und es ist auch der Blick eines Sterbenden, eines Menschen, der nichts mehr wiedererkennt. Darin ist der Denkende ein Sterbender, oder ein freiwilliger Lazarus. So freiwillig allerdings nicht. 

*

»Überdies … «, sagte die Fee, als sie wegging, >> ich bin beruhigt: der Mensch kann sich nur Dummes wünschen.« 

Pag. 80-81


LITERATUR

Bücher haben dieselben Feinde wie der Mensch: das Feuer, die Feuchtigkeit, Tiere, die Zeit – und den eigenen Inhalt.

*

Nackte Gedanken und Empfindungen sind ebenso schwach wie nackte Menschen. – Also muss man sie bekleiden.

*

Das Denken ist hermaphroditisch; es befruchtet sich und trägt sich selber aus.

*

Präambel.

Es gehört zum Wesen der Dichtung, dass man ihre Existenz leugnen kann; eine Versuchung zum Hochmut liegt nahe – in diesem Punkt gleicht sie Gott selbst. 

Man kann sie überhören, wie man IHN übersehen kann – ohne spürbare Folgen. 

Doch was alle Welt bestreiten kann und von dem wir wollen, dass es sei, wird Mitte und mächtiges Symbol für unsere eigene Daseinsberechtigung.

*

Ein Gedicht muss ein Fest des Intellekts sein. Es kann nichts anderes sein. 

Ein Fest: das heißt ein Spiel, aber ein hohes, geregeltes, voller Bedeutung; ein Bild dessen, was man gewöhnlich nicht ist, eines Zustandes, in dem die Anstrengung im Rhythmus erlöst ist. 

Man feiert etwas, indem man es in seiner reinsten und schönsten Form vollendet darstellt. 

Hier liegt das Vermögen der Sprache und das ihr entgegengesetzte Phänomen, das Verständnis, die Identität von Dingen, die sie trennt. Das Mühsame, Schwache, Alltägliche, das ihr anhaftet, wird beseitigt. Man organisiert alles, was der Sprache möglich ist.

Nach dem Fest darf nichts übrigbleiben. Asche, zerknitterte Girlanden. 

*

Im Dichter:

Spricht das Ohr,

Hort der Mund,

Zeugen und träumen Verstand und Wachen,

Sieht der Schlafklar,

Schauen Bild und Gesicht,

Sind Mangel und Leere die Schöpfer.

*

Die meisten Menschen haben von der Dichtung eine so unklare Vorstellung, dass diese Unklarheit selbst für sie zur Definition der Dichtung wird.

Pag. 81- 82



DICHTUNG

Poesie ist der Versuch, mit den Mitteln der artikulierten Sprache das darzustellen oder wiederherzustellen, was Schreie, Tränen, Liebkosungen, Küsse, Seufzer usw. dunkel auszudrücken versuchen, und was die Dinge scheinbar ausdrücken wollen in dem, was wir für ihr Leben und ihre Absicht nehmen. 

Dieser Inhalt ist nicht anders zu bestimmen. Er ist von der Art jener Energie, die sich erschöpft im Reagieren auf das, was ist …

*

Der Gedanke muss in den Versen verborgen sein wie die Nährkraft in der Frucht. Eine Frucht ist Nahrung, und scheint doch nur Genuss. Man weiß nur, dass man sie genießt, und nimmt doch Substanz auf. Das Entzücken verhüllt diese heimliche Nahrung, die es begleitet.

*

Der Gegenstand eines Gedichts ist ihm ebenso fremd und ebenso wichtig wie einem Menschen sein Name.

Pag. 83


Dichtung ist Fortleben. 

In einer Epoche, da sich die Sprache vereinfacht, da die Formen vernachlässigt entstellt werden, in einer Zeit der Spezialisierung ist Dichtung ein Bewahrtes. Heute, heisst das, wurde man den Vers nicht erfinden. Wie übrigens auch alle Riten nicht. 

Dichter is weiterhin, wer das verständliche und vorstellbare System sucht, zu dessen Ausdruck auch ein schöner sprachlicher Fund gehören würde: ein Wort, eine Wortfügung, die Bewegung und der Anfang eines Satzes – alles, was er zufällig gefunden, erweckt, berührt und bemerkt hat – weil er eben ein Dichter ist. 

Der lyrische Schwung ist die Entfaltung eines Ausrufs. 

Lyrismus ist die Art von Dichtung, welche die Stimme in actu voraussetzt – unmittelbar hervorgebracht oder hervorgerufen durch die Dinge, deren Gegenwart man sieht oder fühlt. 

Lange, sehr lange war die menschliche Stimme Grundlage und Bedingung der Literatur. Die Mitwirkung der Stimme erklärt die frühe Literatur, aus der die klassische ihre Form und jenes wunderbare Temperament gewann. Der ganze menschliche Körper steht hinter der Stimme, trägt den Gedanken und ermöglicht sein Gleichgewicht … 

Der Tag kam, da die Augen genügten, und man las, ohne zu buchstabieren, ohne zu hören – die Literatur bekam dadurch ein neues Gesicht. 

Entwicklung vom Ausgesprochenen zum Angedeuteten von rhythmischer Verknüpfung zum einzelnen Augenblick – von dem, was ein Auditorium erträgt und verlangt, zu dem, was ein Auge aushält und auf seinem raschen, gierigen, ungehemmten Flug über eine Seite hin mitnimmt. 

Pag. 84


STIMME POESIE

Die Qualitäten, die man mit einer menschlichen Stimme ausdrücken kann, sind dieselben, die man in der Poesie erforschen und erbringen muss. 

Und der »Magnetismus« der Stimme muss sich auf die geheimnisvolle und ausserrechtliche Verbindung der Ideen oder der Worte übertragen. 

Die Kontinuität des schönen Klangs ist wesentlich. 

Der Begriff der Inspiration enthält zugleich die Gedanken: was nichts kostet, ist am meisten wert. 

Das Wertvollste darf nichts kosten. 

Und den andern: Darauf am meisten stolz sein, wofür man am wenigsten kann. 

Bei der geringsten Korrektur ist das Prinzip der vollständigen Inspiration zerstört. – Der Verstand streicht durch, was der Gott leichthin geschaffen hat. So muss man ihm wohl seinen Anteil lassen, wenn man keine Ungeheuer erzeugen will. Wer aber nimmt die Teilung vor? Ist es der Verstand, so ist er demnach König; ist er es nicht, dann wäre es also eine völlig blinde Macht? 

Dieser grosse Dichter ist nichts als ein Gehirn voller Missverständnisse. Die einen schlagen zu seinem Besten aus, das sind die seltsamen Sprünge des Genies. Die andern, von den ersten nicht zu unterscheiden, zeigen sich als das, was sie sind: als Dummheiten und Zufallstreffer. – Dann nämlich, wenn er über die ersten nachdenken und aus ihnen Folgerungen ziehen will. 

Welche Schande, zu schreiben, wenn man nicht weiss, was Sprache, Wort, Metapher sind, Gedankenübergänge und Wechsel im Ton; wenn man die Struktur der zeitlichen Folge eines Werks und die Voraussetzungen für seinen Schluss nicht begreift, kaum das Warum kennt und schon gar nicht das Wie! Die Scham darüber, eine Pythia zu sein … 

Pag. 85


RHETORIK

Der antiken Rhetorik galten als Schmuck und Kunstgriffe jene Figuren und Beziehungen, welche die zunehmende Verfeinerung der Dichtung schliesslich als das Wesen ihres Gegenstandes erkannt hat; und in denen eines Tages die fortgeschrittene Analyse Auswirkungen sehen wird von tieferliegenden Eigenheiten oder dessen, was man Formempfinden nennen könnte. 

Es gibt zwei Arten Verse: die gegebenen und die errechneten

Die errechneten Verse erscheinen immer als Aufgaben, die man zu lösen hat – sie haben zur Voraussetzung zunächst die gegebenen Verse, dazu den Reim, die Syntax, den Sinn, die alle schon durch diese Gegebenheiten bestimmt sind. 

Wir schreiben immer, selbst in der Prosa, notwendig solches, was wir nicht schreiben wollten. Was wir wollten, will es. 

Ein grosser Erfolg des Reims ist es, die einfältigen Leute zu ärgern, die naiv genug sind zu meinen, es gebe auf der Welt Wichtigeres als eine Konvention. Sie haben den arglosen Glauben, irgendein Gedanke könne tiefer und dauerhafter sein – als jede beliebige Konvention … 

Nicht zuletzt darum wirkt der Reim so angenehm, schmeichelt er so sehr dem Ohr. 

Der Reim verkörpert ein vom Gegenstand unabhängiges Gesetz. Er ist einem äusseren Uhrwerk zu vergleichen. 

Ein Gedicht zu konstruieren, das nur lyrisch wäre ist unmöglich. Wenn es nur lyrisch ist, ist es nicht konstruiert ist es kein Gedicht.

Pag. 86


Gewinnt die Phantasie an Kraft und an Dauer, so bildet sie Organe aus, Grundsätze, Gesetze, Formen usw.; Mittel also, zu überdauern und ihrer selbst sich zu versichern. Die Improvisation berät sich; was aus dem Stegreif entstand, wird nun geplant, denn es gibt keine Dauer, keine Sicherheit, keine Kontinuität ohne dass etwas entstünde, was die Augenblicke zusammenfasst. 

Würde des Verses: fehlt ein Wort, so ist alles verfehlt. * 

Eine leichte Störu~g d~s Gedächtnisses l_äfit ein Wort aufs_tein das nicht das gute 1st, das aber sogle1ch zum besten wird. ~e~es Wort macht Schule, die Unsicherheit wird System, Aberglaube usw

Ein Werk, dessen Vollendung – der Entscheid, der es für vollendet erklärt – nur davon abhängt, ob es uns gefallt, ist nie vollendet. Unbeständigkeit gehört wesentlich zu jenem Urteil, das den letzten und den endgültigen Zustand gegeneinander abwägt, das Novissimum und das Ultimum. Die Maßeinheit schwankt.

*

Gelungenes entsteht durch Verwandlung aus Verfehltem. 

Verfehlt heißt demnach: zu früh aufgegeben.

Pag. 86-87


AUF DER SEITE DES AUTORS – VARIANTEN 

Ein Gedicht ist nie vollendet – es ist stets ein Zufall, der es zu Ende führt, d h. dem Publikum überreicht. 

Das ist entweder der Überdruss oder die Anfrage des Verlegers – oder ein nachdrängendes neues Gedicht. 

Jedoch beweist der Zustand des Werks (wenn der Autor kein Dummkopf ist) niemals, dass es nicht weitergetrieben, verändert, als erste Annäherung oder als Ausgangspunkt für neue Versuche betrachtet werden könnte. 

Ich denke, was mich angeht, dass dasselbe Thema, ja beinahe dieselben Wörter unaufhörlich wieder aufgegriffen werden und ein ganzes Leben ausfüllen könnten. 

»Vollendung« –

das ist Arbeit. 

Pag. 87


Wollte man sich alles Suchen vor Augen halten, welches das Schaffen oder übernehmen einer Form voraussetzt, so käme man nie auf den einfältigen Gedanken, sie dem Inhalt entgegenzusetzen. 

*

Man gelangt zur Form, wenn man danach strebt, dem Leser sowenig Mitarbeit wie nur möglich einzuräumen und auch sich selber möglichst wenig Unsicherheit und Willkür. 

Schlecht ist eine Form, die wir zu ändern versucht sind und von uns aus auch ändern; gut ist sie, wenn wir sie wiederholen und nachahmen, ohne sie erfolgreich abwandeln zu können. 

Form ist wesentlich an Wiederholung gebunden. 

Die Anbetung des Neuen ist demnach dem Bemühen um die Form entgegengesetzt. 

Echte und gute Regeln. 

Gut sind Regeln, welche die Kennzeichen der beste Momente in Erinnerung rufen und vorschreiben. Sie sind aus der Analyse jener begünstigten Augenblicke gewonnen. 

Sie geiten viel eher für den Autor als für das Werk. 

Wer nie den guten Geschmack verletzt, hat sich nie sehr weit in sich vorgewagt. 

Wer gar keinen Geschmack hat, hat es getan, ohne daraus Nutzen zu ziehen. 

Alle Teile eines Werks müssen »arbeiten«. 

Die einzelnen Teile eines Werks müssen miteinander durch mehr als nur einen Faden verbunden sein.

 * 

Theorem. 

Wenn ein Werk sehr kurz ist, erreicht die Wirkung des geringsten Details die Grössenordnung der Gesamtwirkung. 

Prosa ist ein Text, dessen Anliegen geradesogut ein anderer Text ausdrücken könnte. 

Pag. 88


WINK FÜR SCHRIFTSTELLER 

Von zwei Wörtern wähle man das weniger bedeutende. 

(Möge auch der Philosoph diesen kleinen Wink beherzigen.) 

Unsere Sprache ist so absonderlich, dass sie uns dazu zwingt, entweder einen Fehler zu machen oder nach Kunststücken Ausschau zu halten, um die widerlichen Folgen der Anwendung der Regeln zu vermeiden. Der Konjunktiv Imperfekt. 

Schriftsteller sind Menschen, für die ein Satz keine unbewusste Handlung ist wie das Kauen und Schlucken einer ungeduldigen Person, die nicht weiss, was sie isst. 

Im sehr schönen Stil zeichnet sich der Satz deutlich ah – errät man das Vorhaben – bleiben die Dinge geistig. 

Das Wort bleibt in einem gewissen Sinn rein wie das Licht, was es auch durchdringe und berühre. Es wirft berechenbare Schatten. Es verliert sich nicht in den Farben, die es hervorruft. 

»Mein Vers, ob gut oder schlecht, sagt immer etwas aus.« 

Dieser Grundsatz ist an unzähligen Greueln schuld. 

Ob gut oder schlecht – welche Gleichgültigkeit! 

Etwas – welche Anmassung! 

Der Kritiker soll nicht Leser, sondern Zeuge eines Lesers sein, der zuschaut, wie dieser liest und gerührt wird. Die wichtigste Aufgabe eines Kritikers ist, den Leser zu bestimmen. Die Kritik schaut allzusehr auf den Autor. Nützlich und förderlich wären vielmehr Hinweise wie der folgende: Dieses Buch sollen so geartete Menschen in dieser bestimmten Verfassung lesen. 

Ein Werk entspricht dem Abschnitt einer inneren Entwicklung in Gestalt des Akts, der es dem Publikum anvertraut oder es als abgeschlossen einschätzt. Der Kritiker muss diesen Akt beurteilen, nicht das Werk. So urteilt der Richter nicht über den Mord selber oder den kleinen Diebstahl, der begangen wurde, sondern über den Zustand dessen, der plötzlich genötigt war, seine schuldhaften Traumereien zu unterbrechen und in einer verbrecherischen Handlung zu entladen. Er bewertet den Widerstand einer bestimmten Schwelle. 

Wenn ein Werk erschienen ist, hat die Deutung, die ihm sein Verfasser gibt, nicht mehr Gewicht als die eines andern. 

Wenn ich Peters Porträt gemalt habe, und einer findet, das Bild gleiche eher Hans als Peter, kann ich ihm nichts entgegensetzen – und seine Behauptung gilt ebensoviel wie die meine. 

Meine Absicht ist nur meine Absicht, und das Werk ist das Werk. 

Einem Autor kann man höchstens vorwerfen, dass er sich zufriedengegeben hat, wo man den Eindruck hat, man wäre es selbst noch nicht gewesen. Man muss ihn also loben, wenn man ein Zeugnis dafür findet, dass er nicht zufrieden war mit einem Zustand, der uns selber befriedigt hätte. 

Pag. 89-90


AUS EFFEKTHASCHEREI 

Beschimpfungen geschehen aus Effekthascherei. 

KLARHEIT 

»Öffnen Sie diese Türe! « Das ist ein klarer Satz. – Wenn man ihn aber auf freiem Feld an uns richtet, verstehen wir ihn nicht mehr. Es sei denn, er wäre im übertragenen Sinn gemeint, dann verstehen wir ihn wieder.

Ein Zuhörer denkt sich diese wechselnden Bedingungen hinzu oder auch nicht, ist fähig oder auch nicht, sie beizusteuern


ET CETERA, ET CETERA 

Mallarmé liebte diese Wendung nicht – diese Geste, die das nutzlos Unendliche ausschliesst. Er ächtete sie. Ich, der an ihr Gefallen fand, war darüber erstaunt.

Der Geist kennt keine spezifischere Antwort. In dieser Wendung kommt er selber zu Wort. 

In der Natur, die unerbittlich vollständige Aufzählung ist, gibt es kein Etc. Vollständige Aufzählung. – Pars pro toto ist der Natur fremd. – Der Geist aber erträgt keine Wiederholung. 

Er scheint für das Besondere geschaffen. Ein für allemal. Sobald er Gesetz, Eintönigkeit, Wiederkehr gewahrt, räumt er das Feld. 

Wären die Leser nicht passiv, wären sie aktiv und ganz sie selber, so veränderte die Literatur rasch ihr Gesicht und neigte zu . . . Der aktive Leser macht Experimente mit den Büchern – er versucht sich an Transpositionen. 

Hinsichtlich vieler Themen verstehen die Menschen einander weit besser als sich selber. Die gleichen Wörter, die dem Einzelgänger dunkel sind, weil er sich in ihrem »Sinn« verliert, werden klar vom einen zum andern. 

Ein Werk ist um so klarer, je mehr Dinge es enthält, die der Leser gedanken- und mühelos aus sich selber hervorgebracht hätte. 

Was sehr gefällt, hat statistischen Charakter. Mittlere Qualitäten. 

Die niedrigste literarische Gattung ist diejenige, die von uns die geringste Anstrengung fordert.

Pag. 91


Überraschung als Ziel der Kunst? Aber man täuscht sich häufig in der Art der Überraschung, die der Kunst würdig ist. Kunst will nicht begrenzte Überraschungen, die nur im Unerwarteten bestehen, sondern unendliche, die durch einen immer neuen Entwurf erreicht werden, der alle Erwartung der Welt hinter sich lässt. Das Schone überrascht nicht deshalb, weil man sich nicht genügend darauf eingestellt hatte, nicht durch den bloßen Schock, sondern im Gegenteil, weil man sich so darauf eingestellt hat, dass man nicht weiß, wie man so vollkommene Schönheit selber herstellen oder ausdenken könnte.

*

Das Neue ist seiner Definition nach das Vergängliche an den Dingen. Die Gefahr ist, dass es unweigerlich aufhört, neu zu sein, ohne dass der Verlust ersetzt wird. Wie die Jugend und das Leben.

Diesen Verlust zu vermeiden suchen heißt gegen das Neue wirken. 

Als Künstler um das Neue bemüht sein bedeutet demnach verschwinden wollen, oder, in der Meinung, man suche das Neue, etwas ganz anderes erstreben und so einer Täuschung erliegen.

*

Nur den zieht das Neue unwiderstehlich an, der sich vom bloßen

Wechsel die größte Erregung verspricht.

*

Das Beste im Neuen entspricht einem alten Bedürfnis.

Pag. 92


DAS WERK UND SEINE DAUER

Jeder große Mensch lebt von der Illusion, er könne der Zukunft etwas vorschreiben; das nennt man dauern

Die Zeit aber ist widerspenstig – und wenn einer ihr zu widerstehen scheint, wenn ein Werk schwankt und dahintreibt, statt sogleich zu versinken, wird man immer entdecken, dass es sehr wenig jenem Werk gleicht, das der Autor zu hinterlassen glaubte. 

Ein Werk dauert gerade, insofern es ganz anders zu erscheinen vermag, als es sein Autor geplant hat.

Es dauert, weil es sich verwandelt hat und soweit es zu tausend Verwandlungen und Deutungen fähig war.

Oder aber, weil es eine von seinem Autor unabhängige Eigenschaft besitzt, die nicht von ihm, sondern von seiner Zeit oder seiner Nation geschaffen wurde, und die durch den Wandel von Zeit oder Nation ihren Wert erhalt.

*

Die Lebensdauer der Werke hängt von der Dauer ihrer Verwendbarkeit ab. – Darum ist sie nicht kontinuierlich. Es gibt Jahrhunderte, in denen Vergil keine Funktion hat.

Aber alles, was jemals war und nicht unterging, hat Aussichten auf Wiedererweckung. Man braucht ein Beispiel, ein Argument, einen Präzedenzfall, einen Vorwand.

Und da ist plötzlich irgendein totes Buch, das in Bewegung gerat und von neuem zu sprechen beginnt.

*

Das beste Werk wahrt sein Geheimnis am längsten. Lange ahnt man nicht einmal, dass es ein Geheimnis hat.

*

Wo ich mit Mühe und außer Atem noch eben hingelangt bin, da taucht plötzlich ein anderer auf, der entspannt und frei die Idee ergreift, sie von meiner Ermattung und meinem Zweifel lost, in ihrer Allgemeinheit und Leichtigkeit sieht, mit ihr spielt, sich aus ihr ein Instrument und einen Schmuck bereitet und der von meinem Schmerz und von dem Blut, das sic gekostet hat, nichts weiß.

Pag. 93


KLASSISCH

Den Alten schien die himmlische Welt geordneter, als sie uns erscheint, und daher völlig verschieden von unserer Welt; so fanden sie in den Beziehungen der beiden Welten keinerlei Gegenseitigkeit.

Die irdische Welt kam ihnen sehr wenig geordnet vor. Was ihnen auffiel, war der Zufall, die Freiheit, die Laune (denn Zufall heißt ja die Freiheit der Dinge, der Eindruck, den die Pluralität und die Indifferenz der Losungen auf uns macht).

Das Fatum war etwas Unbestimmtes, das wohl auf die Dauer und im ganzen gesehen den Sieg davontrug (wie das Prinzip der Wahrscheinlichkeitsrechnung), doch waren Gebete, Opfer, Riten möglich.

Der Mensch hatte noch einige Macht über die Geschehnisse, denen gegenüber sein direktes Handeln nichts ausrichtet. 

So schien ihm Ordnen göttlich. «

Die orientalische Kunst unterscheidet sich von der griechischen darin, dass sie nur gefallen will, während die griechische die Schönheit zum Ziel hat; das heißt, sie trachtet, den Dingen eine Form zu geben, die an die Ordnung des Universums

erinnert, an die göttliche Weisheit, an die Herrschaft durch den Verstand – alles Dinge, die es in der unmittelbaren Natur nicht gibt, in der greifbaren, vorhandenen, die nur aus Zufällen besteht.

Pag. 94


*

Ein klassischer Schriftsteller ist ein Schriftsteller, der die Gedankenassoziationen verschleiert oder in sich aufsaugt. 

KLASSIKER

Dank der seltsamen Regeln ist in der französischen Dichtung der Abstand zwischen dem ursprünglichen »Gedanken« und dem endgültigen »Ausdruck» denkbar groß. Das hat seine Folgen. Zwischen das, was man empfindet oder beabsichtigt, und die Konstruktion dessen, was dieses Gefühl oder Vorhaben, oder dann eine analoge Empfindung hervorruft, stellt sich die Arbeit. Alle Linien werden neu gezogen, alle Gedanken neu gedacht usw.

Man beachte auch, dass diejenigen, die diese Dichtung zur höchsten Vollendung geführt haben, alle Übersetzer waren, welche die Werke der Alten in unsere Sprache herüberzuführen verstanden.

Ihre Dichtung ist von dieser Gewohnheit geprägt. Sie ist Übersetzung, eine »treulose Schöne« – allem untreu, was nicht mit den Forderungen einer reinen Sprache Übereinstimmt. 

*

Seit der Romantik ahmt man das Besondere nach, statt wie früher die Meisterschaft.

Der Hang zur Nachahmung ist der gleiche geblieben. Aber die Moderne verbindet einen Widerspruch damit. 

Meisterschaft heißt (das Wort sagt es selbst): die Kunstmittel zu beherrschen scheinen, statt sich von ihnen sichtlich beherrschen zu lassen.

Meisterschaft setzt demnach voraus, dass man die Gewohnheit hat, von den Mitteln aus zu denken und zu kombinieren, sich ein Werk nur in seiner Bedingtheit durch die Mittel vorzustellen, und das bedeutet: an ein Werk nie von einem Thema oder einer erdachten Wirkung aus heranzugehen, die nicht an die Mittel gebunden sind.

Daraus folgt, dass die Meisterschaft manchmal ins Unrecht versetz und überboten wird durch ein Original, das, aus Zufall oder Begabung, neue Mittel schafft – und zuerst eine ganz neue Welt in die Welt zu setzen scheint. Aber es handelt sich immer nur um Mittel.

*

Der Unterschied zwischen klassisch und romantisch ist ganz einfach der zwischen einem, der sein Handwerk versteht. und einem, der es nicht versteht. Ein Romantiker, der seine Kunst gelernt hat, wird zum Klassiker. Deshalb führte die Romantik schließlich zur Schule der Parnassiens.

*

»Genie« haben und ein lebensfähiges Werk schaffen ist zweierlei. Alle Verzückungen der Welt ergeben nur unzusammenhängende Elemente.

Ohne sehr genaue Berechnung taugt ein Werk nichts – funktioniert es nicht. Ein hervorragendes Gedicht setzt eine Fülle genauer Überlegungen voraus. Es geht dabei nicht so sehr um die Kräfte als vielmehr um ihren Einsatz. Um Einsatz – bei wem?

*

Seine Theorien verfuhren einen Künstler immer dazu, zu lieben,
was er nicht liebt, und was er liebt, nicht zu lieben.

Pag. 96


THEATER

Jedes Theaterstück ist eine Scharade

*

Einem Gesetz des Theaters zufolge kann und muss der Zuschauer sich immer mit einer Person auf der Bühne identifizieren, mit ihr eins werden. Dadurch ist er am Stuck beteiligt und spielt mit – nichts anderes bedeutet das Wort Interesse: mitmachen.

Pag.96

LITERARISCHER ABERGLAUBE

Das Leben des Menschen ist zwischen zwei literarische Gattungen eingebettet. Am Anfang schreibt man seine Wunsche, am Ende seine Memoiren.

Man verlässt die Literatur und kehrt zu ihr zurück. 

Ein schönes Buch ist für mich ein solches, das mir von der Sprache eine edlere und tiefere Vorstellung gibt. So veredelt der Anblick eines schonen Körpers unsere Auffassung vom Leben.

Diese Art der Empfindung führt dazu, über Literatur im allgemeinen zu urteilen und überjedes Buch im Einzelnen, je nachdem wieviel Gegenwärtigkeit, geistige Freiheit, Gewissenhaftigkeit, Koordinationsmöglichkeit und Bewältigung der Gesamtsphäre der Worte sie vorauszusetzen oder anzuregen fähig sind.

*

Der »Schriftsteller«: er sagt immer mehr und weniger, als er denkt.

Pag. 97


VERSCHWIEGENES

I

MALEREI

Das Ziel der Malerei ist unbestimmt.

Ware es klar umrissen – etwa die Illusion von Gesehenem zu erwecken, oder Auge und Verstand durch eine bestimmte musikalische Verteilung von Farben und Formen zu ergötzen-, so wäre das Problem sehr viel einfacher, und es gäbe sicher mehr schone Werke (das heißt solche, die ganz bestimmten Forderungen entsprechen), aber keine, die unerklärlich schon waren. 

Es gäbe die Werke nicht, denen man nie auf den Grund kommt.

*

Die Werke der Kunst erwecken die Vorstellung von Menschen, die genauer, ausgeprägter, differenzierter sind und sich selbst, ihre Augen und ihre Hände mehr in der Gewalt haben als jene, die das fertige Werk betrachten und weder die Versuche noch die Änderungen sehen, noch die Augenblicke der Verzweiflung und des Opferns, die Anleihen, die Ausflüchte, die Jahre und schließlich die glücklichen Zufalle – alles, was verschwindet, alles, was verdeckt, aufgelöst, aufgenommen, verschwiegen und verleugnet wird, alles, was der menschlichen Natur entspricht und dem Durst nach Wunderbarem widerspricht – der freilich ein entscheidender Trieb dieser Natur ist.

*

Von allen Künsten gibt uns sicher die Malerei am leichtesten das Gefühl ihrer Ohnmacht.

–Schauen Sie diesen Fuß an, sage ich zum Maler, kann man mit diesem Fuß gehen? 

–Das will ich ja gar nicht, antwortet er mir.

–Und haben es doch nicht fertiggebracht. 

Geschmack besteht aus tausenderlei Ekel. 

In allen überflüssigen Dingen muss man göttlich sein. Oder sich nicht einmischen. 

Musik langweilt mich nach kurzer Zeit, und um so schneller, je stärker sie auf mich gewirkt hat. Denn sie hemmt nun, was sie eben in mir erzeugt hat, Gedanken, Einsichten, Formen, Prämissen. 

Selten ist die Musik, die nicht aufhört zu sein, was sie war die nicht verdirbt und durchkreuzt, was sie geschaffen, sondern nährt, was sie eben in mir zur Welt gebracht hat. 

Ich schliesse daraus, dass in dieser Kunst der wahre Kenner notwendig der ist, in dem sie nichts hervorruft. * 

*

Das Ballett ist bis jetzt beinahe die einzige Kunst der Farbsequenz 

Es empfiehlt sich daher, sich an sie zu wenden, um das Morgenrot oder den Sonnenuntergang darzustellen. 

Pag. 99-100


II

Die Werke der auserlesensten Kunst, die Feinheiten der Zeichnung, das Genießen der Nuancen und Obereinstimmungen einer vollkommenen Sprache, das Köstliche gewisser mathematischer Ambivalenzen, der Schärfegrad im Durchleuchten der Seele: das alles ist Privatangelegenheit weniger Menschen. Waren sie nicht – wer würde einen solchen Verlust auch nur ahnen?

*

Schone Werke sind Geschöpfe ihrer Form, die vor ihnen entsteht.

*

Der Wert von Kunstwerken liegt nicht in ihnen selbst, sondern in den Weiterbildungen, die sie durch andere Werke und durch spätere Umstande erhalten.

Wir wissen nie im Voraus, ob ein bestimmtes Werk leben wird … Es ist ein mehr oder weniger lebensfähiger Keim; er bedarf der Umstande, und diese können auch den schwächsten begünstigen.

*

Manche Werke werden von ihrem Publikum geschaffen. Andere schaffen sich ihr Publikum. 

Die ersten entsprechen den Bedürfnissen eines durchschnittlichen natürlichen Empfindens. Die zweiten rufen künstliche Bedürfnisse hervor und befriedigen sie zugleich.

Pag. 101


Nichts ist origineller, nichts ist eigener, als sich von den andern zu nähren. Aber man muss sie verdauen. Der Löwe besteht aus verdautem Schaf. 

Die ganz grosse Kunst ist jene, deren Nachahmungen berechtigt, angemessen, erträglich sind; die durch Nachahmungen nicht zerstört und nicht entwertet wird, noch jene durch sie. 

Angst vor dem Lächerlichen; Schrecken vor dem Banalen. Man könnte mit dem Finger auf mich zeigen; man könnte mich nicht bemerken. – Zwei Abgründe. 

Der ausschliefssiche Geschmack am Neuen verrät eine Entartung des kritischen Sinns, denn nichts ist einfacher, als über die Neuheit eines Werks zu urteilen. 

Die klassischen Werke sind vielleicht jene, die erkalten können, ohne zu vergehen, ohne sich zu zersetzen, und es lohnte, einmal den Willen zur Bewahrung, den die Begriffe » Vollendung« und » geschlossene Form« enthalten, in de Prinzipien, Regeln, im Kanon und in den Gesetzen der Kunst jener Epochen aufzudecken, welche man die klassischen nennt. 

*

Unsere Schüler und Nachfolger lehrten uns tausendmal mehr als unsere Meister, wenn wir lange genug lebten, um ihre Arbeiten zu sehen. 

Pag. 102


III

LITERATUR

Ein Buch ist schließlich nur ein Auszug aus dem Monolog seines Autors. Der Mensch oder die Seele spricht zu sich; der Autor wählt aus dieser Rede aus. Was er wählt, hangt von seiner Eigenliebe ab: er liebt sich in einem bestimmten Gedanken, hasst sich in einem andern; sein Stolz oder sein Vorteil nimmt oder lässt, was ihm durch den Sinn fährt; was er sein möchte wählt aus dem, was er ist. Ein verhängnisvolles Gesetz.

Wenn wir also den ganzen Monolog hatten, so konnten wir auch die präziseste Frage, die sich eine berechtigte Kritik vor einem Werk stellen kann, ziemlich genau beantworten. Kritik, soweit sie sich nicht darauf beschränkt, nach ihrer Laune und ihrem Geschmack zu urteilen – das heißt: von sich selber zu sprechen im Wahn, sic spreche vom Werk -, Kritik als Urteil bestünde in einem Vergleich zwischen dem, was der Autor beabsichtigt, und dem, was er wirklich zustande gebracht hat. Während der Wert eines Werks in der eigentümlichen und veränderlichen Beziehung zwischen diesem Werk und irgendeinem Leser liegt, besteht das eigentliche Verdienst eines Autors in der Beziehung zwischen ihm und seinem Vorhaben: es bemisst sich nach diesem Abstand und nach den Schwierigkeiten, die sich bei der Ausführung des Werks ergeben haben.

Aber diese Schwierigkeiten selbst sind gleichsam ein vorangegangenes Werk des Autors: sie sind das Werk seines »Ideals«. Dieses innere Werk geht dem sichtbaren, tatsächlichen voraus, hemmt und unterbricht es und fordert es heraus. Charakter und Verstand behandeln hier manchmal die Natur und ihre Kräfte wie ein Reitlehrer das Pferd. 

Eine Kritik, die ihrerseits vorbildlich wäre, spräche sich einzig über dieses Verdienst aus, denn man kann von jedem nur verlangen, dass er vollbringt, was er sich vorgenommen hat. Man darf einen Geist nur nach seinen eigenen Gesetzen beurteilen, fast ohne sich persönlich einzumischen, wie durch eine Handlung, die unabhängig ist von dem, der sie ausführt, denn es geht nur um den Vergleich von Werk und Vorhaben. (…)

Pag. 103


*

Die Syntax ist ein Vermögen der Seele.

*

Man hat die Kenntnis einer Sprache allzusehr auf bloße Gedächtnisleistung eingeschränkt. Orthographie als Zeichen von Bildung: dies ist Zeichen der Zeit und Zeichen von Dummheit.

Aber es kommt auf die Handhabung der Sprache an, auf die Verknüpfung der Akte, auf die Erlangung der Unabhängigkeit geistiger Schritte; und, bei ihrer Freisetzung, auf die Freiheit ihrer Zusammenstellung bei der Rede … 

Die Syntax ist ein System von Gewohnheiten, die gelegentlich mit vollem Bewußtsein neu zu beleben und zurechtzurücken sich empfiehlt. Bei diesen Materien, wie bei allen übrigen, muss man sich an die Spielregeln halten, sie aber als das nehmen, was sie sind, ihnen keine übertriebene Autorität zuerkennen. Nicht sich etwas darauf einbilden, dass man sich zahlreiche Ausnahmen vergegenwärtigt. Nicht vergessen, dass in der Epoche der größten Schriftsteller die Freiheiten auch sehr viel großer waren. Ihre Sprache war komplexer, besser gebaut, »organisierter« als die unsere; jedoch gebe ich zu, da6 sie ziemlich uneinig waren in Bezug auf die Zeitenfolge, unsicher hinsichtlich der Kongruenz, unstet und manchmal überraschend in ihrer Art, die Partizipien anzupassen. 

Pag. 105-106


IV

Ein geistiges Werk ist von Bedeutung, wenn seine Existenz andere Werke bestimmt, hervorruft, ausschließt, seien sie schon geschaffen oder nicht. 

Es macht die Seele empfänglich für Werke ganz anderer Art. 

Es ist Anfang oder Ende einer Art Vene…

*

Das Menschlichste.
Gewisse Leute glauben, die Lebensdauer eines Werks hange von seiner »Menschlichkeit« ab. Sie bemühen sich wahr zu sein.

Doch welche Werke sind alter als Wundergeschichten? Das Falsche und das Wunderbare sind menschlicher als der wahre Mensch.

(…)

Bücher.

Nahezu alle Bücher, die ich schätze, und ausnahmslos alle, die mir nützlich waren, sind schwierig zu lesen. 

Das Denken kann von ihnen lassen; aber es kann sie nicht überfliegen.

Einige waren mir nützlich trotz ihrer Schwierigkeit; andere eben deswegen.

*

Unter den Büchern nun sind die einen anregend und bringen nur in Bewegung, was ich schon besitze; die andern sind mir Nahrung, deren Substanz sich in meine eigene umsetzen wird. Mein Wesen schöpft daraus Formen des Ausdrucks und des Denkens, oder bestimmte Mittel und fertige Antworten: man muss doch die Resultate der Erfahrungen anderer übernehmen und sich erweitern um das, was sie gesehen haben und wir nicht.

Jeder Dichter wird schließlich soviel taugen, wie er als Kritiker (seiner selbst) getaugt hat.

*

Größe der Dichter, mit ihren Worten fest zu fassen, was sie in ihrem Geist nur dunkel geahnt haben.

*

Die Inspiration ist die Hypothese, die einen Autor zum bloßen Beobachter macht.

*

Der Geist weht, wo er will… Mögen die Geistigen und die Begeisterten uns erklären, warum dieser Geist nicht in den Tieren und so schlecht in den Toren weht.

*

Dichterisch ist der Gedanke, der in Prosa gefasst immer noch den Vers verlangt.

*

Der Ausdruck eines unverfälschten Gefühls ist immer banal. Je unverfälschter, um so banaler. Um es nicht zu sein muss man sich anstrengen.

Wenn allerdings ein Mensch wirklich ungebildet oder das Gefühl stark genug ist, um selbst die Banalität, selbst die Erinnerung an das, was einem Umstand gemeinhin entspricht vergessen zu lassen, dann kann dieses blinde Tasten in der Sprache zufällig Worte ergeben, die schön sind.

*

Vollendung ist Abwehr. Die Vollendung zwischen sich und den andern stellen. Zwischen sich und sich selber.

*

Leicht sein wie der Vogel, nicht wie der Flaum.

Pag. 106-108


Ein Mensch, der nie versucht hat, den Göttern ähnlich zu werden, ist weniger als ein Mensch.

*

Denkmal und Ruhm sind Formen des Totenkults, der eine Form der Unwissenheit ist.

Pag. 109

Verbirg deinen Gott.
Nicht die andern, ihre Götter soll man angreifen. Man muss die Götter des Feindes treffen. Zuerst aber muss man sie entdecken. Ihre wahren Götter verbergen die Menschen mit Bedacht.

*

Wenn das Ich hassenswert ist, dann wird den Nächsten zu lieben wie sich selber zur schrecklichen Ironie.

Pag. 111

VII

Der Verstand fährt mitten durch Bräuche, Glauben, Dogmen, Oberlieferungen, Schicklichkeiten, Gewohnheiten, Gefühle und Gesetze, wie ein Ingenieur quer durch Wälder, Berge und alle Seltsamkeiten und Eigenheiten der Natur stoßt: er durchbohrt, durchschneidet, durchquert sie und erzwingt so den kürzesten Weg

Pag. 116

Ein Mensch is komplizierter – unendlich viel komplizieter – als sein Deken.

*

Intuition ohne Einsicht ist ein Unfall.

*

Das Bewusstsein steigt aus dem Dunkel, lebt von ihm, nährt sich von ihm, und stellt es schließlich undurchdringlicher wieder her durch eben die Fragen, die es sich vermöge und entsprechend seiner Klarheit stellt.

Pag. 117


Tiefe.

Ein tiefer Gedanke ist ein Gedanke oder eine Bemerkung, die eine gegebene Frage oder Situation grundlegend verandert. 

Sonst handelt es sich um Resonanzwirkung, und wir befinden uns im Bereich der Literatur. 

Man kann nicht subtil genug sein, und man kann nicht einfach genug sein. 

Subtil genug, we1l die Dinge es verlangen; einfach genug, weil unser Dasein und unsre Handlungen es gebieten. 

Ein wahrhaft präziser Geist kann nur sich selbst begreifen, und nur in gewissen Zuständen. *

Die meisten halten nach den ersten Schritten eines Gedankenganges inne. Das ganze Leben ihres Geistes wird nur aus Anfangen bestehen …

Die Tätigkeit des Erkennens besteht darin, sich selbst zu entwirren, so wie ein Mensch, der immerfort erwachte und immerfort versuchte, sich aus der Verklammerung seiner Glieder und aus dem Befangensein in frühere Wahrnehmungen zu befreien. 

Aber manche scheinen sich lieber noch mehr zu verwirren. 

Pag. 119


VIII 

Alle Kosmogonie, alle Metaphysik setzt den Menschen als Zeugen von Ereignissen, die ihn ausschliessen. 

Und selbst die Physik, ja auch die Geschichte und die Erinnerung an gestern. 

Was sieht, ist unvereinbar mit dem, was gesehen wird, aber auf mehr oder weniger offenkundige Art. 

Philosophie und Naturwissenschaft wären nicht, wenn nicht Menschen, die sich nie mit ihnen beschäftigt haben und von ihrer Notwendigkeit, ihrer Existenz und selbst von ihrer Möglichkeit nichts ahnen, durch ihr eigenes Leben und Handeln Grundlage, Stoff, Sprache, Dunkelheit und Zuverlässigkeit, auf denen sie beruhen, geschaffen hatten. 

*

Verschiedene Theologen könnten uns glauben machen, Gott sei dumm. 

Variationen über Descartes. 

Manchmal denke ich; und manchmal bin ich. 

*

Wenn ein Mensch nicht ein anderes Leben führen könnte als sein eigenes, könnte er sein eigenes nicht leben. 

Denn sein eigenes besteht nur aus einer Unzahl von Zufällen, von denen jeder einem andern Le ben angehören kann. 

Ideal einer Seele. 

Das Verlangen, eine Seele zu haben und für alle Ewigkeit nur diese Seele zu sein, muss seltsam verblassen neben dem Verlangen der Seele nach einem Körper und nach Dauer. Sie gäbe ihr Königreich selbst für ein Pferd. Vielleicht sogar für einen Esel? 

Wer spricht am schlechtesten? Wer ist es, der stammelt und sich verheddert; wer bedient sich so linkisch der unpassendsten Wörter, bildet die lächerlichsten, die falschesten, die unzusammenhängendsten Sätze und stellt die absurdesten Behauptungen auf? Wer ist der erbärmlichste Autor? der unfähigste Denker? 

Es ist unsere Seele. Ehe sie daran denkt, dass es für den Prozess ihres Denkens Zuhörer, Zeugen und Richter gibt; ehe sie die Eitelkeit und die Ideale zu Hilfe ruft, Ideen wie Klarheit, Strenge, Macht und gültiges Mass, steht sie in jedem Augenblick tief unter allem

Pag. 199-120 


Das Gemeinste auf der Welt, ist es nicht der Geist? Der Körper weicht vor Schmutz und Untat zurück. Der Geist rührt gleich einer Fliege an alles. Weder Abscheu noch Ekel, weder Bedauern noch Reue stammen von ihm; sie sind ihm nur ein Gegenstand der Neugier. Die Gefahr spricht ihn an, und wäre der Körper nicht so mächtig, er Geist führte ihn mit einer  Torheit und einer absurden und drängenden Gier nach Erkenntnis ins Feuer. 

Pag. 120-121


Das Denken flieht vor sich selbst in das Schluchzen, das Lachen, die Handlung, die Ohnmacht, die Kehle, die sich zuschnürt, die Faust, die zuschlagt, den Herzstillstand.

Es flieht auch vor sich selber, in das gesprochene Wort, dann ist es aber eine Transformation, die die Wiederaufnahme erlaubt und zur Quelle zurückkehrt. Es ist ein Relais

*

Jede Sicht der Dinge, die nicht befremdet, ist falsch. Wird etwas Wirkliches vertraut, so kann es nur an Wirklichkeit verlieren. – Philosophische Besinnung heißt vom Vertrauten auf das Befremdende zurückkommen, im Befremdenden sich dem Wirklichen stellen.

Pag. 121


Das Leben und nicht der Tod trennt die Seele vom Körper. 

In jedem Augenblick gibt es blinde Flecken in der Seele, die sich ausbreiten oder auflösen. 

Nur dem vollkommen Glücklichen ist Selbstmord erlaubt. 

Der Mensch lehnt sich an seinen Tod wie der Plauderer an den Kamin. 

*

Selbst. 

In den besten Augenblicken, auch in den schlimmsten, wirkt man auf sich selbst nicht mehr wie man selber; sondern man verschwendet oder man erleidet irgendein unwahrscheinliches Ich. 

*

Hass und spontane Abneigung sind oft Zeichen dafür, dass einem das Organ, die Fähigkeit oder die Kraft dafür fehlen, was man hasst, sich dienstbar zu machen, zu benützen, zu verbrauchen usw. 

Ich bin nicht sicher, oh ich dich besiegen, unterwerfen und vernichten kann. Also hasse ich dich: ich vernichte dich im Gedanken. 

—Ich weiss nicht, wie dich lieben. 

Die innerste, fundamentale Substanz unserer Gedanken, unser wahrhaftes Gefühl vom Tode, vonder Persönlichkeit von der Liebe usw., all dies ist durch die Naivität unserer Vorfahren geprägt worden, durch ihre bildhaften Ausdrücke, ihre Irrtümer, ihre geistige Konfusion in Sachen Physiologie – durch die Armut ihrer Sprachen usw. 

Und unsere Folgerungen aus diesen miserablen Vorgaben bestehen in Hetze, Zusammenhanglosigkeit, Bequemlichkeiten, allerlei Missbrauch der Nerven in unserer seltsamen Zeit. 

Nicht der Geistloseste lebt am wenigsten geistig. Der Geist ist eine Schöpfung der Armen im Geist. · 

Pag. 122


Es gibt Lehren, die es nicht vertragen, in eine andere Sprache als die ihrer ursprünglichen Formulierung übersetzt zu werden; sie verlieren dabei jenen Zauber, jene Zurückhaltung, jenes gewohnheitsmassige Vertrauen, dass man ihnen Glauben schenke, die sie in sich trugen, seit sie sich in Worten kristallisierten, die sich verschleiert und nur ihnen geweiht hatten. 

Pag. 123

Verbrechen.
Es gibt Situationen und Ideen, die sich nicht klären lassen, ohne dass wir dabei zugrunde gehen oder zugrunde richten.

Pag. 125

Sich kennen heißt nicht sich bessern.

Sich kennen ist ein Umweg, um sich zu vergeben.

Pag. 126

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Die »Gründe«, die einen von Verbrechen abhalten, sind schändlicher, geheimer als die Verbrechen selber.

*

Die Strafe untergräbt die Moral, denn sie schafft für das Verbrechen einen deutlich begrenzten Ausgleich. Aus dem Grauen vor dem Verbrechen macht sie ein bloßes Grauen vor der Strafe; – eigentlich spricht sie frei; sie macht das Verbrechen zu etwas Verkäuflichem und Messbarem: feilschen wird möglich.

*

Repressive Justiz. – Wenn jemand, der ein ernsthaftes Geschäft zu verwalten hat, Maßnahmen träfe, die unserm Strafgesetz entsprachen, würde er als verrückt gelten. Die Gesellschaft fasst einen Verbrecher und sperrt ihn fünf Jahre lang ein, ohne an das sechste Jahr zu denken. Dieser Mensch muss leben, aber wovon? – Er hat keinen Kredit mehr, keinen Beruf, keine Mittel. Man lässt ihn wieder frei, nun ist er gefährlicher, unbrauchbarer denn zuvor. 

Es sieht so aus, als wurde die Gesellschaft entweder nicht verwaltet oder als wäre sie kein ernsthaftes Geschäft. 

Pag. 127


London-Bridge.
Vor einiger Zeit ging ich über die London-Bridge, blieb stehen und betrachtete, was ich so sehr liebe: das Schauspiel eines reichen Wassers, trüb und schwer, mit Wolken von Schlamm, geschmückt mit Perlmuttstreifen; und darauf ein Gewimmel von Schiffen, deren weiße Rauchfahnen, bewegliche Ladebaume und das seltsame Tun – ein Schwanken im Raum von Kisten und Ballen – die Formen belebt und den Anblick beseelt.

Meine Augen zwangen mich stehenzubleiben; ich lehnte mich über die Brüstung, wie unter dem Zwang eines Lasters. Die Wollust des Sehens hielt mich mit der quälenden Gewalt des Durstes vor dem köstlich gewebten Licht gebannt, dessen Reichtum ich nicht auskosten konnte. In meinem Rücken aber fühlte ich ein unsichtbares Volk von Blinden endlos gehen und strömen, in alle Ewigkeit nur auf das augenblickliche Ziel ihres Lebens hingetrieben.

Es kam mir vor, als bestünde dieser Schwarm nicht aus einzelnen Menschen: ein jeder mit seiner Geschichte, seinem einzigen Gott, seinen Schätzen und Schaden, seinem Monolog und seinem Schicksal Im Schatten meines Körpers, meinen Augen entzogen, wurden sie für mich, ohne dass ich es gemerkt hatte, zu einem Strom von Körnern, alle gleich, alle gleicherweise angesogen von irgendeiner Leere, und ich fühlte ihr dumpfes eiliges Strömen eintönig auf der Brücke. Nie habe ich die Einsamkeit so sehr empfunden, in einer Mischung aus Stolz und Angst; befremdende dunkle Empfindung der Gefahr, zu träumen zwischen der Menge und dem Wasser. 

Ich fand mich des Verbrechens schuldig, auf der London-Bridge zu dichten.

Pag. 129-130


*

Dieses undeutliche Missbehagen kam mir nur unklar zum Bewusstsein. Ich fand darin den bitteren Geschmack einer schwer definierbaren Schuld, als ob ich mich gegen ein verborgenes Gesetz vergangen hatte, ohne jede Erinnerung an meine Verfehlung noch an die Vorschrift selbst. War ich nicht auf einmal aus dem Kreis der Lebenden ausgeschlossen, wo doch ich ihnen das Lehen entzog?

(Zu einer imaginären Opernmelodie fingen diese Worte in mir zu trällern an …)

Wer sich zurückzieht, wird auch schon schuldig. Und wenn ein Mensch sinnt, so sinnt er immer gegen die bewohnbare Welt. Er verweigert der Welt ihr Recht; er rückt den Nächsten unendlich fern.

Dieser dampfende Hafen, dieses glänzende schmutzige Wasser, diese bleichen Himmel mit ihrem Gold und ihrem Ruß, so reich und traurig – sie gewannen über mein Leben eine solche Macht, eine solche Faszination, da6 ich, im Überfluss des Schauens verloren, gestreift von all diesen zielstrebigen Menschen, der ganz andere wurde.

*

Wie kommt es, dass einer im Vorübergehen plötzlich von einer solchen Abwesenheit erfasst wird und sich in ihm eine so tiefe Wandlung vollzieht, dass er jäh aus einer beinahe ganz aus Zeichen bestehenden Welt in eine andere fallt, in der fast alles Bedeutung ist? Auf einmal verlieren für ihn alle Dinge ihre gewohnte Wirkung, und das, wodurch man sich zurechtfindet, verblasst. Die Dinge haben keine Abkürzungen und fast keine Namen mehr, während doch im alltäglichen Zustand die uns umgebende Welt sich mit Vorteil durch eine Welt von Zeichen und Schildern ersetzen ließe. Siehst du jene Welt aus Pfeilen und Lettern? … In eo vivimus et movemur. 

Manchmal aber geschieht es, dass unsere Sinne dank einer Erregung, die wir nicht begreifen, über unser Wissen triumphieren. Es löst sich auf wie ein Traum, und nun sind wir wie in einem völlig unbekannten Land mitten in der reinen Wirklichkeit. In einem völlig unbekannten Land, wo man eine uns unbekannte Sprache spricht, die für uns nur aus Lauten bestünde, aus Rhythmen, Tonungen, Akzenten, Überraschungen des Gehörs; so ist es, wenn die Gegenstände plötzlich ihren gewohnten menschlichen Wert ablegen und die Seele nur noch der Welt der Augen angehört. Für eine Weile, die Grenzen, aber kein Maß hat (denn leeres Zeichen ist nur noch, was ist, was sein wird, was sein muss), bin ich, was ich bin, bin ich, was ich sehe, anwesend und abwesend auf der London-Bridge.

Pag 130-131


Vir Bonus

Der Mensch ist von Natur aus „gut“, ist er doch vergesslich, träge, leichtgläubig, oberflächlich. Diese Worte bezeichnen alle die Leichtigkeit, mit der unsere »Seele« ihre Eindrücke und selbst ihre Kräfte fahrenlässt.

Ein Glück, diese Leichtigkeit. Welch scheußliche Brut wäre eine Menschheit mit unfehlbarem Gedächtnis, stets vorandrängender Tätigkeit, ständiger Geistesgegenwart und immer wachem, kritischem Sinn. 

So bereitet sich denn eine schreckliche Zukunft vor, denn all diese schlimmen Tugenden, die das Leben dem Leben schwermachten, werden wachsen und in der Welt immer mehr herrschen – aber nicht in menschlicher Form. Die Maschine, und was sie verlangt, wird die Gewichtlosesten und Ungenauesten in ihre Disziplin zwingen. Sie registriert, sie sieht voraus. Sie präzisiert und sie verhärtet; sie übertreibt die den Lebenden eigene Möglichkeit, zu bewahren und vorauszusehen, und sie strebt danach, das launische Leben der Menschen, ihre vagen Erinnerungen, die dämmrige Zukunft, das ungewisse Morgen in eine Art unveränderter Gegenwart zu verwandeln, vergleichbar dem Leerlauf eines Motors, der seine Normalgeschwindigkeit erreicht hat. 

Pag. 132


bron: Valery, Paul, Windstriche. Aufzeichnungen und Aphorismen. Aus dem Französischen von Bernhard Bösenstein, Hans Staub und Peter Szondi, Frankfurt am Main 2017, (Suhrkamp)