
Fragte mich jemand
Fragte mich jemand – was ist eigentlich dieses geistige Leben, das du in deinen Texten so gern erwähnst, selbstzufrieden, vielleicht sogar stolz, dass du so unmodern, so mutig bist …
Menschen, die ihren Verstand, ihre Phantasie benutzen, intellektuelle oder auch geistige Arbeiter – hitte streichen Sie, was Ihnen weniger gefällt – lassen sich deutlich in verschiedene Kategorien einteilen. Was die Dichtung betrifft, so ist die Einteilung klar: Auf der einen Seite haben wir die Dichter, auf der zweiten, der dritten, der vierten Seite die Kritiker, die gelehrten Literaturwissenschaftler, die Bibliographen, Rezensenten und auch, last but not least, die Leser. Die Dichter sind, wie sie sind. Ich erinnere mich, wie ich mich vor vielen Jahren in einem Gespräch mit Jan Bloński darüber beklagte, dass die Dichter, die ich damals kennenlernte, als Menschen häufig uninteressant und nicht immer besonders intelligent seien, dass manche zu oft ins Glas schauten, dass sie hin und wieder beim Gespräch ins Stammeln gerieten. Bloński sah mich aufmerksam an, kicherte und sagte in seiner einzigartigen Diktion: »Aber ich bitte Sie, Sie verstehen gar nichts. Das muss so sein. Natürlich wirken Dichter und überhaupt Schriftsteller auf den ersten Bliek total uninteressant, wenig mitteilsam, bisweilen geradezu schrecklich in ihrem Egoismus, ja sogar Autismus. Daran müssen Sie sich gewöhnen. Sie haben ihre groBen Momente – aber dann sieht sie niemand. Das sind die Momente, in denen sie schreiben; ansonsten sind sie wenig ergiebig.« Gewiss <lachte er, als Autor eines Buches über Marcel Prousts Romanzyklus, an Bergotte, die Figur des herausragenden Schriftstellers, der eine »Nase wie eine Schnecke« hatte und sich ansonsten unter den banalen Gunsten von Madame Verdurin durch nichts Besonderes auszeichnete.
Um auf die Einteilung der Geistesarbeiter zurückzukommen: Sie ist immer noch wichtig, obwohl sich so viel verändert. Und obwohl es immer wieder neue Transgressionen gibt. Literaturwissenschaftler und Rezensenten schreiben Gedichte, und Dichter äussern theoretische Ansichten. Diese Unordnung existiert, seit die Welt besteht. Sowohl Horaz als auch T. S. Eliot, Milosz wie auch Brodsky ha ben in dieser Hinsicht gesündigt. Und doch sollten wir an der Einteilung festhalten. Die Dichter sagen wichtige Dinge, sehr wichtige Dinge, aber sie vertreten dabei ihre eigenen Interessen, sie kämpfen um ihre eigenen Werte (dazu haben sie das Recht), sie müssen dabei nicht die Objektivität eines Philosophen oder grossen Kritikers erreichen.

Doch lassen Sie uns dieses letztlich zweitrangige Thema beenden.
Wenn wir eine Antwort auf die Frage des »geistigen Lebens in der Dichtung« suchen, müssen wir für einen Augenblick etwas weniger poetisch werden und einige Begriffe klären. Das geistige Le ben darf nicht als eine Art mystischer Hedonismus verstanden werden, als Schwelgen in Einsamkeit, Musik, Kontemplation. (Ich muss wohl nicht hinzufügen, dass es nichts mit einer Unterwürfigkeit unter irgendeine Institution zu tun hat, unter die eine oder andere Kirche.) Diese drei Elemente sind wahrscheinlich unentbehrlich (obwohl zum Beispiel die Musik nicht alle anspricht und das auch keiner verurteilt, Kafka zum Beispiel war völlig taub für Musik), aber mir scheint, es muss ihnen eine eindringliche Arbeit des nüchternen Verstandes vorangehen. Denn eine der grössten Gefahren ist in jeder Epoche die intellektuelle Versklavung, die unkritische Unterwerfung unter die Hauptströmung des Denkens der aktuellen historischen Zeit – unter den Zeitgeist. Einen bequemen Mystizismus auf etwas Falsches »aufzupfropfen«, auf etwas Unwahres zu gründen, ist und muss ein Fehler sein. Allerdings erinnere ich mich daran, dass ich eine gewisse Eigenschaft von Brechts Dichtung, nämlich die Tatsache, dass sie auf eine bestimmte marxistische Interpretation »aufgepfropft« war, in einem Seminar mit Studenten einmal einer vernichtenden Kritik unterzog; darauf erwiderte einer der Studenten: »Und Dante? Auch er war auf eine bestimmte, christliche Interpretation aufgepfropft.«
In kommunistischen Zeiten haben wir gesehen, wie die Ideologie die Literatur formen kann. Das hat in Polen nicht lange gedauert, doch eine Zeitlang war es so – selbst herausragende Intellektuelle erlagen für einige Jahre der hegelianisch-marxistischen Illusion, die etwas graubärtiges, nämlich die Befreiung des Menschen versprach und in der Praxis zu dessen Demütigung und Unglück führte. Goethe sagte sinngemäß (ich zitiere nach Sebastian Kleinschmidt): »Solange die Epoche dauert, kann man keinen Standpunkt finden, von dem aus man sie beurteilen könnte.« Und dennoch versuchen wir es alle.
Die kommunistische Bedrohung haben wir schon lange hinter uns gelassen, doch die Geschichte ist ja nicht vorbei; neue Illusionen, neue Tendenzen, neue Massenbegeisterungen sind aufgetaucht (z. B. verschiedene Spielarten der Postmoderne, denn etwas so Groteskes und Grobes wie den uns gegenwärtig dargebotenen Nationalismus oder Nationalkatholizismus, eine Contradictio in Adjecto, will ich gar nicht erst erwähnen). Um also überhaupt vom geistigen Le ben sprechen zu können, muss man zunächst versuchen, sich zu vergewissern, dass man keine der unglücklichen und unbewusste~ – wenn auch intelligenten – Marionetten ist, die sich damit trösten, dass sie Mozart hören oder lange Spaziergänge in der Dämmerung machen.
In unserer jüngsten Tradition ist die enorme Geistesarbeit von Czeslaw Milosz, der die Versuchung des hegelianischen Bisses durchaus kannte, ja vielleicht sogar eine körperliche Wunde vonder dialektischen Schlange davongetragen hatte, ein gutes Beispiel für die Befreiung eines herausragenden Gei st es vonder Illusion. Mehr noch: Milosz – als groBer Dichter – kannte das eine wie das andere, die mühselige mentale Arbeit und den Geistesblitz, die Freude der Erleuchtung. Einer Erleuchtung, die auf der Wahrheit gründet, nicht auf der Illusion.

Doch ist Dichtung etwas so Unvorhersehbares, so Geheimnisvolles, dass man auch über Milosz nicht einfach sagen kann, er sei in seiner Jugend Hegelianer und Marxist gewesen und habe, in einer unklugen Verkürzung ausgedrückt, »etwas schlechtere Gedichte geschrieben«, dann habe er das Licht der Wahrheit erblickt und seine poetische Kunst habe einen anderen Glanz angenommen. Nein, so war es nicht. Auch der junge Milosz schrieb aussergewöhnliche, hervorragende Gedichte (denken wir nur an Wolken van 1938, Begegnung oder Du starke Nacht, ebenfalls aus den dreissiger Jahren). Wie das möglich war, wissen wir nicht und werden wir nie wissen, und wir sollten für diese Ignoranz dem danken, dem der Dank gebührt, denn aufgrund dieses Nichtwissens wird sich die Dichtung, wie auch andere Künste, nie auf einen universellen Algorithmus zurückführen lassen. (Das Wort Algorithmus ist heute modern.)
Doch all das ändert nichts an meiner Überzeugung, dass es gut ist, der geistigen Freude eine intellektuelle Detektivarbeit vorangehen zu lassen. Und doch – der nächste Vorbehalt – , betrachtet man den Olymp der polnischen Dichtung, so hat sich Zbigniew Herbert, nur dreizehn Jahre jünger als der Autor des Verführten Denkens, nach seinen Lehrjahren als vollkommen frei von den Giften der Epoche erwiesen. Frei, ironisch, unabhängig. Mit dem Talent des poetischen Wortes und einem aussergewöhnlichen Beobachtungssinn begabt. Und es wäre nicht leicht, aufzuzeigen, dass auch er, wie Milosz, zunächst durch ein Labyrinth ging, indem er das zeitgenössische Denken studierte. Es war wahrscheinlich anders. Herbert las die antiken, klassischen Autoren, er betrachte te bewundernd die Reproduktionen italienischer und holländischer Meister – das war eine andere Art van Bildung, er griff nach dem, was gewissermassen van der Substanz, nicht vonder Polemik her wahrhaftig war; er liess die wackeligen, romantischen Hirnen entsprungenen Systeme aus, die zwar leidenschaftlich, aber auch leidenschaftlich anfällig für Irrtümer waren.
Es gehört sich nicht, mit einem der ganz Grossen zu streiten, doch schauen wir uns das berühmte Gedicht Die Macht des Geschmacks an:
Es bedurfte beileibe keines groBen Charakters wir hatten ja das Quentchen notwendigen Mutes doch im Grund war’s eine Sache des Geschmacks —dann kann man sich schon fragen, ob es wirklich eine »Sache des Geschmacks« war, eine ästhetische Frage, die Tatsache, dass man »äusserst hässliche Mädchen« schickte. Vielleicht ist es nur ein sprachliches Problem, eines der façon de parler, aber der Kontakt mit der Substanz überschreitet meines Erachtens rein ästhetische Kategorien. Natürlich sollte das letzte Wort hier der Autor dieses schönen Gedichts haben. Doch mir scheint seit langem, dass die bis heute sehr lebhafte Rezeption Herberts auch von einer gewissen Unstimmigkeit angefacht wird: dass es eben nicht nu reine Frage des Geschmacks war.
Die alten Meister, über die Herbert ein erschütterndes Gedicht geschrieben hat, waren keine Ästheten, sie kümmerten sich nicht darum, wie etwas oder jemand “aussah”. Sie kümmerten sich um das, was war. Und gerade das ist Herberts Stärke – über die Frage des Geschmacks hinauszugehen. Freilich strebte er danach, zugleich die Regeln des Geschmacks zu befolgen – natürlich wollte er als Gentleman, als Klassiker gesehen werden. Der Kontrast zwischen der Verortung seiner Dichtung in der Substanz und seinem fast dandyhaften Image als Dichter ist beabsichtigt, es ist die Spannung, die seine Gedichte erschafft und stärkt.
Im übrigen hat sich bekanntermassen der Begriff der Ästhetik erst zur Zeit der Aufklärung gebildet; die alten Meister konnten wahrhaftig nicht wissen, dass ihre Werke eines Tages von Gelehrten, von Spezialisten der Ästhetik analysiert werden würden.
Wie kann man die vollkommen verschiedenen Herangehensweisen der beiden erklären? Milosz, der sucht, bohrt, vergleicht, analysiert, sich entwickelt, und Herbert, der die Dichtung betritt, als sei er schon immer frei gewesen. Ich weiss es nicht. Man könnte etwas total Banales sagen, in der Art von: »Viele Wege führen nach Rom.« Mir scheint, dass Herbert, der ein aufmerksamer Schüler von Czeslaw Milosz war, die von seinem älteren Kollegen geleistete Arbeit – zumindest in gewissem Grad – zu nutzen verstand. Mit Sicherheit kannte er Das verführte Denken und Miloszs Gedichte gut. So könnte es gewesen sein – was jedoch Herberts Werk nicht schmälert, seiner Autonomie und seiner frühen Reife keinen Abbruch tut.

Wir haben also diese beiden Meister, so verschieden und doch so ähnlich. Wie lesen wir sie heute? Vielleicht liege ich falsch, aber mir scheint, dass Milosz, der sich mit solcher Leidenschaft zur reinen Luft durchkämpfte und uns erlaubte, in so vielen Essays, Gedichten, Poemen, Traktaten (die nur zum Teil wie zurückgelegte Etappen auf dem Weg nach oben sind, denn ihr aussergewöhnliches Licht blieb erhalten) in seine philosophische Werkstatt zu schauen, jetzt einen zu hohen Preis dafür zahlt. Er ist oder scheint zumindest den Lesern zu schwierig, zu kompliziert, zu dialektisch. Er hat zu viel geschrieben, zu viel gedacht. Das alles ist zu kompliziert für uns. So undankbar sind die Nachfahren. Fast all die Pfade, die mit der Zeit zu einer breiten Landstrasse geworden sind, hat Milosz für uns gerodet, und wir rümpfen die Nase und suchen einen leichteren Weg.
Es gibt hier sozusagen zwei Ebenen – die, wenn man genau hinsieht, gar keine »Ebenen« sind – , da ist die intellektuelle Erkundung unserer historischen Zeit, und da ist ein weniger in der Geschichte verankertes Moment, das viele :.> vielleicht als mystisch bezeichnen würden.
Wie koexistieren diese beiden Sphären? Der italienische Jesuit aus dem 17. Jahrhundert, Tommaso Ceva, dreihundert Jahre später von Eugenio Montale zitiert, nannte die Dichtung einen »Traum, geträumt in Gegenwart der Vernunft« – eine sehr schöne Bezeichnung (denn eine Definition ist es nicht), die uns hilft, etwas von diesem Dualismus zu begreifen.
Zu den ungeschriebenen Regeln der Literatur – ja, solche Regeln gibt es, obwohl das Territorium der ernsthaften Literatur, dieser stolzen, uralten Domäne, immer wei ter schrumpft, schneller als die Gletscher in Grönland – zählt auch folgende:
Man darf sich nicht selbst zitieren. Hiermit breche ich sie. lch habe einmal ein Gedicht mit dem Titel Mystik für Anfänger geschrieben, inspiriert von einem Büchlein, das ich in einem Café eines der fast zu schönen toskanischen Städtchen bei einem deutschen Touristen gesehen habe. Die Amerikaner nennen einen solchen Fall ein gefundenes Gedicht, a found poem. Wenn man es gen au nimmt, kann man natürlich nur den Ausgangspunkt finden … Einige Zeit später wurde mir klar, dass der Titel des Büchleins nicht nur das Feld für je nes Gedicht geöffnet hatte, was letztendlich meine persönliche Sache war, sondern mir auch einen besseren Blick auf das Wesen der Dichtung erlaubte. Denn sie ist – in gewissem Sinn – Mystik für Anfänger.

Doch hier treffen wir auf ein theoretisches Problem. Mystik, so sagen uns die Weisen, so befinden die Enzyklopädien, hat im Prinzip einen anti-historischen oder ahistorisch en Charakter – sie entfernt uns vom Historismus, vom Erleben jener Ereignisse, die eng mit der Geschichte Europas, der Welt oder unseres Landes verbunden sind. So wie – in einer Karikatur der verdächtige Mystiker Andrzej Towianski Mickiewicz van dringenden Angelegenheiten abbrachte, von der aktuellen politischen Szene entfernte. Doch das entsetzliche 20.Jahrhundert hat bewirkt, dass wir unermesslich »historisch« geworden sind, gewiss mehr, als wir das wollten. Wir leben mit der Geschichte, wir reagieren fast täglich auf sie. Sie ist wie das Salz, mit dem wir so viele unserer Gerichte würzen.
Und was ist Mystik für Fortgeschrittene? Gewiss strebt sie nach Schweigen, nach dem Verschmelzen mit etwas, das gröBer ist als wir selbst. Sie ist auch Begegnung mit der Transzendenz – ader zielt zumindest darauf ab. Auch die Dichtung strebt nach Schweigen, aber sie kann dies nicht schweigend tun, nicht in absolutem Schweigen, das ist offensichtlich. Sie kann lakonisch, verkürzt sein, sie muss ein sehr spezieller Kompromiss zwischen zwei Welten sein. Zwischen welchen?
An dieser Stelle möchte ich doch den Begriff wechseln der Terminus »Mystik« öffnet einen so groBen Assoziationsraum, stellt ein so mächtiges Element dar, dass dem kleinen Schiffchen unserer Reflexionen der Untergang droht.
Versuchen wir an die Stelle der »Mystik« die »Phantasie«, die »Imagination« zu setzen (tja, wird jemand sagen, das ist ein nicht weniger mächtiges Element). Was ist Imagination? Suchen Sie besser nicht in Wikipedia – man kann dort erfahren, dass Imagination eine britische Rockgruppe aus den achtziger Jahren ist. Darum geht es nicht. Beschränken wir uns auf eine Dimension der Phantasie – versuchen wir sie mit der Erinnerung zusammenzubringen.
Weil unsere Zeit so ungemein historisch ist, nimmt die Erinnerung- in Literatur, Film, sogar in der bildenden Kunst eine zentrale Stelle ein. Wir bekennen uns zur Erinnerung. Die Erinnerung wird zu Recht auf den Sockel gestellt. Doch der Ort, wo wir den Sockel platzieren, verschiebt sich ständig, er wandert. Für Proust hatte die Erinnerung persönlichen, ästhetischen und – in ihrer höchsten Intensität – auch quasi-religiösen Charakter. Sie verband sich mit dem ekstatischen Erleben, sie erlaubte, in einem enthusiastischen Moment früher erlebte Augenblicke zu verbinden und ihnen den Wert eines Kunstwerks zu verleihen – sie führte zum Kunstwerk oder konnte dazu führen. Bei Proust brachte die Erinnerung die autothematische Bedeutung des Werkes hervor – der grosse Roman erzählt von sich selbst, beschreibt auf Tausenden Seiten die Geschichte seines Entstehens. Und er fasziniert uns damit bis heute, obwohl wir ihn – unter Berufung auf eine andere, schmerzlichere Bedeutung der Erinnerung – ablehnen könnten. (Davon gleich.) So wie ein Hochschullehrer in meiner Studentenzeit die Abhandlung Roman lngardens Der Streit um die Existenz der Welt zu verspotten versuchte, indem er mit Nachdruck sagte: “Und damals, als Ingarden überlegte, ob die Welt existiert, haben wir Nowa Huta erbaut!« (Im Grunde ein etwas heideggerianisches Argument.)

Die Erinnerung, die wir heute verehren, ist eine andere, weniger individuelle (natürlich haben wir auch unsere persönlichen Erinnerungen, die der Kindheit, der Jugend entspringen, sie sind es, die uns unterscheiden und uns zu Persönlichkeiten machen) – es ist die Erinnerung an die Hölle des 20.Jahrhunderts, besser gesagt, die Höllen, im Plural. Sogar für die spät und sehr spät Geborenen ist es nicht so leicht, sich aus der Schlinge dieser bösen Erinnerung zu befreien.
John Locke hat uns davon überzeugt, dass die Phantasie ausschliesslich der Erinnerung entspringt” der sensitiven Erkenntnis. Dass sie aus den ihr von der Erinnerung gelieferten Bausteinen nur verschiedene Kombinationen herstellt. Doch Locke kannte nicht die romantischen Höhenflüge der Dichtung, kannte nicht den Surrealismus, er kannte nicht einmal die Werke William Blakes. Hätte er sie gekannt, hätte er vielleicht der Ansicht zugestimmt, dass Erinnerung und Phantasie sich stark unterscheiden, dass die Phantasie, sosehr sie von der Nahrung profitiert, die sie von der Erinnerung bekommt (wie auch anders), doch einen Bestandteil enthält, von dem die Erinnerung nicht einmal träumen kann, und das ist das Unsichtbare. Jemand anders würde vielleicht sagen: die Unendlichkeit. Die Phantasie würde verhungern, wäre da nicht die Assistenz der Erinnerung, aber die Phantasie hat noch etwas Zusätzliches in sich, etwas Verrücktes, sie hat die Sehnsucht nach der Unendlichkeit in sich. Und diese Sehnsucht bewirkt, dass die Erinnerung aus ihrem Lager geschossen wird, aus ihrer Wiege – sie tritt aus dem engen Rahmen des Partikularismus unseres Lebens, unserer Erfahrung heraus. Was ich hier Unendlichkeit nenne, hat natürlich auch eine religiöse Dimension oder kann sie haben.
Ich gehe das Risiko ein, es lapidar zu formulieren ( was man auf diesem subtilen Gebiet vermeiden sollte), und sage es so: Mir scheint, das geistige Leben der Dichtung ist genau hier situiert, an der Grenze zwischen Erinnerung und Phantasie. Im Gegensatz zu John Locke bin ich. kein Philosoph, ich bin also nicht sicher, welche Rolle hier unsere heutige Zeit spielt. Ist sie nur der Zündkörper der Erinnerung, der geheime Verbündete der Phantasie? Ich weiss es nicht. Doch ich bin überzeugt, dass sowohl Erinnerung als auch Phantasie für die Dichtung unabdingbar sind, dass sie, die Dichtung, eine gleichsam doppelte Identität hat – sie ist abhängig von der Erinnerung, aber sie überschreitet auch ständig deren Grenzen, in Versuchung geführt vom Ungewissen, vom Unendlichen, vom Geheimnis. Vonder Erinnerung ist die Dichtung auch insofern abhängig, als sie sich – im Gegensatz zu jeder Art von Theorie, der wissenschaftlichen wie auch anderer – in ihrer Konstruktion auf das Konkrete stützt. Auf etwas Konkretes aus unserem Leben, unserer Kindheit, sogar auf einen konkreten Tag, eine konkrete Stunde, eine konkrete Begegnung, einen Traum, eine Wolke, einen Saal konkrete Stühle, Gesichter, Worte. Ohne das Konkrete gibt es keine Dichtung. Doch zugleich wird sie ständig von etwas anderem in Versuchung geführt, von dem Versprechen auf »etwas anderes«, als erwartete sie nicht, dass die sichtbare Welt die ganze Antwort enthielte. Der Realismus und noch weniger der Naturalismus – sie genügen ihr nicht. Sie ist wie ein übermütiges, neugieriges Kind, das unter der Aufsicht der Eltern spielt, aber immer wieder ihrer Kontrolle entwischt, das Gelände verlässt, das sie einsehen können – bis sie es eines Tages ganz verlässt. Und diese Grenze zwischen Erinnerung und Phantasie können wir – wenn wir Phänomene benennen wollen, die wir nicht verstehen – Geist nennen. Oder wir nennen sie, in besserem Einklang mit der polnischen Sprache, das geistige Leben, anders gesagt, das nie gesättigte Verlangen nach Unendlichkeit. Es ist unersättlich, manchmal leidenschaftlich, oft verleiht es unserer Existenz Sinn, doch es ist notwendigerweise beschränkt durch unseren Erlebnisschatz, unsere Intelligenz, unser Wissen, durch unseren Platz in der Welt, durch das Konkrete, durch die Kindheit, durch die historische Situation unseres Landes, unserer Stadt, dadurch, dass wir einschlafen müssen, und dadurch, dass wir wieder aufwachen müssen, dass wir Steuern zahlen und zur Post gehen müssen, dadurch, dass wir Hunger haben, dadurch, dass wir alt sind, dadurch, dass wir jung sind, durch die irreparable Schwäche der menschlichen Natur.
Das unersättliche Verlangen nach Unendlichkeit – so vielen Beschränkungen unterworfen? Was ist das für eine Unendlichkeit, gefesselt, gefangen, degradiert, abhängig von Wind und Wetter, vonder Sonne, vom Gesang der Vögel und deren Schweigen, vom Zustand unserer Nerven, von Kopfschmerzen, davon, was in den angrenzenden Ländern und was jenseits des Ozeans geschieht, aber auch von der Laune unserer Nachbarn, davon, oh sie laute Musik hören, die wir hassen, van unserer Geburtsurkunde, von Schlaflosigkeit, von unserer Gesundheit und unseren Krankheiten. Ja, diese gefangene, behinderte Unendlichkeit, ebensie ist die Dichtung, die Domäne der Dichtung, gequält von allen Unzulänglichkeiten, verfolgt von Idioten, bösartigen Beamten, dummen Rezensenten, zugeschüttet von der alltäglichen Trivialität, und sie ähnelt darin einer Prinzessin, die aus dem Palast in eine Baracke verjagt wurde, sie ähnelt der Prinzessin auf der Erbse, die abwechselnd weint und lacht. Es ist die Unendlichkeit eines Krzysztof Kamil Baczyński, der eine einzige deutsche Kugel ein Ende setzte. Die Unendlichkeit eines Shelley, die zusammen mit ihm im ufernahen Wasser des Ligurischen Meeres unterging. Die Unendlichkeit von Hofmannsthal, die diesen so früh verliess.
So sieht es aus mit dem geistigen Le ben der Dichtung, etwas sehr Unsicherem, Instabilem, etwas, das zu allem Überfluss auch durch die Dichter selbst Schaden nimmt, denn sie wissen ja oft nicht, welcher Schatz ihnen anvertraut wurde, sie verlieren ihn, vergessen ihn, vergeuden ihn wie Glücksspieler, die nicht vom Roulette loskommen, wie Junkies, wie Läufer, die nicht mehr anhalten können. Oder anders – es kommt vor, dass sie träge sind wie Oblomow, apathisch. Zum Glück gibt es die Leser, eine kleine, doch verlässliche Armee: die anonymen, bescheidenen Leser, die aufmerksamen, uneigennützigen, die jungen und die alten Leser, die Leser in Mexiko, die in der Republik Südafrika, in China und in Radom lebenden Leser. Alles in allem aber habe ich keine guten Nachrichten. Das unersättliche Verlangen nach Unendlichkeit wurde Wesen anvertraut, denen wir nicht uneingeschränkt vertrauen können, die ein so wunderbares Depositum vielleicht gar nicht verdienen, Wesen, die manchmal nicht einmal wissen, was das Schicksal ihnen in die Hand gegeben hat. Die Unendlichkeit der Dichtung ist unsicher, launisch, manchmal, so scheint mir, ist sie sogar endlich.
Zagajewski, Adam, Poesie für Anfänger. Essays. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, München 2021, (Carl Hanser Verlag), Pag. 57-69
