Melete Thanatou

Michel Foucault: Vorlesung vom 24. März 1982 – Zweite Stunde

Meditation des Todes: ein pfeilartiger, rückwärtsgewandter Blick. –

Die Gewissensprüfung bei Seneca und Epiktet. –

Die philosophische Askese. –

Biotechnik, Selbsterprobung, Objektivierung der Welt:

die Herausforderungen an die abendländische Philosophie.

An der Grenze zur Prämeditation der Ubel ist selbstverständlich die Meditation des Todes angesiedelt, über die ich nur kurz sprechen werde, da das nach wie vor ein philosophischer topos ist. Ich möchte Sie darauf hinweisen, daß die melete thanatou natürlich nicht erst im Rahmen der Selbstpraxis, wie sie zu Beginn des Kaiserreichs oder in der hellenistischen Zeit organisiert und definiert wurde, auftrat. Sie finden das Bedenken des Todes bereits bei Platon, bei den Pythagoreern usw.’ Wenn ich jetzt kurz über die Meditation des Todes spreche, geht es folglich weniger um eine allgemeine und komplette Geschichte dieser sehr alten Praxis als vielmehr um die leichten Abwandlungen von Ton, Sinn- und Formgebungen, die sie im Rahmen der hellenistischen und römischen Selbstpraxis durchgemacht hat. In seiner allgemeinen Form gleicht das Bedenken des Todes der Vorwegnahme oder dem Vorausbedenken der Mißgeschicke, über die ich vorhin gesprochen habe, und zwar [erstens] aus [folgendem Grund]: Der Tod ist nicht einfach nur ein mögliches, sondern er ist ein notwendiges Ereignis; er ist nicht einfach nur ein schwerwiegendes, sondern das absolut schwerste Ereignis für einen Menschen. Und zudem kann der Tod, wie jeder weiß, zu jeder Zeit und an jedem Ort eintreten. Auf dieses Ereignis als Übel par excellence bereitet man sich mit der melete thanatou vor, die eine Sonderstellung unter den Übungen einnimmt, denn in ihr und durch sie erreicht die Prämeditation der Übel ihren Höhepunkt. Dennoch hat die Meditation des Todes eine Besonderheit, die ich herausarbeiten möchte.

Tatsächlich kommt in der Meditation, in der Einübung des Todes, die eine Sonderstellung einnimmt und der so große Bedeutung beigemessen wird, etwas zum Vorschein, das in den anderen Formen der Meditation oder Prämeditation des Übels nicht zu finden ist. Und dieses Etwas ist die Möglichkeit einer bestimmten Form der Bewußtwerdung seiner selbst bzw. einer bestimmten Form des auf sich selbst gerichteten Blicks, der, wenn Sie so wollen, ausgehend vom Standpunkt des Todes oder von dieser Aktualisierung des Todes in unserem Leben aus möglich ist. Tatsächlich besteht die vorrangige Form der Todesmeditation bei den Stoikern, wie Sie wissen, in der Übung, die den Tod gemäß dem Schema der praemeditatio malorum als gegenwärtig und den letzten Tag als bereits gekommen betrachtet. Dazu gibt es einen interessanten Brief von Seneca. In seinem 12. Brief erwähnt er eine Art Spekulation über ein im antiken Denken seit langem weit verbreitetes Thema, demzufolge das ganze Leben nichts ist als ein langer Tag mit dem Morgen der Kindheit, dem Mittag der Reife und dem Abend des Alters. Auch das Jahr ist wie ein Tag mit dem Morgen als Frühling, der Nacht als Winter; ebenso ist der Monat wie ein Tag. Allgemein gesprochen, stellt ein Tag, der Ablauf eines einzigen Tages das Strukturmodell eines Menschenlebens mit seinen verschiedenen Lebenszeiten, seinen verschiedenen Abschnitten dar.- Die Übung, die Seneca den Lucilius im 12. Brief durchzuführen auffordert, besteht also darin, daß man seinen Tagesablauf so lebt, als würde darin nicht nur ein Monat oder ein Jahr verfließen, sondern das ganze Leben überhaupt.

Man hat davon auszugehen, daß jede Stunde eines Tages, den man gerade durchlebt, wie ein Lebensalter ist, so daß man am Ende des Tages auch gleichsam am Lebensabend und damit am Zeitpunkt des Sterbens angelangt ist. Das ist die Übung des letzten Tages. Sie besteht nicht einfach nur darin zu sagen:

»Heute werde ich vielleicht sterben« oder: »Ach, heute könnte mir ein (tödliches) Unglück zustoßen, das ich nicht vorhergesehen habe«. Nein, es geht darum, den Tag so zu organisieren, so zu durchleben, als wäre jeder Moment des Tages der große Tag des Lebens, und der letzte Moment des Tages der letzte des Lebens. Gelingt es einem, den Tag nach diesem Modell zu leben, dann können wir, wenn der Tag zur Neige geht und wir uns schlafen legen, mit Freude und lächelndem Gesicht sagen: »Ich habe gelebt. « Marc Aurel schreibt: »Dies bringt die Vollkommenheit des Charakters (teleiotes tu ethus) mit sich, jeden Tag, als ob er der letzte wäre, zu durchleben, und weder sich aufzuregen noch abgestumpft zu sein, noch zu heucheln.«

Besondere Bedeutung erhalten die Todesmeditation und diese Art der Übung dadurch, daß sie dem einzelnen erlauben, sich selbst wahrzunehmen, und zwar in zweifacher Weise. Erstens gestattet einem diese Übung so etwas wie einen Blick von oben, einen alles umfassenden Blick auf die Gegenwart zu werfen und denkend einen Schnitt in der Lebensdauer, im Handlungsfluß und im Vorstellungsstrom zu vollziehen. Man stellt sie wie in einer Momentaufnahme still, indem man sich vorstellt, der Moment oder der Tag, den man lebt, sei der letzte.

Und sobald die Gegenwart in dieser Unterbrechung des Todes erstarrt, erscheinen der Augenblick, der Tag als das, was sie wirklich sind, genauer gesagt: in ihrem wirklichen Wert. Was ist das wert, was ich gerade tue, was ist mein Denken wert, was mein Handeln? Das wird sich erweisen, wenn ich sie stets im Modus des letzten Mals denke. Epiktet sagt: » Weißt du nicht, daß uns auch Krankheit und Tod bei irgendeiner Tätigkeit treffen müssen? So ereilen sie den Bauern beim Landbau, den Schiffer auf hoher See. Und du, bei welcher Tätigkeit möchtest du betroffen werden? Denn bei irgendeiner Tätigkeit mußt du doch betroffen werden. Wenn du eine Tätigkeit weißt, die besser als diese ist, um dabei [vom Tod; M. F.] ereilt zu werden, so treibe diese.«” Die Übung besteht also darin: Zu denken, daß der Tod uns mitten in irgendeiner Tätigkeit ereilt. Durch diese Art des todesgewissen Blicks, den Sie auf Ihre Beschäftigung richten, können Sie diese richtig einschätzen, und wenn Sie sich eine schönere, moralisch wertvollere als die, die Sie gerade beansprucht, für den Augenblick des Todes vorstellen können, dann müssen Sie diese auswählen, d. h. [Sie müssen] sich in jedem Augenblick in die beste Lage versetzen, um jeden Augenblick zum Sterben bereit zu sein. Marc Aurel schreibt: Indem man jede Handlung vollbringt, als wäre sie die letzte, ist sie »entfernt von jeder Ziellosigkeit und leidenschaftlichen Abkehr von der Bestimmung der Vernunft, von Heuchelei«, dann ist sie frei von »Selbstliebe und Unwillen gegenüber dem vom Schicksal dir Verhängten.« Kurz: aktualisierender Blick, Schnitt im Zeitfluß, Erfassen der Vorstellung von der Handlung, die man gerade vollzieht. Zweite Möglichkeit, zweite Form des Blicks, die der Tod auf einen selbst eröffnet: Das ist nicht mehr der einen Schnitt vollziehende Blick, sondern das ist der das gesamte Leben umfassende Rückblick. Wenn man sich selbst erlebt, als befände man sich bereits im Augenblick des Todes, dann kann man einen Blick auf das ganze Leben werfen, und damit zeigt sich die Wahrheit, genauer: der Wert dieses Lebens. Seneca: Der Tod soll mir erst zeigen, wie weit ich es in der Besserung gebracht habe. Ohne Zagen mache ich mich also bereit für jenen Tag, wo ich ohne alle Ausflüchte und Schönfärberei über mich entscheiden soll, ob ich nur in Worten oder auch in meinem Innern tapfer bin. […] Was du geleistet, wird sich dann zeigen, wenn die Seele dir entweicht.« Der Gedanke an den Tod ermöglicht den Rückblick und das bewertende Innewerden des Lebens. Auch hier sehen Sie wieder, daß der Gedanke an den Tod kein Denken der Zukunft ist. Das Einüben des Todes, das Denken an den Tod ist lediglich ein Mittel, um sich zu dem Blick zu befähigen, der entweder einen Schnitt vollzieht und den Wert der Gegenwart erfaßt, oder jenen großen Erinnerungskreis schlägt, durch den man sich sein gesamtes Leben als das, was es wirklich ist, vor Augen führt.

Im Bedenken des Todes, das kein Denken der Zukunft, sondern ein Denken meiner selbst als im Sterben begriffen zu sein hat, werden die Gegenwart beurteilt und die Vergangenheit aufgewertet. Das wollte ich zu der recht bekannten melete thanatou sagen.

Jetzt möchte ich zu der anderen Übungsform, von der ich noch sprechen wollte, übergehen, zur Gewissensprüfung. Ich glaube, daß ich darüber bereits vor ein paar Jahren gesprochen habe.? Ich werde also auch hier etwas schematisch verfahren.

Wie Sie wissen, ist die Gewissensprüfung eine alte pythagoreische Regel, und praktisch keiner der Schriftsteller des Altertums, die die Gewissensprüfung behandeln, versäumte es, die Verse des Pythagoras anzuführen. Vermutlich werden sie mit einigen Hinzufügungen zitiert, doch der ursprüngliche Sinn scheint einfach folgender zu sein: Bereite dich auf einen sanften Schlummer vor, indem du alles, was du am Tag getan hast, einer Prüfung unterziehst. Ich habe leider vergessen, Ihnen den Text mitzubringen. Dieser Text des Pythagoras – das muß man sich deutlich machen – bedeutet folgendes: Die Gewissensprüfung dient hauptsächlich dazu, das Denken vor dem Schlafen zu reinigen. Die Gewissensprüfung ist nicht dazu da zu verurteilen, was man getan hat. Sie ist auch nicht dazu bestimmt, so etwas wie Gewissensbisse wachzurufen. Indem man an das denkt, was man getan hat, und mit diesem Gedanken das Übel, das in uns selbst sein kann, verbannt, reinigt man sich und bereitet sich auf einen sanften Schlaf vor. Die Vorstellung, daß die Gewissensprüfung die Seele für einen ungestörten Schlaf reinigt, hängt ihrerseits mit der Vorstellung zusammen, daß der Traum stets die Wahrheit über die Seele verrät:!! Am Traum kann man erkennen, ob eine Seele rein oder unrein, ruhig oder erregt ist. Das ist eine pythagoreische Vorstellung, die Sie auch in der Politeia wiederfinden. Sie finden diese Vorstellung im gesamten griechischen Denken, und sie wird auch noch im klösterlichen Praxis- und Übungswesen im 4. und 5. Jahrhundert vorhanden sein. Im Traum wird die Reinheit der Seele auf die Probe gestellt. Ferner ist hier interessant (wie auch in der melete thanatou), daß dieses alte Schema der Gewissensprüfung, das Pythagoras empfiehlt, bei den Stoikern eine Bedeutung erhalten wird, die sich davon recht deutlich unterscheidet. Bei den Stoikern sind zwei Formen der Gewissensprüfung belegt, die Morgen- und die Abendprüfung; im übrigen gab es Porphyr zufolge auch bei den Pythagoreern eine Morgen- und eine Abendprüfung. Bei den Stoikern wird die Morgenprüfung auf jeden Fall von Marc Aurel erwähnt, z. B. am Anfang des s. Buches.16 In dieser Prüfung wird nicht etwa thematisiert, was man in der Nacht oder am Abend zuvor getan hat; es wird geprüft, was man tun wird. Ich glaube, diese Morgenprüfung ist das einzige Beispiel für eine Übung im Rahmen der Selbstpraxis, die der Zukunft als solcher zugewandt ist. Doch handelt es sich um eine Prüfung, die einer nahen und unmittelbar bevorstehenden Zukunft zugewandt ist.

Es geht darum, im voraus die Handlungen, die man im Laufe des Tages durchführen wird, Revue passieren zu lassen, die Verpflichtungen, die man eingegangen ist, die Verabredungen und Abmachungen, die man getroffen und die Aufgaben, die man anzupacken hat. Kurz, es geht darum, sich die allgemeine Zielsetzung seines Handelns in Erinnerung zu rufen; sich des allgemeinen Zwecks, den man sein ganzes Leben lang vor Augen haben muß, zu erinnern und damit auch der Vorkehrungen, die zu treffen sind, um in allen Situationen gemäß dieser Zielsetzungen und Zwecke handeln zu können. Soweit die Morgenprüfung. Davon unterscheidet sich die Abendprüfung in Gestalt und Funktion. Sie wird mehrfach von Epiktet erwähnt, und es gibt ein ganz berühmtes Beispiel dafür in Senecas De ira.

An diesen Text, über den ich – da bin ich mir ganz sicher – hier bereits vor ein paar Jahren gesprochen habe, möchte ich nur kurz erinnern.! Allabendlich, wenn er sich zur Nachtruhe begibt und es ganz still um ihn geworden ist, läßt Seneca prüfend an sich vorüberziehen, was er am Tage gemacht hat. Er muß seine Handlungen genau betrachten. Er darf, wie er sagt, nichts übergehen. Er darf sich selbst gegenüber keinerlei Nachsicht üben. Und er wird bei dieser Prüfung eine richterliche Haltung einnehmen. Er sagt übrigens selbst, daß er sich vor sein eigenes Gericht zitiert, wo er Richter und Angeklagter zugleich ist.

Foucault, Michel, Hermeneutiek des Subjekts. Vorlesung am Collège de France (1981/82) Frankfurt am Main 2004, (Suhrkamp) – Pag. 581-586