Ingeborg Bachmann over Wittgenstein

Sagbares und Unsagbares – Die Philosophie Ludwig Wittgensteins

In: Ingeborg Bachmann, Werke, (4 Bd.) Herausgegeben von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster, München Zürich 2010, (Piper Verlag) — Bd. 4 Pag. 103-127

Stimmen: 1. Sprecher, 2. Sprecher, Zitatensprecher (Wittgenstein), Kritiker


WlTTGENSTEIN »Die Welt ist alles, was der Fall ist.«*

»Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen,.. .«2

»Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind.«3

1. SPRECHER So beginnt der >Tractatus logico-philosophicus< von Ludwig Wittgenstein – ein nicht sehr umfangreiches philosophisches Werk, das im Jahre 1921 in Wien erschien. Seine knappe, spröde Sprache wird jedem, der sich damit beschäftigt, zuerst auffallen. Und auffallen wird ihm, dass es nicht eine systematisch aufgebaute philosophische Schrift ist, sondern aus lose aufeinanderfolgenden numerierten Aphorismen besteht. Nicht immer wird ein Gedankengang zu Ende geführt, nicht immer von einem zum andern ein hilfreicher Übergang geschaffen. Darum wurde der >Tractatus<, trotz seinen klaren präzisen Formulierungen, oft ein dunkles Buch genannt, ein esoterisches Buch, das nur Eingeweihten, also Fachwissenschaftlern, zugänglich sei. Aber wir glauben, dass es für alle an der Philosophie und modernen Wissenschaft Interessierten ein sehr notwendiges und wichtiges Buch ist, und dass es uns lehren kann, die Welt richtig zu sehen.

2. SPRECHER Mit den ersten Sätzen des >Tractatus< ist schon die Ausgangsposition Wittgensteins gegeben. Er spricht von der Welt als der Gesamtheit der Tatsachen. Das ist ein philosophisch ganz unkritischer einfacher Ansatz, den er von seinem englischen Freund, dem Philosophen Bertrand Russell, übernahm. Russell geht von der These aus, dass die Welt sich aus voneinander völlig unabhängigen Tatsachen zusammensetze. Und die Welt ist über die Gesamtheit der Tatsachen hinaus – nichts. Darum kann unsere Erkenntnis von der Welt – als Abbild dieser voneinander völlig unabhängigen Tatsachen — immer nur Teile erfassen.

1. SPRECHER Wir fassen unsere Erkenntnis aber sehr oft in allgemeine Sätze. Wir können zum Beispiel sagen »Alle Menschen sind sterblich«.

2. SPRECHER Wenn wir diesen »allgemeinen« Satz genau prüfen, entdecken wir, dass er denselben Sinn hat wie etwa die Aussagen »Peter ist sterblich« und »Hans ist sterblich«. Das »und«, das diese beiden Einzelaussagen miteinander verbindet, hat die Funktion, die Wahrheit des allgemeinen Satzes »Alle Menschen sind sterblich« zu gewährleisten. Die allgemeine Wahrheit, die wir gewonnen zu haben glauben, wird nur bestimmt durch die Wahrheit der beiden Einzelaussagen »Peter ist sterblich «und» Hans ist sterblich«. Eine neue, allgemeine Wahrheit entsteht jedoch nicht. Dieses kleine harmlose Beispiel aus der Logik demonstriert, dass die Logik — ganz wörtlich und banal verstanden – gar nichts besagt. Sie hat – um mit Wittgenstein zu sprechen – rein tautologischen Charakter. Alle ihre Aussagen sind leer, sie können uns keinen Aufschluss über die Wirklichkeit geben.

1. SPRECHER Mit der Wirklichkeit, der Gesamtheit der Tatsachen, beschäftigen sich die Naturwissenschaften. Sie beschreiben die Tatsachen und vermitteln uns Erkenntnisse.Die Philosophie jedoch, die keine Naturwissenschaft ist, kann uns, wie die Logik – ihr Instrument – nichts über die Wirklichkeit lehren, denn alle Sätze, die sich auf die Wirklichkeit beziehen, sind naturwissenschaftliche Sätze, und die verallgemeinernden Sätze, die uns in der traditionellen Philosophie begegnen, wie etwa der vorhin vorgebrachte »Alle Menschen sind sterblich«, haben nur Sinn, weil sie auf empirischen Sätzen beruhen, und geben keine neue spezifisch philosophische Erkenntnis.

KRITIKER Wenn die Philosophie uns keine Erkenntnis vermitteln kann, wenn dies nur die Naturwissenschaften können, was leistet dann die Philosophie überhaupt noch?

1. SPRECHER Sie kann als »logische Analyse« der naturwissenschaftlichen Erfahrungssätze eine Art Kontrolle ausüben, sie kann Fehlerquellen aufdecken und Fehler ausmerzen. Aber die Bearbeitung der Wirklichkeit muss sie den Naturwissenschaften restlos überlassen. Die Preisgabe der Erforschung der Wirklichkeit an die naturwissenschaftlichen Spezialgebiete, die de facto schon längst vollzogen wurde, wird damit in der deutschen Philosophie zum ersten Mal bestätigt.

2. SPRECHER Wittgensteins Philosophieren, die »logische Analyse«, ist nicht so neu, wie es den Anschein hat Finden wir in ihr doch die analytische Methode des Rationalismus und des Empirismus wieder, eine Methode, die fast so alt ist wie die Philosophie selbst. Dass sie in der deutschen Philosophie in Vergessenheit geriet – daran trug das 19. Jahrhundert schuld. Die Systeme von Fichte, Schelling und Hegel hatten sie ganz verdrängt, bis sie im 20. Jahrhundert in neuer Form auferstand und als Neopositivismus in die jüngste Philosophiegeschichte einging, zu einem Teil wenigstens neu angeregt von Wittgenstein. Der eigentliche Grund für das come back war jedoch die Revolution in der Mathematik und Logik — als sich gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts plötzlich die Fruchtbarkeit der analytischen Methode auf diesen Gebieten von neuem erwies. Man entdeckte, Dass in der Mathematik wie in der Logik sogenannte Paradoxien auftreten, die die Grundlagen dieser beiden Disziplinen erschüttern. Von einigen logischen Paradoxien wusste man allerdings schon in der Antike. Die meisten von uns kennen die Geschichte vom Lügner; der Kreter Epimenides sagt, Dass »alle Kreter lugen«. Jetzt traf man aber auch in der Mathematik Paradoxien an, und die waren weitaus alarmierender, da sie ganze Gebiete der Mathematik auszuschalten drohten. Da Logik und Mathematik von ihnen bedroht waren, bedeutete das, Dass unser ganzes Darstellungssystem – also unsere Sprache im weitesten Sinne – davon betroffen ist und nicht nur der eine oder andre Satz innerhalb unserer Sprache. Was war nun zu tun? Wie konnten diese Probleme – diese Grundlagenprobleme – gelöst werden?

1. SPRECHER Die Philosophen, die die Beschäftigung mit der Logik als außerordentlich wichtig erkannten – Bertrand Russell in England und die Neopositivisten in Wien -, kamen auf einen zwar naheliegenden, aber wirklich völlig neuen Gedanken; der Grund für diese Paradoxien musste darin liegen, Dass wir durch Jahrhunderte in der Philosophie – und somit auch in unserer Sprache – Sätze verwendet haben, die so aussahen, als hatten sie Sinn – die aber in Wirklichkeit gar keinen haben; Dass wir einer Mystifikation unserer Sprache zum Opfer gefallen sind, ohne es zu merken, weil wir der Sprache blind vertrauten. Wohl hätten schon Plato und nach ihm andere Philosophen versucht, durch eine streng analytische Methode die Wahrheit von Sätzen zu prüfen. Descartes beschloss bekanntlich sogar, alle Sätze für falsch anzusehen, deren Wahrheit nicht absolut einsichtig war Aber niemand hatte sich je die Frage gestellt, ob nicht manche Fragestellungen schon sinnlos seien.

2. SPRECHER So rückt bei Wittgenstein und den ihm verwandten Neopositivisten die Untersuchung des Sinnes von Sätzen und Fragestellungen in den Vordergrund des Philosophierens und wird wichtiger als die Frage nach der Wahrheit. Dem verborgenen Unsinn – dem in der Sprache verborgenen Unsinn – musste einmal gründlich nachgegangen werden. Und das Misstrauen wurde plötzlich so groß, dass Moritz Schlick, einer der führenden Kopfe der Wiener Schule, einmal ausrief, was die Philosophen heute fürchteten, sei nicht, Dass sie die Probleme nicht lösen konnten, die der Philosophie gegeben sind, sondern Dass die Philosophie es nie zu einem echten Problem bringen werde. Die meisten ihrer Probleme gaben sich ja schon heute als Pseudoprobleme zu erkennen.

1. SPRECHER Da die philosophischen Schwierigkeiten als in der Sprache liegend entdeckt worden, verstehen wir, warum Wittgensteins Werk eine Sprachtheorie enthalt. Es wird uns zeigen, wie man die Welt in richtigen und sinnvollen Sätzen »abbilden« kann, wie wir über die Welt »sprechen« können und was die Philosophie als Kritik unseres Sprechens über die Welt leisten kann. Wittgenstein soll sein erstes Buch überdies >Tractatus< genannt haben, weil er eine Art »Verhandlung« im juristischen Sinn über die Philosophie und unser philosophisches Reden halten wollte. Er schreibt in seinem Vorwort:

WlTTGENSTEIN »Das Buch behandelt die philosophischen Probleme und zeigt – wie ich glaube – dass die Fragestellung dieser Probleme auf dem Missverständnis der Logik unserer Sprache beruht.«4

1. SPRECHER So wurde für Wittgenstein der natürliche Ausgangspunkt seines Philosophierens die Erforschung der Logik, denn, so sagt ein Aphorismus des >Tractatus<:

WlTTGENSTEIN »Ausserhalb der Logik ist alles Zufall.«5

1. SPRECHER Und Zufall muss alles außerhalb der Logik sein, da die Welt von Logik erfüllt ist.

WITTGENSTEIN »…., die Grenzen der Welt sind auch Ihre Grenzen.«6

2. SPRECHER Versuchen wir, diesem Gedankengang zu folgen: Wittgenstein spricht von der Welt, mit deren Gegenstanden und Sachverhalten wir es zu tun haben. Diese eine Welt und ihre Sachverhalte werden von uns in Sätzen abgebildet, die prüfbar sind —

1. SPRECHER — naturwissenschaftlichen Sätzen nämlich —

2. SPRECHER — und er ergänzt an einer anderen Stelle. Dass wir obendrein fähig sind, mit unseren Sätzen die ganze Wirklichkeit darzustellen.

1. SPRECHER Gemeint sind immer die Wissenschaften die die Wirklichkeit erforschen und sie in ein Darstellungssystem bringen.

KRITIKER Was veranlasst Wittgenstein dann aber, von »Grenzen der Welt« zu sprechen?

SPRECHER Er geht nun einen Schritt zurück und sagt, Dass wir eines nicht darstellen können, und zwar das, was unsere Sätze die die Wirklichkeit darstellen, mit der Wirklichkeit gemein haben.

2. SPRECHER Damit berührt er ein ganz merkwürdiges Phänomen, über das wir uns in der Praxis des Alltags, aber auch in der Praxis der Wissenschaft nie Gedanken machen. Wir stellen zum Beispiel einen bestimmten Naturvorgang mit dem Satz »es regnet« dar — oder drücken in den Naturwissenschaften ein sogenanntes Naturgesetz, etwa die Fallgesetze, durch eine Formel aus. Der Satz in der Alltagssprache wie die mathematische Formel stellen die Wirklichkeit dar, obwohl sie ja nicht das geringste mit dieser Wirklichkeit zu tun haben. Sie sind nur Zeichen, die etwas bezeichnen, ohne mit dem Bezeichneten etwas gemeinsam zu haben. Wie wir dennoch mit diesen Zeichen — unserer Sprache im weitesten Sinn — operieren können — das ist die Frage!

1. SPRECHER Und Wittgenstein beantwortet sie so: es ist die logische Form, die beiden gemeinsam sein muss, weil Sätze sonst die Wirklichkeit überhaupt nicht darstellen konnten. Und die logische Form ist die »Grenze«, nach der unser Kritiker vorhin fragte, denn sie ermöglicht zwar die Darstellung, kann aber selbst nicht mehr dargestellt werden. In ihr tritt etwas in Erscheinung, das über die Wirklichkeit hinausweist. Es weist insofern über die Wirklichkeit hinaus, als sich in der logischen Form etwas zeigt, das für uns undenkbar ist, und weil es undenkbar ist, lässt sich nicht darüber sprechen.

WlTTGENSTEIN »Was wir nicht denken können, das können wir nicht denken; wir können also auch nicht sagen, was wir nicht denken können.«7

1. SPRECHER So formuliert Wittgenstein die »Grenzsituation«, die sich für die Wissenschaft bei der Darstellung der Wirklichkeit ergibt. Und in der Abhandlung oder »Verhandlung« – dem >Tractatus logico-Philosophicus< — untersucht er dann die sagbaren Sätze und gibt die Bedingungen an, unter denen Sätze sagbar sind, das heißt auch: »sinnvoll« sind. Er nennt diese Sätze »Modelle« der Wirklichkeit.

2. SPRECHER Den Ausdruck »Modell« treffen wir übrigens auch in der modernen Physik an, wo zum Beispiel vom Atommodell die Rede ist; auch in der Physik hat man diesen Ausdruck gewählt, um klarzustellen, Dass die Beschreibung des Atoms nichts mit dem Atom selbst zu tun hat, Dass der Darstellung und der von ihr nicht fassbaren Wirklichkeit – wie Wittgenstein sagen würde – nur die logische Form korrespondiert.

1. SPRECHER Erinnern wir uns aber wieder der These Wittgensteins, Dass die logische Form selbst, mit deren Hilfe wir die Sachverhalte der Welt beschreiben können, nicht zu den Sachverhalten der Welt gehört, Dass mit ihrer Hilfe etwas zwar sinnvoll gesagt werden kann, sie aber die Grenze des Sagbaren ist und mit der Grenze der Welt zusammenfallt —

2. SPRECHER — nicht aber mit der Grenze der Wirklichkeit überhaupt.

1. SPRECHER Und »Grenze meiner Welt« bedeutet »Grenze meiner Sprache«. Denn wir reichen nur soweit, soweit unsere Sprache reicht, mit der wir richtig darstellen und abbilden, wie die Welt ist.

KRITIKER Erlauben Sie mir, Dass ich die bisher vorgetragenen Thesen zusammenfasse: Ich meine, wir haben es hier mit einer streng empiristisch-positivistisch-rationalistischen Philosophie zu tun, die mit einer an der modernen Logik entwickelten analytischen Methode arbeitet. Ihre Thesen beleuchten vor allem die Beziehung zwischen Philosophie und Naturwissenschaft. In der Geschichte der Philosophie treffen wir immer wieder ähnliche Strömungen seit dem Altertum an, aber wahrend in früheren Jahrhunderten eine reinliche Scheidung von Philosophie und Naturwissenschaft noch nicht durchgeführt war, ist sie in unserem Jahrhundert, durch die fortschreitende Spezialisierung der Einzelwissenschaften, nahezu von selbst eingetreten. Eine Reihe von Fragen, die man vorher auf philosophisch-spekulativem Weg zu losen versuchte, sind längst ausgeschaltet worden. Die Antworten haben die Psychologie, die Physik, die Biologie gegeben. Für die Philosophie war dies ein fortschreitender Bodenverlust, der aber keineswegs allen Philosophen zum Bewußtsein gekommen ist. Eingetreten ist er jedoch zweifellos. Und ganz bewusst und radikal die Konsequenzen ziehend, trat in diesem Augenblick eine neopositivistische Schule auf den Plan, erklärte, Dass, was wir bisher Philosophie zu nennen gewohnt waren, einerseits verkappte Naturwissenschaft war, andererseits der verbleibende Rest von der Psychologie als anthropomorphistisch entlarvt oder mittels der neuen Logik als grammatisch oder syntaktisch sinnloses Gerede entlarvt werden könne. Mit den Ausdrücken »sinnloses Gerede«, »Scheinsätze« wurde doch im »Wiener Kreis«, der Arbeitsgemeinschaft der Wiener Neopositivisten, die Metaphysik der historischen wie neueren Systeme bedacht. Aber es ist eben die Frage, ob man die abendländische Metaphysik in ihren zwar vielfaltigen und widersprechenden Formen wirklich von einem Tag zum andern ad acta legen kann, bloß weil man sie wegen der Unlösbarkeit ihrer Fragen für unmöglich halt.

1 SPRECHER Dass die Metaphysik wegen der Unlösbarkeit ihrer Fragen unmöglich sei, wurde von den Neopositivisten nicht behauptet. Das wäre der Standpunkt der älteren Empiristen und Positivisten gewesen, die in den Fehler verfielen, aus dem Empirismus eine Weltanschauung zu machen, in dem dann ebenfalls eine Metaphysik steckte, etwa der Art, Dass die uns in der Erfahrung gegebene Welt als Realität verabsolutiert wurde. Im Neopositivismus oder logischen Positivismus hingegen versuchte man zuerst, die Fragen, die in der Philosophie seit ihrem Beginn aufgetreten sind, sinnvoll zu formulieren oder, wenn dies nicht möglich war, die Fragen auszuschalten. Denn wonach man nicht einmal sinnvoll fragen kann, darauf kann es grundsätzlich, in alle Zeit, keine sinnvolle Antwort geben. Dabei stieß man in der Metaphysik auf »Scheinsätze«, »Pseudoprobleme« wie etwa das Problem der Idealität oder Realität der Welt, das Geistproblem und das Gottesproblem, die grundsätzlich nicht gelöst werden können. Und man schied diese Probleme aus der Philosophie aus. Ein Satz etwa, der die Realität oder Idealität der Welt behauptet, stellt ja nicht einen Sachverhalt dar; er hat, wie alle Sätze dieser Art, eine ganz andere Funktion. Er bringt ein Lebensgefühl zum Ausdruck. Die gefühlsmäßigen und willensmassigen Einstellungen zur Umwelt, zum Kosmos, zu den Mitmenschen, zu den Lebensaufgaben, prägen ihn. Darum hat die Metaphysik für viele so großen Wert. Das Lebensgefühl aber kann auch auf dem Weg künstlerischer Gestaltung seinen Ausdruck finden. Insofern ist die Metaphysik dem Kunstwerk verwandt. Nur kommt bei ihr das Lebensgefühl in einem Gefüge von Sätzen zum Ausdruck, die scheinbar in logischen Zusammenhangen, logischen Ableitungsverhältnissen zueinander stehen; and so wird ein theoretischer Gehalt vorgetauscht. Ein Kunstwerk argumentiert nicht. Die Metaphysik jedoch argumentiert und besteht darauf, Erkenntnisse zu vermitteln. Was aber Erkenntnis geben kann, wird immer nur ein naturwissenschaftlicher Satz sein, auch wenn er als metaphysisch verkleideter auftritt.

2. SPRECHER Metaphysikfeindlich ist auch die Haltung Wittgensteins. Der >Tractatus< drängt von Satz zu Satz auf die scharfe, reinliche Scheidung von echten Sätzen und Scheinsätzen: Darstellung und Abbildung der Welt sind den Naturwissenschaften zu überlassen, und wo Unklarheiten, Vagheiten bestehen, setzt die logische Analyse ein, um Klarheit zu schaffen. Das ist jetzt die Tätigkeit der Philosophie. Und das ist nicht mehr der klassische wissenschafts- und Weltgläubige Empirismus und Positivismus als Weltanschauung und Methode, sondern nur mehr Methode. Es wird nicht einmal der Versuch unternommen, die Welt so oder so zu interpretieren; die Wirklichkeit bleibt bewusst unangetastet und »unbestimmt«, denn es liegt nicht in unserer Kraft, ihren Charakter zu bestimmen. Wenn wir die Dinge richtig und brauchbar darstellen können, erübrigen sich Fragen nach »Wesen« und »Erscheinung«, das uns in den Darstellungsbemühungen ja um keinen Schritt weiterbringt, ja mehr noch, oft nur hinderlich war und in den empirischen Wissenschaften sogar zu unbrauchbaren oder falschen Resultaten geführt hat. Dennoch bleibt für Wittgenstein, der sich mit anderen Neopositivisten in diese neutrale Haltung – man konnte auch sagen: unphilosophische Haltung — der Welt gegenüber teilt noch eine Frage: Was haben wir nun aber mit einer richtigen und brauchbaren Darstellung und Abbildung der Welt erreicht? Und er gibt uns die Antwort auf einer der letzten Seiten des >Tractatus<, die uns erst das Abenteuer, das Wagnis begreifen lässt, auf das sich dieses Buch einließ: »gar nichts«.

WlTTGENSTEIN »Wie die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.«8

2. SPRECHER Mit diesem Aphorismus schlägt Wittgenstein einen neuen Ton an, den er bis zum Ende des Buches durchhält und der die eigentliche Problematik dieses problemfeindlichen Denkens enthüllt. Die Behauptung der Wertlosigkeit unseres Wissens darum, »wie die Welt ist«, richtet sich ebenso gegen den Positivismus, also gegen sein eigenes Philosophieren, wie gegen die Metaphysik, die sich um die Erforschung des Wesens der Dinge bemüht, die den absoluten, eigentlichen Charakter der Welt and der Gegenstande hinter ihren Erscheinungsformen aufsucht. Diese Behauptung verweist auf das Unfassliche dessen, dass die Welt überhaupt ist, und nennt es ganz direkt mit dem Namen: »das Mystische« — einem Wort mit einem grenzenlosen Bedeutungsfeld, belastet mit zweifellosen und zweifelhaften Erfahrungen.

KRITIKER Erlauben Sie mir zu fragen, welchen Akzent das Mystische bei Wittgenstein hat? Erinnert dieser Satz nicht bedenklich an die, im Wittgensteinschen Sinn gewiss sinnlose, Frage Heideggers: »Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr nichts?« ist Heideggers Sprachlosigkeit dem Sein gegenüber nicht auch die Sprachlosigkeit Wittgensteins? Geraten nicht der Positivist und der Seinsphilosoph in dieselbe Ausweglosigkeit?

2. SPRECHER Die Erfahrung, die Heideggers Seinsmystik zugrunde liegt, mag der ähnlich sein, die Wittgenstein vom Mystischen sprechen lässt. Doch Wittgenstein wäre es unmöglich, die Heideggersche Frage zu stellen, da er verneint, was Heidegger voraussetzt: Dass nämlich im Denken das Sein zur Sprache komme. Wo Heidegger zu philosophieren beginnt, hört Wittgenstein zu philosophieren auf. Denn, so sagt der Schlusssatz des >Tractatus logico-Philosophicus<:

WlTTGENSTEIN »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.«9

2. SPRECHER Vom »Sinn« von Sein zu sprechen, ist nach Wittgensteins Thesen unmöglich, denn Sinn ist nicht in einer Welt, die nur darstellbar, beschreibbar – aber nicht erklärbar ist. Um die Welt erklären zu können, müssten wir uns außerhalb der Welt aufstellen können, müssten wir, wie er es nennt, »Sätze über die Sätze der Welt sprechen können«, wie dies die Metaphysiker zu können vermeinen; sie haben ja neben den Sätzen, die über Tatsachen sprechen, Sätze zweiter Ordnung, die über die Tatsachensätze sprechen. Sie vollziehen eine Sinngebung. Wittgenstein weist diese Versuche entschieden zurück. Gabe es Sinn in der Welt, so hätte er keinen Sinn, denn er würde dann zu den Tatsachen gehören, zum Darstellbaren unter anderem Darstellbaren, ihm an Rang gleich, ein Gegenstand des Wissens wie andre Gegenstande und somit wertlos, denn:

WlTTGENSTEIN »Wie die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. .. Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles wie es ist und geschieht alles wie es geschieht.«10

KRITIKER Wenn diese Frage, die wir an die Philosophie zu richten gewohnt sind, die Frage nach dem »Sinn von Sein«, uns nicht beantwortet wird, wenn wir mit dieser Frage auf uns selbst verwiesen werden, weil Denken und Sprache sich uns versagen, wie werden dann die eng damit zusammenhängenden Fragen der Ethik beantwortet? Denn die ethischen Normen, die Sätze des »Sollens«, und die Werte, an denen wir uns orientieren, sind ja auch Sätze zweiter Ordnung und metaphysisch verankert. Wenn aber eine Wirklichkeit zweiter Ordnung, in der die Sinngebung und die moralische Gesetzgebung unseres Lebens beheimatet sind, geleugnet wird, käme ja in dieser neopositivistischen Philosophie die ganze Ethik zum Wegfall, und es wäre tatsachlich der Nullpunkt im abendländischen Denken erreicht, die Erfüllung eines absoluten Nihilismus, wie ihn sich nicht einmal Nietzsche, der Zertrümmerter der traditionellen westlichen Wertsysteme, auszudenken vermochte.

1. SPRECHER Wittgensteins Philosophie ist natürlich eine negative Philosophie, und er hätte seinen >Tractatus< mit Nikolaus Cusanus >De docta ignorantia< nennen können. Denn was wir sprechen können, ist nichts wert, und von dem, wo der Wert beheimatet ist, können wir nicht sprechen. Also – folgert er – können wir auch keinen wahren und beweisbaren Satz der Ethik aussprechen:

WlTTGENSTEIN »Die Ethik ist transzendental.«11

2. SPRECHER Damit meint Wittgenstein, Dass die sittliche Form, die nicht zu den Tatsachen der Welt gehört, der logischen Form analog ist. Sie kann nicht mehr dargestellt werden, aber sie zeigt sich. Sie ist, wie die logische Form, mit deren Hilfe wir die Welt abbilden, die Grenze der Welt, die wir nicht überschreiten können. Und er fährt fort:

WlTTGENSTEIN »Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit kann nur außerhalb von Raum und Zeit liegen.«12

2. SPRECHER Und wir kommen wieder zu dem entscheidenden Satz:

WlTTGENSTEIN »Denn wie die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. Gott offenbart sich nicht in der Welt.«13

1. SPRECHER Es ist der bitterste Satz des >Tractatus<. Hölderlins »So wenig achten die Himmlischen uns!« klingt an; viel mehr ist jedoch gemeint, dass er der verborgene Gott, der deus absconditus bleibt, der sich in dieser Welt, die wir mit einem formalen Schema abbilden können, nicht zeigt. Dass die Welt sprechbar -– also abbildbar wird —, Dass Sagbares möglich ist, ist erst durch das Unsagbare, das Mystische, die Grenze oder wie immer wir es nennen wollen, möglich.

2. SPRECHER Wir haben bei der Behandlung von Wittgensteins Sprachtheorie, die sich mit der Darstellung der Welt beschäftigt, auf den Zusammenhang mit der seit dem Bestehen des abendländischen Denkens wirkenden analytischen Methode und die empiristischen und rationalistischen Zuge seiner Philosophie hingewiesen. Und wir erleben heute, welch große Wirkung dieser »positive « Teil des >Tractatus< auf die Entwicklung des modernen Denkens, vor allem in den angelsächsischen Ländern, in den letzten Jahrzehnten hatte, ja wie er sozusagen zur »Bibel« des wissenschaftlichen methodologischen Denkens unserer Zeit wurde.  In welchen Zusammenhang aber haben wir die andere Komponente des Wittgensteinschen Denkens, seine verzweifelte Bemühung um das Unaussprechliche, das Unsagbare, zu bringen?

1. SPRECHER Wittgenstein ist dieser Bemühungen wegen vielleicht der große repräsentative Denker unserer Zeit zu nennen, da in ihm die zwei extremen Tendenzen der geistigen Strömungen des Westens zum Ausdruck kommen. Er steht auf der Hohe des wissenschaftlichen Denkens der Zeit; des Denkens, das die Entwicklung der Technik und der Naturwissenschaften begleitet und ihm vorangeht; und doch sagt gerade er uns mit einem Nestroy-Zitat: »Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel großer ausschaut, als er wirklich ist.« Darum berührt uns die andre Komponente seines Denkens, die mystische, die das wissenschaftliche Denken überwinden will, so tief.

2. SPRECHER Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir auf Pascal als Präzedenzfall eines Denkers hinweisen, der ähnlich beide Komponenten in sich vereinigte. Wittgenstein, mit dem strengen Wissenschafts-Ideal des 20. Jahrhunderts, wurde von Pascal wahrscheinlich, wie keinem anderen Philosophen nach ihm, der »esprit de la géométrie« zugesprochen werden. Können wir ihm aber auch den »esprit de finesse« zusprechen? Bei Pascal ist es die Kombination dieser beiden Geistesformen, die den großen Denker ausmacht; ohne die »Mystik des Herzens«, die mystische Wirklichkeitserfahrung der ganzen Person, die vor oder hinter dem Denken steht, meinte er, sei eine Philosophie »keine Stunde Mühe wert«.

1. SPRECHER Ein hartes Urteil, das sich Pascal bei der Lektüre von Descartes notierte.

2. SPRECHER Um Wittgensteins mystische Zuge zu verstehen und verständlich zu machen, muss man vielleicht einen Schritt über seine eigenen sparsamen Worte in dieser Richtung hinausgehen.

WlTTGENSTEIN »Gott offenbart sich nicht in der Welt.«14

2. SPRECHER So heißt es gegen Ende des >Tractatus<. Was heißt das? Es heißt, Dass die Welt als die Gesamtheit der Tatsachen, die nur naturwissenschaftliche Beschreibung zulässt, Gott nicht offenbart, Dass wir die Gottesbeweise als begrenzte Wesen in einer begrenzten Welt nicht durchführen können, denn Gott ist ja keine Tatsache der Welt. Und von Niederem auf Höheres zu schließen, ist unmöglich da jeder Schluss ein logischer Schluss ist – also inhaltsleer, das heißt eine Tautotologie. Aber:

WITTGENSTEIN »Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische. «15

1. SPRECHER Und so haben wir auch Wittgensteins Behandlung der Ethik zu verstehen. Werte sind etwas »Höheres«, gehören daher nicht zur Welt. Hören wir seine Formulierung:

WITTGENSTEIN »Es gibt keinen Wert in der Welt, denn gäbe es einen, so hätte er keinen Wert.«16

2. SPRECHER Das heißt: die Welt ist wertneutral, sie besteht aus Tatsachen von gleichem Rang, sie sind, wie sie sind, unveränderbar durch unseren Willen, den wir den Träger des Ethischen nennen. Nun gehören die ethischen Werte aber zu unseren Lebensproblemen, denn sie geben unseren Handlungen die Akzente des Guten und Bösen, des Wertvollen und Wertlosen. Das ist nicht zu leugnen, und Wittgenstein liegt es auch fern, das zu leugnen. Nur macht er ein für allemal deutlich, Dass die Wissenschaft nichts zur Lösung eines solchen Lebensproblem beitragen kann. Mit allen  existentiellen Fragen werden wir auf uns selbst verwiesen. Ja, er meint nicht dass es keine Werte gibt, Dass Ethik unmöglich  ist oder dass es unmöglich ist, an Gott zu glauben — er meint nur, dass es streng genommen unmöglich ist, über all das zu  sprechen. Die Sprache kann nur über Tatsachen sprechen und bildet die Grenze unserer — meiner und deiner — Welt. Die Entgrenzung der Welt geschieht, wo die Sprache nicht hinreicht und daher auch das Denken nicht hinreicht. Sie geschieht wo sich etwas »zeigt«, und was sich zeigt, ist das Mystische, die unaussprechliche Erfahrung.

1. SPRECHER Erfahrung nicht des Empirikers, sondern des Mystikers.

2. SPRECHER Das Credo bei Wittgenstein ist also negativ, weil er es nicht aussprechen kann. Aber die letzten Sätze des >Tractatus< reichen aus, um es uns ahnen zu lassen.

WlTTGENSTEIN »Wir fühlen, Dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.17  Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.  (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.)«18

1. SPRECHER Und so kommt das Buch zu den von den anderen positivistischen Wissenschaftlern mit Kopfschütteln aufgenommenen Konsequenzen.

WTTTGENSTEIN »Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft — also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat—, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend — er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig richtige.  Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie, auf ihnen — über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)  Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.«19

1. SPRECHER Kommt Wittgenstein nicht tatsachlich zu dem gleichen Schluss wie Pascal? Horen wir, was 300 Jahre vor ihm der Autor der >Pensées< sagt: »Der letzte Schritt der Vernunft ist die Erkenntnis, dass es eine Unendlichkeit von Dingen gibt, die sie übersteigen.«20

2. SPRECHER Diesen letzten Schritt der Vernunft hat Wittgenstein getan. Wer wie er sagt: »Gott offenbart sich nicht in der Welt«, sagt unausgesprochen das »Vere tu es deus absconditus« mit. Denn worüber sollte sonst zu schweigen sein, wenn nicht über das Entgrenzende — über den verborgenen Gott, über Ethisches und Ästhetisches als mystische Erfahrungen des Herzens, die sich im Unsagbaren vollziehen? Das »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen« schließt dies vollkommen ein. Schweigen über etwas heißt ja nicht nur einfach schweigen. Das negative Schweigen wäre Agnostizismus — das positive Schweigen ist Mystik.

1. SPRECHER Diese Interpretation des Wittgensteinschen Schweigens geht freilich schon über das von ihm selbst Gesagte hinaus; aber wir halten es für erlaubt, das zu folgern, um den >Tractatus< verständlich zu machen, auch weil uns Wittgensteins Leben einen Anhaltspunkt gibt für alles, was er nur für schweigend vollziehbar hielt. 

Ludwig Wittgenstein hat sich Zeit seines Lebens in Schweigen gehüllt; man konnte es kaum anders nennen, so verwunderlich ist es, dass ein Mann der Öffentlichkeit, dem Ruhm und Ansehen sicher gewesen wären, sich seiner Zeit so entziehen konnte, dass er ihr wirklich entging. 1921 veröffentlichte er den >Tractatus logico-Philosophicus< in Wien, wo wenige Jahre später, von seinen Gedanken angeregt, Moritz Schlick den »Wiener Kreis« ins Leben rief. Während die Wiener neopositivistische Schule, die sich fast ausschließlich auf Wittgensteins sublime Denkbemühungen um die moderne Logik und Wissenschaftslehre stützte, seinen mystischen »Anwandlungen« aber fremd gegenüber stand, immer größeres Internationales Ansehen gewann, zeigte sich Wittgenstein nie; er blieb den Diskussionen fern, lehnte es ab zu lehren und zog schließlich als Dorfschullehrer nach Niederösterreich, für Jahre, über die niemand zu berichten weiß. Er trat »aus« aus der Philosophie. Aus »rassischen« Gründen musste er im Jahre 1958 Osterreich verlassen, und er wandte sich nach England, wo er als Nachfolger von G. E. Moore in Cambridge den Lehrstuhl für Philosophie übernahm. Von diesen letzten Jahren wissen wir, dass er einen kleinen Kreis von Schülern um sich sammelte; sie erzählen, dass er eine Hütte bewohnt und darin nur einen einfachen Stuhl als Ausstattung geduldet habe. So hatte die Legende sein Leben abgelöst schon zur Zeit, als er noch lebte eine Legende von freiwilliger Entbehrung, vom Versuch eines heiligmäßigen Lebens, vom Versuch, dem Satz zu gehorchen, der den >Tractatus< beschließt:

WlTTGENSTEIN »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.«21

2. SPRECHER Nach Wittgensteins Tod im Jahre 1951 begann man erst, sich mit seinem Werk und seiner Person wirklich zu beschäftigen. In Deutschland war es Ewald Wasmuth, der auf ihn aufmerksam machte und in einer Untersuchung, als christlicher Philosoph, die Hoffnung aussprach, dass Wittgenstein in seinen letzten Schriften, von deren Existenz man aus England hörte, den Schritt über das Schweigen hinaus zum Bekenntnis getan haben möge. Es war die Zeit, als man von einem >Blaubuch< des Philosophen sprach und von >Philosophischen Untersuchungen< – von einem umfangreichen Nachlass, der uns ein vollkommeneres Bild seines Denkens geben werde. Im vergangenen Jahr erschien nun tatsachlich in England ein Nachlasswerk: >Philosophical Investigations<, das zu einem großen Teil noch von ihm selbst redigiert wurde. Diesen »Wieder-Eintritt« in die Philosophie erklärt er in einem Vorwort:

WlTTGENSTEIN »Ich hatte bis vor kurzem den Gedanken an eine Veröffentlichung meiner Arbeit bei meinen Lebzeiten eigentlich aufgegeben. Er wurde allerdings von Zeit zu Zeit rege gemacht, und zwar hauptsachlich dadurch, dass ich erfahren musste, dass meine Ergebnisse, die ich in Vorlesungen, Skripten und Diskussionen weitergegeben hätte, vielfach missverstanden, mehr oder weniger verwässert oder verstümmelt im Umlauf waren. Hierdurch wurde meine Eitelkeit aufgestachelt und ich hatte Mühe, sie zu beruhigen.«22

1. SPRECHER Und über die >Philosophischen Untersuchungen< selbst sprechend, fährt er an anderer Stelle fort:

WlTTGENSTEIN »Ich übergebe sie mit zweifelhaften Gefühlen der Öffentlichkeit. Dass es dieser Arbeit in ihrer Dürftigkeit und der Finsternis dieser Zeit beschieden sein sollte, Licht in ein oder das andre Gehirn zu werfen, ist nicht unmöglich, aber freilich nicht wahrscheinlich. Ich möchte nicht mit meiner Schrift Andern das Denken ersparen. Sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen. Ich hätte gerne ein gutes Buch hervorgebracht. Es ist nicht so ausgefallen; aber die Zeit ist vorbei, in der es von mir verbessert werden könnte.«23

2. SPRECHER Ob dieses Buch besser hätte ausfallen können, müssen wir dahingestellt sein lassen. In der Form, in der es vorlegt, als ein Konglomerat von Denkbeispielen, bietet es einige Schwierigkeiten. Wieder fehlt der systematische Zusammenhang. Wir werden vom Autor in ein sokratisches Gespräch gezogen, das viele Dinge berührt; so wird uns seine Absicht nicht gleich offenbar. Er verfahrt ja scheinbar absichtslos — und sagt zum Beispiel:

WlTTGENSTEIN »Ich kann wissen, was der Andere denkt, nicht was ich denke. Es ist richtig zu sagen >Ich weiß, was du denkst< und falsch >Ich weiss, was ich denke<.«24

 2. SPRECHER Wir haben dieses Beispiel gewählt, weil es mit dem entscheidenden Kommentar versehen ist, einem Ausruf, der allen Beispielen folgen könnte:

WlTTGENSTEIN »Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem Tropfen Sprachlehre!«25

1. SPRECHER Und damit haben wir seine Absicht gefunden, dieselbe, die im >Tractatus< offen zutage tritt: zu zeigen, dass die Probleme der Philosophie Probleme der Sprache sind, dass sozusagen die Fehlzündungen der Sprache die philosophischen Probleme schaffen. Darum geht er in den >Philosophischen Untersuchungen< daran — den >Tractatus< erweiternd -, Beispiele vom richtigen oder falschenFunktionieren der Sprache zu geben, um uns den Unterschied von richtigem und falschem Denken zu zeigen. Denn:

WlTTGENSTEIN »Die Sprache selbst ist das Vehikel des Denkens.«26

2. SPRECHER Schon im > Tractatus< heißt es:

WlTTGENSTEIN »Das Resultat der Philosophie sind nicht >philosophische Sätze<, sondern das Klarwerden von Sätzen.«27

2. SPRECHER Dieses Klarwerden von Sätzen soll in den >Philosophischen Untersuchungen< auf breiter Basis erreicht werden. Die Kontrolle fangt jetzt schon bei den Sätzen der Alltagssprache an, mit dem Hinblick auf sein einziges philosophisches Ideal: vollkommene Klarheit. Horen wir, wie er selbst sie versteht:

WlTTGENSTEIN »Aber das heißt nur, dass die philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen.«28

1. SPRECHER Es ist Wittgensteins Überzeugung, dass die Philosophie von uns zur Ruhe gebracht werden muss, so dass sie nicht mehr von Fragen »gepeitscht« wird, die sie selbst in Frage stellen, und er glaubt, dass wir die Probleme zum Schweigen bringen können, wenn unsere Sprache gut und sinnvoll funktioniert, wenn sie im Gebrauch lebt und atmet. Nur wo die Sprache, die eine Lebensform ist, aus dem Gebrauch genommen wird, wo sie leer lauft — und das tut sie, seiner Meinung nach, wo sie im herkömmlichen Sinn philosophierend verwendet wird —, entstehen Probleme. Diese Probleme müssen nicht gelöst, sondern beseitigt werden.  So bewegen sich diese Untersuchungen eigentlich im Kreis des >Tractatus<, erweitern ihn aber durch Detailuntersuchungen nach allen Seiten. Sie verlassen die Abstraktion und geben Bilder. Die Sprache wird jetzt nicht mehr ein Zeichensystem genannt – das sie natürlich bleibt —, sondern in ihrer Mannigfaltigkeit verglichen mit einer alten Stadt. Auch so kann man sie ansehen — als:

WITTGENSTEIN »Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmassigen Straßen und mit einförmigen Häusern.«29

1. SPRECHER Und da die Sprache ein Labyrinth von Wegen ist – wie er sie an einer anderen Stelle nennt —, so muss die Philosophie den Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel der Sprache aufnehmen. Sie muss Luftgebäude zerstören und den Grund der Sprache freilegen, sie muss einer Therapie gleich sein, denn die philosophischen Probleme sind Krankheiten, die geheilt werden müssen. Nicht Lösung, sondern Heilung fordert er.  Somit hat die Philosophie eine paradoxe Aufgabe zu leisten: die Beseitigung der Philosophie.

KRITIKER Ebenso wie der >Tractatus< zeitigen also auch die >Philosophischen Untersuchungen< ein sehr merkwürdiges Resultat. Sie wollen, was wir jahrtausendelang in den verschiedensten Formen als Philosophie betrieben haben, beenden. Und zwar damit, dass sie den Positivismus in das Recht einsetzen, eine gültige Weltbeschreibung zu liefern, ihn aber als Weltanschauung und Welt erklärende Philosophie zum alten Eisen werfen wie alle andren nach Sein und Dasein fragenden Philosophien auch. Aber eine Crux scheint mir darin zu liegen, dass nach dieser Beseitigung oder Ausschaltung der Probleme, die heute so gern als »existenzielles Anliegen« bezeichnet werden, diese Probleme doch bestehen bleiben, weil es in der Natur des Menschen liegt, zu fragen und in der Wirklichkeit mehr als das Positive und Rationale zu sehen, von dem ja auch Wittgenstein meint, dass es nicht die ganze Wirklichkeit ausmacht. Und unbefriedigt von dieser zwar einwandfreien Bestimmung von Wißbarem und Unwißbarem, von positiver Wissenschaft und den Grenzen, die als logische und ethische Form im metaphysischen Subjekt auftreten, über die aber nicht mehr gesprochen werden kann, werden sehr viele unter uns sein. Wenn Wittgenstein das Schweigen auch positiv vollzogen haben mag, vielleicht schon mit seinem Werk selbst die positiven Akte sichtbar macht, indem er die großen Tugenden des Denkers – intellektuelle Redlichkeit und Ehrfurcht vor der dem menschlichen Verstand entzogenen Wirklichkeit – besaß: uns lässt er doch ein Vakuum zurück – den von allen Inhalten entleerten metaphysischen Bereich.

1. SPRECHER Gewiss ist es so. Aber was Sie das Vakuum nennen, ist wieder offen für echte Glaubensinhalte. Kein Platz mehr ist allerdings da für den Kampf der abendländischen Metaphysiken, den mit logischen Argumenten bewaffneten philosophischen Glauben gegen einen anderen philosophischen Glauben. Dass Wittgenstein das erwartete Bekenntnis zum Christentum nicht ablegte, darf uns aber auch nicht irre machen an den »Grenzen«, die nicht nur Grenzen, sondern auch Einbruchstellen des sich Zeigenden, des mystisch oder glaubend Erfahrbaren sind, das auf unser Tun und Lassen wirkt. Eine Konfession hat nur keinen Platz in seinem Werk, da sie sich nicht aussprechen lässt, sie würde, ausgesprochen, es schon verlassen. Und Wittgenstein wollte wohl auch, leidenschaftlich wie einst Spinoza, Gott vom Makel der Anredbarkeit befreien.

2. SPRECHER Den Grund zu seiner Haltung haben wir in der historischen Situation zu suchen, in der Wittgenstein sich fand. Sein Schweigen ist durchaus als Protest aufzufassen gegen den spezifischen Antirationalismus der Zeit, gegen das metaphysisch verseuchte westliche Denken, vor allem das deutsche, das sich in Sinnverlustsklagen und Besinnungsaufrufen, in Untergangs-, Übergangs- und Aufgangsprognosen des Abendlandes gefällt, Ströme eines vernunftfeindlichen Denkens gegen die »gefährlichen« positiven Wissenschaften und die »entfesselte« Technik mobilisiert, um die Menschheit in einem primitiven Denkzustand verharren zu lassen.

Und das Schweigen ist auch als Protest aufzufassen gegen die wissenschafts- und fortschrittsgläubigen Tendenzen dieser Zeit, die Ignoranz gegenüber der »ganzen Wirklichkeit«, wie sie sich häufig in der von seinem Werk ihren Ausgang nehmenden neopositivistischen Schule und unter den ihr verwandten szientistischen Denkern breit macht. Wittgenstein wurde von einem Wiener Philosophen einmal janusköpfig genannt: und es ist wahr, dass er wie niemand anderer die Gefahren der sich verhärtenden Antagonismen des Denkens seines Jahrhunderts: Irrationalismus und Rationalismus, erkannte, sie in seinem  Werk bestand und schon überwand. Freilich ist er ohne das billige Rezept für die oft verlangte Synthese gekommen, aber mit dem zur Heilung — als Therapeut.

WlTTGENSTEIN »Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.«30


Noten:

SAGBARES UND UNSAGBARES — DIE PHILOSOPHIE LUDWIG WITTGENSTEINS 

Entstanden 1953. Einziges bekanntes Sendedatum: 16. September 1954 im BR München. 

Der Textgestalt liegt zugrunde: Typoskript 2085-2102 aus dem Nachlass. 

Die Zitate aus dem »Tractatus logico-philosophicus« und den »Philosophischen Untersuchungen« wurden überprüft anhand der Ausgabe: Ludwig Wittgenstein, Schriften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1960. 

1 Tractatus (1) 

2 ebenda (1.1) 

3 ebenda (1.11) 

4 ebenda Vorwort, 2. Abs. 

5 ebenda (6.3) 

6 ebenda (5.61) 

7 ebenda (5.61) 

8 ebenda (6.432) und (6.44) 

9 ebenda (7) 

10 ebenda (6.432) und (6.41) 

11 ebenda (6.421) 

12 ebenda (6.4312), abgewandelt 

13 ebenda (6.432) 

14 ebenda (6.432), im Original kursiv 

15 ebenda (6.522) 

16 ebenda (6.41), abgewandelt 

17 ebenda (6.52) 

18 ebenda (6.521) 

19 ebenda (6.53) 

20 Blaise Pascal, Gedanken. Aphorismus 55 

21 Tractatus (7) 

22 Philosophische Untersuchungen, Vorwort, 4. Abs. 

23 ebenda, Vorwort, 8. Abs. bis Schluss 

24 ebenda, Teil II, Abschnitt XI, S. 534 

25 ebenda, Teil II, Abschnitt XI, S. 534 

26 ebenda, Teil I, (329) 

27 Tractatus ( 4.112) 

28 Philosophische Untersuchungen, Teil I, (133) 

29 ebenda, Teil I, (18) 

30 Tractatus (6.52) 

In: Ingeborg Bachmann, Werke, (4 Bd.) Herausgegeben von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster, München Zürich 2010, (Piper Verlag)

Bd. 4 Pag. 103-127, 377-378