Sachs, Nelly: Späte Gedichte

• Sachs, Nelly, Späte Gedichte, Frankfurt am Main 1965, (Suhrkamp)


WIE LEICHT
wird Erde sein
nur eine Wolke Abendliebe
wenn als Musik erlöst
der Stein In Landsflucht zieht

und Felsen die
als Alp gehockt
auf Menschenbrust
Schwermutgewichte
aus den Adern sprengen.

Wie leicht
wird Erde sein
nur eine Wolke Abendliebe
wenn schwarzgeheizte Rache
vom Todesengel magnetisch
angezogen
an seinem Schneerock
halt und still verendet.

Wie leicht
wird Erde sein
nur eine Wolke Abendliebe
wenn Sternenhaftes schwand
mit einem Rosenkuss
aus Nichts –


So WEIT ins Freie gebettet
im Schlaf.
Landsflüchtig
mit dem schweren Gepäck der Liebe.

Eine Schmetterlingszone der Träume
wie einen Sonnenschirm
der Wahrheit vorgehalten.

Nacht
Nacht
Schlafgewand Leib
streckt seine Leere
während der Raum davonwächst
vom Staub ohne Gesang.

Meer
mit weissagenden Gischtzungen
rollt
über das Todeslaken
bis Sonne wieder sät
den Strahlenschmerz der Sekunde.


ZWISCHEN
deinen Augenbrauen
steht deine Herkunft
eine Chiffre
aus der Vergessenheit des Sandes.

Da hast das Meerzeichen
hingebogen
verrenkt
im Schraubstock der Sehnsucht.

Du säst dich mit allen Sekundenkörnern
in das Unerhörte.

Die Auferstehungen
deiner unsichtbaren Frühlinge
sind in Tränen gebadet.

Der Himmel übt an dir
Zerbrechen.

Du bist in der Gnade.


ABER VIELLEICHT
haben wir
vor Irrtum Rauchende
doch ein wanderndes Weltall geschaffen
mit der Sprache des Atems?

Immer wieder die Fanfare
des Anfangs geblasen
das Sandkorn in Windeseile geprägt
bevor es wieder Licht ward
über der Geburtenknospe
des Embryos?

Und sind immer wieder
eingekreist
in deinen Bezirken
auch wenn wir nicht der Nacht gedenken
und der Tiefe des Meeres
mit Zähnen abbeißen
der Worte Sterngeäder.

Und bestellen doch deinen Acker
hinter dem Rücken des Todes.

Vielleicht sind die Umwege des Sündenfalles
wie der Meteore heimliche Fahnenfluchten
doch im Alphabet der Gewitter
eingezeichnet neben den Regenbögen –

Wer weiß auch
die Grade des Fruchtbarmachens
und wie die Saaten gebogen werden
aus fortgezehrten Erdreichen
für die saugenden Münder
des Lichts.


UNEINNEHMBAR
ist eure nur aus Segen errichtete
Festung
ihr Toten.

Nicht mit meinem Munde
der
Erde
Sonne
Frühling
Schweigen
auf der Zunge wachsen läßt
weiß ich das Licht
eures entschwundenen Alphabetes
zu entzünden.
Auch nicht
mit meinen Augen
darin Schöpfung einzieht
wie Schnittblumen
die von magischer Wurzel
alle Weissagung vergaßen.

So muß ich denn aufstehen
und diesen Felsen durchschmerzen
bis ich Staubgeworfene
bräutlich Verschleierte
den Seeleneingang fand
wo das immer knospende Samenkorn
die erste Wunde
ins Geheimnis schlägt.


So IST’S GESAGT –
mit Schlangenlinien aufgezeichnet

Absturz.

Die Sonne
chinesisch Mandala
heilig verzogener Schmuck
zurück in innere Phasen heimgekehrt
starres Lächeln
fortgebetet
Lichtdrachen
zeitanspeiend
Schildträger war die Fallfrucht Erde
einst
goldangegleist –

Weissagungen
mit Flammenfingern zeigen:

Dies ist der Stern
geschält bis auf den Tod

Dies ist des Apfels Kerngehäuse
in Sonnenfinsternis gesät
so fallen wir
so fallen wir.


KOMMT EINER
von ferne
mit einer Sprache
die vielleicht die Laute
verschließt
mit dem Wiehern der Stute
oder
dem Piepen
junger Schwarzamseln
oder
auch wie eine knirschende Säge
die alle Nahe zerschneidet –

Kommt einer
von ferne
mit Bewegungen des Hundes
oder
vielleicht der Ratte
und es ist Winter
so kleide ihn warm
kann auch sein
er hat Feuer unter den Sohlen
(vielleicht ritt er
auf einem Meteor)
so schilt ihn nicht
falls dein Teppich durchlöchert schreit

Ein Fremder hat immer
seine Heimat im Arm
wie eine Waise
für die er vielleicht nichts
als ein Grab sucht.


OHNE KOMPASS
Taumelkelch im Meer
und
die Windrose des Blutes tanzend
im Streit mit allen Himmelslichtern
so der Jüngling –

Versucht seine Jugend
mit dem Gegenwind im Haar
weiß noch nichts von der Vorsicht
des Schattens in blendender Sonne.

Auf seinem Lärmgott
durchschneidet er
des sinkenden Abends flehende Hände
und pfeift die Bettelei des Alters
in den Wind.

Die Nacht
entgürtet er der Sterne
wirft
diese abgedufteten Lavendellieder
der Urmutter
zwischen die Leinewand.

Doch steigt er gerne die Treppe
zum Himmel hinauf
die Aussicht zu erweitern
denn er ist gespannt van Tod
wie ein Blitz
ohne Wiederkehr.

Von den Schaukelstühlen
heimisch gewordener Geschlechter
stößt er sich ab

außer sich geraten
mit dem Feuerhelm
verwundet er die Nacht.

Aber
einmal fällt Stille ein
diese Insel
gelagert schon
an letzter Atemspitze des Lebens
und
aus zeitverfallendem Stern
tönt Musik
nicht fürs Ohr –
Er aber
hört das Samenkorn flüstern

im Tod –