Zondeval en bijen van het Onzichtbare

Twee fragmenten uit de reflecties (deel II en deel III) op de overweging van Johannes Scotus Eriugena – van de hand van Christopher Bamford overgenomen uit: 

Scotus Eriugena, Johannes, Die Stimme des Adlers. Homilie zum Prolog des Johannesevangeliums. Übertragen und ausführlich kommentiert von Christopher Bamford. Aus dem Englischen übersetzt von Martin Ditzhuyzen, Zürich 2006, (Chalice Verlag)

Sündenfall 

WENN ALLE DINGE DURCH DAS WORT ERSCHAFFEN SIND, dann sollten alle Dinge sein Zeichen oder eine Spur von ihm enthalten. Wenn wir uns umschauen, müssten wir sein Namenszeichen überall erkennen. Wenn wir dies tun, ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass wir zunächst etwas sehr anderes sehen – irgendeine Spielart von Sünde, Leiden und Tod. Indem wir die Spur des Wortes in der Schöpfung zu entdecken suchen, decken wir die Frage des Bösen auf. 

Es ist wahr, dass die Welt deutlich Spuren der Güte, der Wahrheit und der Schönheit des Wortes aufweist, aber sie ist auch und im gleichen Mass deformiert und mit Leiden erfüllt. Und dieses Leiden ist offensichtlich nicht nur auf die »menschliche« Welt beschränkt; es scheint auch die Welt der Natur zu erfassen. Aus dieser Perspektive offenbart eine Untersuchung des Mineral-, pflanzen- und Tierreiches keinen paradiesischen Zustand, sondern vielmehr ein universelles Drama der »Krankheit zum Tode«. Das ist auf jeden Fall die christliche Sichtweise. Das Gute und das Böse, Gott und Satan herrschen zusammen in einem konfusen und chaotischen Universum. Wenn daher das Wort alle Dinge, erschaffen hat, dann trug es entweder auch Sünde und Tod in sich oder diese sind unerschaffen oder sie existieren nicht. Die traditionelle Darstellung ist einfach. Gott ist eins, und jede Form des Dualismus, trifft der Bannfluch; Gott ist gut und kann seinem Wesen nach nichts Böses erschaffen, weil er gut ist. Tatsächlich kann er es nicht einmal kennen, weil für ihn das Kennen das Verursachen von Sein bedeutet. Deshalb haben Sünde und Böses keine Ursache und existieren nicht. Und doch sind sie für diese Welt sehr real. Schliesslich hat das Wort zum Zweck des Sieges über sie und ihren Höllenfürst Fleisch angenommen. Die Theologie gerät an diesem Punkt ins Stolpern. Das Böse soll die Folge des. Missbrauchs der Freiheit sein, die Gott seiner Schöpfung verliehen hat – oder die vielmehr seine Schöpfung war. Diese Freiheit wurde aber gegeben – erschaffen – durch Gott, der allwissend ist. Muss dies deshalb  von ihm bestimmt sein? Wenn das so ist, dann verwandeln sich das Drama der Schöpfung und der Sündenfall hierdurch in ein Spiel, das Gott mit sich selbst spielt. 

Dies ist eine Idee, die wie der russische Philosoph Berdjajew sagt, man sich unmöglich rational vorstellen kann. Denn wer könnte, verstehen, das Gott »das Böse und das Leiden der Welt vorhersah, (…) das Verderben und die immerwährende Folter für viele« und doch die Welt erschuf? Hier liegt nach Berdjajews Meinung der “tiefe moralische Grund für den Atheismus«, denn, da alle anderen Antworten ausbleiben, ist »die logische Schlussfolgerung, das Gott in aller Ewigkeit einige für die ewige Erlösung vorbestimmt hat und andere für die ewige Verdammnis.« 

Eriugena wurde dazu aufgefordert, genau diese augustinsche Lehrmeinung der doppelten Prädestination in seinem Disput mit dem Mönch Gottschalk zu bekämpfen. Für Eriugena konnte es, da Gott. eins und gut ist, nur eine einzige Prädestination – die zur Göttlichkeit  – geben. Und doch ist es nicht richtig, so etwas zu sagen denn Gott ist von der Zeit unabhängig, während die Prädestination von ihr abhängt. Und es gibt in Gott auch keine Notwendigkeit. Sein Wille ist frei, und die Menschheit, erschaffen nach seinem Abbild, ist ebenso frei. Gott »erlaubt« menschliches Handeln. Wenn diese Handlungen sich zum Guten orientieren, dann weiss er es; wenn sie sich zu dem hinbewegen, was. nicht gut ist, dann weiss er das nicht, weil es für ihn nicht existiert. Die Existenz des Bösen ist nicht von ihm abgeleitet. und doch “existiert” es in irgendeinem Sinne. Wir erleben es als Leiden; und somit muss es in irgendeine Ursache haben, weil es »nichts Sichtbares oder  Körperliches gibt, das nicht auf etwas Unsichtbares oder  Körperloses hindeutet.« .

Deshalb schreibt Eriugena in seinem Kommentar, als er über die Worte  Johannes des Täufers spricht, »Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Schuld der Welt«: 

Die Sünde der Welt ist ursprüngliche Sünde, die der ganzen Welt eigen ist, das heisst der menschlichen Natur in ihrer Gesamtheit. ( … ) Ursprüngliche Sünde ist das Folgende: Die ganze menschliche Natur, in der alle Menschen von Anfang bis Ende eins sind, und die gleichzeitig und zusammen nach dem Abbild Gottes erschaffen wurde und deren Körper und Seele gleichzeitig erschaffen wurden – diese menschliche Natur, die Gottes Gebot nicht befolgen wollte, übertrat durch ihren Ungehorsam im Paradies die göttlichen Gesetze. 

Die Ursache des Leidens ist dann ein spiritueller Akt – der Ungehorsam- , an dem die menschliche Natur als ein ungeteilter Organismus teil hat und der geschieht, bevor die sichtbare Welt, in der wir zurzeit leben, zur Existenz gelangt. 

Das bedeutet, wie Eriugena sehr bedacht ausführt, dass »der erste Adam, der vor allen anderen Menschen auf diese Welt kam, nicht der Erste ist, der gesündigt hat, da alle gesündigt haben, bevor sie auf die Welt kamen.« Adam ist als »Individuum«, nicht für unseren Zustand zu tadeln. Tatsächlich gibt es ein solches Wesen nicht. Adam ist vielmehr »die menschliche Natur im Allgemeinen«, wie Eriugena es ausdruckt, »die durch Zeugung in diese verderbliche Welt geboren wurde« – was nicht geschehen wäre, wenn “das Vergehen der menschlichen Natur« nicht vorangegangen wäre. Wir sind alle »in« Adam, so wie wir alle im Wort sind. Eriugenas Schluss lautet: »Diese allgemeine Sünde wird >ursprünglich< genannt, da sie der gemeinsame Ursprung von allem ist.«  

Die gemeinsame Ursache, an der die Welt und alle Dinge in ihr teilhaben, ist Jedoch das Paradies bzw. die ursprüngliche menschliche Natur. Dieser Ursprung ist die Schöpfung von allem im Wort. Dieses Paradies, die menschliche Natur in ihrem natürlichen Zustand begeht aber irgendwie eine Übertretung, ist ungehorsam und lässt damit die Welt, die wir kennen und bewohnen, entstehen. Diese Übertretung ist auch eine ursprüngliche und gemeinsame. Da das Ganze sie begangen hat, ist auch das Ganze mit Leiden und Tod gezeichnet. Das soll heissen, dass nichts, obwohl alles im Wort erschaffen wurde – und nichts ohne das Wort erschaffen wurde- , so ist, wie das Wort es erschaffen hat. 

Dies ist der Grund, warum die Seele in den gnostischen und neuplatonischen Lehren einen negativen Aspekt hat, der ein Abfallen von einer stärker spirituell geprägten Verfassung nahe legt. So schreibt zum Beispiel Plotin in seiner berühmten Eröffnung der fünften Enneade

Was kann die Seelen dazu gebracht haben, den Vater, Gott, zu vergessen und, obwohl sie Teil des Göttlichen sind und ganz jener Welt angehören, gleichzeitig sich selbst und diese zu ignorieren? Der Ursprung des Übels, das sie überrascht hat, war Eigensinn [tolma, auch »Dreistigkeit«, »Unbesonnenheit«], das Eingehen in den Prozess des Werdens [genesis] und die erste Andersheit, auch der Wille, sich selbst zu gehören. Als sie in die Erscheinung getreten waren, erfreuten sie sich an ihrer Freiheit [autexousion oder »Selbstbestimmung«], sie gaben sich reichlich der Eigenbewegung hin, nahmen den entgegengesetzten Weg und gerieten in eine so grosse Distanz, dass sie das Wissen über ihren Ursprung im Göttlichen verloren. 

Der Wille, über sich selbst zu bestimmen und sich selbst gehören, sind hier die Motive für das Abfallen der Seele und ihren zu Fall ins Werden. 

Existierte die Welt des Werdens aber vorher um die Seele – die menschliche Natur in ihrem Fall aufzunehmen? Existieren Leiden und Böses bereits, bevor wir sie erfahren? Plotin sagt wie Eriugena sehr deutlich, dass die Welt des Werdens mit all ihrer Schuld und ihren Lasten die gefallene Seele selbst ist. 

In Enneade III, 7 bekräftigt Plotin in seinen Äusserungen zu Zeit und Ewigkeit dass es in er ursprünglichen, paradiesischen Einheit keine Zeit und kein Werden gibt. Wie ist sann die Zeit entstanden? Plotin schreibt: 

Als sie »vorher« war, bevor sie dieses »Früher« erzeugt hatte und des »Später« bedürftig geworden war, ruhte sie in und mit dem Sein in ihm und war noch nicht Zeit, sondern hielt in diesem Sein auch selbst Ruhe. Es gab aber dort eine Natur, geschäftig und danach strebend, Herr ihrer selbst zu sein und sich selbst zu gehören; sie war gewillt, mehr zu suchen, als bei ihr war; so geriet sie in Bewegung, aber auch die Zeit geriet in Bewegung, und wir wurden bewegt hin zum Immer-Künftigen und später zum Niemals-Selbigen, das heisst zum Immer-wieder-Anderen und haben wir ein Stück des Weges durchmessen, dann haben wir als Bild der Ewigkeit die Zeit hervorgebracht. In der Seele nämlich war eine unruhige Kraft; sie wollte das dort Gesehene immerfort auf Anderes übertragen und war nicht gewillt, das gegenwärtige Ganze in sich gegenwärtig sein zu lassen. (Enneaden III, 7, II, Zeilen 12-23)

Die Seele hat sich durch eine Teilung in Phasen und Teile selbst zeitlich gemacht und dabei ihre Einheit und Ganzheit verborgen. Indem sie sich zu bewegen begann, wurde sie Zeit, denn Zeit ist Bewegung. Gleichzeitig wurde auch ihr Denken und ihr Bewusstsein – darüber, was sie ist – zeitlich, das heisst: folgernd und vergleichend. Plotin sagt sehr treffend: 

Da sich der Kosmos in der Seele bewegt – denn der Ort des sinnlich wahrnehmbaren Universums ist nichts  anderes als die Seele -, muss er sich auch in der Zeit der Seele bewegen. Da die Seele ihre Aktivität in Teilen gewährt – wobei einer dem anderen folgt und wiederum von einem anderen gefolgt wird,  – erzeugte sie das Nacheinander als solches zusammen mit ihrer Tätigkeit. Und da sie eins war mit dem folgenden Gedanken, der jedes Mal anders ist als der vorhergehende, entstand jedes Mal in der Schöpfung etwas, was vorher nicht war.

In anderen Worten: Bewegung, die Zeit und folgernder Gedanke ist, quantisierte die Seele, verlieh der »Materie« Räumlichkeit und brachte dadurch eine zweite Schöpfung hervor. Denn wenn Bewegung Zeit ist, dann ist sie auch Raum; und Raum ist nichts anderes als die »Materialität« der Materie. Anders gesagt erweckt die Seele, indem sie sich zu bewegen beginnt, in sich selbst einen unendlichen Wunsch, der in seiner Suche nach Erfüllung die Seele in eine unbestimmte Quantifizierung unbegrenzten Raumes schleudert. 

Somit gibt es zwei Seelen (und zwei Materien), eine in der Ewigkeit und so wie sie ohne Sünde war, die andere in Raum-Zeit, mit Sünde und endlos der Vervielfachung und Teilung (dem Leiden) unterworfen. In der Zeit ist Materie ohne Identität. Sie ist weder lebendig noch spirituell, sie ist nichts als »ein totes, verziertes Ding.« Indem sie ohne Unterlass ihre Form verändert, ist sie in Plotins Worten »eine neue Wesenheit in jedem einzelnen Fall, so dass nichts permanent ist und endlos das eine Ding ein anderes aus dem Sein drängt.« In der Ewigkeit ist “geistig wahrnehmbare Materie” lebende, spirituelle Existenz. Sie ist unveränderlich ein und dieselbe und ist alles gleichzeitig, und deshalb gibt es nichts, in das sie sich verändern könnte: »Sie enthält schon alles und hat es immer enthalten.« Diese Materie ohne Sünde ist die reine Potentialität des Seins, ihre Samenkraft. Sie wird in der ungeschriebenen platonischen Lehrtradition die »unbestimmte Dyade« genannt und ist die Zahl Zwei, die aus der Eins hervorgeht und in ihrem Potential unbegrenzt ist. Ohne Ausdehnung ist sie reine Aktivität, eine Dynamik ohne Bewegung. In ihrem Entstehen kehrt sie zurück. Durch die Rückkehr wird sie mit Wissen ausgestattet. Wissend offenbart sie das Eine gegenüber sich selbst in einer bewegungslosen Bewegung, die Plotin mit dem Sehen vergleicht: »ein Sehen, das sich selbst sieht.« Das ist das Paradies, das ursprüngliche kosmische Sein, die wahre menschliche Natur. Geistig wahrnehmbare spirituelle Materie ohne Sünde ist ursprüngliche Seele, eine Neigung zum Sehen und zur Kontemplation, eine Potentialität für das Sehen, das einen Anblick erwartet. Deshalb können wir sie sogar »Finsternis« nennen, denn Sehkraft ist Licht. Es ist die Finsternis tiefer Kraft, nicht die Finsternis der Entbehrung oder des Mangels – eine jungfräuliche, ursprüngliche, schöpferische Finsternis ohne Gedächtnis, Verlangen oder Verstehen. Aber erfüllt von Sehkraft, beeindruckt von ihrem wahren Objekt, ist diese Seele Liebe – »die Liebe, die ein Auge ist, das von seinem Sehvermögen erfüllt ist, ein Sehen, das sein Bild in sich trägt. “Somit ist die Seele – die menschliche Natur – in ihrem wahren Zustand das lebendige, qualitative Medium, mit dem Gott sich selbst sieht. 

In christlicher Terminologie heisst dies: Sich selbst projizierend, opfert sich Gott für sich selbst. Hierdurch kennt, erkennt Gott Gott. Und da er unbegrenzt ist, geht er unbegrenzt aus sich selbst hervor und kehrt unbegrenzt (fortwährend) zurück, regelt und bemisst – bestimmt – die Grenzenlosigkeit. Was er bemisst, ist nicht »Materie«, wie wir sie kennen; es sind seine eigenen theophanischen Qualitäten, seine göttlichen Namen. Aber etwas geschieht! Anstatt zu Gott zurückzukehren, wie sie es gewohnt war, und gehorsam über seine grenzenlosen Wohltaten zu reflektieren, wendet sich die Seele oder Materie von Gott, vom Paradies ab und wird in einem Drang zur Selbstbestimmung zeitlich. Somit sündigt sie, verwirkt ihre Ganzheit und schwelgt schamlos in der Fülle der Phänomene. Da die Seele alles van Natur aus besitzt, aber nur insoweit, wie Gott es hervorzieht, indem er es ihr verleiht, will sie etwas in ihrem eigenen Namen und aus ihrer Natur heraus besitzen, etwas für sich selbst. Dies ist die gnostische Geschichte vom Sündenfall der Sophia. Ihr Verlangen trennt sie; Gott und die Einheit ziehen sich zurück; Leiden und Zerstückelung werden zu ihrem Schicksal. Sie hat ihren Gemahl, das Wort, verloren. Nur das Wort, ihr Gemahl, kann sie jetzt retten. Formlosigkeit, ewige Bedürftigkeit, äusserste Armut werden zu ihrer Welt. Das »Böse« erscheint.

Somit wurde die menschliche Natur, eine göttliche Schöpfung, die für die ewige Kontemplation des Göttlichen erschaffen wurde, aus ihrem wahren Land verstossen und wurde zu einem Prinzip der Ungebundenheit und des Schreckens, einem Ort tiefster Finsternis und Unwissenheit. Hier befinden sich alle armen, illusorischen Dinge dieser sündigen Welt, die nicht vom Wort, sondern durch die Seele selbst erschaffen wurden: der universelle Egoismus, Hass, Gewalt, Falschheit. Es ist wahr, »die Basis unserer Welt ist ein Zustand der Desintegration, ein Zerfallensein in Teile und Augenblicke, die sich gegenseitig ausschliessen«, wie der russische Philosoph Solowjew schreibt. Alles ist durch den Fall in die Zeit tatsächlich in eine zweifache Undurchdringlichkeit geteilt worden, in der jeder Augenblick der Zeit den nächsten ausschliesst und auf seine Kosten existiert und zwei Körper im Raum tragischerweise nicht in der Lage sind, den gleichen Platz einzunehmen. Noch schlimmer ist, dass es eine Undurchdringlichkeit sowohl im Hinblick auf einen Zustand des Wissens als auch im Hinblick auf die bekannten Dinge gibt, und das Prinzip der Verzeitlichung erzeugt nicht nur die Leiden der physische Undurchdringlichkeit oder oder der falschen Existenz, sondern auch die der » kognitiven Undurchdringlichkeit« oder des falschen Wissens. Hier begegnet uns die Versuchung, ein Ding einzeln zu erkennen, worauf die Versuchung von Adam und Eva sich bezieht. 

Aus dieser Perspektive geht es um einen Sprung von einem einfachen vereinigten Wissen (das durch Definition das Wissen des Guten ist) hin zu einer Situation, in der die Essenz eines Dings und seine Erscheinung von einander abgespalten sind, so dass das Denken nicht länger naht- und zeitlos Begriff und wahrgenommenen Gegenstand vereinigen kann, sondern gezwungen ist, mit unendlich vielen Dualitäten von Form und Materie, lnnerem und Äusserem zu ringen. Die Frucht des verbotenen Baumes ist nicht böse, sondern eine Mischung – ein falsches, trügerisches Ding, dessen Entfaltung über die Zeit nur Verwirrung, Relativismus und Tod erzeugt. Denn Leben bedeutet, alle Dinge in ihrer Ganzheit im Wort und das Wort als Ganzes in allen Dingen zu erkennen. Die Schlange führte jedoch Eva, die Seele oder anima, in Versuchung, und Eva erlag ihr, indem sie sich ihren Sinnen ergab, und das sinnlich wahrnehmbare Universum begann seine Evolution. Dann sündigte auch Adam, den wir, wenn wir dieser Analogie folgen, Geist oder animus nennen können – ohne einen Moment zu zögern, wie sich das für eine zeitlose Geste gehört, und hierdurch wurde das sinnlich wahrnehmbare Universum bewusst und der Tod wurde »schmerzhaft«. 

Auf diese Art wurde die gesamte Schöpfung im Wort und durch das Wort unsichtbar in der menschlichen Natur erschaffen und entfaltete sich in bewusste Sinneswahrnehmung wie aus einem Samenkorn. Objektivierte Zeit und objektivierter Raum wurden allmählich zur Bühne für das Leiden. Und obwohl tatsächlich alle Dinge durch das Wort im Wort erschaffen wurden und nichts ohne das Wort erschaffen wurde – begannen die Dinge, sich nun eigenständig zu entwickeln, mit einem erschaffenen karma, einer eigenen Bestimmung, eigenem Gedächtnis und eigenem Verlangen. Denn obwohl der Ursprung und der Fortbestand dieses karma in der geheimnisvollen Fähigkeit der Freiheit begründet liegt, die das nicht erschaffene Geschenk des Höchsten und vielleicht die menschliche Natur selbst ist, nahm dieses karma die Last eines Lebens in der Zeit an, das nicht sein eigenes war. 

Dies ist vielleicht tatsächlich das grösste Opfer: dass das Göttliche, das in allen Dingen ist, sündigte und den sündigen Zustand als seinen eigenen annahm. Und wenn das der Fall ist, dann ist es das Göttliche in uns und in allen Dingen, das leidet, weil es auseinander gerissen wird in einer Welt, in der das Gute und Böse, Freude und Leid, Wahrheit und Irrtum vermischt sind. So ist es kein Wunder, dass Gott, die Freiheit des nicht Erschaffenen, urn die apokatastasis oder endgültige Wiederherstellung zu sichern, diese sündhafte Freiheit durch ein Opfer retten musste, indem er sein Leben in der Zeit – für die Welt hingab. (Pag. 140-148) 

Bienen des Unsichtbaren 

ZUR ZEIT DER INKARNATION DES WORTES WAR DIE WELT IN Finsternis gehüllt. Im Anschluss daran müht sich die Welt obwohl nun durch das Licht erleuchtet noch stets in der Verblendung und Dunkelheit einer Sinneswelt ab, die offensichtlich vom Licht des wahren Wissens, der Welt der Bedeutung, abgeschnitten ist. Diese Dualität ist jetzt aber illusorisch, denn das Licht hat geschienen und der Weg zur Einheit wurde wieder geöffnet. Die ganze Welt scheint in Schlechtigkeit, Krankheit und Sünde darniederzuliegen – und doch ist sie gerettet. Das ist aber nicht, was wir erfahren, oder es ist noch nicht unsere Erfahrung. Heute erleben viele Menschen tatsächlich nicht einmal die Dualität von Dingen, sie erkennen nicht, dass die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten. Dennoch ist keine besondere Gabe erforderlich, um zu erkennen, dass, wie Buddha gelehrt hat, Leiden die erste Wahrheit des menschlichen Lebens ist. Solowjew drückt dies so aus: » Das Böse ist eine weltweite Tatsache; alles natürliche Leben beginnt in Gewalt und Schlechtigkeit, fährt fort in Leiden und Knechtschaft und endet im Tod und in verwesender Auflösung.«

Das Leben aus dieser Perspektive zu erleben heisst, sich der Absurdität, der Bedeutungslosigkeit des Lebens zu stellen. Nichts hat Bedeutung. Alles ist absurd, abgeschnitten, unzusammenhängend mit irgendeiner Relation oder irgendeinem Kontext, die ihm eine Bedeutung geben könnten. Das heisst, dass das Böse und das Absurde (Bedeutungslosigkeit) hier dasselbe sind und auf einer dämonischen Grundlage der Fragmentarisierung und des Missklangs basieren. Das Böse aber als Mangel an Bedeutung zu sehen, heisst zu realisieren, dass Bedeutung – Einheit, Ganzheit, Harmonie, Verbundenheit – möglich ist. Und da nicht alles vollständig auseinander fällt, weil das Böse die Welt nicht völlig überwältigt, weil Dinge zusammenhängen und sogar Bedeutungsqualitäten nahe legen – Wahrheit, Schönheit, Güte -, können wir mit Solowjew folgern, dass eine vereinigende Tendenz als wahre Wirklichkeit, wenn auch vielleicht sehr schwach, existieren und präsent sein muss: eine wahre Wirklichkeit, die ewig führt, erhält und alle Dinge in eine Relation zieht zu einander und zu sich selbst. 

Das Mysterium hier – es ist das Mysterium der neuen Schöpfung – ist, dass diese eine wahre oder wirkliche Welt der Bedeutung »unsichtbar« zu sein scheint – allein eine Sache des Geistes, ideal und flüchtig. Sicherlich ist es die Welt der Tugend, Gnade und Liebe – vor allem Liebe – und Weisheit; und als solche erscheint sie zur Zeit als etwas Unwirkliches, im besten Falle Ungewisses, im schlimmsten Falle Unmögliches. Gewiss ist es nicht die Welt, die die meisten von uns sehen; denn was wir sehen ist die Welt des Egoismus, der Selbstsucht, der Gewalt und des Todes. Sind diese Dinge aber die einzige sichtbare Wirklichkeit? Oder könnte die unsichtbare Welt der Gnade und Liebe sichtbar werden und das, was wir jetzt als einen sichtbaren Albtraum sehen verschlingen und restlos entfernen? Könnten wir die Welt unsichtbar machen? Könnten wir eines Tages erwachen und uns hinübergetragen sehen in die Welt der Wahrheit und des Lichtes und mit einer Erleichterung, die an Unglauben grenzen würde, realisieren dass die Welt der Finsternis, die wir so lange ertragen haben eine Illusion war und für immer verschwunden ist? Paulus schreibt:

Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. ( … ) Jetzt schauen Wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. [1 Kor 13.9f u. 12] 

Und Johannes sagt in seinem Brief:

Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. [1 Joh 3.2] 

Für Eriugena wird am Ende dieser Welt alles »aufgelöst und zu seinen Ursachen zurückgebracht werden.« Denn »alles, was aus der Ursache aller Dinge und den in ihr gegründeten ursprünglichen Ursachen hervorgeht, strebt immer durch eine natürliche Bewegung seinem Anfang zu, ausserhalb dieses Anfangs kommt es nicht zur Ruhe.« Dies ist so, wie es sein sollte. Tatsächlich »würden alle Dinge, die aus der Quelle aller Dinge hervorfliessen, wertlos werden und völlig vergehen, wenn sie nicht in der Lage wären, zu ihrer Quelle zurückzukehren, und tatsächlich zurückgekehrt wären.« Deshalb heisst es: 

Unsere sterblichen Körper werden nicht nur in spirituelle Körper transformiert, sondern tatsächlich in unsere Seelen; denn die natürliche Notwendigkeit schreibt vor, dass ebenso wie eine rationale Seele, die nach Gottes Bild erschaffen wurde, zu ihm zurückkehren soll, in dessen Bild und Ähnlichkeit sie existiert, auch der Körper, der nach dem Bild der Seele geschaffen ist und sozusagen nach dem Bild des Bildes, wenn er von allem weltlichen Gewicht und jeder Körperlichkeit befreit ist, zu seiner Ursache, der Seele, zurückgebracht wird. Und durch sie, wie durch eine Art werkzeug, wird er in die einzigartige rsac e von allem verwandelt. 

Dies ist die Wiederherstellung der Menschheit in ihren Urzustand in ihm, der sie vollständig annahm nämlich, in Gottes in inkarniertem wort.« 

Die Frage des Zeitpunktes bleibt jedoch eine unangeneme. Im Allgemeinen verschmelzen die Kirchenväter, zu denen wir auch Eriugena zählen können, die endgültige Rückkehr (apokatastasis) mit dem Prozess ihres Stattfindens (theosis oder Vergöttlichung ). Das Paradoxon der Zeit überwältigt sie. Es ist einzig klar, dass die Transformation, von der sie sprechen, wirklich ist – so wie sie es für den Dichter Rilke war, der schrieb: 

So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen; sondern gerade, urn seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten Verstande begriffen und verwandelt werden. Verwandelt? Ja, denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns >unsichtbar< wieder aufersteht. Wir sind die Bienen des Unsichtbaren … Wir sammeln unablässig den Honig des Sichtbaren, um ihn in dem grossen goldenen Bienenkorb des Unsichtbaren anzuhäufen. (Brief van Rilke an von Hulewicz, 13 November 1925)

Dies ist ein wirkliches Erhöhen des sinnlich Wahrnehmbaren ins Spirituelle. Sünde, Tod, Leiden – alles Hab und Gut des weltlichen Fürsten –  sind überwunden. Die Welt wohnt im Licht. Plötzlich wird der Schleier der Wirklichkeit der Phänomene durchsetzt und durchdrungen von Gottes transzendentem Wort, seiner Präsenz. 

Und die Menschen werden für die fortwährende Wiederherstellung der Welt offen. Ist das nicht ein Wunder? Ist die Welt nicht voller Wunder? Das Wort, das uns van aussen sprach, spricht jetzt von ihnen. Ein neues Zeitalter zieht herauf. Das Wissen über die fortwährende Schöpfung der Welt hat immer die apokatastasis aller Dinge vorhergesehen. Mit der Inkarnation des Wortes Wird diese Möglichkeit jetzt gesehen und ausgeführt. Das ist gemeint mit dem Ausspruch: »Alle Dinge werden neu gemacht« [2 Kor 5.17]. Die sinnliche Welt ist nicht länger unwissend, finster, einsam, und ihre Bewohner müssen sich nicht langer unter einem einzigen kosmischen Gesetz des Leidens abmühen; wir müssen uns nicht länger verlassen und Not leidend fühlen in einer materiellen Welt der Spaltung und Uneinigkeit. Die Welt wird emporgehoben, gekleidet in einen herrlichen Körper. Zumindest potentiell ist es jetzt ein Körper der Herrlichkeit die Materialität der Welt eingetaucht in unerschaffenes Licht. 

Für uns Menschen in der Zeit nach der Inkarnation hat dieser Prozess schon begonnen. In diesem Sinne ist er bereits vollendet worden. Wir können tatsächlich sagen, dass er sowohl allmählich als auch augenblicklich stattfindet: Wir nehmen jetzt an ihm teil und sehen ihm erwartungsvoll entgegen. »Wacht und betet« [Mt 26.41], lehrt das Wort, denn du weisst nicht, wann die grosse Transformation kommen wird. Anders als bei der physischen Sonne, die jeden Tag pflichtgemäss aufgeht, weisst du nie, wann die aufgehende spirituelle Sonne plötzlich in die Finsternis deines Lebens hineinscheinen wird. (Pag. 184-188)

bron: 

Scotus Eriugena, Johannes, Die Stimme des Adlers. Homilie zum Prolog des Johannesevangeliums. Übertragen und ausführlich kommentiert von Christopher Bamford. Aus dem Englischen übersetzt von Martin Ditzhuyzen, Zürich 2006, (Chalice Verlag)